Interviews mit dem Autor

 

 

 

 

 

Presse-Interviews und Zeitungsartikel geben die weltanschauliche Auffassung
des Autors Uwe Lehnert wieder

 

 

 

Die Richard-Dawkins-Stiftung hat mich am 18. August 2016 interviewt.

Es geht in diesem Interview unter anderem darum, wie und warum ich nach und nach meinen Glauben an Gott und Christentum verlor. Was ich unter Humanismus verstehe und was er für mich bedeutet. Es geht ferner um die Problematik des Begriffs »Atheismus«, um die Frage, warum die Kirchen, die Grünen und die Linken den Islam so hofieren und was sie sich davon versprechen und auch um die Frage, ob das Christentum eine friedlichere Religion als der Islam ist.

Hier das Interview:

http://de.richarddawkins.net/articles/rdf-talk-interview-mit-uwe-lehnert

 

Filmaufnahme einer Lesung aus meinem Buch in Hannover-Lehrte anlässlich einer Tagung des IBKA-Regionalverbands Niedersachsen-Bremen im April 2015 (aufgenommen und gestaltet von Paul Friesen):

https://www.youtube.com/watch?v=OKbT0OwiPWs

 

Eine etwa 50-minütige Sendung des Freien Radio Stuttgart vom Mai 2014 über mein Buch (5. Auflage) und ein längeres Interview mit mir in Form eines Videos:

https://www.youtube.com/watch?v=vRRmgIqWD_8&list=UU7H7QT6tbWt2A_XfYjYSbYg

 

Ein Interview, das Philipp Möller, Pressereferent der Giordano Bruno Stiftung, für den Humanistischen Pressedienst (hpd) mit dem Autor führte:

hpd Podcast 10/2010 (02.04.2010)

http://hpd.de/podcast/seite/5/0

Nach dem Aufruf das zweite Interview. Das Interview dauert 44 Minuten und gibt einen Überblick über den Inhalt des Buches und die grundsätzlichen Auffassungen des Autors zu Christentum und Kirche.

 

Ein Interview, das Claudius Prösser von der Berliner Tageszeitung taz mit dem Autor führte:

http://www.taz.de/!63318/

Das Interview erschien zu Weihnachten 23./24. Dezember 2010 in der Druck- und Onlineausgabe.

 

Im Berliner Tagesspiegel vom 19. April 2012 erschien ein längerer Beitrag des Autors über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft:

Der Beitrag mit dem Titel »Ein Riss durch die Welt« thematisiert das problematische Verhältnis zwischen Glauben und Vernunft, zwischen einem Weltverständnis, dessen Grundlagen vor Jahrtausenden gelegt wurden, und der Sicht auf die Welt, die uns heute die moderne Naturwissenschaft liefert: Der Beitrag löste die ungewöhnlich hohe Zahl von 359 teils zustimmender, teils ablehnender Kommentare aus:

http://www.tagesspiegel.de/wissen/religion-und-wissenschaft-ein-riss-durch-die-welt/6525890.html

 

Der ungekürzte Beitrag kann hier nachgelesen werden:

 

Die beargwöhnte Vernunft:
Religiöses und wissenschaftliches Weltbild decken sich immer weniger

 

Kirche und Glauben in Deutschland

Bekennenden Christen gemeinsam ist im Prinzip der heilsgewisse Glaube an einen barmherzigen Gott, an die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, an die Sündenvergebung durch den Opfertod von Jesus, an die eigene Wiederauferstehung nach dem Tod, an eine wie auch immer geartete Hölle als Ort ewiger Verdammnis. Wie viele der Kirchenmitglieder aber sind wirklich noch bekennende Christen? Das Spektrum christlicher Glaubenspraxis in Deutschland reicht vom Kreationismus, also einer ganz wörtlichen Interpretation der Bibel, bis hin zum Atheismus(!) in der Kirche. Eine Studie über den Glauben der Hessen ergab jüngst, dass Christen im engeren Sinne sogar innerhalb der Kirchen inzwischen eine Minderheit darstellen.

Im Biologie-, im Physik-, im Lebenskundeunterricht erhalten Schüler Einsichten, die vielfach im Widerspruch zu religiösen Auffassungen stehen. Die Frage ist, wieweit dürfen religiöses und wissenschaftliches Weltbild in einem sich aufgeklärt nennenden Menschen auseinander klaffen, ohne den Tatbestand intellektueller Unredlichkeit zu erfüllen? In einem humorigen Beitrag einer amerikanischen Zeitung wurde die folgende – korrekte – Statistik wiedergegeben: Wenn alle Atheisten die USA verließen, verlöre z.B. die National Academy of Sciences 93% ihrer Mitglieder, die Gefängnisse weniger als 1%.

Wie sieht die Naturwissenschaft heute die Welt?

Eine streng naturwissenschaftlich orientierte Philosophie geht davon aus, dass die Welt materiell-energetischer Natur ist und alles Geschehen sich nach erforschbaren Gesetzmäßigkeiten vollzieht. Übernatürliche Wesenheiten zur Erklärung der Welt sind aus naturalistischer Sicht weder erforderlich noch irgendwie erkennbar. Von philosophischer und theologischer Bedeutung sind heute vor allem die Erkenntnisse der Kosmologie, Quantenphysik, Evolutionstheorie, Hirnforschung und Soziobiologie. Letztere ist von besonderer Bedeutung, weil sie erstmals die natürliche, also innerweltliche Grundlegung von Moral behauptet.

Folgt man derzeitigen kosmologischen Theorien, dann beginnt der allererste Anfang unserer Welt anscheinend mit einer logischen Unmöglichkeit: Die Erschaffung der Welt aus dem Nichts. Schließlich sagt uns unsere millionenfach bestätigte Lebenserfahrung, dass aus Nichts nichts kommen könne. Ein Blick in die bizarre Welt des Mikrokosmos erlaubt, diesen Widerspruch aufzulösen. Dort wartet die Quantentheorie mit Phänomenen auf, die unserer Alltagslogik vollständig zuwider laufen. Das Gesetz der Kausalität, überhaupt die Prinzipien unserer Alltagslogik gelten dort weitgehend nicht mehr. Unsere Alltagslogik gilt offenbar nur im sog. Mesokosmos, also im Bereich, in dem wir physisch agieren und in dem sich unsere Anschauung, unsere Sprache und unser Denken entwickelt haben.

Die Unvereinbarkeit bestimmter Erkenntnisse der Kosmologie und Mikrophysik mit unserer Alltagslogik lässt sich nur aufheben, wenn wir die uns vertraute, mit unserem Denken evolutionär entstandene und auf Basis der Kausalität arbeitende Logik als einen Spezialfall einer umfassenderen Logik, einer »Weltlogik«, auffassen. Ähnlich der Newtonschen Himmelsmechanik, die sich als Spezialfall der wesentlich umfassenderen Einsteinschen Relativitätstheorie erwies. Die Strukturen unserer derzeit als gültig angesehenen Logik entsprechen offenbar nicht vollständig den Strukturen der Wirklichkeit.

Der Astrophysiker Stephen Hawking erläutert in seinem jüngst erschienen Buch »Der große Entwurf« seine Vorstellungen vom Ursprung des Universums. Einen Schöpfer hält er für entbehrlich. Er leitet aus seinen Gleichungen ab, dass das Universum nicht erschaffen wurde, sondern aus dem Nichts entstand. In keinem seiner Gleichungssysteme tauche auch nur der Hauch einer Idee auf, unser Universum könnte das Ergebnis eines willentlichen Schöpfungsaktes sein.

Äußert sich hier frevelhafter Übermut, gar menschliche Vermessenheit oder nur die kühle und zwangsläufige, uns einfach unverständliche Logik kosmologischer Rechenmodelle? Wir müssen uns wohl damit abfinden, mit unserem Alltagsverstand nicht begreifen zu können, welche Logik und welche Prinzipien jenseits des uns Sicht- und Verstehbaren unsere Existenz hervorgebracht haben. Es ist diese unüberwindlich erscheinende Grenze unseres Verstehens, die zu der theologischen Behauptung führt, es gäbe über die uns erkennbare Realität hinaus noch eine Transzendenz, zu der wir zwar keinen Zugang hätten, wohl aber geoffenbarte Informationen. Die Beweislast für eine solche Existenz-Behauptung trägt aber bekanntlich der Behauptende.

Auch die Tatsache, dass das Leben auf dieser Erde und das Auftauchen des Menschen keinem planenden »Designer«, sondern der Fähigkeit der Materie zur Selbstorganisation zu verdanken sein sollen, fällt unserem auf Ziel und Sinn orientierten Denken ebenfalls schwer zu glauben. Die Darwinsche Botschaft lautet: In der Pflanzen- und Tierwelt existiert das, was sich aus dem Zusammenspiel von zufälliger Erbgutvariation und Einwirkung der Umwelt ergeben hat und fortpflanzen konnte, alles andere hat sich nicht durchgesetzt und ist folglich nicht vorhanden. Das Existierende erscheint uns als gewollt, weil wir gewohnt sind, Zweckmäßiges und Angepasstes in den Kategorien von Ziel und Plan zu interpretieren. Aber selbst die komplexesten Organismen mit den raffiniertesten Regel- und Informationsverarbeitungs-systemen sind nicht das Ergebnis planvoller Schöpfung, sie sind die in einem Milliarden Jahre währenden Prozess von zufälliger Erbänderung und natürlicher Auslese geformten Resultate. Die einmalige Genialität von Darwin lag in diesem Wechsel der Sichtweise.

Die christlich-kirchliche Auffassung von der lenkenden Schöpferhand hinter aller Entwicklung steht mit ihrem teleologischen (zielgerichteten) Naturverständnis im logischen Widerspruch zur Evolutionstheorie, die eben nicht zielorientiert argumentiert. Die Vorstellung von einem planvoll vorgehenden Schöpfer ist auch entbehrlich, weil sie keinen einzigen Evolutionsschritt verständlich macht, sie verlagert das Erklärungsproblem lediglich in Richtung eines in seiner Existenz unerklärten Schöpfers. Hier stehen sich zwei konkurrierende Erklärungsansätze diametral gegenüber: ein teleologischer, vom Ziel der Entwicklung her denkend, und ein kausaler, von den Ursachen der Entwicklung her denkend. Der christliche Glaube erklärt die Welt und den Menschen intentional, ausgehend vom Willen Gottes. Die Naturwissen-schaft denkt und erklärt kausal, ausgehend von den materiell-energetischen Gegebenheiten.

Die Gültigkeit der Evolutionstheorie wird aufgrund der erdrückenden Beweislast von den Wissenschaften, ja selbst von der katholischen und evangelischen Kirche im Grundsatz nicht mehr bestritten. Dennoch wird die Frage ihrer Bedeutung in Bezug auf das Selbstverständnis des Menschen keinesfalls einhellig beantwortet. Für die Kirche bleibt der Mensch das gottgewollte Ziel der Evolution und der Endpunkt, ja die Krönung dieser Entwicklung. Wenn ich aber von der Richtigkeit der Evolutionstheorie überzeugt bin, welchen Anlass sollte ich dann haben, einer etwa dreitausend Jahre alten biblischen Legende Glauben zu schenken, dass ich mein Dasein und meine Bedeutung in dieser Welt einem übernatürlichen Schöpfungsakt verdanke?

Dass schließlich die bisher höchste Ausformung aller Existenz, nämlich Geist und Bewusstsein, ebenfalls »nur« eine Erscheinungsform des Materiellen sein sollen, das erscheint uns nun überhaupt nicht mehr begreifbar. Aber mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften gewann die Auffassung immer mehr Anhänger, dass das materielle Sein die eigentliche Wirklichkeit darstelle und Geist und Bewusstsein Funktionen der Materie seien. Von den meisten Hirnforschern wird heute die Überzeugung vertreten, dass psychische und mit ihnen korrespondierende neuronale Prozesse nur verschiedene Erscheinungsformen ein und desselben Vorgangs sind, und Phänomene wie Denken, Fühlen oder Bewusstsein keinen eigenen Seinsstatus besitzen, sondern »lediglich« Funktionen des Gehirns sind, die ohne dessen Existenz nicht existieren.

Bleibt eine letzte Bastion christlich-religiöser Überzeugung, die Auffassung nämlich, dass das moralische Normensystem, wie es sich vor allem in den Zehn Geboten konkretisiert hat, seine Verankerung nur im Absoluten, im Göttlichen haben könne. Selbst Kant war dieser Auffassung. Wenn es keinen Gott gäbe, dann gäbe es für uns Menschen letztlich keinen zwingenden Grund, uns sittlich und moralisch zu verhalten. Nur die Aussicht auf Belohnung oder Strafe in einer jenseitigen Welt hält uns an, uns auch moralisch zu verhalten. Die noch junge Soziobiologie kann jedoch anhand vieler Befunde zeigen, dass unser moralisches Verhalten genetische Wurzeln hat.

Kooperation und Mitgefühl, Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft bilden die Keimzellen der Moral. Offenkundig haben tierische wie menschliche Gesellschaften besser oder überhaupt nur überlebt, weil ihre Mitglieder zu dieser Form des Zusammenlebens bereit waren: Gemeinsame Nahrungsbeschaffung, Teilen in der Not, gemeinsame Abwehr von Feinden und barmherzige Hilfe aufgrund von Mitleid. Wer kooperiert erhöht die Chance, dass seine Gruppe und damit auch er selbst überlebt. Auch gegenseitige Hilfe in Notlagen erhöht die Überlebenschancen. Solche – wohl zunächst mutationsbedingt zufälligen – Verhaltensweisen stellten also einen Selektionsvorteil dar und sind deshalb auf evolutivem Weg erblicher Bestandteil unseres Verhaltens geworden. Moralisches, sprich sozial vorteilhaftes Verhalten, ist also keinesfalls nur Ergebnis von Kultur und Erziehung, es hat ganz offenbar eine stammesgeschichtliche Entwicklung durchlaufen und ist uns als grundlegende Disposition von Geburt an mitgegeben.

Glaube und Wissen beschreiben unterschiedliche Welten

Das neue Menschenbild wird Abschied nehmen von der Vorstellung einer unsterblichen Seele und einem Geist, die ihren unmittelbaren Ursprung in Gott haben und uns mit ihm verbinden. Schließlich zeigen höher entwickelte Tiere, dass auch sie schon ansatzweise über Denkvermögen und Bewusstsein verfügen. Hier zeigt sich wiederum, dass die Kirche das Darwinsche Konzept nur halbherzig akzeptiert hat, denn sie hält nach wie vor an eigenständigen, göttlich eingeflößten Wesenheiten wie Geist und Seele fest. Die biologischen und neurologischen Erkenntnisse engen jedoch den Spielraum für metaphysische Einflussgrößen, die den Menschen über seine biologische und soziale Natur hinausheben würden, immer mehr ein. Wenn das, was unsere Persönlichkeit ausmacht, unser Denken, unsere Gefühle, unsere Erfahrungen, unser Bewusstsein von uns und dieser Welt, auch ein das Diesseits transzendierender Glaube, gebunden sind an die neurologischen Strukturen unseres Gehirns, die mit unserem Tod zerfallen wie unser übriger Körper, dann wird es immer weniger plausibel, dass wir etwas von uns als unsterblichen Teil in ein Jenseits hinüber retten könnten.

Theologen und viele Gläubige akzeptieren heute meist die Erkenntnisse der Naturwissenschaften, wenn man von der Bibelfixiertheit der Kreationisten einmal absieht, auch die Fakten der Evolutionstheorie werden anerkannt. Wohl deswegen, weil sie ihnen nichts Plausibles entgegen zu setzen haben. Sie übernehmen aber für sich nicht die rationale und systematische Denkweise, die diese Ergebnisse hervorgebracht hat. Vor allem die aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Kosmologie und Evolutionstheorie sich ergebenden philosophisch-theologischen Konsequenzen werden nicht akzeptiert. Es wiederholt sich heute, was zum Beispiel Kepler und Galilei zu ihrer Zeit erleben mussten: Wenn Bibel und Wirklichkeit nicht übereinstimmen, dann muss sich die Wirklichkeit in Form der Wissenschaft irren, nicht ein tausende Jahre alter Schöpfungsmythos.

Den meisten Gläubigen ist es offenbar problemlos möglich, mit einem abgelehnten Weltbild zu leben, dessen natur-wissenschaftliche, medizinische und technische Früchte sie dennoch in Anspruch nehmen, das aber nur entstehen konnte, weil man die alte Weltanschauung überwand. Beides passt nicht zusammen, aber man kann gut damit leben, wenn man dem konsequenten Nachdenken an dieser Stelle aus dem Weg geht.

Die Überlegenheit einer naturalistischen Weltsicht zeigt sich vor allem in der weltweiten Gültigkeit ihrer Grundlagen. In jedem Land der Erde, unabhängig von jeweiliger Kultur oder Religion, gelten die gleiche Physik und die gleiche Biologie. Diese weltweite Gültigkeit kann man den zahllosen und grundverschiedenen Lehren vom »rechten Weg zum Seelenheil« gewiss nicht zusprechen. Religionen predigen den Menschen, was sie denken sollen, die Wissenschaften, speziell die Naturwissenschaften zeigen den Menschen, wie sie denken sollen, um zu wirklichkeitsgerechten und damit menschen-gemäßen Einsichten zu gelangen.

Menschengemäß heißt aber auch, anzuerkennen, dass es Fragen über die Welt und uns gibt, die wir heute noch nicht, vielleicht nie werden beantworten können. Das Bedürfnis nach Antworten darauf ist zutiefst menschlich und hat eine – wie man sagen könnte – spirituelle Dimension. Dem wissenschaftlich geprägten Verstand sollten solche Antworten aber nicht widersprechen. Denn Wissenschaft unterscheidet sich grundlegend vom Glauben: Wissenschaft ist grundsätzlich vernunftgesteuert und ergebnisoffen, Glaube ist heilsgewiss vertrauend und in seinen Grundzügen dogmatisch festgeschrieben.

 

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Im Berliner Tagesspiegel vom 18.6.2015 erschien ein weiterer Beitrag des Autors über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft mit dem Titel: »Können Vernunft und Glaube Freunde werden?«

http://www.tagesspiegel.de/wissen/religion-koennen-vernunft-und-glaube-freunde-werden/11936378.html

Hier der Tagesspiegel-Beitrag:

Können Vernunft und Glaube Freunde werden?

Die Kirchen argumentieren, dass wissenschaftliches Weltbild und Christentum sich nicht ausschließen.
Aber diese Behauptung ist fragwürdig.

Vor kurzem widersprach auf Tagesspiegel.de der Theologe Heinz-Werner Kubitza der These, dass Theologie eine Wissenschaft sei. Von gegenteiliger Auffassung war daraufhin der Pressesprecher des Erzbistums Berlin, Stefan Förner. Die Frage scheint ungeklärt: Gibt es einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen dem christlichen Glauben und einer nur der Logik und Überprüfbarkeit verpflichteten Denkhaltung? Oder ist dieser Gegensatz durch „vernünftige“ Gründe oder durch glaubensmäßige Überzeugungen aufhebbar? In diesem Essay versuche ich, eine Antwort zu geben.

Ursprünglich unterschied menschliches Nachdenken noch nicht zwischen religiösem Empfinden und vernunftgeleitetem Denken. Religiöser Glaube wurde in frühesten Zeiten ganz wesentlich durch das bestimmt, was man sinnlich erlebte und gefühlsmäßig empfand und was aus dem überlieferten Mythos folgte. Dabei standen im Zweifel die „Wahrheiten“ der Religion stets über aller Vernunft. Päpstliche Lehre möchte diesen „unschuldigen“ Zustand wieder herstellen und argumentiert, dass die Erkenntnisse der (Natur-)Wissenschaften in eine „höhere Wahrheit“ eingebettet seien, zu der nur der Glaube Zugang hätte.

 Ergänzen sich Vernunft und Glaube?

Papst Johannes Paul II. hat sich anlässlich einer Ansprache vor Wissenschaftlern und Studenten 1980 im Kölner Dom so geäußert: „Denn zwischen einer Vernunft, welche durch ihre gottgegebene Natur auf Wahrheit angelegt und zur Erkenntnis der Wahrheit befähigt ist, und dem Glauben, der sich der gleichen göttlichen Quelle aller Wahrheit verdankt, kann es keinen grundsätzlichen Konflikt geben.“

Das klingt fast nach einer respektvollen Anerkennung der Vernunft durch den Glauben. Zwei Sätze später wird die Katze aus dem Sack gelassen: „Damit zeigt sich zugleich, dass Glaube und Wissenschaft verschiedenen Erkenntnisordnungen zugehören, die nicht ineinander überführbar sind.“

Mit anderen Worten: Die Wissenschaft mag herausfinden, was sie will, der Glaube wird sich davon prinzipiell nicht und niemals beeinflussen lassen. Wenige Absätze später hört es sich zunächst ähnlich aufgeklärt an: „Es [das kirchliche Lehramt unter Berufung auf das II. Vaticanum, U. L.] hat ausdrücklich die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen von Glaube und Vernunft ausgesprochen, es hat die Autonomie und Freiheit der Wissenschaften anerkannt und ist für die Freiheit der Forschung eingetreten. Wir fürchten nicht, ja, wir halten es für ausgeschlossen, dass eine Wissenschaft, die sich auf Vernunftgründe stützt und methodisch gesichert fortschreitet, zu Erkenntnissen gelangt, die in Konflikt mit der Glaubenswahrheit kommen.“

Die Vernunft soll für die „ewige Wahrheit“ geöffnet werden

Dies klingt wieder überraschend einsichtig. Doch die Rücknahme folgt auf dem Fuß: „Dies kann nur dort der Fall sein, wo die Unterschiedlichkeit der Erkenntnisordnungen übersehen oder verleugnet wird.“ Zum Ende seiner Ausführungen spricht der Papst offen aus, was er wirklich meint: „Die Vernunft des Menschen ist ein großartiges Instrument für die Erkenntnis und Gestaltung der Welt. Sie bedarf aber, um die ganze Fülle der menschlichen Möglichkeiten zur Verwirklichung zu bringen, einer Öffnung für das Wort der ewigen Wahrheit, das in Christus Mensch geworden ist.“

Ähnlich kühn und nur behauptend äußert sich der evangelische Theologe und frühere Bischof Wolfgang Huber in seinem Buch „Der christliche Glaube“: „Zur christlichen Freiheit gehört auch die Freiheit, sich seines Verstandes zu bedienen. Aber zu dieser Freiheit gehört auch die Einsicht, dass die menschliche Vernunft endlich ist, und dass es sich beim Kult der Vernunft um eine Form des Götzendienstes handelt. Es dient der christlich verstandenen Freiheit, wenn die Vernunft dem Glauben nachfolgt und in seinen Dienst eintritt.“ … „Eine nicht durch den Glauben aufgeklärte Vernunft bleibt unerfahren und unaufgeklärt, weil sie sich keine Rechenschaft über ihre Grenzen ablegt. Sie verkennt ihren Charakter als endliche Vernunft, dem Menschen anvertraut, damit er mit seiner endlichen Freiheit umzugehen lerne.“

Dann immerhin einschränkend: „Ein nicht durch die Vernunft aufgehellter Glaube aber trägt die Gefahr in sich, barbarisch und gewalttätig zu werden. Stattdessen ist es nötig, die wechselseitige Verwiesenheit von Vernunft und Glauben immer wieder neu zu entfalten.“

Begriffe wie „Kult der Vernunft“ und „Götzendienst“ zeigen deutlich, welche nachgeordnete Rolle Altbischof Huber der Vernunft zuweist. Und Papst Johannes Paul II. spricht von „Öffnung [der Vernunft] für das Wort der ewigen Wahrheit, das in Christus Mensch geworden ist“. Nachvollziehbare Gründe für diese Feststellungen sind für mich nicht erkennbar, lediglich theologisch eingekleidete Behauptungen werden aufgestellt. Früher hatte die Philosophie als Magd der Theologie zu dienen, eine Funktion, die nach der selbstbewussten Definition oberster Glaubensrepräsentanten offenbar heute die Vernunft gegenüber dem Glauben einzunehmen hat. Der Theologe Richard Schröder spricht im Untertitel seines Buches „Abschaffung der Religion?“ verallgemeinernd und geradezu verächtlich gar von „wissenschaftlichem Fanatismus“.

 Die Wissenschaft, auch ein Glaube?

In Diskussionen zu dieser Frage wird an dieser Stelle gern die Feststellung getroffen, dass hier eben „punktgleich religiöser Glaube gegen wissenschaftlichen Glauben“ stehe? Aber ist dem wirklich so? Religiöser, hier christlicher Glaube baut im Kern auf Dogmen auf, also auf angeblich offenbarten Aussagen, die zudem für alle Zeiten Gültigkeit beanspruchen, also in ihrer Grundaussage unrevidierbar sind, weil auf göttliches Wort und göttlichen Willen zurückgehend. Wissenschaft dagegen „glaubt“ nicht, sie gewinnt ihre Erkenntnisse durch methodisch-systematisches Beobachten und überprüft ihre Erkenntnisse und Theorien an der Realität. Wissenschaft rechtfertigt ihr Vorgehen und ihre Aussagen durch die abschließende Überprüfung der Übereinstimmung von Theorie und Praxis, also zum Beispiel im korrekten Eintreffen einer Voraussage. Und Wissenschaft setzt auf Begründung, zumindest Evidenz, intersubjektive Nachvollziehbarkeit und logische Widerspruchsfreiheit.

Die Theologie spricht gern vom »wissenschaftlichen Glauben« und versucht damit zu suggerieren, dass auch Wissenschaft, selbst die Naturwissenschaft, von Voraussetzungen ausginge, die Glaubenscharakter hätten. Aber solche Annahmen kennt die Wissenschaft nicht. Zwar arbeitet auch Wissenschaft nicht voraussetzungslos, aber die stillschweigende Setzung von Behauptungen oder die Vorwegnahme von Ergebnissen, die erst zu beweisen sind, kennt sie nicht. Wissenschaft stellt keine Behauptungen auf, die Voraussetzungen wären für ihre Untersuchungsergebnisse. Das aber tut die Theologie, wenn sie als wahr voraussetzt, dass Gott existiert, dass Jesus auferstanden ist oder dass beispielsweise Jesus Gottessohn ist. Eine auf solchen Voraussetzungen aufbauende Disziplin kann Wissenschaftlichkeit nicht beanspruchen und seien ihre daraus folgenden Untersuchungsergebnisse noch so logisch einwandfrei und methodisch-systematisch entwickelt und in sich widerspruchsfrei. Die Theologie muss um ihrer Existenz willen solche Voraussetzungen machen. Die Religionswissenschaft hat solche Vorgaben nicht nötig, sie erfüllt folglich die Kriterien der Wissenschaftlichkeit.

Die Theologie versucht, die Vernunft an die Kette zu legen

Die verzweifelten Versuche der Theologen und Religionsvertreter, die Vernunft an die Kette des Glaubens zu legen, machen eines deutlich: Ihr Gegner ist nicht der Nicht-Glaube oder gar der Atheismus, sondern die Wissenschaft, insbesondere eine naturwissenschaftliche Bildung und die ihr zugrunde­liegende rationale, an der Wirklichkeit entwickelte Denkweise. Naturwissenschaft ist Wirklichkeitswissenschaft, Theologie dagegen eine Art Transzendenzkunde. Gott als Gegenstand der Theologie ist ein imaginiertes, also vorgestelltes Phänomen, dessen Existenz zwar nicht widerlegt, aber auch nicht einsichtig belegt werden kann. Die Naturwissenschaften denken und forschen ergebnisoffen, für die Theologie steht aufgrund von Offenbarung die Wahrheit im Prinzip schon fest, sie muss nur noch gedeutet und in den jeweiligen sachlichen und zeitlichen Kontext gestellt werden.

Die Naturwissenschaften haben als Wahrheitskriterium die Empirie, die beobachtete Wirklichkeit. Ein solches ihre Theorien wahrheitsnäher machendes Korrektiv haben die Theologen nicht. Zwar versuchen sie, ihre theologischen Konstruktionen in sich widerspruchsfrei zu halten, aber das bedeutet nicht, dass diese Gedankengebäude irgendeine reale Basis in der Wirklichkeit haben müssen. Und wie soll auch der Wahrheitsbeweis für etwas objektiv Unprüfbares erbracht werden? Wie man jedoch sieht, kann ein in sich – wenigstens in Teilen – logisch stimmiges System von theologischen Behauptungen und Schlussfolgerungen in einer gedanklichen Welt und auf Papier die Jahrhunderte überdauern. Es ist ja, da nur gedanklich-begrifflich existierend, auch empirisch nicht widerlegbar.

 Eine „höhere Wahrheit“ überwindet den Widerspruch

Es gibt gläubige Naturwissenschaftler, die verneinen, dass es einen Gegensatz zwischen Glauben und Vernunft, zwischen Religion und Naturwissenschaft gäbe. Dabei gibt man vor, Gegensätzliches zwischen Glauben und Vernunft dadurch vereinbar zu machen, dass man den Widerspruch zu einer »höheren Wahrheit« erhebt, die sich unserem menschlichen Verständnis entzöge. Ich sehe jedoch keinen Grund, solche theologischen Konstruktionen wie eine »höhere Wahrheit« zu akzeptieren, kann man doch der behaupteten Verträglichkeit von Glauben und Wissen schon mit unmittelbar einsichtigen Gründen widersprechen:

Ein Gott, der angeblich Welt und Mensch erschuf und bis heute in unser Leben eingreifen würde, eine von der Materie unabhängige und unsterbliche Seele, die uns mit Gott verbinden würde, das Fürwahrhalten von Wundern wie die Auferstehung von Jesus und seine Himmelfahrt – alles das sind Glaubenselemente, die einem naturwissenschaftlichen Weltbild, das heute kausal geschlossen beschrieben und in seinen Strukturen weitgehend erklärt werden kann, diametral entgegenstehen, man könnte auch sagen: beziehungslos neben dem gesicherten Wissen stehen. Auch die Frage nach einem moralischen Ankerpunkt und die Frage nach dem Sinn des Lebens bedürfen zu ihrer Beantwortung keines Glaubens an ein überirdisches Wesen. Dass Moral evolutionär entstand und somit innerweltlich begründbar ist, das kann die Soziobiologie heute überzeugend belegen. Und auch auf die Frage nach dem Sinn unseres irdischen Daseins lässt sich aus humanistisch-philosophischer Perspektive für mich viel Einsichtigeres und Überzeugenderes als aus der Sicht eines Glaubens sagen, der im alten Palästina von Menschen erdacht wurde, die von der Welt wenig wussten und noch weniger davon verstanden.

Ein Physiker und Protestant – „vom Scheitel bis zur Sohle“

Der vom Fernsehen bekannte Astrophysiker und Philosoph Professor Harald Lesch ist in seiner Person ein Beispiel für eine mir höchst zweifelhaft erscheinende Harmonie von Naturwissenschaft und Religion. Jeder, der ihn einmal erlebt hat, wie er lediglich mit Tafel und Kreide, oft nur mit Sprache und Gestik, den Urknall erklärt, ist zunächst fasziniert von seinen didaktischen Fähigkeiten. Er kann erklären und begeistern und uns innerhalb kurzer Zeit eine Vorstellung von der überwältigenden Pracht des Kosmos und der Eleganz der in ihm waltenden Naturgesetze vermitteln. Die Selbstorganisation der Natur kann er uns in beispielhaft verständlicher Einfachheit vor Augen führen, und zwar ohne jeden Rückgriff auf göttliches Wirken.

Andererseits sagt er von sich, „ich bin vom Scheitel bis zur Sohle Protestant“. Ein Bekenntnis, das aufhorchen und für einen Moment einem akademischen Lehrer seines Formats respektvoll Beachtung schenken lässt. Aber man fragt sich sofort, wie zwei so gegensätzliche Konzepte unter­schiedlichster Natur zusammenpassen: eine in sich geschlossene, keine über­natürliche Kräfte benötigende Beschreibung des Naturgeschehens einerseits und ein Glauben an einen mit Wundern ins Weltgeschehen eingreifenden Gott andererseits, an dessen Dreieinigkeit mit Heiligem Geist und Gottessohn Jesus, an Erbsünde und Opfertod zwecks Erlösung der Menschheit.

Eleganz und Einfachheit: Eine Kluft von 4000 Jahren

Dass er an eine Macht glaubt, die hinter allen Dingen stehe, könnte ich noch hinnehmen. Denn auch Nichtgläubige und Atheisten haben keine einfachen, wenn überhaupt, Antworten auf die Frage nach dem letzten Urgrund allen Seins. Aber die Künstlichkeit und logische Brüchigkeit des christlichen Glaubens an einen allmächtigen Gott, der die Menschheit erschaffen haben soll, die ihm aber trotz seiner Allmächtigkeit und Allwissenheit so bösartig und sündig geriet, dass sie der Erlösung durch ein göttlich veranlasstes Menschenopfer bedürfe, ist – ich sage ausdrücklich: für mich – von einer solchen Vorsintflutlichkeit des Denkens, dass ich mich frage, wie zwei so verschiedene Konzepte und vor allem Denkweisen ohne intellektuelle Bedrängnisse in einem Kopf nebeneinander bestehen können. Kommen doch in diesem Gegensatz von naturwissenschaftlicher Eleganz und legendenhafter Einfachheit etwa 4000 Jahre Kulturgeschichte zum Ausdruck.

Ist es frühkindliche Indoktrination, von der Lesch sich nicht befreien kann? Ist es der Preis für eine ihm sonst nicht mögliche mediale Entfaltungs­möglichkeit und öffentliche Anerkennung? Ist es ein bewusstes Akzeptieren von Gegensätzlichkeiten, weil keines der beiden Weltbilder für sich allein ihm eine Antwort auf das „Wie funktioniert die Welt“ und „Warum gibt es die Welt“ darstellt? Dennoch: Die Durchdachtheit, innere Stimmigkeit und Erklärungskraft unseres heutigen naturwissenschaftlichen Weltbildes und die Einfalt und Archaik des christlichen Glaubens lassen sich meines Erachtens intellektuell redlich nicht miteinander vereinbaren. Ein solches zweigeteiltes Weltbild kann nur hingenommen werden, wenn Einheitlichkeit, Stimmigkeit, Plausibilität, Eleganz als Kriterien für eine den Intellekt befriedigende Sicht auf die Welt keine Bedeutung beigemessen wird. Solches Denken stellt für mich eine Flucht aus der Realität in eine mystische Welt von Wunsch und Phantasie dar.

Bei weiterem Nachfragen zieht man sich dann gern auf eine pantheistische Auffassung zurück, also eine Vorstellung, nach der Gott und Welt letztlich identisch seien. Aber was sagt ein solchermaßen verallgemeinerter Gottesglaube noch? Und was ist mit den Kernaussagen der christlichen Lehre, wie vereinbaren die sich mit einem solchen aufgelösten Gottesbegriff?

 Die Bibel erzählt von Wundern und Weltentstehung

Gern wird von Gläubigen argumentiert, dass Wissenschaft und Religion, Vernunft und Glauben sich schon deswegen nicht widersprechen könnten, da sie unterschiedlichen Sphären zugeordnet seien. Man sagt auch, dass beide Bereiche orthogonal zueinander stünden, was heißen soll, dass der eine Bereich über den anderen nichts aussagen könne. Festzustellen ist, dass die Wissenschaft sich daran hält, nicht jedoch der Glaube. Die Bibel macht zum Beispiel Aussagen über die Entstehung der Welt und des Menschen und behauptet, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde und später, obwohl bereits tot, wieder auferstand und gen Himmel fuhr. Der Glaube macht also sehr wohl sehr konkrete Aussagen über die Welt. Ihm darf daher auch aus weltlicher Sicht, also mit wissenschaftlichen Argumenten, widersprochen werden. Ein Wissenschaftler dagegen wird über die Existenz Gottes oder über offenbarte Glaubenswahrheiten keine Aussagen machen. Seine Methoden greifen hier nicht. Er kann dazu keine empirischen Daten erheben, folglich keine prüfbaren Hypothesen formulieren, keine Gültigkeit beanspruchende Theorien aufstellen. Er kann allenfalls Plausibilitäts­überlegungen anstellen, logische Widersprüchlichkeiten oder Unmöglichkeiten aufzeigen.

Menschen mit breit gefächerter Bildung sympathisieren immer weniger mit der Idee, dass es eines Menschenopfers bedürfen sollte, um eine außerweltliche Wesenheit zu besänftigen. Auch die im Glaubensbekenntnis bis heute beschworene Hölle als Ort ewiger Folter vereinbart sich schwer mit einem Denken, das sich an humanistischen oder menschenrechtlichen Prinzipien orientiert. An Wunder, wie die jungfräuliche Geburt oder die Brot- und Weinvermehrung, von der Auferstehung von den Toten und der Himmelfahrt ganz zu schweigen, will selbst ein grundsätzlich noch religiös eingestellter Mensch von heute so recht nicht mehr glauben.

Unser durch moderne Wissenschaft und Philosophie sowie die Menschenrechte geprägtes Denken entfernt sich immer mehr von einer religiösen Welt, die noch Wunder, Menschenopfer und ewige, das heißt niemals endende Bestrafung kennt. Und ist die Idee eines barmherzigen und die Menschen liebenden Gottes – kritisch hinterfragt in der berühmten Theodizee – wirklich so überzeugend angesichts des durch Mensch, aber auch die Natur ausgelösten grenzenlosen Leids auf dieser Erde? Insofern ist Stefan Förners Vorwurf, dass Gläubige als „doof“ angesehen würden, nicht zutreffend. Sie sind bezüglich der Grundlagen ihres Glaubens jedoch unwissend und unaufgeklärt.

Wer denkt, hinterfragt die Dinge

Die Akzeptanz des christlichen, eigentlich jeden Glaubens scheint mir nur möglich, wenn man die Vernunft dem Glauben unterordnet und die logischen und sachlichen Widersprüche ignoriert. Auf den Grund gehendes Denken ist nun einmal mit dem Hinterfragen der Dinge verbunden. Denken heißt deshalb immer auch, mit Gründen zu zweifeln. Genau das ist der Grund, weshalb sich Vernunft und Glaube so schlecht vertragen.

Aber auch das gilt: Losgelöst von jeder wissenschaftstheoretischen Erörterung ist für viele Menschen ihr persönlicher Glaube eine Quelle des Trostes und der Hoffnung, selbst wenn diesem jede rationale Begründung fehlt. Das funktioniert, wenn man den Bereich des Glaubens freihält von reflektierenden, gar zweifelnden Überlegungen, »wenn also die Vernunft dem Glauben nachfolgt und in seinen Dienst eintritt«, wie Altbischof Huber meint.