Leseproben

 

Leseproben aus:   Warum ich kein Christ sein will        

Vorbemerkung: Die hier vorliegende Formatierung entspricht nicht der des gedruckten Buches.
Die hochgestellten Ziffern verweisen auf den (hier nicht abgedruckten) Anmerkungsteil.

 

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Ausschnitte aus Kapitel III:

Naturwissenschaft, Religion und menschliches Selbstverständnis

 

Im Jahr 1999 veröffentlichte der Hamburger Literaturprofessor Dietrich Schwanitz (1940-2004) ein Buch mit dem Titel »Bildung« und dem herausfordernden Untertitel »Alles, was man wissen muss«. Das voluminöse Buch entfachte die unterschwellig stets präsente Diskussion erneut, was heute zur Allgemeinbildung beziehungsweise zum Bildungskanon in der Informationsgesellschaft gehören sollte. Das Buch wurde wegen der allseits empfundenen Bedeutung des Themas und nicht zuletzt aufgrund des kurzweiligen Stils ein Bestseller. Dabei sichtet der Autor – wie es im Klappentext heißt – das gesamte kulturelle Wissen unter der Fragestellung: Was trägt es zu unserer Selbst­erkennt­nis bei? 1

Ich möchte zunächst darlegen, dass das Buch von Schwanitz diese öffentliche Wertschätzung nicht verdient hat, und zwar deswegen nicht, weil es ein Bildungsideal aus vergangener Zeit propagiert.

Auf über 540 Seiten breitet Schwanitz seine Überlegungen zu dem aus, was er unter Bildung versteht. Er spricht über die Geschichte Europas, über große Werke der Literatur, über die Geschichte von Kunst und Musik, über große Philosophen, Ideologien, Theorien und Weltbilder und lässt uns wissen, weshalb es so wichtig ist, über literarische Figuren wie Don Quijote, Hamlet oder Faust Bescheid zu wissen. Soweit so gut und im Prinzip auch einverstanden. Kaum mehr als 10 Seiten, das sind nicht einmal 2 Prozent des Buches, widmet er dagegen den Naturwissenschaften. Der Biologe Darwin, der Physiker Einstein und der (naturwissenschaftlich orientierte) Arzt und Psychologe Freud werden mit ihren Einsichten knapp – aber teilweise falsch – dargestellt; auch ihre Rolle als Revo­lutionäre unserer Sicht auf diese Welt wird angedeutet. Was Schwanitz aber wirklich von den Naturwissenschaften hält, offenbart er frei­mütig am Ende seines Werkes:

»Die naturwissenschaftlichen Kenntnisse werden zwar in der Schule gelehrt; sie tragen auch einiges zum Verständnis der Natur, aber wenig zum Verständnis der Kultur bei. … So bedauerlich es manchem erscheinen mag: Naturwissenschaftliche Kennt­nisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht.« 2

Hier zeigt sich – ich möchte das an dieser Stelle einmal so deutlich formulieren – die typische Ignoranz, ja Arroganz eines immer noch verbreiteten Typs von Geisteswissen­schaftlern mit einem sehr traditionalistischen Bildungsbegriff, der nicht selten auch noch damit kokettiert, von »Physik und Mathematik keine Ahnung zu haben«. Schwanitz hätte stattdessen darüber nachdenken sollen, was er, und natürlich wir alle, zum Beispiel den Astronomen Niko­laus Kopernikus (1473-1543) und Johannes Kepler (1571-1630) sowie dem Philosophen, Mathematiker und Physiker Galileo Galilei (1564-1642) zu verdanken haben. Sie lösten durch das von ihnen vertretene heliozentrische System die von der Kirche behauptete Auffassung von der gottgegebenen Stellung der Erde als Mittelpunkt der Welt ab. Der Philosoph und Astronom Giordano Bruno (1548-1600) ging noch darüber hinaus und behauptete schon damals, dass das Universum unermesslich groß sei und von unzähligen Sonnen wie der unseren erfüllt sei. An jedem Ort des Kos­mos könnte man den Eindruck haben, im Mittelpunkt der Welt zu stehen. Daher verbiete es sich, die Erde oder unser Sonnensystem als Zentrum einer göttlichen Naturordnung anzusehen.

Worin bestand – neben der wissenschaftlichen Leistung – die geistig-kulturelle Bedeutung dieser Wissenschaftler? Man kann es in einem Satz sagen: Sie wagten es, ihre Einsichten und Beobachtungen über die Autorität der Kirche und der Bibel zu stellen, sie trauten sich, ihren Verstand zu benutzen und ihre empirischen Erkenntnisse gegen nur behauptete, angebliche Wahrheiten, wie sie zum Beispiel auch in den alten Schriften eines Aristoteles (384-322 v. u. Z.) niedergelegt waren, zu setzen. Ihr Interesse galt nicht mehr den tradierten Texten und ihrer Interpretation, sondern den beobachtbaren und messbaren Fakten der Wirklichkeit. Sie leiteten damit die entscheidende Wende im Denken jener Zeit ein und etablierten neben der Philosophie und Theologie die Natur­wissen­schaften als dritte prägende kulturelle Disziplin. Galileo Galilei, Wegbereiter der modernen Naturwissenschaften, hat die Geisteshaltung, die zu diesem Denken führte, so zum Ausdruck gebracht:

»Ich fühle mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass derselbe Gott, der uns mit Sinnen, Vernunft und Verstand ausgestattet hat, von uns verlangt, dieselben nicht zu be­nutzen.« 3

Als Charles R. Darwin (1809-1882), wie vor ihm schon andere, erkannt hatte, dass der Mensch nicht aus einem Erdenkloß geformt worden ist, sondern das Produkt eines natürlichen Entwicklungsprozesses ist, und dass uns mit der übrigen Tierwelt eine Vielzahl von organischen und verhaltensmäßigen Gemeinsamkeiten verbindet, stellte diese Einsicht ein weiteres Mal das Monopol der Kirche auf Besitz und Verkündung angeblich ewiger Wahrhei­ten in Frage. Die herrschende Lehre der Kirche begann so nach und nach ihren dominierenden Einfluss auf das Weltbild und damit auch das Selbst­verständnis des Menschen zu verlieren. Dass die Erde und mit ihm auch der Mensch im Kosmos nur eine ganz unbedeutende Rolle spielen, dass womöglich das Weltall voll anderer Lebensformen ist, diese paradigmatische, wahrhaft umwälzende Qualität von neuem Wissen sollte keinen Bildungswert haben?

Der Mensch und die Erde als Mittelpunkt der Welt oder wandernd irgendwo in den Weiten eines unermesslich großen Kosmos? Der Mensch als Ebenbild Gottes oder ein zufälliges Produkt einer sich selbst organisierenden Natur? Der Geist eine eigenständige, göttliche Wesenheit oder eine Funktion der hochkomplex organisierten Materie? Solche Fragen sollten ohne Einfluss auf mein Nachdenken über mich und die Welt sein? Hier irrte Schwanitz ohne jeden Zweifel gewaltig, definiert er doch selbst den Bildungswert von Wissen über die Frage, was es zur Selbsterkenntnis und zum Selbstverständnis des Menschen beitrage.

Die Hirnforschung erbringt täglich neue Belege dafür, dass der »Geist nicht vom Himmel fiel«, sondern eine Funktion des materiellen Gehirns ist. Wenn schachspielende Computer einen Weltmeister zu schlagen in der Lage sind, dann wird deutlich, dass über Computerprogramme geistige Leistungen möglich wurden, die bislang ausschließlich dem Menschen vorbehalten waren. Solche Entwicklungen und die ihnen zugrunde liegen­den biologischen und physikalischen Erkenntnisse sollten bedeutungslos sein für unser Selbstverständnis? Die moderne Kosmologie behauptet, dass unsere Welt einen physika­lisch erklärbaren Anfang hat, und die Mikrophysik hat uns längst wissen lassen, dass im inneratomaren Geschehen der herkömmliche Begriff von Kausalität sich auflöst und unsere Alltagslogik dort nicht mehr uneingeschränkt gilt. Diese neue Sicht auf die materiellen Grundlagen unserer Existenz sollte ohne Folgen bleiben für unser Verständnis von der Welt und damit unser Nachdenken über Grund und Sinn unserer Existenz?

Worin liegt die immer wieder zu beobachtende geringe Wertschätzung naturwissen­schaftlichen Wissens begründet?

Historisch gesehen hat sie sicher ihre Wurzeln in dem tief sitzenden Argwohn von Theologie und Kirche gegenüber naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, fühlte sich die christliche Religion doch schon immer von wissenschaftlichen Einsichten bedroht. Der eigentliche Grund der kirchlichen Skepsis gegenüber Wissen, das nicht den Texten der angeblich von Gott diktierten Bibel entnommen wurde, vor allem aber gegenüber jeder Form von Naturwissenschaft, liegt tiefer und dürfte im göttlichen Verbot bestehen, vom »Baum der Erkenntnis« zu essen. Im Alten Testament heißt es:

  1. Buch Mose, Kapitel 2, Vers 16-17: »Dann gebot Gott, der Herr, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen, doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du sterben.« 4

Zunächst einmal erscheint es mir sehr merkwürdig, geradezu aberwitzig, aus göttlichem Mund zu erfahren, dass die Fähigkeit zur Unterscheidung von »gut« und »böse« nicht erwünscht sein sollte. Aber es geht offenbar nicht nur um die Erkenntnis von »gut« und »böse«, es geht wohl ganz allgemein um das Bestreben des Menschen, sich und die Welt zu begreifen. Gott scheint die Neugier des Menschen, hinter das Geheimnis seiner Schöpfung zu kommen, jedoch zu verdammen. Der Kirchenlehrer Augustinus (354-430) bekräftigte dieses göttliche Verdikt:

»Es gibt noch eine weitere Art der Versuchung, die noch stärker mit Gefahren verbunden ist. Es ist die Krankheit der Neugier. Sie treibt uns dazu, dass wir die Geheimnisse der Natur aufdecken wollen, jene Geheimnisse, die außerhalb unseres Verständnisses liegen, die uns nichts nützen und die zu kennen, wir uns nicht wünschen sollten.«

Die Kirche sah in diesen Worten über die Jahrhunderte offenbar geradezu die Verpflich­tung, die Menschen vor Einsichten abzuschirmen, die ihnen womöglich die Widersprüche zwischen biblischem Wort und menschlicher Erkenntnis bewusstgemacht hätten. Aber wer Neugier verbietet, hindert die Gesellschaft daran, sich weiter zu entwickeln und schließlich die Lust an der Freiheit des Denkens zu entdecken. Daran wollte und konnte die Kirche ganz offensichtlich keinerlei Interesse haben. Aufgeklärtheit durch Wissen sowie Selbstbestimmung durch Freiheit von Denk- und Glaubensvorgaben sind Basiselemente einer Gesellschaft unabhängiger und sich frei entfaltender Menschen. Die Kirche, insbesondere die katholische mit einem autokratisch waltenden Papst an der Spitze, konnte von einer solchen Entwicklung nur Verlust an Einfluss und Macht er­warten. 6

Heute liegt das geringe Interesse an den Naturwissenschaften in bestimmten Kreisen wohl vor allem an der schulischen Erfahrung, dass der Erwerb naturwissenschaftlichen, speziell mathematisch formulierten Wissens mit erheblichen Anstrengungen verbunden war und oft genug mit der Frustration vergeblichen Bemühens en­dete. Die aufbauende Freude, ja das Glücks­gefühl, das sich nach dem mühsam erworbenen Verständnis eines komplizierten, beispielsweise physikalischen Sachverhalts einstellen kann, ist diesen Menschen offenbar nie zuteil geworden. Hinzu kommt das problematische Vorbild vieler nicht-naturwissenschaftlicher Lehrer, die in ihren Fächern direkt und indirekt zum Ausdruck brachten, dass wahre Bildung sich vor allem in der Hinwendung zur Antike, zur schöngeistigen und gesellschaftspolitischen Literatur und zur klassischen Musik zeige, alles andere allenfalls schmückendes Beiwerk sei. Und die schon frühzeitig ge­machte Beobachtung, dass erfolgreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens selten Naturwissenschaftler waren und gern ihre mathematisch-naturwissen­schaft­lichen Defizite einräumten, trug ein Übriges dazu bei, naturwissenschaftliche Bildung als weniger relevant für Berufserfolg und Lebensglück anzusehen.

Die Redaktion der angesehenen Tageszeitung »Frankfurter Allgemeine« beschloss im Sommer 2006, in ihrem umfangreichen Kulturteil täglich einen oder zwei Berichte aus den Naturwissenschaften unterzubringen, die ei­nen wesentlichen und unmittelbaren Bezug zu Kultur und Gesellschaft aufwei­sen. Sie zog damit die Konsequenz aus der Erkenntnis, dass naturwissenschaftliche Befunde für unser heutiges Denken und Empfinden von großer allgemeiner Bedeutung sein können. Diese Zeitung leistet mit diesem erweiterten Kulturbegriff einen Beitrag, aus dem bloßen Nebeneinander von Geistes-, Sozial- bzw. Kulturwissenschaften einerseits und Naturwissenschaften ander­erseits zu einem reflektierten Miteinander zu kommen. Es war auch diese Zeitung, die seinerzeit eine menschliche Genomsequenz in ganzseitigem Format abdruckte und damit die Bedeutung dieses Erkenntnisfortschritts in das öffentliche Bewusstsein rückte.

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Ausschnitte aus Kapitel VI:

Endgültiger Abschied von Christentum und Kirche

3. Die Botschaft hör‘ ich wohl … und das soll ich glauben?

Mit dem Ende des Mittelalters, also Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhun­derts, beginnt sich nach fast 1000 Jahren »mittelalterlicher Finsternis« die Welt des Wissens langsam von der Welt des Glaubens zu trennen. Die Wissenschaft erkennt, dass die Erde nicht im Mittelpunkt der Welt, sondern an einem in keiner Weise ausgezeichneten Ort des kosmi­schen Geschehens steht. Sie ahnt, dass der Mensch nicht aus einem Erden­kloß geformt wurde, und entdeckt, dass Mensch und Tier Gemeinsamkeiten in Aufbau und Funktion aufweisen und gleichen biologischen Gesetzmäßig­keiten unterliegen. Sie findet immer mehr Anhaltspunkte für die aufkeimende Einsicht, dass beispielsweise Vulkanausbrüche und Erdbeben nicht auf göttlichen Zorn zu­rückzuführen sind, sondern mit der im Umbruch befindlichen Erdkruste zusammenhängen dürften. Heute wissen wir, dass die Welt nicht in sechs Tagen geschaffen wurde, sondern in einem Jahrmilliarden währenden Prozess entstand; dass sich der Mensch in einem evolutionären Entwicklungsprozess aus der Tierwelt heraus entwi­ckelte und dass dieser sich selbst steuernde evolutionäre Prozess noch immer andauert; dass die Deutung verheerender Naturerscheinungen oder alles dahinraffender Seuchen als göttliche Strafen nur zusätzliche, nicht lösbare theologische Fragen aufwirft.

Heute lebt ein aufrichtig Gläubiger, also jemand, für den der Wortlaut der Bibel und die kirchliche Verkündigung tragende Pfeiler seines Bekenntnisses darstellen, in zwei verschiedenen Welten, die nicht mehr in Übereinstim­mung zu bringen sind. Einerseits lebt er in einer altertümlichen, dogma-tisch festgelegten, nicht mehr weiterentwickelten, allenfalls mühsam neuzeit­lich interpretierten Glaubenswelt und andererseits in einer der Logik und der kritisch reflektierten Erfahrung verpflichteten, sich ständig weiterentwickeln-den, sich erforderlichenfalls auch korrigierenden (!) Wissenswelt. Glaube und Vernunft geraten daher immer wieder aneinander, schließen sich in ihren Folgerungen meist aus und führen zu einer Spaltung des Weltbildes.

Auch wenn ein »aufgeklärter« Christ die biblischen Schöpfungsgeschichten heute nicht mehr als naturwissenschaftliche Darstellungen auffasst und den Beschreibungen heute nur noch die allgemeine Botschaft entnimmt, dass die Welt und der Mensch letztlich von Gott erschaffen wurden – siehe die vor­angestellten Bemerkungen zum Buch Genesis auf S. 4, letzter Absatz der Einheitsübersetzung! – so hält er – wenn er denn gläubig ist – nach wie vor daran fest, dass der Mensch nicht oder nicht nur Ergebnis natürlicher Entwicklung ist, sondern der von Gott bewusst in die Welt gesetzte, mit einer unsterblichen Seele versehene Partner und sein Ebenbild. Im Zwei­fel steht für ihn der Glaube über aller Wissenschaft und Vernunft.

Schon Martin Luther (1483-1546) sah das Dilemma und nannte kon­sequenterweise die Vernunft »des Teufels Braut«, eine »schöne Metze« und »Gottes ärgste Feindin«. An anderer Stelle sagte er: »Auf Erden (ist) unter allen Gefährlichkeiten kein gefährlicher Ding denn eine hochreiche sinnige Vernunft.« Und: »Vernunft muß geblendet sein« und »der Glaube (muß) alle Vernunft, Sinne und Verstand mit Füßen treten.« 62 Da für Luther allein der Glaube maßgebend war, gab es für ihn kein Schwanken zwischen Glauben und Vernunft. Allein das Heil seiner Seele, die Erlösung von dieser Welt war das, worauf es ihm ankam.

Kann diese Entscheidung, verbunden mit einer solchen Verachtung für Denken und Verstand, für einen heutigen Menschen noch in Frage kommen? Nach Luthers Auffassung muss der natürliche Wille des Menschen nach Er­kenntnis der Wahrheit aufgegeben, man könnte auch sagen: gebrochen werden, zugunsten des Glaubens und damit seines Seelenheils. Dieser Glaube sei mehr als nur Meinen und Fürwahrhalten, er bedeute, von Gott überzeugt zu sein und sich ihm unter Zurückstellung aller Bedenken radikal anzuvertrauen.

Was aber, wenn in mir doch immer wieder der Zweifel nagt, das Bedürfnis nach Hinterfragen der Dinge nicht mehr zu unterdrücken ist, wenn Einsicht und Verstand sich gegen die dogmatischen Zumutungen des Glaubens gerade­zu aufbäumen? Spätestens an dieser Stelle wird mir entgegengehalten, dass Luther wohl ein kluger Mann gewesen sei, aber in seiner Zeitgebunden­heit habe er noch nicht erkennen können, dass sich Glaube und Vernunft gar nicht ausschlössen. Die modernen Wissenschaften, besonders die Quantenphysik, aber auch bestimmte Entwicklungen in der Kosmologie, zeigten vielmehr – so die Argumentation eines Gläubigen an dieser Stelle – dass beide »Erkenntnisflügel, nämlich Glaube und Verstand« – so Papst Johannes Paul II. – aufeinander angewiesen seien. Schließlich gäbe es immer mehr – so die Behauptung – aufgeschlossene Wissenschaftler, die zum Glauben zurückfänden.

Die Hölle – ein weiterer wichtiger Begriff im Glaubensbekenntnis – spielt im weltweiten Christentum nach wie vor eine zentrale Rolle und ist zugleich die grausamste und niederträchtigste gedankliche Konstruktion, die Christentum beziehungsweise Kirche sich ausgedacht oder von anderen Religionen übernommen haben. Über eine Zeit von fast zweitausend (!) Jahren wurde den Menschen, die im Herrschaftsbereich der Kirche leben muss­ten, mit ewig andauernden entsetzlichsten Qualen für den Fall ungläubigen Verhaltens gedroht. Wie steht es eigentlich um die Überzeugungskraft einer Bot­schaft, die sich solch brutaler Einschüchterungen bedienen muss? Wie vereinbart sich das eigentlich mit der angeblich unendlichen Barmherzigkeit und Liebe Gottes zu den Menschen?

Jesus selbst, auf den diese über alle Maßen erbarmungslose Strafandrohung zurückgeht, kann nicht besonders überzeugt von der Wirksamkeit seines Predigens und Handelns gewesen sein. Denn er wird nicht müde und fin­det viele Gelegenheiten, auf die Konsequenzen der Ablehnung seiner Botschaft hinzuweisen, und schildert uns die dann zu erwartende Hölle als Ort ewig brennenden Feuers. Und wie vereinbart sich die immer wieder beschwo­rene »unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes« und die auch von Jesus geforderte Nächsten- und sogar Feindesliebe mit solchen ewig (!) andauernden fürchterlichsten Schmerzzufügungen, die jene zu erwarten haben, die bloß seine himmlische Botschaft nicht annehmen mögen? Jede Institution, die heute mit solchen Strafmaßnahmen, gar nie endenden, drohte, um ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen, würde geächtet werden. Man würde das zu Recht als Androhung von Folter bezeichnen. Die Maßstäbe von Humanität gelten aber offenbar nicht für die biblische Lehre.

Angeblich erwartet Gott das freiwillige Ja zu ihm. Wie kann aber von einer freien Entscheidung die Rede sein, wenn die Alternativen so extrem un­gleichwertig sind. Wie kann Gott uns Willensfreiheit ge­ben und gleichzeitig drohend verlangen, dass wir uns für ihn entscheiden? Wie kann man von einer freiwilligen und überzeugten Hin­wendung zum Glauben sprechen, wenn als Alternative nur die denkbar größte persönliche Katastrophe droht!

Dass das Feuer in der Hölle nicht etwa nur im übertragenen Sinn beziehungsweise symbolisch gemeint war, sondern als tatsächlich existierende und schmerzlichste Höllenglut zu verstehen ist, geht aus vielen kirchlichen Lehrbüchern und theologischen Lexika hervor. Auf unzähligen bildlichen Darstellungen mit christlich-religiösen Motiven und zum Beispiel auf vielen Deckenmalereien in Kirchen wird uns das höllische Inferno drastisch vor Augen geführt. Die Kirchen­geschichte kennt nicht wenige Gläubige, die die Hölle als Gottes unwürdig, als Schandmal der christlichen Lehre ansahen und ihre Existenz daher leugneten. Sie mussten für ihre ketzerischen Ansichten prompt schon mal mit einem irdischen Höllenfeuer büßen.

Nach Meinung des Kirchenlehrers Augustinus (354-430) bekamen ungetaufte Kinder das Höllenfeuer zu spüren, »wenn auch in weniger schmerzhafter Weise als alle, die persönliche Schuld auf sich geladen haben«. Später wurde daraus eine Vorhölle, wo ihnen ein von Qualen freier Aufenthaltsort zugewiesen würde. Päpste und Kirchenlehrer bauten im Laufe der Zeit die »Theorie« der Vorhölle, des Fegefeuers, einer Art läuternder und der Überprüfung dienender Zwischenstation, und der eigentlichen Hölle immer weiter aus und legten selbstherrlich fest, wer sicher, wer vielleicht, aus welchen Gründen und wie lange in das Fegefeuer oder für immer in die Hölle kommt und dort mit welcher Intensität gequält wird. 65

Eine solche ausgeklügelte Form von Sadismus kann eigentlich nur kranken oder durch eine Irrlehre deformierten Hirnen entsprungen sein. Dieses Einschüchtern und Drohen mit entsetzlichsten Konsequenzen für das Abweichen vom Glaubenspfad führte dazu – wie die Theologin Uta Ranke-Heinemann sarkastisch vermerkt – dass »der Christ sich mehr vor der Hölle fürchtet, als er sich auf den Himmel freut«. 66 Nach neuester »theologischer Erkenntnis«, durch eine vatikanische Kommission ermittelt und im Jahr 2007 verkündet, gibt es nun auf einmal keine Vorhölle mehr! Ist diesen selbstherrlichen und weltfremden alten Herren im Vatikan wirklich nicht bewusst, welche Anmaßung, Dreistigkeit und bodenlose Einfalt in ihren phantasierten Festlegungen über Vorhölle, Hölle und Fegefeuer steckt?

Somit hat Jesus der Menschheit über seine Verkünder nicht nur die Botschaft der Liebe und des Friedens gebracht, sondern auch die schlimmste aller denkbaren Drohun­gen, denen die Mensch­heit je ausgesetzt war. Abermillionen von Menschen litten und leiden bis heute unter dieser unsäglichen göttlichen Warnung vor ewiger Vergeltung, ewiger Folter. Gemessen an dem Elend, das diese Drohung in den Psychen nicht mehr zu zählender Menschen ausgelöst hat, verblasst die – selbst von Kritikern der christlichen Lehre – Jesus immer noch zugeschriebene einzigartige und vorbildhafte moralische Rolle. Zudem muss­ten ungezählte Menschen lebendigen Leibes den Feuertod erleiden, weil man seinerzeit bibeltreu glaubte, nur auf diese Weise ihre Seelen möglicherweise vor ewiger Höllenpein retten zu können. So betrachtet ist die Person Jesus (bzw. das ihm zugesprochene Wort) – man wagt es kaum auszusprechen, aber die Logik erzwingt es – Initiator für das größte psychische Unheil, das der Mensch­heit – zumindest im Einzugsbereich des christlichen Glaubens – je zugefügt wurde. Selbst wenn man einräumt, dass ebenso viele, vielleicht sogar noch mehr Menschen Trost und Hilfe in dieser Lehre fanden – welch ungeheurer Preis musste dafür bezahlt werden!

Eine Religion, die über Jahrtausende und in vielen Ländern dieser Erde bis heute einen solchen Bestimmungsort für Menschen vorsieht, die sich nicht ihren zusammenphantasierten Vorstellungen fügen, ein Glaubenssystem, das ewige, grauenhafteste Folterungen selbst für nur einmalige Verfehlungen in einem kurzen Leben androht, eine Kirche, die also Folter (!) als selbstverständliche und von Gott eingesetzte Bestrafung für Glaubensungehorsam betrachtet und die über Wort und Bild schon die Psychen der noch Lebenden mit Horrorvisionen quält, verdient nur ein Urteil: menschenunwürdig und menschenverachtend!

Nun kommt das Überraschende: Der derzeit gültige katholische Katechis­mus kennt auf einmal die Hölle als Ort ewig quälenden Feuers nicht mehr! Kein Wort über diese Jahrtausende alte, finsterste Androhung, die über unzählige Predigten, Schrif­ten und Bilder in den Köpfen wehrloser Menschen verankert wurde und stets genutzt werden konnte, Schafe samt aufmuckender Böcke bei der Stange zu halten. Welche Erkenntnisse sind denn in den letzten zwanzig, dreißig Jahren gewonnen worden, dass es nun plötzlich absolut verharmlosend heißt, die Hölle sei ein »Zustand der endgültigen Selbstausschließung aus der Gemeinschaft mit Gott und den Seligen«. An anderer Stelle: »Die schlimmste Pein der Hölle besteht in der ewigen Trennung von Gott …«. 67 Kein Wort mehr von jenen in der Bibel und später von der Kirche dras­tisch ausgemalten ewigen und entsetzlichsten Feuerqualen.

Altbischof Huber meinte in einer Talkshow wörtlich: »Die Hölle gibt es. Aber sie ist leer.« Da frage ich zurück: Hat Gott es sich anders überlegt oder kommt in diesem »Entgegenkommen« nur zum Vorschein, dass das alles theologische Konstruktion war, um Menschen durch Angst zu gehorsamen und demutsvollen Gläubigen zu machen?

Dieses kommentarlose, geradezu skrupellose Fallenlassen einer über zwei Jahrtausende geübten Erpressungspraxis ist von größter Unredlichkeit und Schäbigkeit, vor allem, wenn man sich bewusstmacht, welches unermessliche psychische und physische Unheil in und an Millionen Menschen über die Jahrhunderte angerichtet wurde, und dass sich unter anderem – oder vor allem? – auf Grund die­ser von den Menschen bitterernst genommenen Androhung die zahlenmäßige Größe der Kirche erklärt. Es gibt seitens der Kirchen kein Wort des Bedauerns, keine erklärende Entschuldigung.

Dieser bemerkenswerte – aus der Sicht eines Christen eigentlich erfreuliche – Sinneswandel der Kirche ist nun nicht etwa auf Mitleid mit den Ungläubi­gen oder auf die Wiederentdeckung des in der Bergpredigt geforderten barm­herzigen Miteinanderumgehens zurückzuführen, sondern beruht allein auf der Einsicht, dass man sich mit dieser mittelalterlichen Drohkulisse heute nur noch lächerlich macht. Stillschweigend wird also ein mächtiges und be­währtes Erpressungsmittel gestrichen. Man sieht, die kirchlichen Machtinstrumente greifen aufgrund der wachsenden Aufgeklärtheit der Menschen immer weniger. Und auch was vom dogmatischen Gebälk noch stehengeblieben ist, das ächzt und kracht in allen Fugen.

….

»Niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel«, so heißt es im Glaubensbekenntnis. Aber wer glaubt das so noch? Diesen Worten und diesem Bild liegt offenbar eine Vorstellung von der Welt zugrunde, die eingeteilt ist in die Stockwerke Hölle, Erde und Himmel. Und mit dem Auferstehen eines definitiv Toten haben wir ebenso unsere Probleme, wenn wir den gesamten Vorgang nicht als einen sich außerhalb der Naturgesetze abspielenden auffassen wollen. Dazu allerdings dürften immer weniger Menschen bereit sein.

Einige Theologen, der bekannteste unter ihnen war wohl Rudolf Bult­mann (1884-1976), haben daher versucht, Bibel und Glaubensbekennt­nis zu »entmythologisieren«, das heißt, die ursprüngliche Aussage von den mythischen Vorstellungen und Sprachformen der damaligen Zeit zu befreien und den Text so zu deuten, dass auch ein heutiger Mensch die darin angeblich ent­haltene »eigentliche« Botschaft verstehen und annehmen kann. Für Himmel und Hölle mag man ja noch zeitgemäßere Deutungen finden, aber was soll an dem Bild von der »Auferstehung von den Toten« entmythologisiert werden? Sie wird vom Apostel Paulus, dem ersten und wichtigsten Theologen des Christentums, ganz wörtlich verstanden und zum alles entscheiden­den Kriterium für die Wahrheit dieses Glaubens gemacht: »Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos.« (1. Brief an die Korinther, Kap. 15, Vers 12-19)

Es handelt sich – geht man nach dem Wortlaut der Bibel und seiner kirch­lichen Interpretation – um eine ganz zentrale und eben nicht symbolisch gemeinte Aussage. Der aktuelle katholische Katechismus stellt eindeutig klar: »Angesichts dieser Zeug­nisse [gemeint sind die vielen im Neuen Testament genannten Personen, die Jesus als Wiederauferstandenen gesehen haben wollen, U. L.] ist es unmög­lich, die Auferstehung als etwas zu interpretieren, das nicht der physischen Ordnung angehört, und sie nicht als ein geschichtliches Faktum anzuerkennen.« Was dort etwas umständlich formuliert wurde, heißt im Klartext: Wir, die katholische Kirche, sind im Sinne eines im Prinzip nachprüfbaren ge­schichtlichen Ereignisses davon überzeugt, dass entgegen aller menschlichen Erfahrung und entgegen allen Gesetzen der Biologie Jesus tatsächlich und leibhaftig, obwohl bereits tot, wieder erweckt wurde und als lebendiger Mensch unter seinen Jüngern weilte. Zur Himmelfahrt heißt es im katholischen Katechismus vielsagend, dass »es ein geschichtliches und zugleich trans­zendentes Ereignis« sei. Ansonsten sind die Ausführungen, was das kon­krete Geschehen der so genannten Himmelfahrt betrifft, von einer bemerkens­werten Unbestimmtheit. 68

Der Theologe Gerd Lüdemann, Universität Göttingen, bestreitet, wie viele andere Theologen auch, die Tatsache der Auferstehung. Er sagte in einem Interview: »Was mich von früheren und heutigen Kollegen, die meine Ansicht teilten und teilen, unterscheidet, ist meine jahrzehntelange und strikte Information der Öffentlichkeit über diesen ›weltgeschichtlichen Humbug‹, wie David Friedrich Strauß die Auferstehung bezeichnete. [D. F. Strauß, 1808-1874, deutscher Philosoph und Theologe; Begründer der historisch-kritischen Forschung über das Leben vom Jesus; U. L.] … Nach meiner Erfahrung sagen 50 Prozent der Theologieprofessoren, evangelische wie katholische, dass die Auferstehung nicht stattgefunden hat. Sie sagen das aber nur ihren Studenten. Die andere Hälfte schweigt aus Gründen der Opportunität«. 69 Eigentlich ist das eine ungeheuerliche Aussage, die für mich die ganze Brüchigkeit und Unwahrhaftigkeit der christlichen Theologie bloßlegt.

So ganz nebenbei bemerkt: Wenn die Auferstehung und das anschlie­ßende Erscheinen unter seinen Jüngern von so zentraler Bedeutung für die christliche Botschaft sind, warum zeigte sich der Auferstandene nicht auch Pontius Pilatus und den Hohen Priestern? Das wäre wahrlich ein erstrangiges und vor allem geschichtlich dokumentiertes Zeugnis seiner außerirdischen Herkunft und göttlichen Macht gewesen. …

Resümierend möchte ich feststellen, dass für mich der christliche Glaube nichts anderes ist als eine – zugegeben eindrucksvoll ausgefeilte – gedankliche Konstruktion, die sich aus älteren religiösen Vorbildern und uralten Mythen im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat, dabei zugleich immer auch ein Instrument machtpolitischen Agierens war. Es handelt sich für mich um ein Gedankengebäude, das als Wunschvorstellung aus dem Bedürfnis nach Überwindung von Not, Krank­heit und Tod entstand, dessen Bezugspunkt im Jenseits nur in den Köpfen der Gläubigen existiert und dem im Diesseits jede glaubwürdige Begründung fehlt. Dass dieser Glaube für unzählige Menschen dennoch von großer Anziehungskraft ist, zumal ohnehin die allermeisten in diesen hineingeboren und »hineinerzogen« wurden, erklärt sich u. a. aus Ver­zweiflung und Angst und der daraus entstandenen »vertrauenden Hoffnung« auf Erlösung aus irdischem Leid, auf Wie­dergeburt und ausgleichende Gerechtigkeit dermaleinst im Jenseits.

Bedingt durch eine zweitausendjährige »Bauzeit« ist zweifellos ein Gebäude von geradezu überwältigender Größe entstanden, sowohl in seiner äußeren Erscheinung wie in seinen geistigen, sprich theologischen Dimensi­onen. Da erscheint es ruchlos und vermessen und die eigene Größe maßlos überschätzend, sicherlich auch viele Gläubige und ehrlich und uneigennützig engagierte Priester, Pfarrer und Pfarrerinnen vor den Kopf stoßend, wenn man dieses Glaubensgebäude, das Trost und Hilfe nicht nur verspricht, sondern in ungezählten Fällen auch spendete und spendet, als bloße Projektion unserer sehnlichsten Wünsche bezeichnet, als ein Gebäude, das allenfalls im Diesseits seinen Grund hat.

Und der Petersdom in seiner majestätischen Größe, das einmalige kirchenmusikalische Schaffen eines Johann Sebastian Bach oder gar das opfervolle Leben so vieler Menschen, die sich ausschließlich ihrem Gott und ihrem Glauben hingaben – alles das soll letztlich nur einer Einbildung geschuldet sein? Es fällt nicht leicht, darauf mit einem betonten »Ja« zu antworten. Aber haben wir Skrupel, dasselbe über Menschen auszusprechen, die einem anderen Glauben anhängen, über die Azteken oder Assyrer etwa, die sei­nerzeit im Rahmen ihrer Glaubenssysteme ihre Götter auch mit größter Inbrunst und Überzeugung verehrten, oder über Moslems oder Hindus, die ihren Gott beziehungsweise ihre Götter ebenfalls als real existierend betrachten?

Ich kann weder an einen personalen Gott glauben, also an Gott als Person, noch existiert für mich das, was die Theologen Willensfreiheit nennen, die Freiheit, mich für oder gegen diesen Gott zu entscheiden. Die Willensfreiheit musste um des christlichen Glaubens willen erfunden werden, sie ist ebenso eine Illusion. Und auch die versprochene Unsterblichkeit des Menschen ist für mich nichts anderes als das gedankliche Ergebnis inbrünstigen Erhoffens. Diese drei »Grundpfeiler der westlichen Metaphysik« (Szczesny), also auch der christlichen Religion, haben sich für mich als eine Fiktion entpuppt, die für mich deshalb keinen Glauben begründen können. Insofern ist auch der Opfertod von Jesus für mich ohne Bedeutung. »Für mich muss niemand sterben«, wie es ein Freund von mir einmal ausdrückte.

Auf jedem noch so verstiegenen oder einfachen, abartigen oder auch vernünftigen Gedanken, wenn er denn nur ein irgendwie manipulierbares und aus­beutbares menschliches Bedürfnis anspricht, lässt sich offenbar ein kom­plexes Glaubensgebäude errichten. Mit theologischer Hilfe ist ein solches Ge­bäude nach einer gewissen Zeit fertiggestellt und bietet einer verunsicherten Psyche eine willkommene Gelegenheit, sich hineinzuflüchten. Die christliche Lehre ist für mich ein Beispiel für eine solche gedankliche Konstruktion. Die ursprüngliche Idee, der Traum von einem Weiterleben im Jenseits, ist in den Rang einer subjektiven Wahrheit, einer nicht mehr in Frage gestellten Wirk­lichkeit gerückt. Einbildung und Wirklichkeit sind nicht mehr unterscheidbar. Wie vielen Menschen christlichen Glaubens ist eigentlich diese irrationale Wand­lung von einem bloßen Wunsch zu einer festen Überzeugung bewusst? Und wenn sie ihnen bewusst ist, wollen sie sich diese eingestehen? Dabei ist nicht zu leugnen, dass der christliche Glaube auch heute noch vielen Millionen Menschen Trost und Geborgenheit bedeutet. Aber ebenso wenig sind die intellektuellen Zumutungen und nicht wieder gutzumachenden Verfehlungen und Untaten zu ignorieren, die aus dieser Glaubensidee erwuchsen.

Denn was für eine absurde Konstruktion! Eine Erbsünde, die jedem Gerechtigkeitsempfinden zuwiderläuft, verbunden mit der Behauptung der da­durch bedingten absoluten Sündhaftigkeit des Menschen. Es heißt, dass er seiner Verderbtheit wegen der Erlösung durch ein schaurig-blutiges Menschenopfer bedürfe. Das Dogma des dreifaltigen Gottes einsichtig zu erklä­ren gelingt nicht einmal Theologen. Doch nur der unbedingte Glaube an die­se Botschaft führt ins Paradies und zu ewigem Leben, andernfalls droht ent­setzliche Apokalypse und Höllenpein, sprich: ewige Folter. Zur frohen Bot­schaft des Heilsversprechens gesellt sich als ständiger Begleiter die unterschwellige Angst vor der Rache Gottes. Der Auftrag, die Nachricht von dem versprochenen Heil in alle Welt zu tragen, wurde mit gnadenloser Unduldsam­keit ausgeführt und verlangte der übrigen Menschheit millionenfach Opfer ab.

Jahwe begann übrigens als kleiner Wettergott auf dem Sinai und wurde nach und nach durch die Priester zum allmächtigen und allwissenden Vatergott der Christen aufgebaut (s. Anm. 24). Trotz seiner Allwissenheit täuschte er sich über die Natur der Menschen und musste seine Fehleinschätzung durch Sintflut und Opfern seines Sohnes Jesus korrigieren. Dieser gefolterte und sadistisch hingerichtete Jesus am Kreuz als Symbol für eine Lehre der barmherzigen Liebe Gottes zu den Menschen? Man sehe es mir nach, wenn ich zu dieser obskuren Kopfgeburt ein entschiedenes »Nein, danke!« sage.

Welch ein Kontrast wiederum zwischen dieser Glaubensbeschreibung und der fröhlichen Fröm­migkeit eines überzeugten Kirchgängers oder dem hoffnungserfüllten Beten eines Wallfahrers. Was fehlt mir, dass ich mich einer solchen heilsgewissen Gläubigkeit verweigere? Fehlt mir Angst, mangelt es mir an Unbedarftheit oder entbehre ich jener »höheren Einsicht«, die mich mit leuchtenden Augen in eine Sphäre entrücken ließe, wo mich keine Vernunft mehr irritiert und keine Zweifel mehr quälen? …

 

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Ausschnitte aus Kapitel VII:

Überlegungen zu einem alternativen Welt- und Menschenbild

 

In den Kapiteln I bis IV habe ich den Versuch unternommen, wesentliche Erkenntnisse heutiger Naturwissenschaft zusammenzutragen; jedenfalls sol­che, die mir für ein Weltbild bedeutsam erscheinen und dem heutigen Wissensstand gerecht werden. Vor allem die Einsichten der Astro­physik, der Mi­krophysik, der Synthetischen Evolutionsbiologie, der Hirnforschung sowie der modernen Soziobiologie sind es, die mein Bild von Mensch und Welt zeichnen. Diese Einsichten bilden die Basis einer – wie man sagt – naturalis­tischen Weltanschauung. Die Grundaussage des Naturalismus lautet, dass die Naturwissenschaft alles, was für uns erkennbar existiert, also alles Materielle, auch alles Geistige und Moralische, nach Entstehung, Struktur und Funktion im Prinzip erklären kann. Der Naturalismus betont die Einheit von Geist und Materie. Auch Geist und Bewusstsein seien Teil beziehungsweise Funktion der materiellen Natur, somit auch der naturwissenschaftlichen Erforschung zugänglich. Naturwissenschaft ihrerseits gründet auf Logik und Empirie, ge­nauer: Beobachtung, Hypothesenbildung, Experiment, Überprüfung und Theoriebildung.

Nach naturalistischer Auffassung bedarf es zur Erklärung der für uns sicht- und erfahrbaren Welt prinzipiell keiner übernatürlichen Phänomene, vor allem gibt es keine Wunder und keine unkörperlichen Wesenheiten. Auch angeblich aus einer jenseitigen Welt empfangene Einsichten und Erleuchtun­gen gelten als irrelevant bezüglich Erkenntnis und Bedeutung, weil deren Quelle unbekannt und nicht überprüfbar ist. Ob es über die für uns erfahrbare Welt hinaus noch etwas gibt, was wir möglicherweise prinzipiell nicht er­fassen und begreifen können, ist für mich dagegen eine offene Frage. Dass es Dinge »zwischen Himmel und Erde« gibt, die wir derzeit wissenschaftlich nicht erklären und einordnen können, das allerdings steht ohne Zweifel fest.

Betrachtet man die Summe an Erkenntnissen, die die Naturwissenschaf­ten in den letzten hundert Jahren zusammengetragen haben, dann kann man un­geachtet aller bestehender, teilweise sogar gravierender Wissenslü­cken ohne Überheblichkeit feststellen, dass sich naturwissenschaftliche Methoden zur Erklärung der Welt philosophischen, theologischen und auch geisteswissenschaftlichen Methoden gegenüber als überlegen erwiesen haben – trotz der hypothetischen Natur aller Erkenntnis. Und in erster Linie sind es heute die Naturwissenschaften und die aus ihnen hervorgehenden Technologien, die uns mit Fragen gesellschaftlich relevanter Zielsetzung, des Sinns und der Ethik herausfordern, und nicht die Philosophie und auch nicht die Geisteswissenschaften. Es sind meines Erachtens die Naturwissenschaften, die Wirklichkeitswissenschaften, deren Methoden und Erkenntnisse das Potential haben, Philosophie und Geisteswissenschaften anzuregen und weiterzuentwickeln. Deshalb verkennt der kritisch-polemische Vorwurf, die Naturwissenschaften hätten einen »naturalistisch-szientistisch verengten« und »reduktionistischen« Wissenschaftsbegriff (Habermas) dessen tatsächliches wissensgenerierendes und erkenntniserweiterndes Vermögen.

Eng mit den Grundaussagen eines Menschen- und Weltbildes hängt die Frage nach dem Sinn des Lebens zusammen, insbesondere die Frage, welches Bestreben und welche Bedeutung man dem eigenen Dasein zuschreibt. Der gläubige und sein Leben bewusst im Sinne der christlichen Lehre gestaltende Mensch wird den Sinn seines Lebens in einer auf Gott ausgerichte­ten und Gott wohlgefälligen Lebensführung sehen. Er sieht sein Leben als Gottesgeschenk an, unabhängig davon, dass die Wissenschaft den Akt der Menschwerdung durch einen evolutionären Prozess erklären und begründen kann. Das irdische Dasein ist für ihn die Vorbereitung auf ein dies­seitiges Leid ausgleichendes und ewiges Leben einst im Jenseits. All sein Tun und Trachten hier auf Erden ist letztlich an diesem obersten Ziel orientiert. Die meisten Menschen allerdings – das dürfte eine sicher nicht willkürliche Behauptung sein – machen sich in dieser Hinsicht wenig oder keine Gedanken – bis zu dem Zeitpunkt, an dem ein schwerer Schicksalsschlag, wie eine lebensverkürzende Krankheit oder der Tod eines nahestehenden Menschen, ein Nachdenken über sich selbst und das bloße tägliche Funktionieren auslöst.

Wer die Welt aus naturalistischer Sicht betrachtet und wem das christliche Menschenbild keine akzeptable Sinnperspektive mehr bietet, braucht neue und andere Antworten auf zwei wesensverschiedene Fragen, wenn er denn überhaupt an einer diesbezüglichen Orientierung interessiert ist. Erstens: Was ist der Mensch aus der Sicht der heutigen Wissenschaft, speziell der Biologie, Hirnforschung und Soziobiologie? Damit befasst sich die Anthropologie, die Lehre von den Eigenschaften und Verhaltensweisen des Menschen. Während früher fast ausschließlich die Philosophie sich dieser Thematik annahm, kom­men heute die entscheidenden Einsichten aus den Naturwissenschaften und aus einer naturwissenschaftlich orientierten Psychologie und Soziologie. Die Frage ist, ob der Mensch in seinem Wesen mehr ist, als man empirisch an ihm feststellen kann. Welche Wesensmerkmale kennzeichnen ihn, die er nur sich selbst zuschreibt? Zweitens: Welche Werte und Normen sollen für den Menschen heute und zukünftig gelten, wenn herkömmliche, christlich-religiös begründete Maßstäbe für das, was »gut« und »böse« sei – Stichworte etwa Embryonenforschung oder Sterbehilfe – nicht mehr allgemein akzeptiert werden? Für diese Fragen ist die Ethik zuständig, die Lehre vom richtigen und verantwortungsbewussten Handeln. Auch die Ethik war ursprüng­lich eine Thematik, die in den Zuständigkeitsbereich der Philosophie fiel, später meldete die Theologie hier ihre Ansprüche an. Inzwischen schickt sich die Soziobiologie an, moralisches Verhalten von Menschen und Gesellschaften als Ergebnis der biologischen und kulturellen Evolution zu erklären. Damit ist in jüngster Zeit eine natur­wissenschaftlich (!) orientierte Disziplin aufgetreten, die dem Anspruch von Kirche und Religion widerspricht, in Fragen der Moral beziehungsweise Ethik allein als urteilende Erst- und Letztinstanz legitimiert zu sein. Die So­ziobiologie widerlegt mit ihren Erkenntnissen die Jahrtausende alte Vorstel­lung, dass nur Gott als Ursprung aller Moral und Sittlichkeit gelten könne.

Was die erste Frage betrifft, so ist in Kapitel III dargelegt worden, wie Physik und Biologie heute das Entstehen von Welt und Mensch beschreiben und erklären. Welt und Mensch sind – so desillusionierend, ja erschütternd das auch empfunden werden mag – absichtslos entstanden, sie sind das Ergebnis ungeplanter, aber naturgesetzlich gesteuerter Selbstorganisationsprozesse der Materie, die im Verlauf der Entwicklung zu immer komplexeren Ausformungen führten. Der Mensch als Wesen ist das, was die Evolution als Ergebnis von Zufall und Notwendigkeit, also zufälligen Änderungen des Erb­guts und notwendiger Bewährung in der vorgefundenen Umwelt hervorgebracht hat. Er war weder geplant noch von irgendeiner Instanz »gewollt«. Das Existierende erscheint uns nur deshalb als gewollt, weil wir gewohnt sind, Zweckmäßiges, Sinnvolles und Angepasstes in den Kategorien von Ziel, Sinn und Plan zu interpretieren.

Aber nicht nur das körperliche Werden des Menschen ist in seinem Entstehen entzaubert worden. Die Hirnforschung ist längst dabei, auch den Geist des Menschen als ein erklärbares Phänomen zu betrachten. Das unlösbar erscheinende Leib-Seele-Problem erweist sich zuneh­mend als Scheinproblem. Die Doppelnatur des Menschen – sowohl ein körperliches wie ein geistiges Wesen zu sein – existiert nur als philosophisch-theologisches Konstrukt. Die Deutung des Menschen als beseeltes Geschöpf Gottes und sein Ebenbild bleibt allenfalls ein poetischer, ein die nur gedachte Seele erwärmender Gedanke.

In den folgenden Unterkapiteln möchte ich versuchen, diese Fragen zu beantworten und meine Alternativen aufzuzeigen. Ich werde zunächst für mich klären, was der Sinn des Lebens und speziell der meines Lebens sein könnte. Dabei werde ich sehr wohl registrieren, welche Gedanken andere Menschen dazu äußern, und diese in meine Überlegungen einbeziehen. Davon ausgehend werde ich die Ideen eines sich neu formierenden Humanismus aufgreifen und den Versuch unternehmen, für mich ein Lebens- und Verhaltenskonzept zu skizzieren, das meinen persönlichen Vorstellungen entspricht. An zwei Beispielen – der vorgeburtlichen Diagnostik und der Selbstbestimmung am Lebensende – möchte ich mein humanistisches Lebenskonzept punktuell konkretisieren. Denn je konkreter die moralisch-ethischen Fragen des täglichen Lebens gestellt werden, umso deutlicher der Bedarf nach weltanschaulicher Orientierung, und je konkreter sie beantwortet werden, umso klarer werden die Unterschiede zwischen religiöser und säkularer Lebensauffassung erkennbar.

Allerdings sieht sich ein weltlicher Humanismus umstellt von religiösen – christlichen, jüdischen und verstärkt in letzter Zeit islamischen – Kräften, die versuchen, mit politischen, juristischen, pädagogischen und medialen Mitteln die Entfaltung einer alternativen Weltanschauung zu behindern, wenn nicht zu verhindern. Diese weltanschaulichen Konflikte gefährden in einer zunehmend multiweltanschaulichen Gesellschaft den sozialen Frieden. Die Lösung kann nur in einer laizistischen Gesellschaftsordnung bestehen, das heißt, in einer konsequenten Trennung von Staat und Religion. Das letzte Unterkapitel schließ­lich wagt unter dem Stichwort Transhumanismus die physische, psychische und soziale Weiterentwicklung des Menschen und seiner tiefen Sehnsucht nach dauerhafter Existenz zu thematisieren und die phantastischen, aber durch­aus problematischen Möglichkeiten anzusprechen, die in der geplanten Fortführung der Evolution durch den Menschen selbst liegen könnten.

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  Bekenntnis zu einem humanistischen Lebenskonzept

 Ich habe nicht die Vorstellung von einem Gott, der über mir steht und mir dereinst das ewige Leben schenken wird, sofern ich mich denn dieser Gnade überhaupt würdig erwiesen hätte. Ich habe die Erkenntnis meiner endgültigen Sterblichkeit akzeptiert und versuche beziehungsweise versuchte, dieses eine Leben so zu gestalten, dass ich es rückblickend als zufriedenstellend, hin­sichtlich mancher Lebensphasen vielleicht sogar als erfüllt im schönsten Sinne des Wortes betrachten kann. Wenn es mir darüber hinaus immer mal wieder gelungen sein sollte, anderen Menschen zur Verbesserung ihrer Lebenssituation und zu mehr Freude in ihrem Leben verholfen zu haben, dann hätte ich das Gefühl, im Rahmen der mir gegebenen Möglichkeiten ein Leben geführt zu haben, das eine gewisse Bedeutung gehabt hat.

Nun muss ich allerdings erkennen, dass ich nach einem Dreivierteljahrhundert gelebten Lebens in der Situation bin, inzwischen mehr zurück als nach vorn zu schauen. Insofern kann ich vieles von dem, was ich bisher über ein sinnvolles und erfülltes Leben gesagt habe, gar nicht mehr selbst umsetzen. Ich denke, dass dies der Tatsache geschuldet ist, in einer Zeit zu leben, in der die alten, wie selbstverständlich christlich-kirchlich bestimmten Lebenskonzepte noch wirken, während die neu aufkeimenden, sich davon eman­zipierenden und durch wissenschaftliche Erkenntnisse geprägten Modelle noch nicht genügend entwickelt oder bekannt waren, um als Alternativen zur Verfügung zu stehen. Viel zu spät ist mir dieser Umstand klargeworden. Menschen der kommenden Generationen werden es leichter haben, sich der Aufgabe bewusst zu werden, dass sie selbst ihrem Leben Sinn geben und sich daher freimachen müssen von ungewollt übernommenen traditionellen Vorgaben. Mir bleibt nur übrig, mich in der verbleibenden Zeit nach einem Lebenskonzept auszurichten, das den oben und nachfolgend beschriebenen grundsätzlichen Einsichten so weit wie möglich gerecht wird.

Konkret sehe ich ein solches Lebenskonzept im Humanismus formuliert, der in seiner neuzeitlichen Form (»Neuer Humanismus«) ein wissenschaftlich fundiertes Menschenbild mit einer diesseitig begründeten Ethik verbindet und dessen Leitprinzip die Selbstbestimmung ist. Der Humanismus der Aufklärung war philosophisch-geisteswissenschaftlich ausgerichtet und entwickelte sich in der Auseinandersetzung mit der christlichen Lehre. Der sich formierende neue Humanismus begründet seine Auffassungen über das menschliche »Sein und Sollen« weniger aus der Gegnerschaft zu Kirche, Christentum und Religion allgemein, sondern leitet zum einen seine Vorstellungen aus den Erkenntnissen der heutigen Naturwissenschaften ab, speziell der Kosmologie, Evolutionsbiologie, Genetik und Hirnforschung. Zum anderen liegen seinem Moral- bzw. Ethikkonzept nicht mehr die angeblich metaphysisch vorgegebenen Kategorien »gut«, »böse« oder »schuldig« zu Grunde, sondern solche, die un­mittelbar an den realen, tatsächlichen Interessen und Bedürfnissen der Men­schen orientiert sind.

Das in Kapitel V, 3 »Ist Moral ohne Gott möglich?« dargestellte Prinzip Fairness mit den Beurteilungskriterien »fair« beziehungsweise »unfair« bei der Lösung von Interessenkonflikten, die zwischen Menschen natürlicher­weise bestehen, scheint mir ein sehr gelungener, ein den Menschen gerecht werdender Ansatz zu sein. Im Zentrum meines humanistischen Konzepts steht jedenfalls für mich die Aussage, die in den Ohren vieler Menschen wie eine Provokation klingen mag, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei und nicht eine vermeintlich über uns stehende jenseitige Gottheit. Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst, dass der bloße Austausch von Instanzen noch keine Garantie für eine bessere Lösung darstellt. Aber nicht einzelne Menschen sollen hier über grundlegende Normen entscheiden, sondern miteinander kommunizierende Menschen, die aufgrund von Sachverstand, Lebenserfahrung und Folgenabschätzung wägen und urteilen. Insofern hätten Ethik-Kommissionen, wie sie derzeit im gesellschaftspolitischen Raum exis­tieren, ihre Berechtigung, wenn sie denn tatsächlich ein Spiegelbild der moralisch-ethischen bzw. weltanschaulichen Auffassungen der Bürger der Bundesrepu­blik Deutschland und nicht einseitig kirchlich-religiös dominiert wären.

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Der hier skizzierte Humanismus versteht sich somit als eine weltliche Alter­native zur Religion, als eine Weltsicht, die ohne Götter, Propheten und Priester auskommt, kein angeblich von einem Gott diktiertes heiliges Buch und keine Dogmen kennt, das Wissen über die Welt und den Menschen vor allem aus den Naturwissenschaften gewinnt, sich von überkommenen, metaphysischen Moralvorstellungen löst, stattdessen ethische Normen an den fundamentalen Bedürfnissen und Interessen der Menschen orientiert. Es ist deshalb der oft geäußerten Meinung zu widerspre­chen, dass der weltliche Humanismus beziehungsweise der Atheismus auch eine Form des Glaubens sei, mitunter wird sogar von einem »religiösen Atheismus« gesprochen. Wenn zum Wesen einer Religion die Annahme einer jenseitigen Instanz gehört, die in irgendeiner Weise auf mein Leben Einfluss nimmt, dann ist es unsinnig und unlogisch, auch dem weltlichen Humanismus oder dem Atheismus religiöse Züge zuzusprechen oder diesen als einen »Glauben« zu bezeichnen.

Helmut Fink (*1965) schreibt in »Der neue Humanismus – Wissenschaft­liches Menschenbild und säkulare Ethik«: »Der alte Humanismus konnte noch als ›christlicher Humanismus‹ verstanden und gelebt werden. Der neue Humanismus ist weltlich. … Der alte Humanismus konnte noch rein geisteswissenschaftlich betrieben werden. Der neue Humanismus ist naturalistisch.« Und weiter sagt er: »Der neue Humanismus grenzt sich gegenüber dem neuen Atheismus bewusst konzeptionell ab: Atheismus ist eine bloße Negativaussage. … Weltanschauliche Fragen brauchen positive Antworten. Es gibt die Welt. Und es gibt den Menschen und seine Anlagen, sein Verhalten und seine Vorstellungen und Ziele, seine Bedürfnisse und Interessen. Es gibt nichtreligiöse Sinnsuche (oder präziser: nichtreligiöse Sinnkonstruktions­bedürfnisse) und es gibt religionsfreies Kulturschaffen. Der Mensch braucht für seine Orientierung im Leben positive Werte und Ethik, und hierfür bleibt der (säkulare) Humanismus ein unverzichtbarer Ideenfundus und Kulturbestand. Der neue Atheismus alleine kann in weltanschaulicher Hinsicht nicht befriedigen. Der neue Atheismus ist eine Absage an Gott. Der neue Humanis­mus ist eine Zusage an den Menschen.« (Hervorhebungen im Original)  8

Dieser »Neue Humanismus« ist nach allem bisher Gesagten also ebenfalls eine Weltanschauung aber eben kein Glauben im herkömmlichen Sinn. Der neue Humanismus besteht vereinfacht gesagt aus drei Komponenten: Einem naturalistischen Weltbild, einem säkularen Wertesystem und einer strikten Diesseitsorientierung. Für mich persönlich würde ich mein humanistisches Bekenntnis so beschreiben:

Erstens: Ich betrachte das, was die heutigen Naturwissenschaften als derzeit gesicherte Erkenntnis ansehen, für mich zunächst einmal als maßgebend und als Basis für alle weiteren Überlegungen. Vor allem ist es die rationale, logische und systematische Denkweise der heutigen Naturwissenschaften und ihre empirische Verankerung, die ich mir zum Vorbild genommen habe. Nach meiner Überzeugung bilden rational-logisches Denken und naturwissenschaftlich erarbeitetes Wissen die sicherste und intellektuell befriedigendste Basis für unser Denken und Handeln. Denn worüber man nichts Begründetes sagen kann, kann man allenfalls spekulieren. Sich seines Denkvermögens zu bedienen, heißt deshalb für mich, nichts zu »glauben«, was dem Verstand und wissenschaftlicher Erkenntnis eindeutig widerspricht. Auch bin ich höchst skeptisch allem gegenüber, was Gültigkeit, ja Wahrheit behauptet, ohne dafür wenigstens plausible Gründe angeben zu können. Dass Wissenschaft heute noch vieles nicht erklären kann und dass das eigene Wissen begrenzt und unabgeschlossen bleibt, soll dennoch nicht bestritten werden.

Zweitens: Ein säkulares Wertesystem kennt statt einer göttlich gestifteten Moral eine vernunftbasierte Ethik. Ein solches säkulares Wertesystem orientiert seine Normen und Regeln an den fundamentalen Bedürfnissen und Interessen der Menschen. …