Leseprobe aus Kapitel VIII: Warum ich kein Christ sein will

Lese­pro­ben:
Kapi­tel III: Natur­wis­sen­schaft, Reli­gi­on und mensch­li­ches Selbst­ver­ständ­nis
Kapi­tel V: Nach­den­ken über Gott, Gott­ver­trau­en und Moral
Kapi­tel VI: End­gül­ti­ger Abschied von Chris­ten­tum und Kir­che
Kapi­tel VII: Über­le­gun­gen zu einem alter­na­ti­ven Welt- und Men­schen­bild
Kapi­tel VIII: Mein »Cre­do«

Mein »Credo«

Die­se Reli­gi­on, die­se ideo­lo­gi­sche Kon­struk­ti­on, bil­det die Ursa­che einer unglaub­lich gro­ßen Zahl an Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit, die stets im Namen des ange­be­te­ten Got­tes erfolg­ten und die die­ser angeb­lich barm­her­zi­ge Gott doch nie ver­hin­dert hat. Auch wenn die­se Reli­gi­on gleich­zei­tig sehr vie­len Men­schen Trost, Hil­fe und Lebens­sinn gege­ben hat und noch immer gibt, ist das für mich nicht im Gerings­ten ein Beleg für ihren Wahr­heits­ge­halt. Vor allem der mora­li­sche Gehalt gro­ßer Tei­le der Bibel bewegt sich weit unter­halb der durch Auf­klä­rung, Men­schen­rechts­er­klä­run­gen und staat­li­che Ver­fas­sun­gen, zum Bei­spiel die der Bundesre­publik Deutsch­land, gesetz­ten Stan­dards und wird daher von mir als Maß­stab mei­nes Han­delns abge­lehnt. Ich emp­fand zeit­le­bens den Wider­spruch empö­rend zwi­schen der ver­kün­de­ten Leh­re und der Jahr­tau­sen­de wäh­ren­den Pra­xis des Groß­teils der füh­ren­den Reprä­sen­tan­ten der Kir­che. Ich sehe dabei gleich­zei­tig das muti­ge und auf­op­fe­rungs­vol­le Bemü­hen unzäh­li­ger Pfar­rer, Pfar­re­rin­nen und ande­rer über­zeug­ter Chris­ten, die die­ser Leh­re anhän­gen, dabei aber nicht sel­ten auf die Stim­me ihres Her­zens hör­ten und hören. Was ich etwas pathe­tisch als »Stim­me des Her­zens« bezeich­ne, ist für mich das Ergeb­nis einer bio­lo­gi­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on. Im Zwei­fel lie­ßen sie ihr Gefühl und ihre Ein­sicht spre­chen, statt den Wei­sun­gen von Bischö­fen und Päps­ten oder frag­wür­di­gen Gebo­ten hei­li­ger Tex­te zu fol­gen.

Ich möch­te hier noch ein­mal fest­hal­ten: Mich trennt sehr viel von den intel­lek­tu­el­len Zumu­tun­gen des christ­li­chen Glau­bens und dem anma­ßen­den poli­ti­schen Anspruch der Kir­chen. Mich trennt schon sehr viel weni­ger von einem enga­gier­ten Kir­chen­mann, der Nächs­ten­lie­be und Soli­da­ri­tät mit Schwa­chen und Benach­tei­lig­ten tat­säch­lich prak­ti­ziert. Denn je mehr ein Pfar­rer oder eine Pfar­re­rin sich um Men­schen in Bedräng­nis und Leid küm­mert, umso weni­ger hat er oder sie Zeit und Anlass, bibli­sche Legen­den zu ver­kün­den. Mich ver­bin­det viel mit einem ein­fa­chen Kir­chen­mit­glied, des­sen Bekennt­nis zwar dar­in besteht, ganz all­ge­mein an Gott zu glau­ben, des­sen Bemü­hen sich ansons­ten im Wesent­li­chen dar­in aus­drückt, ein »guter Christ« sein zu wol­len, was aber meist nur heißt, dass er im wohl­mei­nen­den Sinn ein »guter Mensch« sein will – mit­füh­lend, hilfs­be­reit, auf­rich­tig.

Ich selbst ver­wen­de für mich den Begriff Athe­ist kaum, obwohl von mei­ner Auf­fas­sung her eine sol­che Bezeich­nung zutref­fend wäre. Den Begriff Huma­nist hal­te ich für ange­mes­se­ner und aus­sa­ge­kräf­ti­ger. Ich defi­nie­re mei­ne Welt­an­schau­ung weni­ger durch Nega­ti­on einer Auf­fas­sung als viel­mehr posi­tiv durch Cha­rak­te­ri­sie­rung der Kom­po­nen­ten, die mei­ne Welt­anschauung beschrei­ben: ein natu­ra­lis­ti­sches Welt­bild, ein säku­lar begründe­tes Wer­te­sys­tem und eine strik­te Dies­seits­ori­en­tie­rung. Sie sind das Ergeb­nis mei­nes »ver­nunft­ge­lei­te­ten« Nach­den­kens und das vie­ler ande­rer Men­schen über die Welt und unse­re Rol­le dar­in. Ein per­sön­li­cher Gott und barmherzi­ger Wel­ten­len­ker kommt in mei­nem Welt­bild nicht vor, denn ich kann beim bes­ten Wil­len die Grund­la­gen zu einem sol­chen Glau­ben nicht erken­nen. Der ame­ri­ka­ni­sche Poli­ti­ker Robert G. Inger­soll (1833–1899) hat die­sen Zwie­spalt sehr tref­fend so auf den Punkt gebracht: »Wenn die Bibel und mein Ver­stand vom sel­ben Schöp­fer stam­men, wes­sen Schuld ist es dann, dass sich die Bibel und mein Ver­stand ein­fach nicht ver­tra­gen kön­nen?« 3

Die Über­le­gen­heit einer natu­ra­lis­ti­schen Welt­sicht zeigt sich vor allem in der welt­wei­ten Gül­tig­keit ihrer Grund­la­gen. In jedem Land der Welt, unab­hän­gig von der jewei­li­gen Kul­tur, gilt die glei­che Phy­sik und – wenn sie denn wis­sen­schaft­lich betrie­ben wird – auch die glei­che Bio­lo­gie. Die­se welt­wei­te Gül­tig­keit kann man den zahl­lo­sen und grund­ver­schie­de­nen Leh­ren vom »rech­ten Weg zum See­len­heil« gewiss nicht zuspre­chen. Reli­gio­nen pre­di­gen den Men­schen, was sie den­ken sol­len, die Wis­sen­schaf­ten, spe­zi­ell die Natur­wis­sen­schaf­ten zei­gen den Men­schen, wie sie den­ken sol­len, um zu wirk­lich­keits­ge­rech­ten und damit dem Men­schen dien­li­chen Erkennt­nis­sen zu gelan­gen.

Bei aller Pro­ble­ma­tik auch einer natur- (bzw. wirklichkeits-)wissenschaft­lichen Ori­en­tie­rung unse­res Den­kens und Han­delns ist fest­zu­hal­ten, dass wir über kei­ne ver­läss­li­che­re Mög­lich­keit ver­fü­gen, uns die­se Welt zu erklä­ren und so ein­zu­rich­ten, dass sie der­einst mal ein Ort wer­den könn­te, der als bibli­sche Hoff­nung mit dem Begriff Para­dies bezeich­net wird. So uto­pisch die­ser Gedan­ke uns heu­te auch erschei­nen mag – wenn der Sinn des Lebens dar­in gese­hen wird, »glück­lich zu wer­den und ande­ren eben­so zu Freu­de und Glück zu ver­hel­fen«, und wenn gleich­zei­tig »Leid und Schmerz von Mensch und Tier so weit wie mög­lich gemin­dert wer­den« – war­um soll­te nicht in fer­ner Zukunft die­se Erde ein dies­sei­ti­ger »Gar­ten Eden« sein kön­nen? War­um soll­te es aus­ge­schlos­sen sein, dass im Dies­seits das wirk­lich wird, was die Reli­gi­on für ein angeb­li­ches Jen­seits nur ver­spricht? Allein moder­ne Land­wirtschaft und Medi­zin haben hun­gern­den und kran­ken Men­schen mehr an rea­lem »Trost« bie­ten kön­nen als Glau­be und Kir­che je ver­moch­ten.

Der phy­si­sche, psy­chi­sche und mora­li­sche Zustand unse­rer Gesell­schaft wäre mit Sicher­heit weit­aus befrie­di­gen­der, wenn die in der Sum­me unge­heu­ren geis­ti­gen Anstren­gun­gen unzäh­li­ger Theo­lo­gen, das angeb­li­che Wort Got­tes, wie es in der Bibel nie­der­ge­legt ist, mit der Logik und der Wirk­lich­keit in Über­ein­stim­mung zu brin­gen, sich auf die Bewäl­ti­gung kon­kre­ter, die Men­schen tat­säch­lich bedrän­gen­der Pro­ble­me gerich­tet hät­ten. Wel­chen Er­trag das intel­lek­tu­el­le Ver­mö­gen eines Apos­tel Pau­lus, Tho­mas von Aquin oder etwa Mar­tin Luther hät­te erbrin­gen kön­nen, wenn sie ihre geis­ti­gen Ener­gi­en in die Lösung tat­säch­lich exis­tie­ren­der Nöte und Übel und nicht künst­lich geschaf­fe­ner theo­lo­gi­scher Pro­ble­me inves­tiert hät­ten, kann man nur erah­nen. Ihr Ziel war des Men­schen Heil und sie beteu­er­ten, die Wahr­heit zu ver­kün­den. Lei­der haben sie ihre Talen­te an einem untaug­li­chen Objekt ent­fal­tet. Was wür­den wir ver­mis­sen, wenn es die Theo­lo­gie nicht gäbe?

Buch­be­stel­lung …