Christliche Werte – Sind sie »christlich« und was sind sie »wert«?

Uwe Lehn­ert

Wann immer sich die Gele­gen­heit zeigt, fordern Poli­tik­er, vornehm­lich jene aus den bei­den großen Volksparteien, sich auf die sog. christlichen Grundw­erte zu besin­nen. Mit dem Ver­weis auf den ange­blichen oder tat­säch­lichen »Ver­fall der Werte« wird die sog. »christliche Wertege­mein­schaft« beschworen. Das Chris­ten­tum sei – so heißt es dann – die Grund­lage allen ethis­chen Han­delns. Moral ohne Bezug auf Gott führe über die Beliebigkeit schließlich zur Unmoral. Ein Volk ohne eine in Gott ver­ankerte Moral habe keine Zukun­ft, und was der­lei mehr im Brust­ton der Überzeu­gung, aber in der Regel ohne tief­ere Ken­nt­nis der Bibel vorge­brachte Bekun­dun­gen sein mögen. Und die gren­zen­lose Amoral, die sich in der Geschichte des Chris­ten­tums wider­spiegelt, wird sowieso sou­verän ignoriert.Der deutsche Bun­destagspräsi­dent Nor­bert Lam­mert sprach jüngst von der »über­ra­gen­den Akzep­tanz der christlichen Werte«. »Dies­seits und jen­seits von Europa haben wir inzwis­chen viele Beispiele dafür, dass eine Absage an die Reli­gion eine Gesellschaft wed­er mod­ern­er noch human­er macht«, meinte er. Die Frage sei erlaubt: Sind etwa die vie­len durch den Islam geprägten Län­der durch ihre Reli­gion mod­ern­er und human­er gewor­den, etwa im Sinne von mehr Demokratie und der Beach­tung der Menschenrechte?Nun möchte ich nicht bestre­it­en, dass einige der sog. christlichen Werte dur­chaus auch von mir als Ele­mente ein­er Moral ange­se­hen wer­den kön­nen. Allerd­ings sind diese das Ergeb­nis ein­er soziokul­turellen Entwick­lung und nicht Bibel und christlich­er Lehre zu ver­danken. Schon im mesopotamis­chen Codex Ham­mura­bi und im Ägyp­tis­chen Toten­buch find­en sich Ele­mente der Zehn Gebote. Und per­sis­che, griechis­che und römis­che Denker haben schon Men­schen­rechte disku­tiert, die sich in der Bibel so nicht find­en. 539 v.u.Z. verkün­dete der per­sis­che Reichs­grün­der Kyros II. die Frei­heit der Reli­gion­sausübung, die Abschaf­fung der Sklaverei und die Ras­sen­gle­ich­heit. Die athenis­chen Sophis­ten Antiphon und Alki­damas the­ma­tisierten schon drei und vier Jahrhun­derte v.u.Z. die Gle­ich­heit und Frei­heit aller Men­schen. Und Mar­cus Tul­lius Cicero, römis­ch­er Poli­tik­er, Schrift­steller und Philosoph, der von 106–43 v.u.Z. lebte, sprach allen Men­schen von Natur aus eigene Erhaben­heit und Würde zu. (1) Auch wenn diese hehren Worte mehr Absicht­en bekun­de­ten und allen­falls eine punk­tuelle Real­isierung erfuhren, machen sie doch deut­lich, dass schon vor dem Aufkom­men des Chris­ten­tums gedankliche Ansätze existierten, allen Men­schen unveräußer­liche Rechte zuzusprechen.Wenn heute kirchen­na­he Poli­tik­er die »christlichen Werte« beschwören, die unser gesamtes poli­tis­ches Han­deln maßge­blich zu bes­tim­men hät­ten, ja, dass ohne sie die Amoral regierte, dann sind diese Werte heute nach den Inten­tio­nen der Aufk­lärung und im Lichte ein­er aufgek­lärten, das heißt religiös-emanzip­ierten Ver­nun­ft zu beurteilen. Und da zeigt sich, dass sie ein­er kri­tis­chen Bew­er­tung nicht stand­hal­ten oder ohne­hin weltweit anerkan­nte Nor­men darstellen, denen eine spez­i­fisch christliche Grundle­gung nicht zuerkan­nt wer­den kann. Fra­gen wir uns zunächst, was unter den »christlichen Werten« ver­standen wird?Es sind die Anerken­nung Gottes als Schöpfer der Welt und des Men­schen und zugle­ich als ober­ste Moralin­stanz, fern­er die Zehn Gebote und die wesentlichen Aus­sagen der Berg­predigt wie Gewalt­losigkeit, Gerechtigkeit, Näch­sten­liebe, Barmherzigkeit. Alle diese norm­s­tif­ten­den Prinzip­i­en –

so heißt es – wür­den aus der Bibel fol­gen, deshalb habe dieses Buch als generelle Ori­en­tierung allen täglichen, vor allem moralis­chen Han­delns zu gelten.Ich frage mich: Verkör­pern die Zehn Gebote und die Berg­predigt, die so gern voller Stolz und Selb­st­be­wusst­sein als ange­blich Gottes Wort und Kern christlich­er Moral hochgelobt wer­den, wirk­lich eine Moral, die so unbe­se­hen des Befol­gens würdig sind? Unterziehen wir diese sog. christlichen Werte ein­er kri­tis­chen Betrachtung.Der Gottes­glaube darf nicht für alle Men­schen verbindlich sein­Den christlichen Gottes­glauben für alle Bürg­er verbindlich zu machen, ist in ein­er mul­ti­weltan­schaulichen Gesellschaft anmaßend und undemokratisch. Dies ist konkret der Fall, wenn geset­zliche Ver­bote, wie z. B. zur Embry­onen- und Stam­mzell­forschung, zur Präim­plan­ta­tions­di­ag­nos­tik, zum Schwanger­schaftsab­bruch oder zur aktiv­en Ster­be­hil­fe, mit dem christlichen Men­schen­bild begrün­det, aber als Geset­ze all­ge­mein verbindlich gemacht wer­den, also auch für Anders- und Nicht­gläu­bige gel­ten sollen.Für einen wahren und überzeugten Chris­ten müsste das geset­zliche Ver­bot der oben genan­nten Hand­lun­gen über­flüs­sig sein, denn es müsste ihm ja ein gern erfülltes Anliegen sein, Gottes Gebote, wie sie die Kirche für ihn fes­tlegt, zu befol­gen. Dass es dafür staatliche Geset­ze gibt, die auch für den Nichtchris­ten gel­ten, der in diesen, wesentlich vom Glauben geprägten Fra­gen eventuell eine ganz andere, eben­so zu acht­ende Auf­fas­sung hat, ist dem immer noch wirk­enden kirch­lichen Ein­fluss geschuldet. Dieser Ein­fluss man­i­festiert sich in gesellschaftlichen Struk­turen (z.B. im Rechts- und Erziehungswe­sen), wirkt unbe­wusst als tradiertes Wertesys­tem noch in den Köpfen selb­st Glaubens­fern­er und zeigt sich zum Beispiel in einem kirch­lich-staatlichen Macht­denken, das stets mehr durch Ver­bi­eten als durch Vor­leben und Überzeu­gen gekennze­ich­net war. Diese aus dem Glauben fol­gen­den straf­be­wehrten Ver­bote lassen ein­er­seits erken­nen, dass die Kirche, ein­schließlich der ihr willfährig ergebe­nen Poli­tik­er, ihrer eige­nen Klien­tel nicht traut, ander­er­seits sich anmaßt, auch allen Nicht­gläu­bi­gen auf dem Umweg über staatliche Geset­ze ihre Glauben­sauf­fas­sung aufzuzwin­gen. Die Lösung im Sinne des gesellschaftlichen Friedens kann hier nur laut­en, dass Ver­hal­tensweisen, die eine wesentlich religiöse Begrün­dung haben, dem einzel­nen Gläu­bi­gen zu über­lassen sind.Die Zehn Gebote sind keine Erfind­ung des Chris­ten­tums­Die Zehn Gebote, essen­tieller Bestandteil bib­lisch fundiert­er Moral, möchte ich als näch­stes betra­cht­en. Allerd­ings nicht in der knap­pen Form, wie sie viele von uns im Reli­gions- oder Kon­fir­man­den- bzw. Kom­mu­nio­nun­ter­richt ken­nen­gel­ernt haben, son­dern wie sie ursprünglich im Alten Tes­ta­ment for­muliert wur­den. Mar­tin Luther zum Beispiel hat­te sich die Frei­heit genom­men, den Text zu verän­dern und – wie ich meine – schön­fär­berisch zu inter­pretieren. In der heute ver­bre­it­eten und zu ler­nen­den Form sind inter­es­san­ter­weise höchst frag­würdi­ge Tex­tele­mente, die in der Bibel ste­hen, wegge­lassen worden.Dort im 2. Buch Mose heißt es in Kap. 20, Vers 1–21 zum 1. Gebot: »Du sollst neben mir keine anderen Göt­ter haben. … Du sollst dich nicht vor anderen Göt­tern nieder­w­er­fen und dich nicht verpflicht­en, ihnen zu dienen. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifer­süchtiger Gott: Bei denen, die

mir Feind sind, ver­folge ich die Schuld der Väter an den Söh­nen, an der drit­ten und vierten Gen­er­a­tion; bei denen, die mich lieben und auf meine Gebote acht­en, erweise ich Tausenden meine Huld.« Und das 10. Gebot beispiel­sweise lautet: »Du sollst nicht nach der Frau deines Näch­sten ver­lan­gen, nach seinem Sklaven oder sein­er Sklavin, seinem Rind oder seinem Esel oder nach irgen­det­was, was deinem Näch­sten gehört.« (2)Das erste Gebot ken­nt also keine Reli­gions­frei­heit und dro­ht mit dem, was wir heute Sip­pen­haf­tung nen­nen wür­den und zurecht als amoralisch kennze­ich­nen. Die Sün­den der Väter wer­den bis in die vierte Gen­er­a­tion ver­fol­gt, so unbeteiligt und unschuldig die betrof­fe­nen Kinder und Kinde­skinder auch sein mögen. Es ist übri­gens von Söh­nen die Rede, nicht von Töchtern, die von min­derem Rang waren. Fol­gte man der Bibel, würde sich an der Ger­ingschätzung der Frau bis heute nichts geän­dert haben.Das 10. Gebot ist insofern bemerkenswert, als es die Sklaverei als eine selb­stver­ständliche, offen­bar auch von Gott nicht in Frage gestellte Aus­beu­tung von Men­schen durch Men­schen hin­nimmt. Das Sklaven­tum hat­te seinen fes­ten Platz im dama­li­gen Welt­bild und wird offen­sichtlich von Gott gebil­ligt. Dass dies keine willkür­lich vorgenommene Deu­tung darstellt, geht zum Beispiel aus dem 2. Buch Mose, Kap. 21, Vers 2–11 her­vor. Auch dort wird aus­führlich die offen­bar gottge­wollte Rolle des Sklaven als pri­vates Eigen­tum des jew­eili­gen Her­rn fest­gelegt. Apos­tel Paulus argu­men­tiert eben­falls in diesem Sinne. Im 1. Korinther, Kap. 7, Vers 21f drückt er sich sehr ein­deutig und ger­adezu ermunternd für das geduldige Ertra­gen des Sklaven­da­seins aus.Desweiteren wird in diesem 10. Gebot die Ehe­frau den Sklaven, Haustieren und Sachen gle­ichrangig zuge­ord­net und wie selb­stver­ständlich als natür­lich­er Besitz des Mannes beze­ich­net. Von Gle­ich­berech­ti­gung der Geschlechter ist keine Rede. Die übri­gen Gebote, vor allem die Gebote 4 bis 9 sind grundle­gende Ver­hal­tensnor­men, die weltweit in jed­er Gesellschaft Gültigkeit haben, also nicht als typ­isch christlich gel­ten kön­nen. Sie find­en sich im Grund­satz schon im Ägyp­tis­chen Toten­buch und im Codex Ham­mura­bi des antiken Mesopotamien.Die Berg­predigt ist kein Vor­bild für ein mod­ernes Ethikkonzept­Poli­tik­er berufen sich in ihrer Tätigkeit gern auf die Berg­predigt, die sie ange­blich als Leitlin­ie betra­cht­en und der sie Anleitun­gen für ihre prak­tis­che Arbeit ent­nehmen wür­den. Dabei ist darauf zu ver­weisen, dass Jesus bei sein­er Berg­predigt das nahe Ende der Welt und damit das Jen­seits vor Augen hat­te. Die dies­seit­ige Welt war ihm längst gle­ichgültig gewor­den. Ich zitiere einige oft genan­nte Pas­sagen der Bergpredigt:»Selig, die keine Gewalt anwen­den; denn sie wer­den das Land erben – Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie wer­den satt wer­den – Selig die Barmherzi­gen, denn sie wer­den Erbar­men find­en – Selig, die ein reines Herz haben, denn sie wer­den Gott schauen – Selig, die Frieden stiften, denn sie wer­den Söhne Gottes genan­nt wer­den – Selig, die um der Gerechtigkeit willen ver­fol­gt wer­den, denn ihnen gehört das Him­mel­re­ich« (3)Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit­sliebe, Barmherzigkeit, Rein­heit des Herzens – im Sinne von Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Friedensliebe – sowie – mod­ern gesprochen – zivil­couragiert­er Ein­satz für Ver­fol­gte und Benachteiligte sind in der Tat Tugen­den, die dem gedeih­lichen Zusam­men­leben der

Men­schen dienen. Zu Recht wohl gel­ten diese Pas­sagen des Neuen Tes­ta­ments, so unmod­ern sie in unseren Ohren heute klin­gen mögen, als eine zen­trale, von jedem Men­schen guten Wil­lens zu beherzi­gende Botschaft. Ich erkenne an, dass an dieser Stelle die Bibel einen Anker­punkt moralis­chen Denkens und Han­delns darstellen kön­nte. Auch die von Jesus immer wieder angemah­nte Näch­sten­liebe gehört hierzu. Sie wird bere­its im Alten Tes­ta­ment (3. Mose, Kap. 19, Vers 18) gefordert, dort allerd­ings nur für die Ange­höri­gen des eige­nen Stammes. Jesus weit­ete die Näch­sten­liebe aus auf alle Men­schen, unab­hängig von Stamm und Reli­gion­szuge­hörigkeit; zumin­d­est lässt das Gle­ich­nis vom barmherzi­gen Samarit­er diese Deu­tung zu. Aber ger­ade die Näch­sten­liebe und noch mehr die von Jesus geforderte Fein­desliebe sind jene Tugen­den, die in der Geschichte des Chris­ten­tums von deren Repräsen­tan­ten am wenig­sten geübt und hochge­hal­ten wur­den. Ja, selb­st Jesus wün­scht jenen immer wieder die höch­ste denkbare Strafe, die Hölle, die sein­er Glaubens­botschaft ablehnend gegenüberstehen.Auch andere Gesellschaften haben solche moralis­chen Gebote entwick­elt, auch ohne Bezug auf den christlichen Gott und seinen – behaupteten – Sohn Jesus. Offen­bar liegt diesen Geboten ein allen Men­schen gemein­sames Bedürf­nis nach einem har­monis­chen, Leid ver­hin­dern­den Miteinan­der zu Grunde, und zwar weltweit. Eine Fest­stel­lung, die auf den evo­lu­tionären Ursprung von Moral ver­weist. Das heißt, den Grun­daus­sagen der Berg­predigt liegt in großen Teilen ein weltweit gültiges Ethos zu Grunde. Die gern als spez­i­fisch christlich beze­ich­nete Barmherzigkeit und Näch­sten­liebe find­et sich dur­chaus auch in anderen Lehren und Reli­gio­nen und entspricht im Übri­gen dem, was heute mit Sol­i­dar­ität beze­ich­net wird, ein Prinzip gegen­seit­ig prak­tiziert­er, eben evo­lu­tionär entwick­el­ter Mit-Menschlichkeit.Bemerkenswert an den sog. Selig­preisun­gen ist, dass jed­er Befol­gung bzw. Nicht­be­fol­gung eines Gebots eine Beloh­nung bzw. Bestra­fung in Aus­sicht gestellt wird. Gutes tun um des Guten willen, das wäre doch wahrhaft von ethis­ch­er Gesin­nung. An ander­er Stelle der Berg­predigt heißt es: Wer seinem Brud­er zürnt, ver­di­ent die Hölle, wer eine Frau lüstern ansieht, bege­ht schon gedanklich Ehe­bruch, ein eben­so todeswürdi­ges Ver­brechen. Die Berg­predigt verkün­det somit eine Ethik der Beloh­nung und des Angst­machens. Vor­bild für ein mod­ernes Ethik-Konzept ist sie damit gewiss nicht.Die Bibel spiegelt Denken und Ver­hal­ten der Bronzezeit widerIn vie­len Teilen der Bibel wer­den Gewalt (z.B. kriegerisch­er Lan­draub), Men­schen­rechtsver­let­zung (z.B. Sklaverei) oder die Äch­tung von Homo­sex­u­al­ität (bei Strafe des Todes!) gerecht­fer­tigt sowie heutige gesellschaftliche Nor­men wie zum Beispiel Gle­ich­berech­ti­gung von Mann und Frau oder etwa Reli­gions­frei­heit negiert. Die Bibel als Basis gesellschaftlich erwün­scht­en Ver­hal­tens zu beze­ich­nen, ist daher schlicht indiskutabel, zeugt besten­falls von sträflich­er Unken­nt­nis dieses Buch­es. Und eine Tugend wie die Tol­er­anz, die wir heute als unbe­d­ingte Voraus­set­zung für ein friedlich­es Nebeneinan­der der Weltan­schau­un­gen und Kul­turen anse­hen, wird im Neuen Tes­ta­ment regel­recht ver­wor­fen. Pro­gram­ma­tis­che Bibel­stellen wie »Nie­mand kommt zum Vater außer durch mich« (Johannes, Kap. 14, Vers 6) oder »Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird ver­dammt wer­den« (Markus, Kap. 16, Vers 16) verurteilen und gren­zen in ihrer Aus­sage Men­schen mit anderen Auf­fas­sun­gen aus. Auch deswe­gen dürfte den »christlichen Werten« keines­falls All­ge­me­ingültigkeit zuge­sprochen wer­den. Die heute von den Kirchen geübte Duld­samkeit gegenüber anderen Glaubensvorstel­lun­gen fol­gt nicht aus bib­lis­ch­er Erleuch­tung son­dern erzwun­gener Ein­sicht in die poli­tis­che Notwendigkeit.

Die verzweifel­ten Ver­suche von The­olo­gen, die altertüm­lichen Texte der Bibel durch ger­adezu willkür­liche Ausle­gun­gen für den heuti­gen Men­schen akzept­abel zu machen, offen­baren das ganze Dilem­ma. Diese Inter­pre­ta­tion­swillkür mit vielfach sich wider­sprechen­den Ausle­gun­gen zeigt, wie bronzezeitlich und damit außer­halb unser­er Zeit die aller­meis­ten Texte dieser sog. Heili­gen Schriften sind. Nur durch sehr großzügige Deu­tung und zusät­zlich (!) stillschweigen­der Berück­sich­ti­gung heute all­ge­mein akzep­tiert­er moralis­ch­er Prinzip­i­en lassen sich – aus­gewählte! – Bibel­texte noch als nor­mgebend und moral­s­tif­tend »retten«.Die »christlichen Werte« ignori­eren die Werte der Aufk­lärungDie entschei­den­den Prinzip­i­en bzw. Kri­te­rien, nach denen selb­st bibel­treue Chris­ten die Steini­gung von Ehe­brecherin­nen, das Töten von Homo­sex­uellen oder etwa das Kaufen und Hal­ten von Sklaven ablehnen, obwohl diese Gebote bzw. Auf­forderun­gen bib­lisch legit­imiert sind, stam­men ger­ade nicht aus der Bibel, sie sind ein Ergeb­nis der auf Ver­nun­ft grün­den­den Aufk­lärung. Es ist noch nicht lange her, da wur­den die Bibel und ihre Botschaft ganz gegen­teilig gedeutet.Es gilt vielmehr festzustellen: Nur der »harte Kern« der Zehn Gebote hat Bestand, weil er das Ergeb­nis evo­lu­tionär­er Entwick­lung ist, er hat­te daher schon immer weltweite Gültigkeit. Die darüber hin­aus uns heute wichti­gen Werte und Nor­men stam­men nicht aus der Bibel, sie sind Ergeb­nis moralisch-ethis­ch­er Weit­er­en­twick­lung. Es sind dies die Men­schen­rechte wie die Mei­n­ungs­frei­heit als ger­adezu grundle­gen­des Recht, das Recht auf Selb­st­bes­tim­mung, Gle­ich­heit und Gle­ich­berech­ti­gung, Reli­gions- und Wis­senschafts­frei­heit, Rechtsstaatlichkeit und vieles andere mehr. Nichts davon ste­ht in der Bibel, sie ste­ht einem demokratis­chen, die Men­schen­rechte ver­bür­gen­den Staat ger­adezu ent­ge­gen. Alle diese Rechte mussten dem Chris­ten­tum bzw. ein­er poli­tisch agieren­den Kirche in ver­lus­tre­ichen Kämpfen abgetrotzt wer­den. (4)Erinnert sei an die Worte des evan­ge­lis­chen The­olo­gen F. W. Graf, München, wonach noch in den 1950er Jahren in bei­den großen Kirchen der Begriff der Men­schen­rechte kri­tisch als »lib­er­al­is­tis­che Verir­rung« aufge­fasst wurde (5). Dass unsere heutige poli­tis­che und gesellschaftliche Kul­tur auf christlichen Werten beruhe, ist also höflich aus­ge­drückt: eine Leg­ende, deut­lich­er for­muliert: eine bewusste Irreführung. Ger­adezu skru­pel­los ist es, wenn sich die Kirchen – wie oft in Diskus­sio­nen zu hören – als Quelle der Men­schen­rechte und Mit­gestal­ter der Aufk­lärung aufspielen.Wir kön­nen somit fes­thal­ten: Es ist nach­weis­lich falsch, dass eine nach-christliche bzw. nicht-christliche Gesellschaft ohne verbindliche Werte dastünde. Unsere heuti­gen grundle­gen­den und maßge­blichen Werte sind immer noch die, die in der Aufk­lärung wurzeln. Die Kirche und die ihr gläu­big fol­gen­den Poli­tik­er ver­suchen, das »Rad der moralis­chen Geschichte« zurück­zu­drehen, wenn sie Bibel und christliche Lehre wieder zum alleini­gen Maßstab machen wollen. Mit diesem Werte- und Nor­menkanon lassen sich heutige ethis­che Fra­gen – aus­gelöst vor allem durch medi­zin- und gen­tech­nis­che Entwick­lun­gen, aber auch durch Infor­ma­tion­stech­nolo­gie und Glob­al­isierung – schon längst nicht mehr prob­le­mangemessen beant­worten. Die sog. christlichen Werte bilden allen­falls noch eine his­torische Rem­i­niszenz, sie sind längst über­formt und erweit­ert wor­den durch die müh­sam und ver­lus­tre­ich errun­genen Früchte der Aufklärung.Anmerkungen:

(1) Einen Überblick gibt Sikan­dar Sid­diqui: Brauchen Werte Gott? Ver­füg­bar über: www.fowid.de à Textarchiv, Erweit­erte Suche. Man google zunächst unter den Schlag­wörtern »Kyros Sklaven Reli­gion«, hier die Seit­en von »human-rights« – »Sophis­ten Antiphon Alki­damas« – »Cicero Erhaben­heit Würde«. Dort weit­ere Lit­er­aturhin­weise.

(2) 2. Buch Mose, Exo­dus, Kap. 20, Vers 1–21. Ein­heit­süber­set­zung – Bibel­text, hrsg. von den kathol. und evan­gel. Kirchen Deutsch­lands, Öster­re­ichs und der Schweiz, Herder Ver­lag 1980.
(3) Matthäus, Kap. 5, Vers 5–10. Ein­heit­süber­set­zung. Siehe Anm. (2)
(4) Wie aus­geprägt die Ablehnung der Kirche gegen das neuzeitliche Denken war, zeigt der berühmt-berüchtigte Syl­labus (Verze­ich­nis) von Papst Pius IX. aus dem Jahr 1864. Darin wer­den die Errun­gen­schaften aufgek­lärten Denkens ver­dammt: Ratio­nal­is­mus, Nat­u­ral­is­mus, Lib­er­al­is­mus, Demokratie, Tren­nung von Staat und Kirche u.v.a.m. Der sog. Anti­mod­ernisteneid wurde von Papst Pius X. 1910 einge­führt. Ihn mussten alle Geistlichen auf allen Ebe­nen able­gen. Er wandte sich eben­falls gegen die »unseli­gen Irrtümer der Mod­erne«, wie sie in dem oben erwäh­n­ten Syl­labus bere­its verurteilt wur­den. Erst 1967 schaffte ihn Papst Paul VI. ab.
(5) Der The­ologe Friedrich Wil­helm Graf in der Süd­deutschen Zeitung am 12.10.2010.Der Auf­satz erschien im Frei­denker – Zeitschrift für Frei­denkerIn­nen, Human­istIn­nen und Athe­istIn­nen, Heft 1, 2014.