Leseprobe aus Kapitel VI: Endgültiger Abschied von Christentum und Kirche

Endgültiger Abschied von Christentum und Kirche

2. Die erschüt­ternde Bilanz von 2000 Jahren Chris­ten­tum

Ein beson­deres Kapi­tel, ger­ade für uns Deutsche, stellt die blutige Ver­fol­gung der Juden dar. Die Opfer in den zwei Jahrtausenden seit Beginn des Chris­ten­tums addieren sich zu ein­er zweis­tel­li­gen Mil­lio­nen­zahl. Sie wur­den erschla­gen, ertränkt, ver­bran­nt, erschossen, ver­gast oder son­st wie zu Tode gebracht, fast immer aus christlich-religiösen Motiv­en; die Nation­al­sozial­is­ten gaben ras­sis­che Gründe an. Beson­ders über die Massen­ver­nich­tung unter Hitler ist in hun­derten Büch­ern und tausenden Auf­sätzen aus­führlichst und kom­pe­tent berichtet und über Ursachen nachgedacht wor­den. Es erscheint daher ent­behrlich, dass auch ich mich hier dazu äußere. Aber ich möchte einen wesentlichen Aspekt beleucht­en, der so in Schule und poli­tis­ch­er Aufk­lärung zumin­d­est in mein­er Zeit nie zur Sprache kam und bis heute in der öffentlichen Diskus­sion tabuisiert wird.

In den weni­gen Geschichtsstun­den in mein­er Schulzeit zu diesem The­ma, haupt­säch­lich jedoch bei der Zeitungslek­türe über Prozesse gegen KZ-Kom­man­dan­ten, fragte ich mich immer wieder, wie es möglich war, in der rel­a­tiv­en Kürze der nation­al­sozial­is­tis­chen Herrschaft ein solch­es Ver­nich­tung­spro­gramm umzuset­zen. Es muss – so meine damals unter­schwellige Ver­mu­tung – schon eine bre­ite anti­semi­tis­che, min­destens jedoch gle­ichgültige Hal­tung in der Bevölkerung vorhan­den gewe­sen sein, denn ohne diese wäre die ras­sisch-ide­ol­o­gis­che Begrün­dung dieser Ver­nich­tungs­maß­nah­men nicht von so vie­len Mithelfern und Mitwissern so ein­fach hin­genom­men wor­den.

Der Hin­weis auf die – tat­säch­lich ja begrün­dete – Angst der Men­schen vor eigen­er Ver­fol­gung, wenn Wider­spruch offen geäußert oder gar Wider­stand geleis­tet wor­den wäre, erk­lärt dieses Phänomen in kein­er Weise. Selb­st hohe Kirchen­vertreter, denen Amt und gesellschaftliche Stel­lung genü­gend Schutz vor unmit­tel­bar­er Bedro­hung geboten hät­ten, verurteil­ten diese Ver­fol­gun­gen, von rühm­lichen Aus­nah­men abge­se­hen, nicht. Ich kann mir das nur mit ein­er schon latent vorhan­de­nen, und zwar europaweit ver­bre­it­eten, anti­jüdis­chen Grund­hal­tung weit­er Bevölkerungskreise und -schicht­en erk­lären. Und blickt man weit­er zurück in die Geschichte, dann stellt man schnell fest, dass es tat­säch­lich schon seit Jahrhun­derten furcht­bare Pogrome und Ver­nich­tungsak­tio­nen gegen die Juden gegeben hat. Der Anti­semitismus ist also keine Erfind­ung der Nation­al­sozial­is­ten, wie uns durch Schule und Nachkriegsaufk­lärung sug­geriert wer­den sollte, son­dern hat viel tiefer und viel weit­er zurück­liegende Ursachen. Die Wurzeln dieses Anti­semitismus grün­den – und diese Erken­nt­nis war auch für mich zunächst unglaublich – prak­tisch auss­chließlich in der christlichen Lehre und der sich auf sie berufend­en Kirche!

Diese für viele gut­gläu­bige Chris­ten sicher­lich schw­er zu ertra­gende Behaup­tung wird inzwis­chen von vie­len Reli­gion­swis­senschaftlern, ja selb­st von evan­ge­lis­chen The­olo­gen, zum Beispiel von Gerd Lüde­mann, und katholis­chen, zum Beispiel Uta Ranke-Heine­mann, aus­führlich begrün­det und vertreten. Ranke-Heine­mann for­muliert: »Die 2000-jährige Geschichte des Chris­ten­tums ist eine Geschichte 2000-jähriger Juden­ver­fol­gung.« Der aus der Kirche aus­ge­tretene The­ologe Joachim Kahl führt in seinem Weltbest­seller »Das Elend des Chris­ten­tums« (S. 43f) unter anderem aus:

»[Die Evan­gelien bemühen sich,] die Schuld am Tode Jesu von den römis­chen Behör­den (Pila­tus) ganz auf die Juden abzuwälzen. Schon bei Markus, dem ältesten Evan­geli­um, sträubt Pila­tus sich, Jesus zu verurteilen (15, 10: ›Denn er erkan­nte, daß ihn die Hohen­priester aus Neid über­liefert hat­ten‹). Noch ein­dringlich­er läßt Lukas den Pila­tus die Unschuld Jesu beteuern (23, 4: ›Pila­tus aber sagte zu den Hohen­priestern und der Volks­menge: Ich finde keine Schuld an diesem Men­schen‹, vgl. 23, Verse 14, 20, 22, 25). Matthäus vol­lends fügte die bekan­nte Szene ein, wo Pila­tus sich die Hände wäscht und beteuert: ›Ich bin unschuldig am Blute dieses Gerecht­en; sehet ihr zu‹ (27, 24). Dann fol­gt jen­er berüchtigte Vers, der sich in den fol­gen­den Jahrhun­derten schauer­lich erfüllen sollte: ›Und alles Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!‹ Diese Selb­stver­fluchung, die Matthäus infam erfand – wie die his­torisch-kri­tis­che Forschung längst nachgewiesen hat –, halst dem jüdis­chen Volk als Ganzem die Schuld am Tode des Gottes­sohnes auf.« 50

Wie hätte sich die christliche Lehre entwick­elt, wenn Judas Jesus nicht ver­rat­en hätte, wenn den Juden nicht diese Rolle zugedacht wor­den wäre? Wäre Jesus ver­haftet und gekreuzigt wor­den, wäre er wie beschrieben aufer­standen? Wäre Jesus dann zum göt­tlichen Erlös­er der Men­schen gewor­den? So wie berichtet, lief es eigentlich entsprechend Gottes Heil­s­plan ab: Ver­rat, Verurteilung, Hin­rich­tung, Jesus als Opfer. Für der Men­schen Schuld sei Jesus gestor­ben, schuld aber an seinem Tod seien die Juden, heißt es. Oder stellt sich das alles ganz anders dar? Ist der bib­lis­che Text später »angepasst« wor­den, um nachträglich den Tod von Jesus als Opfer darzustellen? Welche höchst frag­würdi­ge Geschichte wird uns da präsen­tiert! Kahl fährt fort:

»Der anti­semi­tisch zuge­spitzte Vor­wurf des Chris­tus­mordes find­et sich auch bei Paulus, der im ersten Thes­sa­lonicher­brief schreibt: ›Sie haben den Her­rn Jesus und die Propheten getötet und haben uns ver­fol­gt und gefall­en Gott nicht und sind gegen alle Men­schen feind­selig. Sie hin­dern uns, den Hei­den zu ihrem Heil zu predi­gen, damit sie das Maß ihrer Sün­den jed­erzeit voll machen. Doch das Zor­nes­gericht ist endgültig über sie gekom­men‹ (2, 15f). … Den unüber­bi­et­baren Gipfel neutes­ta­mentlichen Anti­semitismus stellt das Johan­ne­se­van­geli­um dar, an dem sich beson­ders deut­lich able­sen läßt, daß jede christliche The­olo­gie notwendig ihren Juden, die mythis­che Pro­jek­tion des absoluten Außen­fein­des, braucht. Klar­er als alle anderen Schriften durchzieht das vierte Evan­geli­um ein strenger Dual­is­mus, der mit den Begrif­f­en: Licht und Fin­ster­n­is, Wahrheit und Lüge, oben und unten, himm­lisch und irdisch, Gott und Teufel, Frei­heit und Knechtschaft, Leben und Tod operiert. Dem Licht gehört an, wer dem Offen­bar­er glaubt, der da sagt: ›Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; nie­mand kommt zum Vater außer durch mich‹ (Joh 14, 6). … Der entschei­dende Begriff, der den Ungläu­bi­gen beigelegt wird, ist der der ›Welt‹ – oder der der ›Juden‹. Bei­des wird durchgängig aus­tauschbar gebraucht.«

Des Weit­eren führt Kahl aus, dass Kirchen­lehrer und Kirchen­väter auf der Basis dieser und weit­er­er Bibel­stellen bere­its in den ersten Jahrhun­derten in ihren Schriften die Juden als Mörder von Chris­tus, als Fälsch­er der Heili­gen Schrift, als geldgierig und ver­brecherisch, ihre Syn­a­gogen als Satans­bur­gen (Offen­barung des Johannes, Kap. 3, Vers 9!) brand­mark­ten. Unter Kaiser Kon­stan­tin (4. Jahrhun­dert) und seinen Söh­nen wurde der Über­tritt zum Juden­tum mit schw­eren Strafen belegt und Mis­chehen zwis­chen Juden und Chris­ten wur­den mit dem Tode bestraft. Unter Kaiser Theo­do­sius II. (5. Jahrh.) wur­den die Juden von allen öffentlichen Ämtern und Wür­den aus­geschlossen. Das IV. Lat­er­ankonzil (1215) legte eine beson­dere Juden­tra­cht fest: Einen gel­ben Fleck im Oberge­wand und eine gehörnte Kappe. Kahl ver­weist darauf, dass unzäh­lige Mys­te­rien-, Pas­sions- und Fast­nachtsspiele, Trak­tate und Heili­gen­le­gen­den die Juden ver­höh­nen und ver­leum­den. Viele mit­te­lal­ter­liche Bilder stellen den Teufel mit ein­er gebo­ge­nen Nase (»Juden­nase«) dar. In vie­len alten, gele­gentlich noch heute zu hören­den Sprich­wörtern und Redewen­dun­gen ste­ht das bib­lisch bezo­gene »Jüdis­che« als Syn­onym für das Böse und Neg­a­tive schlechthin.

Bemerkenswert ist, dass noch heute etwa 25 deutsche Kirchen die »Juden­sau« in Form von Stein­re­liefs oder Skulp­turen zeigen. Wikipedia schreibt dazu im Beitrag »Juden­sau« Fol­gen­des: Die Tier­meta­pher »Juden­sau« beze­ich­net ein im Hochmit­te­lal­ter ent­standenes häu­figes Bild­mo­tiv der anti­ju­dais­tis­chen christlichen Kun­st. Es sollte Juden ver­höh­nen, aus­gren­zen und demüti­gen, da das Schwein im Juden­tum als unrein gilt und mit einem religiösen Nahrungstabu belegt ist. Diese Darstel­lun­gen sind noch heute zu betra­cht­en, in vie­len Fällen gut erhal­ten oder restau­ri­ert.

Diese weni­gen, hier nur angedeuteten Beispiele ließen sich durch viele weit­ere ver­mehren. Sie lassen unzwei­deutig erken­nen, dass durch die gesamte Kirchengeschichte, und zwar von Anfang an, die Juden als teu­flis­che Ele­mente ange­se­hen und für alle Übel dieser Welt ver­ant­wortlich gemacht wur­den, beispiel­sweise auch für die ver­heerende, Mil­lio­nen Men­schen dahin­raf­fende Pestepi­demie von 1347–1349. Muss man sich da noch wun­dern, dass sich auf diese Weise eine tief­sitzende Abnei­gung, ja ger­adezu Hass – so bar jed­er ratio­nalen Begrün­dung auch immer – in allen Bevölkerungss­chicht­en bre­it­gemacht und fest ver­ankert hat? Wenn dann noch eine so sprachge­waltige Autorität wie Mar­tin Luther mit ihrem weitre­ichen­den, bis in unsere Zeit wirk­samen Ein­fluss ihre wohlüber­legten Het­zti­raden gegen die Juden loslässt (siehe Kap. V, 3), dann kann ich nicht anders, als von ein­er sys­temim­ma­nen­ten, das heißt, dieser christlichen Lehre als Wesens­be­standteil innewohnen­den Unge­heuer­lichkeit zu sprechen. Nur in sel­te­nen Fällen ver­hin­derten Päp­ste und Bis­chöfe diese Ver­leum­dun­gen und Ver­fol­gun­gen.

Wer an den Begrif­f­en »Wesens­be­standteil« und »Unge­heuer­lichkeit« Anstoß nimmt, über­lege sich, was alles aus dem Neuen Tes­ta­ment gestrichen wer­den müsste, welche Kon­se­quen­zen das für die Lei­dens­geschichte von Jesus und die darin tra­gende Rolle der Juden hätte und welchen Ver­lauf die moralis­che und zivil­isatorische Entwick­lung in Europa genom­men hätte, wenn den Juden nicht diese infame Rolle zugewiesen wor­den wäre. »Judas der Ver­räter« und »die Juden als Gottes­mörder« sind begrif­fliche Etiket­ten, die ihre dif­famierende Wirkung bis heute ent­fal­ten.

Wer diese Zeilen nur mit abwehren­dem Kopf­schüt­teln lesen und nicht akzep­tieren mag, schlage wenig­stens die Seit­en 42–52 (in der erwäh­n­ten 3. Auflage: S. 46–54) in Joachim Kahl »Das Elend des Chris­ten­tums« oder bei Karl­heinz Deschn­er »Aber­mals krähte der Hahn« die Seit­en 442–464 auf. Wer sich umfassender informieren möchte, lese – wie oben schon erwäh­nt – »Das Unheilige in der heili­gen Schrift« des evan­ge­lis­chen The­olo­gen Gerd Lüde­mann oder »Nein und Amen – Mein Abschied vom tra­di­tionellen Chris­ten­tum« der katholis­chen The­olo­gin Uta Ranke-Heine­mann. 51

In seinem 2008 erschiene­nen Buch »Gesichter des Anti­semitismus« beschreibt der inter­na­tion­al als Wis­senschaftler und Autor his­torisch­er Werke aus­gewiesene Anti­semitismus­forsch­er Wal­ter Laque­ur (*1921), welche For­men des Has­s­es den Juden schon in der Antike ent­ge­gen­schlu­gen. Neben üblich­er, in allen Kul­turen anzutr­e­f­fend­er Frem­den­feindlichkeit war es hier vor allem jene christlich-religiös­er Begrün­dung. Laque­ur stellt fest (S. 14): »Aus his­torisch­er Sicht bedeut­sam ist die Tat­sache, dass sich das von den christlichen … The­olo­gen geschaf­fene Stereo­typ des Juden über Jahrhun­derte hin­weg hielt und bis heute weit­er­wirkt«. Auch er ver­weist auf ein­schlägige anti­jüdis­che Stellen im Matthäus-, Lukas- und Johannes-Evan­geli­um (S. 60f). Als beson­ders feind­selig gegenüber den Juden erwäh­nt er die Kirchen­män­ner Justin der Mär­tyr­er, Ori­genes, Bischof von Alexan­dria, und Johannes Chrysos­to­mos, Erzbischof von Kon­stan­tinopel, sowie den bis heute hoch geschätzten Kirchen­vater Aure­lius Augusti­nus (S. 62f). 52

Ein antichristlich­er Polemik gewiss unverdächtiger Autor ist der bekan­nte und all­seits geachtete The­ologe Hans Küng (*1928). Er schreibt in seinem Buch: »Christ sein«:

»… so ver­schärfte sich die Lage der Juden ins­beson­dere seit dem Hochmit­te­lal­ter unge­mein: Juden­schlächtereien in Wes­teu­ropa während der ersten drei Kreuz­züge und Aus­rot­tung der Juden in Palästi­na. Die Ver­nich­tung von 300 jüdis­chen Gemein­den im Deutschen Reich 134849 und die Ausweisung der Juden aus Eng­land (1290), Frankre­ich (1394), Spanien (1492) und Por­tu­gal (1497). Später dann aber auch die greulichen anti­jüdis­chen Het­zre­den des alten Luther, Juden­ver­fol­gun­gen nach der Ref­or­ma­tion, Pogrome in Osteu­ropa … Alles unfaßbar für den Ver­stand eines heuti­gen Chris­ten. … Nicht die Ref­or­ma­tion, son­dern der Human­is­mus (Reuch­lin, Scaliger), dann der Pietismus (Zinzen­dorf) und beson­ders die Tol­er­anz der Aufk­lärung (Men­schen­recht­serk­lärung in den Vere­inigten Staat­en und in der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion) haben eine Änderung vor­bere­it­et und teil­weise auch durchge­set­zt.« 53

Die immer wieder aufgestellte Behaup­tung von der moralis­chen Bas­tion des Chris­ten­tums beruht auf absoluter Unken­nt­nis oder dem Nicht­wahrhaben-wollen der in weit­en Streck­en blutrün­sti­gen Geschichte dieser Reli­gion und der auf ihr errichteten Kirche.

Um auch das ganz deut­lich zu sagen: Die für mich zur Tat­sache gewor­dene These von den christlichen und kirch­lichen Wurzeln des Anti­semitismus rel­a­tiviert die exor­bi­tan­ten Ver­brechen der Nation­al­sozial­is­ten an den Juden nicht um einen Hauch. Sie macht mir aber den ver­gle­ich­sweise gerin­gen Grad an Wider­stand auch führen­der gesellschaftlich­er und poli­tis­ch­er Kräfte im In- und Aus­land gegen diese staatlichen Massen­morde ver­ständlich­er. Die ob ihres selb­st­losen Mutes und ihrer men­schlichen Sol­i­dar­ität moralisch nicht hoch genug einzuschätzen­den Aktiv­itäten einzel­ner Helfer der Ver­fol­gten sowie die in kleinen, auch christlichen beziehungsweise kirch­lichen, Grup­pen organ­isierten Wider­stand­skämpfer, die sich gegen diese Mord­maschiner­ie auflehn­ten, kon­nten lei­der an der Bilanz nicht viel ändern, auch wenn jedes einzelne gerettete Men­schen­leben uner­messlich schw­er wiegt.

Bekan­nt ist das offen­bar gle­ichgültige, manche His­torik­er sprechen sog­ar von einem stillschweigend zus­tim­menden Schweigen von Papst Pius XII. (1876–1958) zu den Ver­brechen während der nation­al­sozial­is­tis­chen Herrschaft, für die Auschwitz als Sym­bol ste­ht. Welche Rolle spielte der 1933 zwis­chen dem Vatikan und der Hitler­regierung geschlossene, noch heute (!) gültige Ver­trag, das so genan­nte Reich­skonko­r­dat? Ob die darin der katholis­chen Kirche großzügig eingeräumten Zugeständ­nisse den Vatikan ver­an­lassten, in qua­si neu­traler Hal­tung über die Geschehnisse im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der jüdis­chen Bevölkerung hin­wegzuse­hen?

Eine doku­menten­re­iche Abhand­lung stellt das im Jahr 2013 erschienene Buch »Pius XII. und die Ver­nich­tung der Juden« dar. Das Buch wid­met sich unter anderem der Frage, was der Papst von der sys­tem­a­tis­chen Ermor­dung der Juden wusste und warum er zu deren Ver­fol­gung so behar­rlich schwieg. Der bel­gis­che Autor Dirk Ver­hof­s­tadt (*1955) kann bele­gen, dass der Papst weit­ge­hend über die Vorkomm­nisse informiert war. Der Papst schwieg, weil er im Hitler-Regime die einzige Macht sah, die sich dem Kom­mu­nis­mus ent­ge­gen­stem­men kön­nte. Aber er sah im Nation­al­sozial­is­mus auch einen Ver­bün­de­ten gegen Aufk­lärung und Lib­er­al­is­mus, die für ihn Feinde von Reli­gion und priester­lich­er Vor­ma­cht darstell­ten. Die von Seit­en der Kirche gern zitierte Enzyk­li­ka von 1937 »Mit bren­nen­der Sorge« erge­he sich in all­ge­meinen Aus­sagen gegen Ras­sis­mus, erwähne aber die Ver­fol­gung der Juden mit keinem Wort. Die katholis­che Kirche protestierte nur, wenn sie ihre Inter­essen tang­iert sah. Auch Ver­hof­s­tadt geißelt den Anti­semitismus als »Kreb­s­geschwür in der christlich-europäis­chen Geschichte«. 54

Fest ste­ht, dass die katholis­che Kirche in erhe­blichem Maße das Hitler-Regime und damit direkt und indi­rekt deren anti­semi­tis­che Maß­nah­men gestützt hat. Dies hier im Einzel­nen zu begrün­den, würde den Rah­men mein­er Aus­führun­gen spren­gen. Aber eine Stimme sei hier noch erwäh­nt, die sehr deut­lich zumin­d­est das Ver­sagen der führen­den Köpfe auch der katholis­chen Kirche, näm­lich der Bis­chöfe, beklagt. Kein Gerin­ger­er als Kon­rad Ade­nauer (1876–1967) schrieb am 23. Feb­ru­ar 1946 an Pas­tor Bern­hard Cus­todis:

Ich glaube, daß, wenn die Bis­chöfe alle miteinan­der an einem bes­timmten Tage öffentlich von den Kanzeln aus dage­gen Stel­lung genom­men hät­ten, sie vieles hät­ten ver­hüten kön­nen. Das ist nicht geschehen und dafür gibt es keine Entschuldigung. Wenn die Bis­chöfe dadurch ins Gefäng­nis oder in Konzen­tra­tionslager gekom­men wären, so wäre das kein Schade, im Gegen­teil. Alles das ist nicht geschehen und darum schweigt man am besten. 55

Kaum bekan­nt ist, dass die evan­ge­lis­chen Lan­des­bis­chöfe und Lan­deskirchen­präsi­den­ten von Sach­sen, Hes­sen-Nas­sau, Meck­len­burg, Schleswig-Hol­stein, Anhalt, Thürin­gen und Lübeck am 17.12.1941 sich mit fol­gen­der Erk­lärung ein­deutig hin­ter das nation­al­sozial­is­tis­che Pro­gramm der Juden­ver­fol­gung stell­ten:

»Die nation­al­sozial­is­tis­che deutsche Führung hat mit zahlre­ichen Doku­menten unwider­leglich bewiesen, daß dieser Krieg in seinen weltweit­en Aus­maßen von den Juden angezettelt ist. Als Glieder der deutschen Volks­ge­mein­schaft ste­hen die unterze­ich­neten deutschen Evan­ge­lis­chen Lan­deskirchen und Kirchen­leit­er in der Front dieses his­torischen Abwehrkampfes, der unter anderem die Reich­spolizeiverord­nung über die Kennze­ich­nung der Juden als der gebore­nen Welt- und Reichs­feinde notwendig gemacht hat. Schon Dr. Mar­tin Luther erhob nach bit­teren Erfahrun­gen die Forderung, schärf­ste Maß­nah­men gegen die Juden zu ergreifen und sie aus deutschen Lan­den auszuweisen. Von der Kreuzi­gung Christi bis zum heuti­gen Tage haben die Juden das Chris­ten­tum bekämpft oder zur Erre­ichung ihrer eigen­nützi­gen Ziele miss­braucht oder ver­fälscht. Durch die christliche Taufe wird an der ras­sis­chen Eige­nart des Juden, sein­er Volk­szuge­hörigkeit und seinem biol­o­gis­chen Sein nichts geän­dert. Eine deutsche evan­ge­lis­che Kirche hat das religiöse Leben deutsch­er Volksgenossen zu pfle­gen und zu fördern. Rasse­jüdis­che Chris­ten haben in ihr keinen Raum und kein Recht. Die unterze­ich­neten deutschen Evan­ge­lis­chen Kirchen und Kirchen­leit­er haben deshalb jegliche Gemein­schaft mit Judenchris­ten aufge­hoben. Sie sind entschlossen, kein­er­lei Ein­flüsse jüdis­chen Geistes auf das deutsche religiöse und kirch­liche Leben zu dulden.« 56

Die Ver­beu­gung dieser Kirchenoberen vor den dama­li­gen Machthabern fol­gt ein­er klaren Weisung der Bibel. Im Brief des Paulus an die Römer, Kapi­tel 13, Vers 1 und 2, fordert der erste The­ologe der Chris­ten­heit:

»Jed­er leiste den Trägern der staatlichen Gewalt den schuldigen Gehor­sam. Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott einge­set­zt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt wider­set­zt, stellt sich gegen die Ord­nung Gottes, und wer sich ihm ent­ge­gen­stellt, wird dem Gericht ver­fall­en.«

Von einem offiziellen Bedauern oder gar ein­er Rück­nahme dieses unseli­gen Papiers der Bis­chöfe habe ich nie gehört oder gele­sen. Wo blieb der Auf­schrei und der Protest der Kirchen, als in der Reich­s­pogrom-Nacht von 1938 die Syn­a­gogen bran­nten? Einzelne mutige Pfar­rer protestierten, die Kirchen­leitun­gen schwiegen! Der evan­ge­lis­che Lan­des­bischof von Thürin­gen, Mar­tin Sasse, schrieb 1938 im Vor­wort zu sein­er Schrift »Mar­tin Luther über die Juden – Weg mit ihnen!« sog­ar zus­tim­mend:

»Am 10. Novem­ber 1938, an Luthers Geburt­stag, bren­nen in Deutsch­land die Syn­a­gogen. Vom deutschen Volk wird zur Sühne für die Ermor­dung des Gesandtschaft­srates vom Rath durch Juden­hand die Macht der Juden auf wirtschaftlichem Gebi­et im neuen Deutsch­land endgültig gebrochen und damit der gottge­seg­nete Kampf des Führers zur völ­li­gen Befreiung unseres Volkes gekrönt. … In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört wer­den, der als der Deutschen Prophet im 16. Jahrhun­dert aus Unken­nt­nis einst als Fre­und der Juden begann, der, getrieben von seinem Gewis­sen, getrieben von den Erfahrun­gen und der Wirk­lichkeit, der größte Anti­semit sein­er Zeit gewor­den ist, der Warn­er seines Volkes wider die Juden.« 57

Gewiss wäre es falsch und ungerecht, zu ver­all­ge­mein­ern und evan­ge­lis­che Chris­ten ins­ge­samt zu verurteilen. Aber immer­hin han­delte es sich bei den Autoren der bei­den Doku­mente um führende Repräsen­tan­ten ein­er Insti­tu­tion, die von sich behauptet, Inter­pretin und Hüterin göt­tlich ges­tifteter Moral zu sein. Mit welchem Recht wirft man dem ein­fachen Bürg­er vor, sein­erzeit nicht Wider­stand geleis­tet zu haben, wenn gut informierte, maßge­bliche und mei­n­ungs­bildende Köpfe die Ver­fol­gung der Juden ide­ol­o­gisch recht­fer­tigten!

Es gab in der Tat Protest und Wider­stand. Mar­tin Niemöller (1892–1984) u. a. grün­de­ten den Pfar­rernot­bund, der sich dage­gen wehrte, »nichtarische« Chris­ten aus der evan­ge­lis­chen Kirche auszuschließen. Ihm gehörten tausende evan­ge­lis­che Pfar­rer an, sie halfen vie­len ver­fol­gten Juden in ver­schieden­ster Weise. Aus dem Pfar­rernot­bund ging die »Beken­nende Kirche« her­vor. Sie stellte zwar nur eine Min­der­heit der deutschen Protes­tanten dar, wandte sich aber entsch­ieden gegen die regime­treue Hal­tung großer Teile der offiziellen evan­ge­lis­chen Kirche. Ihre Wirkung zu Gun­sten der Juden blieb jedoch begren­zt. Zum einen, weil viele ihrer Mit­glieder ver­haftet wur­den, zum andern, weil erhe­bliche Teile dieser Bewe­gung zum Völk­er­mord an den Juden – aus ver­ständlich­er Angst – schwiegen.

Wie dif­feren­ziert sich die Sit­u­a­tion der Kirchen im Nation­al­sozial­is­mus darstellt, ver­sucht ein unter dem Pseu­do­nym Epikur63 schreiben­der Autor anhand von Doku­menten und Zitat­en aufzuzeigen. Unter dem Titel »Die Kirche und der Nation­al­sozial­is­mus« stellt er jew­eils zehn Belege für die Zusam­me­nar­beit und zehn Belege für prak­tizierten Wider­stand zusam­men. Eine weit­ere Zusam­men­stel­lung mit Orig­i­nalz­i­tat­en zum Ver­hal­ten wesentlich­er Repräsen­tan­ten der bei­den deutschen Kirchen in der Zeit des Nation­al­sozial­is­mus hat Wolf­gang Kloster­halfen (*1945), Autor der »Reim­bibel«, über das Inter­net zugänglich gemacht. Wer nach Lek­türe dieser Texte immer noch der Mei­n­ung ist, dass die Kirchen ins­ge­samt ein Boll­w­erk des Wider­stands gegen die Bar­barei des Nation­al­sozial­is­mus gewe­sen seien, der will es offen­bar nicht wahrhaben, dass eine Vielzahl hochrangiger Vertreter der Kirchen das Regime Adolf Hitlers unter­stützt hat. 58 Schließlich war Hitler kein Athe­ist, er war Katho­lik und hat sich mehrfach zum Chris­ten­tum bekan­nt. Exkom­mu­niziert wurde er übri­gens auch nie.

Papst Johannes XXIII. (1881–1963) zeigt sich in einem zwar sehr all­ge­mein gehal­te­nen Gebet, das er 1963 kurz vor seinem Tod ver­fasste, offen­bar aber ein­sichtig und reumütig, wenn auch für die Opfer zu spät:

»Wir erken­nen heute, daß viele Jahrhun­derte der Blind­heit unsere Augen ver­hüllt haben, so daß wir die Schön­heit Deines auser­wählten Volkes nicht mehr sehen und in seinem Gesicht nicht mehr die Züge unseres erst­ge­bore­nen Brud­ers wieder­erken­nen. Wir erken­nen, daß ein Kains­mal auf unser­er Stirn ste­ht. Im Laufe der Jahrhun­derte hat unser Brud­er Abel in dem Blute gele­gen, das wir ver­gossen, und er hat Trä­nen geweint, die wir verur­sacht haben, weil wir Deine Liebe ver­gaßen. Vergib uns den Fluch, den wir zu unrecht an den Namen der Juden hefteten. Vergib uns, daß wir Dich in ihrem Fleis­che zum zweit­en­mal ans Kreuz schlu­gen. Denn wir wußten nicht, was wir tat­en.« 59

Bleibt abschließend die Frage, ob es noch heute offe­nen Anti­semitismus beziehungsweise Anti­ju­dais­mus gibt. Die Frage muss lei­der bejaht wer­den. Der latent immer noch vorhan­dene Anti­semitismus in Teilen der Bevölkerung wird inzwis­chen unüber­hör­bar auch durch mus­lim­is­che Zuwan­der­er geäußert. Sie begrün­den ihre Feind­schaft gegen alles Jüdis­che mit ein­deuti­gen Koranstellen oder fol­gen ihren Hass predi­gen­den Ima­men. Mus­lim­is­che Schüler belei­di­gen ganz offen jüdis­che Mitschüler, der Aus­druck »Du Jude« ist wieder zu einem gängi­gen Schimpf­wort gewor­den. Auf Demon­stra­tio­nen gegen Israel wer­den Fah­nen Israels ver­bran­nt und dazu anti­jüdis­che Parolen skandiert. Es sind poli­tis­che Gründe, anti­jüdis­che Parolen in den Schulen, auf Demon­stra­tio­nen gegen Israel oder in Inter­net-Videos offiziell zu »über­hören«. Man weicht von offizieller Seite lieber in eine möglichst all­ge­mein gehal­tene Verurteilung anti­jüdis­ch­er Äußerun­gen aus. Die Sorge, sich expliz­it mus­limkri­tisch zu äußern, ver­hin­dert, ein­deutig Stel­lung zu beziehen. Schließlich ist der Islam eine »befre­un­dete« Reli­gion, die möglichst nicht als Bünd­nis­part­ner, zum Beispiel gegen Human­is­ten und Athe­is­ten, verärg­ert wer­den soll. 60

Wie sehr die Kirche im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der Juden im Drit­ten Reich sich ihrer »heili­gen« Schrift zu schä­men scheint, vor allem was das Ver­bren­nen von Men­schen in Ziegelöfen bet­rifft, geht aus ein­er Fälschung des fol­gen­den Bibel­textes her­vor. Dieser Text in Samuel 2, Kap. 12, Vers 31 lautet in sein­er ursprünglichen, von Luther über­set­zten Form wie fol­gt:

»Aber das Volk drin­nen führte er her­aus und legte sie unter eis­erne Sägen und Zack­en und eis­erne Keile und ver­bran­nte sie in Ziegelöfen. So tat er allen Städten der Kinder Ammon.«

In der von den deutschsprachi­gen Kirchen 1980 gemein­sam her­aus­gegebe­nen Ein­heit­süber­set­zung lautet diese Stelle jet­zt so:

»Auch ihre Ein­wohn­er führte er fort und stellte sie an die Stein­sä­gen, an die eis­er­nen Spitzhack­en und an die eis­er­nen Äxte und ließ sie in den Ziegeleien arbeit­en. So machte er es mit allen Städten der Ammoniter.«

Man sieht, das Fälschen der Bibel hat bis heute kein Ende gefun­den. 61 Übri­gens auch Jesus spricht in Matthäus, Kapi­tel 13, in den Versen 42 und 50 von einem »Ofen«, in den die Ungläu­bi­gen gewor­fen wer­den. Das über viele Jahrhun­derte prak­tizierte Ver­bren­nen von Anders- und Nicht­gläu­bi­gen durch die Kirche hat also eine Recht­fer­ti­gung aus höch­stem Munde.

3. Die Botschaft hör’ ich wohl …und das soll ich glauben?

Die Hölle – ein weit­er­er wichtiger Begriff im Glaubens­beken­nt­nis – spielt im weltweit­en Chris­ten­tum nach wie vor eine zen­trale Rolle und ist zugle­ich die grausam­ste und niederträchtig­ste gedankliche Kon­struk­tion, die Chris­ten­tum beziehungsweise Kirche sich aus­gedacht oder von anderen Reli­gio­nen über­nom­men haben. Über eine Zeit von fast zweitausend (!) Jahren wurde den Men­schen, die im Herrschafts­bere­ich der Kirche leben mussten, mit ewig andauern­den entset­zlich­sten Qualen für den Fall ungläu­bi­gen Ver­hal­tens gedro­ht. Wie ste­ht es eigentlich um die Überzeu­gungskraft ein­er Botschaft, die sich solch bru­taler Ein­schüchterun­gen bedi­enen muss? Wie vere­in­bart sich das eigentlich mit der ange­blich unendlichen Barmherzigkeit und Liebe Gottes zu den Men­schen?

Jesus selb­st, auf den diese über alle Maßen erbar­mungslose Strafan­dro­hung zurück­ge­ht, kann nicht beson­ders überzeugt von der Wirk­samkeit seines Predi­gens und Han­delns gewe­sen sein. Denn er wird nicht müde und find­et viele Gele­gen­heit­en, auf die Kon­se­quen­zen der Ablehnung sein­er Botschaft hinzuweisen, und schildert uns die dann zu erwartende Hölle als Ort ewig bren­nen­den Feuers. Wie vere­in­bart sich die immer wieder beschworene »unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes« und die auch von Jesus geforderte Näch­sten- und sog­ar Fein­desliebe mit solchen ewig (!) andauern­den fürchter­lich­sten Schmerz­zufü­gun­gen, die jene zu erwarten haben, die lediglich seine himm­lis­che Botschaft nicht annehmen mögen? Jede Insti­tu­tion, die heute mit solchen Straf­maß­nah­men, gar nie enden­den, dro­hte, um ein bes­timmtes Ver­hal­ten zu erzwin­gen, würde geächtet wer­den. Man würde das zu Recht als Andro­hung von Folter beze­ich­nen. Maßstäbe ele­men­tarster For­men von Human­ität gel­ten aber offen­bar nicht für die bib­lis­che Lehre.

Ange­blich erwartet Gott das frei­willige Ja zu ihm. Wie kann aber von ein­er freien Entschei­dung die Rede sein, wenn die Alter­na­tiv­en so extrem ungle­ich­w­er­tig sind. Wie kann Gott uns Wil­lens­frei­heit geben und gle­ichzeit­ig dro­hend ver­lan­gen, dass wir uns für ihn entschei­den? Wie kann man von ein­er frei­willi­gen und überzeugten Hin­wen­dung zum Glauben sprechen, wenn als Alter­na­tive nur die denkbar größte per­sön­liche Katas­tro­phe dro­ht!

Dass das Feuer in der Hölle nicht etwa nur sym­bol­isch gemeint war, son­dern als tat­säch­lich existierende und schmer­zlich­ste Höl­leng­lut zu ver­ste­hen ist, geht aus vie­len kirch­lichen Lehrbüch­ern und the­ol­o­gis­chen Lexi­ka her­vor. Auf unzäh­li­gen bildlichen Darstel­lun­gen mit christlich-religiösen Motiv­en und zum Beispiel auf vie­len Deck­en­malereien in Kirchen wird uns das höl­lis­che Infer­no drastisch vor Augen geführt. Die Kirchengeschichte ken­nt nicht wenige Gläu­bige, die die Hölle als Gottes unwürdig, als Schand­mal der christlichen Lehre ansa­hen und ihre Exis­tenz daher leugneten. Sie mussten für ihre ket­zerischen Ansicht­en prompt schon mal mit einem irdis­chen Höl­len­feuer büßen.

Nach Mei­n­ung des Kirchen­lehrers Augusti­nus beka­men unge­taufte Kinder das Höl­len­feuer zu spüren, »wenn auch in weniger schmerzhafter Weise als alle, die per­sön­liche Schuld auf sich geladen haben«. Später wurde daraus eine Vorhölle, wo ihnen ein von Qualen freier Aufen­thalt­sort zugewiesen würde. Päp­ste und Kirchen­lehrer baut­en im Laufe der Zeit die »The­o­rie« der Vorhölle, des Fege­feuers, ein­er Art läutern­der und der Über­prü­fung dienen­der Zwis­chen­sta­tion, und der eigentlichen Hölle immer weit­er aus und legten selb­s­ther­rlich fest, wer sich­er, wer vielle­icht, aus welchen Grün­den und wie lange in das Fege­feuer oder für immer in die Hölle kommt und dort mit welch­er Inten­sität gequält wird. 72

Eine solche aus­gek­lügelte Form von Sadis­mus kann eigentlich nur kranken oder durch eine Irrlehre deformierten Hir­nen entsprun­gen sein. Dieses Ein­schüchtern und Dro­hen mit entset­zlich­sten Kon­se­quen­zen für das Abwe­ichen vom Glauben­sp­fad führte dazu – wie die The­olo­gin Uta Ranke-Heine­mann sarkastisch ver­merkt – dass »der Christ sich mehr vor der Hölle fürchtet, als er sich auf den Him­mel freut«. 73 Nach neuester »the­ol­o­gis­ch­er Erken­nt­nis«, durch eine vatikanis­che Kom­mis­sion ermit­telt und im Jahr 2007 verkün­det, gibt es nun auf ein­mal keine Vorhölle mehr! Ist diesen selb­s­ther­rlichen und welt­frem­den alten Her­ren im Vatikan wirk­lich nicht bewusst, welche Anmaßung, Dreistigkeit und boden­lose Ein­falt in ihren phan­tasierten Fes­tle­gun­gen über Vorhölle, Hölle und Fege­feuer steck­en?

Somit hat Jesus der Men­schheit über seine Verkün­der nicht nur die Botschaft der Liebe und des Friedens gebracht, son­dern auch die schlimm­ste aller denkbaren Dro­hun­gen, denen die Men­schheit je aus­ge­set­zt war. Aber­mil­lio­nen von Men­schen lit­ten und lei­den bis heute unter dieser unsäglichen göt­tlichen War­nung vor ewiger Vergel­tung, ewiger Folter. Gemessen an dem Elend, das diese Dro­hung in den Psy­chen nicht mehr zu zäh­len­der Men­schen aus­gelöst hat, verblasst die – selb­st von Kri­tik­ern der christlichen Lehre – Jesus immer noch zugeschriebene einzi­gar­tige und vor­bild­hafte moralis­che Rolle. Zudem mussten ungezählte Men­schen lebendi­gen Leibes den Feuer­tod erlei­den, weil man sein­erzeit bibel­treu glaubte, nur auf diese Weise ihre See­len möglicher­weise vor ewiger Höl­len­pein ret­ten zu kön­nen. So betra­chtet ist die Per­son Jesus (bzw. das ihm zuge­sproch­ene Wort) – man wagt es kaum auszus­prechen, aber die Logik erzwingt es – Ini­tia­tor für das größte psy­chis­che Unheil, das der Men­schheit – zumin­d­est im Einzugs­bere­ich des christlichen Glaubens – je zuge­fügt wurde. Selb­st wenn man ein­räumt, dass eben­so viele, vielle­icht sog­ar noch mehr Men­schen Trost und Hil­fe in dieser Lehre fan­den – welch unge­heur­er Preis, mit wieviel Angst und psy­chis­ch­er Not musste dafür bezahlt wer­den!

Eine Reli­gion, die über Jahrtausende und in vie­len Län­dern dieser Erde bis heute einen solchen Bes­tim­mung­sort für Men­schen vor­sieht, die sich nicht ihren zusam­men­phan­tasierten Vorstel­lun­gen fügen, ein Glaubenssys­tem, das ewige, grauen­hafteste Folterun­gen selb­st für nur ein­ma­lige Ver­fehlun­gen in einem kurzen Leben andro­ht, eine Kirche, die also Folter (!) als selb­stver­ständliche und von Gott einge­set­zte Bestra­fung für Glauben­sunge­hor­sam betra­chtet und die über Wort und Bild schon die Psy­chen der noch Leben­den mit Hor­rorvi­sio­nen quält, ver­di­ent nur ein Urteil: men­sche­nun­würdig und men­schen­ver­ach­t­end!

Nun kommt das Über­raschende: Der derzeit gültige katholis­che Kat­e­chis­mus ken­nt auf ein­mal die Hölle als Ort ewig quälen­den Feuers nicht mehr! Kein Wort über diese Jahrtausende alte, fin­ster­ste Andro­hung, die über unzäh­lige Predigten, Schriften und Bilder in den Köpfen wehrlos­er Men­schen ver­ankert wurde und stets genutzt wer­den kon­nte, Schafe samt auf­muck­ender Böcke bei der Stange zu hal­ten. Welche Erken­nt­nisse sind denn in den let­zten zwanzig, dreißig Jahren gewon­nen wor­den, dass es nun plöt­zlich abso­lut ver­harm­losend heißt, die Hölle sei ein »Zus­tand der endgülti­gen Selb­stauss­chließung aus der Gemein­schaft mit Gott und den Seli­gen«. An ander­er Stelle heißt es: »Die schlimm­ste Pein der Hölle beste­ht in der ewigen Tren­nung von Gott …«. 74 Kein Wort mehr von jenen in der Bibel und später von der Kirche drastisch aus­ge­mal­ten ewigen und entset­zlich­sten Feuerqualen.

Alt­bischof Huber meinte in ein­er Talk­show wörtlich: »Die Hölle gibt es. Aber sie ist leer.« Da frage ich zurück: Hat Gott es sich anders über­legt oder kommt in diesem »Ent­ge­genkom­men« nur zum Vorschein, dass das alles the­ol­o­gis­che Kon­struk­tion war, um Men­schen durch Angst zu gehor­samen und demutsvollen Gläu­bi­gen zu machen?

Dieses kom­men­tar­lose, ger­adezu skru­pel­lose Fal­l­en­lassen ein­er über zwei Jahrtausende geübten Erpres­sung­sprax­is ist von größter Unredlichkeit und Schäbigkeit, vor allem, wenn man sich bewusst­macht, welch­es uner­messliche psy­chis­che und physis­che Unheil in und an Mil­lio­nen Men­schen über die Jahrhun­derte angerichtet wurde, und dass sich unter anderem – oder vor allem? – auf Grund dieser von den Men­schen bit­ter­ernst genomme­nen Andro­hung die zahlen­mäßige Größe der Kirche erk­lärt. Es gibt seit­ens der Kirchen kein Wort des Bedauerns, keine erk­lärende Entschuldigung.

Dieser bemerkenswerte – aus der Sicht eines Chris­ten eigentlich erfreuliche – Sinneswan­del ist nun nicht etwa auf Mitleid mit den Ungläu­bi­gen oder auf die Wieder­ent­deck­ung des in der Berg­predigt geforderten barmherzi­gen Miteinan­derumge­hens zurück­zuführen. Diese Uminter­pre­ta­tion beruht allein auf der Ein­sicht, dass man sich mit dieser mit­te­lal­ter­lichen Drohkulisse heute nur noch lächer­lich macht. Stillschweigend wird also ein mächtiges und bewährtes Erpres­sungsmit­tel gestrichen. Man sieht, die kirch­lichen Machtin­stru­mente greifen auf­grund der wach­senden Aufgek­lärtheit der Men­schen immer weniger. Und auch was vom dog­ma­tis­chen Gebälk noch ste­henge­blieben ist, das ächzt und kracht in allen Fugen. …