Können Vernunft und Glaube Freunde werden?

Die Kir­chen argu­men­tie­ren, dass wis­sen­schaft­li­ches Welt­bild und Chris­ten­tum sich nicht aus­schlie­ßen.
Aber die­se Behaup­tung ist frag­wür­dig.

Vor kur­zem wider­sprach auf Tagesspiegel.de der Theo­lo­ge Heinz-Wer­ner Kubitza der The­se, dass Theo­lo­gie eine Wis­sen­schaft sei. Von gegen­tei­li­ger Auf­fas­sung war dar­auf­hin der Pres­se­spre­cher des Erz­bis­tums Ber­lin, Ste­fan För­ner. Die Fra­ge scheint unge­klärt: Gibt es einen unüber­brück­ba­ren Gegen­satz zwi­schen dem christ­li­chen Glau­ben und einer nur der Logik und Über­prüf­bar­keit ver­pflich­te­ten Denk­hal­tung? Oder ist die­ser Gegen­satz durch “ver­nünf­ti­ge” Grün­de oder durch glau­bens­mä­ßi­ge Über­zeu­gun­gen auf­heb­bar? In die­sem Essay ver­su­che ich, eine Ant­wort zu geben.

Ursprüng­lich unter­schied mensch­li­ches Nach­den­ken noch nicht zwi­schen reli­giö­sem Emp­fin­den und ver­nunft­ge­lei­te­tem Den­ken. Reli­giö­ser Glau­be wur­de in frü­hes­ten Zei­ten ganz wesent­lich durch das bestimmt, was man sinn­lich erleb­te und gefühls­mä­ßig emp­fand und was aus dem über­lie­fer­ten Mythos folg­te. Dabei stan­den im Zwei­fel die “Wahr­hei­ten” der Reli­gi­on stets über aller Ver­nunft. Päpst­li­che Leh­re möch­te die­sen “unschul­di­gen” Zustand wie­der her­stel­len und argu­men­tiert, dass die Erkennt­nis­se der (Natur-)Wissenschaften in eine “höhe­re Wahr­heit” ein­ge­bet­tet sei­en, zu der nur der Glau­be Zugang hät­te.

 Ergän­zen sich Ver­nunft und Glau­be?

Papst Johan­nes Paul II. hat sich anläss­lich einer Anspra­che vor Wis­sen­schaft­lern und Stu­den­ten 1980 im Köl­ner Dom so geäu­ßert: “Denn zwi­schen einer Ver­nunft, wel­che durch ihre gott­ge­ge­be­ne Natur auf Wahr­heit ange­legt und zur Erkennt­nis der Wahr­heit befä­higt ist, und dem Glau­ben, der sich der glei­chen gött­li­chen Quel­le aller Wahr­heit ver­dankt, kann es kei­nen grund­sätz­li­chen Kon­flikt geben.”

Das klingt fast nach einer respekt­vol­len Aner­ken­nung der Ver­nunft durch den Glau­ben. Zwei Sät­ze spä­ter wird die Kat­ze aus dem Sack gelas­sen: “Damit zeigt sich zugleich, dass Glau­be und Wis­sen­schaft ver­schie­de­nen Erkennt­nis­ord­nun­gen zuge­hö­ren, die nicht inein­an­der über­führ­bar sind.”

Mit ande­ren Wor­ten: Die Wis­sen­schaft mag her­aus­fin­den, was sie will, der Glau­be wird sich davon prin­zi­pi­ell nicht und nie­mals beein­flus­sen las­sen. Weni­ge Absät­ze spä­ter hört es sich zunächst ähn­lich auf­ge­klärt an: “Es [das kirch­li­che Lehr­amt unter Beru­fung auf das II. Vati­ca­num, U. L.] hat aus­drück­lich die Unter­schied­lich­keit der Erkennt­nis­ord­nun­gen von Glau­be und Ver­nunft aus­ge­spro­chen, es hat die Auto­no­mie und Frei­heit der Wis­sen­schaf­ten aner­kannt und ist für die Frei­heit der For­schung ein­ge­tre­ten. Wir fürch­ten nicht, ja, wir hal­ten es für aus­ge­schlos­sen, dass eine Wis­sen­schaft, die sich auf Ver­nunft­grün­de stützt und metho­disch gesi­chert fort­schrei­tet, zu Erkennt­nis­sen gelangt, die in Kon­flikt mit der Glau­bens­wahr­heit kom­men.”

Die Ver­nunft soll für die “ewi­ge Wahr­heit” geöff­net wer­den

Dies klingt wie­der über­ra­schend ein­sich­tig. Doch die Rück­nah­me folgt auf dem Fuß: “Dies kann nur dort der Fall sein, wo die Unter­schied­lich­keit der Erkennt­nis­ord­nun­gen über­se­hen oder ver­leug­net wird.” Zum Ende sei­ner Aus­füh­run­gen spricht der Papst offen aus, was er wirk­lich meint: “Die Ver­nunft des Men­schen ist ein groß­ar­ti­ges Instru­ment für die Erkennt­nis und Gestal­tung der Welt. Sie bedarf aber, um die gan­ze Fül­le der mensch­li­chen Mög­lich­kei­ten zur Ver­wirk­li­chung zu brin­gen, einer Öff­nung für das Wort der ewi­gen Wahr­heit, das in Chris­tus Mensch gewor­den ist.”

Ähn­lich kühn und nur behaup­tend äußert sich der evan­ge­li­sche Theo­lo­ge und frü­he­re Bischof Wolf­gang Huber in sei­nem Buch “Der christ­li­che Glau­be”: “Zur christ­li­chen Frei­heit gehört auch die Frei­heit, sich sei­nes Ver­stan­des zu bedie­nen. Aber zu die­ser Frei­heit gehört auch die Ein­sicht, dass die mensch­li­che Ver­nunft end­lich ist, und dass es sich beim Kult der Ver­nunft um eine Form des Göt­zen­diens­tes han­delt. Es dient der christ­lich ver­stan­de­nen Frei­heit, wenn die Ver­nunft dem Glau­ben nach­folgt und in sei­nen Dienst ein­tritt.” … “Eine nicht durch den Glau­ben auf­ge­klär­te Ver­nunft bleibt uner­fah­ren und unauf­ge­klärt, weil sie sich kei­ne Rechen­schaft über ihre Gren­zen ablegt. Sie ver­kennt ihren Cha­rak­ter als end­li­che Ver­nunft, dem Men­schen anver­traut, damit er mit sei­ner end­li­chen Frei­heit umzu­ge­hen ler­ne.”

Dann immer­hin ein­schrän­kend: “Ein nicht durch die Ver­nunft auf­ge­hell­ter Glau­be aber trägt die Gefahr in sich, bar­ba­risch und gewalt­tä­tig zu wer­den. Statt­des­sen ist es nötig, die wech­sel­sei­ti­ge Ver­wie­sen­heit von Ver­nunft und Glau­ben immer wie­der neu zu ent­fal­ten.”

Begrif­fe wie “Kult der Ver­nunft” und “Göt­zen­dienst” zei­gen deut­lich, wel­che nach­ge­ord­ne­te Rol­le Alt­bi­schof Huber der Ver­nunft zuweist. Und Papst Johan­nes Paul II. spricht von “Öff­nung [der Ver­nunft] für das Wort der ewi­gen Wahr­heit, das in Chris­tus Mensch gewor­den ist”. Nach­voll­zieh­ba­re Grün­de für die­se Fest­stel­lun­gen sind für mich nicht erkenn­bar, ledig­lich theo­lo­gisch ein­ge­klei­de­te Behaup­tun­gen wer­den auf­ge­stellt. Frü­her hat­te die Phi­lo­so­phie als Magd der Theo­lo­gie zu die­nen, eine Funk­ti­on, die nach der selbst­be­wuss­ten Defi­ni­ti­on obers­ter Glau­bens­re­prä­sen­tan­ten offen­bar heu­te die Ver­nunft gegen­über dem Glau­ben ein­zu­neh­men hat. Der Theo­lo­ge Richard Schrö­der spricht im Unter­ti­tel sei­nes Buches “Abschaf­fung der Reli­gi­on?” ver­all­ge­mei­nernd und gera­de­zu ver­ächt­lich gar von “wis­sen­schaft­li­chem Fana­tis­mus”.

 Die Wis­sen­schaft, auch ein Glau­be?

In Dis­kus­sio­nen zu die­ser Fra­ge wird an die­ser Stel­le gern die Fest­stel­lung getrof­fen, dass hier eben “punkt­gleich reli­giö­ser Glau­be gegen wis­sen­schaft­li­chen Glau­ben” ste­he? Aber ist dem wirk­lich so? Reli­giö­ser, hier christ­li­cher Glau­be baut im Kern auf Dog­men auf, also auf angeb­lich offen­bar­ten Aus­sa­gen, die zudem für alle Zei­ten Gül­tig­keit bean­spru­chen, also in ihrer Grund­aus­sa­ge unre­vi­dier­bar sind, weil auf gött­li­ches Wort und gött­li­chen Wil­len zurück­ge­hend. Wis­sen­schaft dage­gen “glaubt” nicht, sie gewinnt ihre Erkennt­nis­se durch metho­disch-sys­te­ma­ti­sches Beob­ach­ten und über­prüft ihre Erkennt­nis­se und Theo­ri­en an der Rea­li­tät. Wis­sen­schaft recht­fer­tigt ihr Vor­ge­hen und ihre Aus­sa­gen durch die abschlie­ßen­de Über­prü­fung der Über­ein­stim­mung von Theo­rie und Pra­xis, also zum Bei­spiel im kor­rek­ten Ein­tref­fen einer Vor­aus­sa­ge. Und Wis­sen­schaft setzt auf Begrün­dung, zumin­dest Evi­denz, inter­sub­jek­ti­ve Nach­voll­zieh­bar­keit und logi­sche Wider­spruchs­frei­heit.

Die Theo­lo­gie spricht gern vom »wis­sen­schaft­li­chen Glau­ben« und ver­sucht damit zu sug­ge­rie­ren, dass auch Wis­sen­schaft, selbst die Natur­wis­sen­schaft, von Vor­aus­set­zun­gen aus­gin­ge, die Glau­bens­cha­rak­ter hät­ten. Aber sol­che Annah­men kennt die Wis­sen­schaft nicht. Zwar arbei­tet auch Wis­sen­schaft nicht vor­aus­set­zungs­los, aber die still­schwei­gen­de Set­zung von Behaup­tun­gen oder die Vor­weg­nah­me von Ergeb­nis­sen, die erst zu bewei­sen sind, kennt sie nicht. Wis­sen­schaft stellt kei­ne Behaup­tun­gen auf, die Vor­aus­set­zun­gen wären für ihre Unter­su­chungs­er­geb­nis­se. Das aber tut die Theo­lo­gie, wenn sie als wahr vor­aus­setzt, dass Gott exis­tiert, dass Jesus auf­er­stan­den ist oder dass bei­spiels­wei­se Jesus Got­tes­sohn ist. Eine auf sol­chen Vor­aus­set­zun­gen auf­bau­en­de Dis­zi­plin kann Wis­sen­schaft­lich­keit nicht bean­spru­chen und sei­en ihre dar­aus fol­gen­den Unter­su­chungs­er­geb­nis­se noch so logisch ein­wand­frei und metho­disch-sys­te­ma­tisch ent­wi­ckelt und in sich wider­spruchs­frei. Die Theo­lo­gie muss um ihrer Exis­tenz wil­len sol­che Vor­aus­set­zun­gen machen. Die Reli­gi­ons­wis­sen­schaft hat sol­che Vor­ga­ben nicht nötig, sie erfüllt folg­lich die Kri­te­ri­en der Wis­sen­schaft­lich­keit.

Die Theo­lo­gie ver­sucht, die Ver­nunft an die Ket­te zu legen

Die ver­zwei­fel­ten Ver­su­che der Theo­lo­gen und Reli­gi­ons­ver­tre­ter, die Ver­nunft an die Ket­te des Glau­bens zu legen, machen eines deut­lich: Ihr Geg­ner ist nicht der Nicht-Glau­be oder gar der Athe­is­mus, son­dern die Wis­sen­schaft, ins­be­son­de­re eine natur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dung und die ihr zugrunde­liegende ratio­na­le, an der Wirk­lich­keit ent­wi­ckel­te Denk­wei­se. Natur­wis­sen­schaft ist Wirk­lich­keits­wis­sen­schaft, Theo­lo­gie dage­gen eine Art Tran­szen­denz­kun­de. Gott als Gegen­stand der Theo­lo­gie ist ein ima­gi­nier­tes, also vor­ge­stell­tes Phä­no­men, des­sen Exis­tenz zwar nicht wider­legt, aber auch nicht ein­sich­tig belegt wer­den kann. Die Natur­wis­sen­schaf­ten den­ken und for­schen ergeb­nis­of­fen, für die Theo­lo­gie steht auf­grund von Offen­ba­rung die Wahr­heit im Prin­zip schon fest, sie muss nur noch gedeu­tet und in den jewei­li­gen sach­li­chen und zeit­li­chen Kon­text gestellt wer­den.

Die Natur­wis­sen­schaf­ten haben als Wahr­heits­kri­te­ri­um die Empi­rie, die beob­ach­te­te Wirk­lich­keit. Ein sol­ches ihre Theo­ri­en wahr­heits­nä­her machen­des Kor­rek­tiv haben die Theo­lo­gen nicht. Zwar ver­su­chen sie, ihre theo­lo­gi­schen Kon­struk­tio­nen in sich wider­spruchs­frei zu hal­ten, aber das bedeu­tet nicht, dass die­se Gedan­ken­ge­bäu­de irgend­ei­ne rea­le Basis in der Wirk­lich­keit haben müs­sen. Und wie soll auch der Wahr­heits­be­weis für etwas objek­tiv Unprüf­ba­res erbracht wer­den? Wie man jedoch sieht, kann ein in sich – wenigs­tens in Tei­len – logisch stim­mi­ges Sys­tem von theo­lo­gi­schen Behaup­tun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen in einer gedank­li­chen Welt und auf Papier die Jahr­hun­der­te über­dau­ern. Es ist ja, da nur gedank­lich-begriff­lich exis­tie­rend, auch empi­risch nicht wider­leg­bar.

 Eine “höhe­re Wahr­heit” über­win­det den Wider­spruch

Es gibt gläu­bi­ge Natur­wis­sen­schaft­ler, die ver­nei­nen, dass es einen Gegen­satz zwi­schen Glau­ben und Ver­nunft, zwi­schen Reli­gi­on und Natur­wis­sen­schaft gäbe. Dabei gibt man vor, Gegen­sätz­li­ches zwi­schen Glau­ben und Ver­nunft dadurch ver­ein­bar zu machen, dass man den Wider­spruch zu einer »höhe­ren Wahr­heit« erhebt, die sich unse­rem mensch­li­chen Ver­ständ­nis ent­zö­ge. Ich sehe jedoch kei­nen Grund, sol­che theo­lo­gi­schen Kon­struk­tio­nen wie eine »höhe­re Wahr­heit« zu akzep­tie­ren, kann man doch der behaup­te­ten Ver­träg­lich­keit von Glau­ben und Wis­sen schon mit unmit­tel­bar ein­sich­ti­gen Grün­den wider­spre­chen:

Ein Gott, der angeb­lich Welt und Mensch erschuf und bis heu­te in unser Leben ein­grei­fen wür­de, eine von der Mate­rie unab­hän­gi­ge und unsterb­li­che See­le, die uns mit Gott ver­bin­den wür­de, das Für­wahr­hal­ten von Wun­dern wie die Auf­er­ste­hung von Jesus und sei­ne Him­mel­fahrt – alles das sind Glau­bens­ele­men­te, die einem natur­wis­sen­schaft­li­chen Welt­bild, das heu­te kau­sal geschlos­sen beschrie­ben und in sei­nen Struk­tu­ren weit­ge­hend erklärt wer­den kann, dia­me­tral ent­ge­gen­ste­hen, man könn­te auch sagen: bezie­hungs­los neben dem gesi­cher­ten Wis­sen ste­hen. Auch die Fra­ge nach einem mora­li­schen Anker­punkt und die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens bedür­fen zu ihrer Beant­wor­tung kei­nes Glau­bens an ein über­ir­di­sches Wesen. Dass Moral evo­lu­tio­när ent­stand und somit inner­welt­lich begründ­bar ist, das kann die Sozio­bio­lo­gie heu­te über­zeu­gend bele­gen. Und auch auf die Fra­ge nach dem Sinn unse­res irdi­schen Daseins lässt sich aus huma­nis­tisch-phi­lo­so­phi­scher Per­spek­ti­ve für mich viel Ein­sich­ti­ge­res und Über­zeu­gen­de­res als aus der Sicht eines Glau­bens sagen, der im alten Paläs­ti­na von Men­schen erdacht wur­de, die von der Welt wenig wuss­ten und noch weni­ger davon ver­stan­den.

Ein Phy­si­ker und Pro­tes­tant — “vom Schei­tel bis zur Soh­le”

Der vom Fern­se­hen bekann­te Astro­phy­si­ker und Phi­lo­soph Pro­fes­sor Harald Lesch ist in sei­ner Per­son ein Bei­spiel für eine mir höchst zwei­fel­haft erschei­nen­de Har­mo­nie von Natur­wis­sen­schaft und Reli­gi­on. Jeder, der ihn ein­mal erlebt hat, wie er ledig­lich mit Tafel und Krei­de, oft nur mit Spra­che und Ges­tik, den Urknall erklärt, ist zunächst fas­zi­niert von sei­nen didak­ti­schen Fähig­kei­ten. Er kann erklä­ren und begeis­tern und uns inner­halb kur­zer Zeit eine Vor­stel­lung von der über­wäl­ti­gen­den Pracht des Kos­mos und der Ele­ganz der in ihm wal­ten­den Natur­ge­set­ze ver­mit­teln. Die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on der Natur kann er uns in bei­spiel­haft ver­ständ­li­cher Ein­fach­heit vor Augen füh­ren, und zwar ohne jeden Rück­griff auf gött­li­ches Wir­ken.

Ande­rer­seits sagt er von sich, “ich bin vom Schei­tel bis zur Soh­le Pro­tes­tant”. Ein Bekennt­nis, das auf­hor­chen und für einen Moment einem aka­de­mi­schen Leh­rer sei­nes For­mats respekt­voll Beach­tung schen­ken lässt. Aber man fragt sich sofort, wie zwei so gegen­sätz­li­che Kon­zep­te unter­schiedlichster Natur zusam­men­pas­sen: eine in sich geschlos­se­ne, kei­ne über­natürliche Kräf­te benö­ti­gen­de Beschrei­bung des Natur­ge­sche­hens einer­seits und ein Glau­ben an einen mit Wun­dern ins Welt­ge­sche­hen ein­grei­fen­den Gott ande­rer­seits, an des­sen Drei­ei­nig­keit mit Hei­li­gem Geist und Got­tes­sohn Jesus, an Erb­sün­de und Opfer­tod zwecks Erlö­sung der Mensch­heit.

Ele­ganz und Ein­fach­heit: Eine Kluft von 4000 Jah­ren

Dass er an eine Macht glaubt, die hin­ter allen Din­gen ste­he, könn­te ich noch hin­neh­men. Denn auch Nicht­gläu­bi­ge und Athe­is­ten haben kei­ne ein­fa­chen, wenn über­haupt, Ant­wor­ten auf die Fra­ge nach dem letz­ten Urgrund allen Seins. Aber die Künst­lich­keit und logi­sche Brü­chig­keit des christ­li­chen Glau­bens an einen all­mäch­ti­gen Gott, der die Mensch­heit erschaf­fen haben soll, die ihm aber trotz sei­ner All­mäch­tig­keit und All­wis­sen­heit so bös­ar­tig und sün­dig geriet, dass sie der Erlö­sung durch ein gött­lich ver­an­lass­tes Men­schen­op­fer bedür­fe, ist – ich sage aus­drück­lich: für mich – von einer sol­chen Vor­sint­flut­lich­keit des Den­kens, dass ich mich fra­ge, wie zwei so ver­schie­de­ne Kon­zep­te und vor allem Denk­wei­sen ohne intel­lek­tu­el­le Bedräng­nis­se in einem Kopf neben­ein­an­der bestehen kön­nen. Kom­men doch in die­sem Gegen­satz von natur­wis­sen­schaft­li­cher Ele­ganz und legen­den­haf­ter Ein­fach­heit etwa 4000 Jah­re Kul­tur­ge­schich­te zum Aus­druck.

Ist es früh­kind­li­che Indok­tri­na­ti­on, von der Lesch sich nicht befrei­en kann? Ist es der Preis für eine ihm sonst nicht mög­li­che media­le Entfaltungs­möglichkeit und öffent­li­che Aner­ken­nung? Ist es ein bewuss­tes Akzep­tie­ren von Gegen­sätz­lich­kei­ten, weil kei­nes der bei­den Welt­bil­der für sich allein ihm eine Ant­wort auf das “Wie funk­tio­niert die Welt” und “War­um gibt es die Welt” dar­stellt? Den­noch: Die Durch­dacht­heit, inne­re Stim­mig­keit und Erklä­rungs­kraft unse­res heu­ti­gen natur­wis­sen­schaft­li­chen Welt­bil­des und die Ein­falt und Archa­ik des christ­li­chen Glau­bens las­sen sich mei­nes Erach­tens intel­lek­tu­ell red­lich nicht mit­ein­an­der ver­ein­ba­ren. Ein sol­ches zwei­ge­teil­tes Welt­bild kann nur hin­ge­nom­men wer­den, wenn Ein­heit­lich­keit, Stim­mig­keit, Plau­si­bi­li­tät, Ele­ganz als Kri­te­ri­en für eine den Intel­lekt befrie­di­gen­de Sicht auf die Welt kei­ne Bedeu­tung bei­gemes­sen wird. Sol­ches Den­ken stellt für mich eine Flucht aus der Rea­li­tät in eine mys­ti­sche Welt von Wunsch und Phan­ta­sie dar.

Bei wei­te­rem Nach­fra­gen zieht man sich dann gern auf eine pan­the­is­ti­sche Auf­fas­sung zurück, also eine Vor­stel­lung, nach der Gott und Welt letzt­lich iden­tisch sei­en. Aber was sagt ein sol­cher­ma­ßen ver­all­ge­mei­ner­ter Got­tes­glau­be noch? Und was ist mit den Kern­aus­sa­gen der christ­li­chen Leh­re, wie ver­ein­ba­ren die sich mit einem sol­chen auf­ge­lös­ten Got­tes­be­griff?

 Die Bibel erzählt von Wun­dern und Welt­ent­ste­hung

Gern wird von Gläu­bi­gen argu­men­tiert, dass Wis­sen­schaft und Reli­gi­on, Ver­nunft und Glau­ben sich schon des­we­gen nicht wider­spre­chen könn­ten, da sie unter­schied­li­chen Sphä­ren zuge­ord­net sei­en. Man sagt auch, dass bei­de Berei­che ortho­go­nal zuein­an­der stün­den, was hei­ßen soll, dass der eine Bereich über den ande­ren nichts aus­sa­gen kön­ne. Fest­zu­stel­len ist, dass die Wis­sen­schaft sich dar­an hält, nicht jedoch der Glau­be. Die Bibel macht zum Bei­spiel Aus­sa­gen über die Ent­ste­hung der Welt und des Men­schen und behaup­tet, dass Jesus von einer Jung­frau gebo­ren wur­de und spä­ter, obwohl bereits tot, wie­der auf­er­stand und gen Him­mel fuhr. Der Glau­be macht also sehr wohl sehr kon­kre­te Aus­sa­gen über die Welt. Ihm darf daher auch aus welt­li­cher Sicht, also mit wis­sen­schaft­li­chen Argu­men­ten, wider­spro­chen wer­den. Ein Wis­sen­schaft­ler dage­gen wird über die Exis­tenz Got­tes oder über offen­bar­te Glau­bens­wahr­hei­ten kei­ne Aus­sa­gen machen. Sei­ne Metho­den grei­fen hier nicht. Er kann dazu kei­ne empi­ri­schen Daten erhe­ben, folg­lich kei­ne prüf­ba­ren Hypo­the­sen for­mu­lie­ren, kei­ne Gül­tig­keit bean­spru­chen­de Theo­ri­en auf­stel­len. Er kann allen­falls Plausibilitäts­überlegungen anstel­len, logi­sche Wider­sprüch­lich­kei­ten oder Unmög­lich­kei­ten auf­zei­gen.

Men­schen mit breit gefä­cher­ter Bil­dung sym­pa­thi­sie­ren immer weni­ger mit der Idee, dass es eines Men­schen­op­fers bedür­fen soll­te, um eine außer­welt­li­che Wesen­heit zu besänf­ti­gen. Auch die im Glau­bens­be­kennt­nis bis heu­te beschwo­re­ne Höl­le als Ort ewi­ger Fol­ter ver­ein­bart sich schwer mit einem Den­ken, das sich an huma­nis­ti­schen oder men­schen­recht­li­chen Prin­zi­pi­en ori­en­tiert. An Wun­der, wie die jung­fräu­li­che Geburt oder die Brot- und Wein­ver­meh­rung, von der Auf­er­ste­hung von den Toten und der Him­mel­fahrt ganz zu schwei­gen, will selbst ein grund­sätz­lich noch reli­gi­ös ein­ge­stell­ter Mensch von heu­te so recht nicht mehr glau­ben.

Unser durch moder­ne Wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie sowie die Men­schen­rech­te gepräg­tes Den­ken ent­fernt sich immer mehr von einer reli­giö­sen Welt, die noch Wun­der, Men­schen­op­fer und ewi­ge, das heißt nie­mals enden­de Bestra­fung kennt. Und ist die Idee eines barm­her­zi­gen und die Men­schen lie­ben­den Got­tes – kri­tisch hin­ter­fragt in der berühm­ten Theo­di­zee – wirk­lich so über­zeu­gend ange­sichts des durch Mensch, aber auch die Natur aus­ge­lös­ten gren­zen­lo­sen Leids auf die­ser Erde? Inso­fern ist Ste­fan För­ners Vor­wurf, dass Gläu­bi­ge als “doof” ange­se­hen wür­den, nicht zutref­fend. Sie sind bezüg­lich der Grund­la­gen ihres Glau­bens jedoch unwis­send und unauf­ge­klärt.

Wer denkt, hin­ter­fragt die Din­ge

Die Akzep­tanz des christ­li­chen, eigent­lich jeden Glau­bens scheint mir nur mög­lich, wenn man die Ver­nunft dem Glau­ben unter­ord­net und die logi­schen und sach­li­chen Wider­sprü­che igno­riert. Auf den Grund gehen­des Den­ken ist nun ein­mal mit dem Hin­ter­fra­gen der Din­ge ver­bun­den. Den­ken heißt des­halb immer auch, mit Grün­den zu zwei­feln. Genau das ist der Grund, wes­halb sich Ver­nunft und Glau­be so schlecht ver­tra­gen.

Aber auch das gilt: Los­ge­löst von jeder wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen Erör­te­rung ist für vie­le Men­schen ihr per­sön­li­cher Glau­be eine Quel­le des Tros­tes und der Hoff­nung, selbst wenn die­sem jede ratio­na­le Begrün­dung fehlt. Das funk­tio­niert, wenn man den Bereich des Glau­bens frei­hält von reflek­tie­ren­den, gar zwei­feln­den Über­le­gun­gen, »wenn also die Ver­nunft dem Glau­ben nach­folgt und in sei­nen Dienst ein­tritt«, wie Alt­bi­schof Huber meint.