Leseprobe aus Kapitel V: Warum ich kein Christ sein will

Lese­pro­ben:
Kapi­tel III: Natur­wis­sen­schaft, Reli­gi­on und mensch­li­ches Selbst­ver­ständ­nis
Kapi­tel V: Nach­den­ken über Gott, Gott­ver­trau­en und Moral
Kapi­tel VI: End­gül­ti­ger Abschied von Chris­ten­tum und Kir­che
Kapi­tel VII: Über­le­gun­gen zu einem alter­na­ti­ven Welt- und Men­schen­bild
Kapi­tel VIII: Mein »Cre­do«

Nachdenken über Gott, Gottvertrauen und Moral

Selbst der katho­li­sche Theo­lo­ge Hans Küng (*1928), Autor vie­ler mit Gott und Chris­ten­tum befass­ter Bücher, bekennt sei­ne Rat­lo­sig­keit, wenn er in sei­nem Buch »Cre­do« schreibt:

… ich geste­he dar­über hin­aus, dass ich nach Ausch­witz, dem Gulag und zwei Welt­kriegen erst recht nicht mehr voll­mun­dig von ›Gott, dem All­mäch­ti­gen‹ reden kann, der da als ›ab-solu­ter‹ Macht­ha­ber ›los-gelöst‹, unbe­rührt von allem Leid, doch alles diri­giert, alles macht oder min­des­tens alles machen könn­te, wenn er woll­te, und der dann doch ange­sichts größ­ter Natur­ka­ta­stro­phen und Mensch­heits­ver­bre­chen nicht ein­greift, son­dern schweigt und schweigt und schweigt … 12

Es ist aber nicht nur das ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Ver­hal­ten von Men­schen, in viel grö­ße­rem Maße ist es die Natur, die durch Krank­hei­ten und Kata­stro­phen die Ursa­che schlimms­ten Elends dar­stellt. Lepra, Mala­ria, Pest und Krebs, um nur eini­ge der ver­hee­ren­den Krank­hei­ten zu nen­nen, haben über die Jahr­tau­sen­de Hun­der­te von Mil­lio­nen Men­schen erbärm­lich dahin­ve­ge­tie­ren las­sen und um Lebens­glück und Leben gebracht. Die Hil­fe­ru­fe nach oben zu Gott wen­de­ten das Schick­sal der Betrof­fe­nen nicht, erst moder­ne Wis­sen­schaft und Medi­zin waren in der Lage, hier eine ent­schei­den­de, wenn auch noch längst kei­ne voll­stän­di­ge Hil­fe zu leis­ten.

Im Jah­re 2005 jähr­te sich zum 250. Mal eine Natur­ka­ta­stro­phe, die wie kei­ne ande­re das reli­giö­se und natur­wis­sen­schaft­li­che Den­ken ver­än­dert hat­te. Das schwe­re Erd- und See­be­ben von Lis­sa­bon am 1. Novem­ber 1755 ver­anlasste Phi­lo­so­phen, Natur­wis­sen­schaft­ler und Dich­ter wie Kant, Vol­taire oder Goe­the, von der Vor­stel­lung Abschied zu neh­men, dass sol­che Natur­er­eig­nis­se als Stra­fen Got­tes anzu­se­hen sind. Nach und nach setz­te sich die Ein­sicht durch, dass Erd­be­ben, Vul­kan­aus­brü­che, Wir­bel­stür­me und Flut­wellen natür­li­che Vor­gän­ge sind, die mit der phy­si­ka­li­schen Natur einer unru­hi­gen Erde erklärt wer­den kön­nen. Kant (1724–1804) ent­wi­ckel­te dar­auf­hin eine auf natur­wis­sen­schaft­li­cher Basis begrün­de­te Theo­rie der Erd­be­ben. Sie war aus heu­ti­ger Sicht zwar falsch, aber sie stell­te eine nach­drück­li­che Abkehr von der Auf­fas­sung dar, dass sol­che Men­schen verschlin­genden Natur­ka­ta­stro­phen wie das Beben von Lis­sa­bon eine Rache Got­tes für sünd­haf­tes Ver­hal­ten dar­stell­ten.

Die­ses Beben hat­te für das Den­ken der dama­li­gen Zeit auch des­we­gen umwäl­zen­de Fol­gen, weil mit Lis­sa­bon eine katho­lisch gepräg­te Stadt am Mor­gen des Aller­hei­li­gen­ta­ges mit voll besetz­ten Kir­chen und Kathe­dralen getrof­fen wur­de. Das Erd­be­ben, die sie­ben Meter hohe Flut­wel­le und der anschlie­ßen­de Brand töte­ten wohl an die 30 000 Men­schen. Ande­re Berich­te spre­chen gar von 60 000 bis über 100 000 Toten, zählt man die Opfer des gan­zen Küs­ten­be­reichs mit. Die Ver­wir­rung war voll­kom­men: Gott lösch­te eine katho­li­sche Metro­po­le aus, zu dama­li­ger Zeit die viert­größ­te Stadt Euro­pas, an einem hei­li­gen Tag, an dem sich fast alle Men­schen lob­prei­send in den Häu­sern Got­tes befan­den. Vol­taire (1694–1778), unab­hän­gi­ger und kri­ti­scher in sei­nem Den­ken als der Kir­che lieb sein konn­te, schrieb ein pro­vo­kan­tes Gedicht über das Erd­be­ben (Poè­me sur la désast­re de Lis­bon­ne) und reg­te damit eben­falls eine Dis­kus­si­on an über die frag­wür­di­ge, Gott unter­stell­te Rol­le bei Natur­ka­ta­stro­phen.

Von Johann Wolf­gang von Goe­the (1749–1832) weiß man, dass das Beben von Lis­sa­bon ihn erheb­lich irri­tier­te und sei­ne vor­sich­ti­ge Distan­zie­rung von Kir­che, Chris­ten­tum und einem angeb­lich gerech­ten Gott ein­lei­te­te. Der jun­ge Goe­the schreibt anläss­lich die­ses Ereig­nis­ses in »Dich­tung und Wahr­heit«:

Der Kna­be, der alles die­ses wie­der­holt ver­neh­men muss­te [gemeint sind die vie­len Berich­te und reli­giö­sen und phi­lo­so­phi­schen Kom­mentare über das Erd­be­ben, U. L.], war nicht wenig betrof­fen. Gott, der Schöp­fer und Erhal­ter Him­mels und der Erden, der ihm die Erklä­rung des ers­ten Glau­bens­ar­ti­kels so wei­se und gnä­dig vor­stell­te, hat­te sich, indem er die Gerech­ten mit den Unge­rech­ten glei­chem Ver­der­ben preis­gab, kei­nes­wegs väter­lich bewie­sen. Ver­ge­bens such­te das jun­ge Gemüt sich gegen die­se Ein­drü­cke her­zu­stel­len, wel­ches über­haupt um so weni­ger mög­lich war, als die Wei­sen und Schrift­ge­lehr­ten selbst sich über die Art, wie man ein sol­ches Phä­no­men anzu­se­hen habe, sich nicht ver­ei­ni­gen konn­ten. 13

Das Beben bil­de­te eine tie­fe Zäsur in der euro­päi­schen Geis­tes­ge­schich­te. Die opti­mis­ti­sche Sicht, die der Phi­lo­soph und Uni­ver­sal­ge­lehr­te Gott­fried Wil­helm Leib­niz (1646–1716) in die Wor­te »von der bes­ten aller Wel­ten« gefasst hat­te, wich nüch­ter­ner Betrach­tung. Denn den­ken­den und reflek­tie­ren­den Men­schen war es offen­bar kaum oder gar nicht mehr mög­lich, die über Wort und Schrift behaup­te­te All­mäch­tig­keit und Barm­her­zig­keit Got­tes mit dem tat­säch­li­chen Gesche­hen und dem damit ver­bun­de­nen mensch­lichen Lei­den in Über­ein­stim­mung zu brin­gen. Zwei gro­ße Natur­ka­ta­stro­phen der jün­ge­ren Zeit, der Tsu­na­mi in Süd­ost­asi­en im Jah­re 2004 und das Erd­be­ben in Kasch­mir im Jah­re 2005, mit Hun­dert­tau­sen­den Toten, Mil­lio­nen Ver­letz­ten, zer­stör­ten Häu­sern und unter erbärm­li­chen Bedin­gun­gen dahin­ve­ge­tie­ren­den Men­schen, haben bei uns das Nach­den­ken über die Unver­ein­bar­keit der her­kömm­li­chen Got­tes­vor­stel­lung mit der beob­acht­ba­ren Wirk­lich­keit erneut auf­le­ben las­sen. In den Fern­seh­be­rich­ten war zu sehen, wie völ­lig ver­stör­te klei­ne Kin­der zwi­schen Trüm­mern und Lei­chen umher­irr­ten. Ihre Eltern waren in der Flut­wel­le umge­kom­men, sie selbst konn­ten noch nicht ein­mal ihren eige­nen Namen nen­nen. Wo ist der Gott, der angeb­lich die Kin­der liebt? Inter­es­siert er sich über­haupt für das Gesche­hen auf die­ser Erde? Oder könn­te es sein, dass wir die völ­lig fal­schen Fra­gen stel­len?

Und in der Tat stel­len sich Asia­ten, sofern sie nicht Chris­ten oder Mos­lems sind, son­dern Anhän­ger des Hin­du­is­mus, des Bud­dhis­mus, des Kon­fu­zia­nis­mus oder des Shin­to­is­mus, sol­che Fra­gen nicht. Wer kei­nen per­sön­li­chen bezie­hungs­wei­se per­so­na­len, dem Men­schen glei­chen­den Gott ver­ehrt, der gerecht und gütig ist, der straft und ver­gibt, der kann sich, wenn ihn das Schick­sal heim­sucht, auch nicht beschwe­ren oder gar auf­leh­nen. Einen Gott, der für das Gesche­hen im Leben ver­ant­wort­lich zu machen wäre oder der einem bei der Sinn­su­che hel­fen könn­te, gibt es bei ihnen nicht. Das Lei­den wird als unver­meid­li­ches Schick­sal ange­se­hen.

Beim Bud­dhis­mus wird sogar Leben und Lei­den gleich­ge­setzt, man kann dem Lei­den zunächst nicht ent­flie­hen. Aber man kann dem Lei­den ent­ge­gen­tre­ten, indem man des­sen Ursa­chen und Fol­gen bekämpft und dadurch posi­ti­ves Kar­ma ansam­melt. Durch genü­gend viel posi­ti­ves Kar­ma, das man durch gute Wer­ke erwirbt, besteht schließ­lich – so die Über­zeu­gung – die Mög­lich­keit der Selbst­erlö­sung aus die­sem durch Wie­der­ge­bur­ten gekenn­zeichneten Lei­dens­kreis­lauf. Der gläu­bi­ge Mos­lem dage­gen betrach­tet sich als Allahs abso­lu­ten Unter­tan. Schick­sals­schlä­ge wie Erd­be­ben oder Krank­hei­ten begreift er als obers­ten Wil­len, den es ähn­lich christ­li­cher Ein­stel­lung nicht in Fra­ge zu stel­len gilt.

Anläss­lich der erwähn­ten Flut­ka­ta­stro­phe tra­ten die damals höchs­ten Ver­tre­ter der bei­den gro­ßen christ­li­chen Kir­chen Deutsch­lands, Kar­di­nal Leh­mann und Bischof Huber, am 9. Janu­ar 2005 bei einem öku­me­ni­schen Gedenk­got­tes­dienst im Ber­li­ner Dom auf. Bei­de ran­gen in ihren Pre­dig­ten, rat- und hil­fe­su­chend gen Him­mel bli­ckend, nach den hier noch mög­li­chen Wor­ten. Kar­di­nal Leh­mann ver­glich das Tsu­na­mi-Unglück mit der Sint­flut der Bibel und erin­ner­te an frü­he­re Natur­ka­ta­stro­phen, die Atombomben­abwürfe, an Ausch­witz und den Holo­caust. »Es gibt eben unsäg­li­ches, durch und durch unver­ständ­li­ches Leid. Auch die Bibel kennt die Kla­ge gegen Gott.« Als Christ fin­de er kei­ne ande­re Ant­wort als den Blick auf das Kreuz Jesu. Und er frag­te laut und ver­nehm­lich: »Gott, wo warst Du?«

Die Hilf­lo­sig­keit und die Bedrü­ckung, die aus den Wor­ten des Kar­di­nals spra­chen, fie­len mir auf. Sie hat­ten nichts mehr von jener selbst­si­che­ren, ja manch­mal selbst­herr­li­chen Gewiss­heit eines hohen kirch­li­chen Amts­trä­gers, der schon von Berufs wegen unbe­ding­te Glau­bens­si­cher­heit aus­strah­len muss. Ich fand sei­ne Äuße­run­gen bemer­kens­wert, weil sie in ihrer offen gezeig­ten Rat­lo­sig­keit auf mich auf­rich­tig und wahr­haf­tig wirk­ten. Ein ähn­lich bemer­kens­wer­tes Wort gibt es von Papst Johan­nes Paul II. anläss­lich einer Gene­ral­au­di­enz im Jahr 2002:

Es gibt neben dem Schwert und dem Hun­ger eine noch grö­ße­re Tra­gö­die, näm­lich die des Schwei­gens Got­tes, der sich nicht mehr offen­bart und sich schein­bar in sei­nem Him­mel ein­ge­schlos­sen hat, so als sei er des mensch­li­chen Tuns über­drüs­sig. 14

Erd­be­ben wie das in Hai­ti 2010 mit über 300 000 Toten und eben­so vie­len Ver­letz­ten oder das gewal­ti­ge Beben von 2011, das mit dem Namen Fuku­shima ver­bun­den ist und »nur« etwa 20 000 Tote for­der­te, aber infol­ge da­von gewal­ti­ge bau­li­che, land­schaft­li­che und öko­lo­gi­sche Schä­den und – wie immer bei sol­chen Kata­stro­phen – kaum zu hei­len­des mensch­li­ches Leid ver­ur­sach­te, brin­gen die Kir­chen regel­mä­ßig in Erklä­rungs­nö­te. Ihnen fällt dann meist nur ein, die Über­le­ben­den auf­zu­for­dern, für die Opfer zu beten. Aber wel­chen Sinn soll eine sol­che Anru­fung Got­tes haben? Wenn man ihm offen­bar zutraut, den Getö­te­ten und Gequäl­ten Gna­de und Hil­fe zukom­men zu las­sen, dann wäre es doch sehr viel naher­lie­gen­der, ihn dar­um zu bit­ten, sol­che Kata­stro­phen erst gar nicht ein­tre­ten zu las­sen. Aber das traut man der Kraft der Gebe­te oder der Macht des ange­be­te­ten Got­tes offen­bar nicht zu. Dass Chris­ten sich neben Gebe­ten aktiv an der Hil­fe für in Not gera­te­ne Men­schen betei­li­gen, sei aus­drück­lich erklärt. Aber dar­in unter­schei­den sie sich nicht von ande­ren mit­füh­len­den Men­schen.

4. Was ande­re den­ken und wie ich es sehe

Ende Sep­tem­ber 1997 erschüt­ter­te ein schwe­res Erd­be­ben die mit­tel­ita­lie­ni­sche Regi­on Umbri­en und ließ am Wir­kungs­ort des hei­li­gen Franz von Assi­si die Dop­pel­kir­che San Fran­ces­co des Fran­zis­ka­ner­klos­ters ein­stür­zen. Dabei wur­den – wie die Tages­pres­se sei­ner­zeit ver­mel­de­te – zwei beten­de Pries­ter von der her­ab­stür­zen­den Kir­chen­de­cke uner­war­tet und plötz­lich um ihr Leben gebracht. Ihre Fröm­mig­keit und ihr Beten hal­fen ihnen offen­bar nicht, sie wur­den ihnen viel­mehr zum Ver­häng­nis, ver­gleich­bar dem Gesche­hen infol­ge des Erd­be­bens von Lis­sa­bon 1755, bei dem beson­ders vie­le Men­schen wäh­rend des Got­tes­diens­tes in den städ­ti­schen Kir­chen und Kathedra­len ums Leben kamen. Hört Gott die Gebe­te nicht oder will er sich in sei­nem auf All­wis­sen­heit und All­macht grün­den­den Han­deln nicht von den für ihn irrele­van­ten mensch­li­chen Moti­ven beein­flus­sen las­sen?

Selbst Pries­ter und Bischö­fe ver­las­sen sich, wenn sie zum Bei­spiel krank wer­den, nicht mehr nur auf das Beten, son­dern kon­sul­tie­ren Ärz­te und las­sen sich von moderns­ter medi­zi­ni­scher Wis­sen­schaft kurie­ren. Ja, sogar Papst Johan­nes Paul II. und »Stell­ver­tre­ter Got­tes auf Erden«, der im Früh­jahr 2005 schwer erkrank­te, nutz­te bis zu sei­nem Able­ben mehr medi­zi­ni­sche Tech­nik, als ein nor­ma­ler Sterb­li­cher je zu sehen bekommt. Auf die welt­weit und mit größ­ter Inbrunst gespro­che­nen Gebe­te allein woll­te man sich offen­bar nicht ver­las­sen.

Chris­ten, über­haupt Gott­gläu­bi­ge, glau­ben an die Kraft des Gebe­tes. Sie glau­ben, dass Gott sie erhört und sie bei­spiels­wei­se von einer tücki­schen Krank­heit hei­len oder den Ver­lauf einer schwe­ren Ope­ra­ti­on güns­tig beein­flus­sen kann. Bei Ein­tre­ten des erfleh­ten Erfolgs ist zwar nicht fest­stell­bar, ob Gott hier hel­fend ein­ge­grif­fen hat, auf jeden Fall aber bestärkt es den Glau­ben an Got­tes Mit­hil­fe. Fast alles, was sich Men­schen erhof­fen kön­nen, wird Gott im Gebet vor­ge­tra­gen. Aller­dings betet man offen­sicht­lich nur in jenen Fäl­len, bei denen das erwünsch­te Ein­tre­ten des Erfolgs nach aller Lebens­er­fah­rung prin­zi­pi­ell mög­lich ist: bei der Hei­lung einer Lun­gen­ent­zün­dung, der Geburt eines gesun­den Kin­des oder etwa der erfleh­ten Rück­kehr des gelieb­ten Lebens­part­ners. Das Nach­wach­sen eines infol­ge Krank­heit ampu­tier­ten Bei­nes oder durch Unfall ver­lo­re­nen Auges oder gar das Wie­der­erwa­chen eines ver­stor­be­nen Kin­des wird trotz der All­mäch­tig­keit, die man Gott attes­tiert, offen­bar nicht durch ein Gebet erhofft. Zu offen­kun­dig ist hier die Aus­sichts­lo­sig­keit eines Gebets erkenn­bar. Aus Wall­fahrts­stät­ten wie dem fran­zö­si­schen Lour­des ist von sol­chen Gebe­ten oder gar Hei­lun­gen auch noch nie berich­tet wor­den.

Und eine wei­te­re ket­ze­ri­sche Fra­ge kann ich in die­sem Zusam­men­hang nicht unter­drü­cken: Wie groß ist eigent­lich das immer wie­der beschwo­re­ne Gott­ver­trau­en, wenn selbst der Papst als »Stell­ver­tre­ter Got­tes« im Pan­zer­glas-geschütz­ten Papa­mo­bil her­um­fährt und zum Bei­spiel die Got­tes­häu­ser vor­sichts­hal­ber durch einen Blitz­ab­lei­ter geschützt wer­den?

Einem Gläu­bi­gen mögen die­se letz­ten Zei­len got­tes­läs­ter­lich und ver­let­zend vor­kom­men. Aber es muss erlaubt sein, sol­che Fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Ich fra­ge mich ganz vor­ur­teils­frei und ohne jede belei­di­gen­de Absicht: Wann ist je den Bedräng­ten durch Beten Hil­fe von oben gekom­men? Gebe­tet wur­de und wird seit Men­schen­ge­den­ken in den Häu­sern mit Kran­ken und Ster­ben­den, auf den Schlacht­fel­dern der bis heu­te statt­fin­den­den Krie­ge, in Luft­schutz­kel­lern mit zu Tode ver­ängs­tig­ten Men­schen, in den gro­ßen Ver­nich­tungs­la­gern der Natio­nal­so­zia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten, unter den Trüm­mern der durch Erd­be­ben zer­stör­ten Häu­ser. Wur­den je die Schreie und Ge­bete in den Fol­ter­kel­lern der Inqui­si­ti­on oder aus den bren­nen­den Scheiter­haufen erhört? Haben die­se Men­schen etwa nicht inten­siv genug geglaubt, nicht instän­dig genug gebe­tet?

Wor­auf grün­den die Mil­lio­nen Gläu­bi­gen ihre Hoff­nung auf Erhö­ren ihrer Gebe­te, wenn man doch weiß, dass trotz ver­zwei­fel­ten Hof­fens und Fle­hens Men­schen in unfass­bar gro­ßer Anzahl durch Natur­ka­ta­stro­phen und Seu­chen ein viel zu frü­hes Ende fan­den? Wel­chen Grund soll­te ich haben, mit der Hil­fe Got­tes zu rech­nen, wenn er offen­bar unbe­tei­ligt zusah, wie Milli­onen Juden in einen elen­den Gas­tod geschickt wur­den? Auch sie rich­te­ten ihre von Todes­ängs­ten gezeich­ne­ten Bli­cke nach oben. Hat Gott dem Lei­den der Men­schen nur inter­es­siert zuge­schaut? In Anbe­tracht der ihm zuge­schrie­be­nen All­mäch­tig­keit müss­te man ihn eigent­lich wegen unter­las­se­ner Hil­fe­leis­tung ankla­gen.

Bei nüch­ter­ner Betrach­tung muss man fest­stel­len – ich bin jeden­falls über­zeugt davon – dass Hil­fe, wenn sie denn ein­trifft, auch ohne Beten kommt, und zwar von ande­ren Men­schen oder durch Selbst­hil­fe oder auf­grund zufäl­li­gen Gesche­hens. Zwar wird der Gläu­bi­ge den ihm zuteil gewor­de­nen Bei­stand wie­der als das Ein­grei­fen Got­tes deu­ten. Den Beweis für sei­ne Behaup­tung wird er natür­lich schul­dig blei­ben, so wie auch ich nicht bewei­sen könn­te, dass Gott hier nicht sei­ne Hand im Spiel gehabt hät­te. Die Beweis­last für sei­ne Behaup­tung trägt aller­dings der Gläu­bi­ge. Denn ich kann das Gesche­hen auf natür­li­che Art erklä­ren, der Ande­re sieht dar­in das Wir­ken Got­tes, der sich ledig­lich der natür­li­chen Mit­tel bedie­nen wür­de. Das aber ist eine über­flüs­si­ge und irra­tio­na­les Den­ken för­dern­de Deu­tung. Wenn mein Auto ste­hen geblie­ben ist, viel­leicht wegen eines ver­stopf­ten Ver­ga­sers, dann hilft die Aus­sa­ge, dass »der Teu­fel ins Auto gefah­ren sei« dem her­bei­ge­ru­fe­nen ADAC-Hel­fer auch nicht wei­ter.

Das bekann­te, fast zynisch zu nen­nen­de Wort »Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott« bringt jeden­falls die Lebens­er­fah­rung zum Aus­druck, dass die schein­bar von Gott erhal­te­ne Hil­fe nichts ande­res ist als das in der Not erfolg­te selbst­tä­ti­ge Ein­grei­fen. Dabei ist sicher­lich rich­tig, dass inten­si­ves und glau­bens­er­füll­tes Beten Kräf­te mobi­li­sie­ren kann, die weit über das hin­aus­ge­hen kön­nen, was man sich selbst zuvor zutrau­te. Was dem Gläu­bi­gen dann wie Got­tes Hil­fe erscheint, stellt für den Nicht­gläu­bi­gen ein Phä­no­men dar, das sich schlicht psy­cho­lo­gisch erklä­ren lässt.

Aber viel­leicht ver­langt die sozia­le Natur des Men­schen ein­fach so inten­siv nach einem Part­ner, dass man ihn sich ein­fach nur vor­stel­len muss, um das Gefühl nach Nähe und Kom­mu­ni­ka­ti­on zu befrie­di­gen. Offen­sicht­lich lebt so manch Bedräng­ter in einer – wenn auch nur gedank­li­chen – Gemein­schaft leich­ter, hoff­nungs­vol­ler und erfüll­ter. Vie­le Men­schen brau­chen offen­bar ein all­mäch­ti­ges »Du«, dem sie ihre Wün­sche, Hoff­nun­gen, Verzweif­lung anver­trau­en kön­nen. Es ist gut vor­stell­bar, dass Men­schen in see­li­scher Not in einer sol­chen ver­in­ner­lich­ten Bezie­hung ihren Trost fin­den.

»Gott lässt die Son­ne auf­ge­hen über Bösen und Guten, und er lässt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te.« Man könn­te die­ses Bibel­wort ergän­zen und sagen, er lässt Hil­fe zuteil­wer­den den Beten­den und den nicht Beten­den. Was aber nichts ande­res bedeu­ten wür­de, als dass mein Blick nach oben kei­nen Ein­fluss dar­auf hat, wie Gott zu mir steht. Ich kann in kei­ner Wei­se erken­nen, ob mei­ne Gebe­te erhört wer­den, ob mein Ver­hal­ten in irgend­ei­ner Wei­se von Gott bewer­tet wird. Zurück bleibt also die alte Rat­lo­sig­keit und Unge­wiss­heit dar­über, ob und wie­weit Gott in unser Leben ein­greift, ja, ob er über­haupt exis­tiert.

Wenn Gott über die Eigen­schaft All­wis­sen­heit ver­fügt, dann wüss­te er, wie schwer so vie­le Men­schen mit der Fra­ge rin­gen, ob es ihn gibt und ob er sich für uns Men­schen inter­es­siert. Dann wür­de er erken­nen, wie ver­zwei­felt sie sei­ne Ant­wort erfle­hen und wie sehr sie sich nach sei­ner beschüt­zen­den Hand seh­nen. Die Kir­che »weiß«, dass Gott uns geschaf­fen hat, dass er uns unend­lich liebt, dass er all­mäch­tig und all­wis­send ist, sie weiß angeb­lich, was Gott will, sie behaup­tet so viel von ihm zu wis­sen – war­um er sich hier unten »auf Erden« so sel­ten sehen lässt, dass er sich gera­de­zu vor uns zu ver­ste­cken scheint, weiß sie offen­bar nicht.

Wenn wir Gott in sei­ner Uner­forsch­lich­keit und Rät­sel­haf­tig­keit mit unse­rem Ver­stand nicht erfas­sen und schon gar nicht uns sei­ner Exis­tenz ver­ge­wis­sern kön­nen, wäre es doch an ihm, sich uns zu offen­ba­ren. Aber in einer ver­ständ­li­chen und ein­deu­ti­gen Wei­se, nicht über offen­sicht­lich von Men­schen nie­der­ge­schrie­be­ne Tex­te wie die Bibel, den Koran, die Tho­ra oder zum Bei­spiel die hin­du­is­ti­schen Veden. Die­se angeb­lich gött­li­chen Offen­ba­run­gen haben alle ihre eige­nen, mit­ein­an­der nicht ver­träg­li­chen Auf­fas­sun­gen von Gott und der Welt, haben bis heu­te zu erbit­ter­ten reli­giö­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und dem gegen­sei­ti­gen Abschlach­ten im Namen ihres jewei­li­gen Got­tes geführt. Jede die­ser Welt­re­li­gio­nen bean­sprucht, den wah­ren Gott anzu­be­ten.

Wenn Gott ein Gott der Lie­be und der Barm­her­zig­keit, ein Inbe­griff der Moral ist, dann müss­te es ihm doch sehn­lichs­tes Anlie­gen sein, dem gegen­sei­ti­gen Ver­fol­gen und Umbrin­gen des jeweils Anders­gläu­bi­gen ein Ende zu berei­ten. Gelun­gen ist dies bis­her nur den Men­schen selbst, und zwar vor allem den Gesell­schaf­ten, die sich durch Auf­klä­rung von der Vor­herr­schaft der Reli­gi­on befrei­en konn­ten. Got­tes Wir­ken war dabei nicht zu erken­nen.

Ist es denn zu viel erhofft, ist es kind­lich naiv oder zeugt es von völ­li­gem Miss­ver­ste­hen des Wesens Got­tes, eine ein­deu­ti­ge Bot­schaft von ihm zu er­warten? Wenn die­sem Gott an den Men­schen und an der Welt so viel liegt, wie es uns sei­ne Ver­tre­ter hier auf Erden täg­lich ver­kün­den, dann wäre eine Demons­tra­ti­on sei­ner Macht und sei­nes Inter­es­ses an uns so unend­lich hilf­reich. Könn­te er nicht ein wah­res Wun­der bewir­ken, also einen über­na­tür­li­chen, die Natur­ge­set­ze außer Kraft set­zen­den Ein­griff in das Natur­ge­sche­hen vor­neh­men? Zum Bei­spiel könn­te er in einer welt­weit erkenn­ba­ren Schrift am Fir­ma­ment in der Spra­che eines jeden Men­schen auf sei­ne Exis­tenz hin­wei­sen oder allen tech­ni­schen Unmög­lich­kei­ten trot­zend gleich­zei­tig auf allen Bild­schir­men die­ser Welt erschei­nen. Frü­her nutz­te Gott angeb­lich sol­che Wun­der, um sei­ne Macht und Herr­lich­keit zu demons­trie­ren. Die Bibel berich­tet von der spon­ta­nen Hei­lung Kran­ker und der Ver­wand­lung von Was­ser in Wein, von der Auf­er­ste­hung von Jesus nach sei­nem Kreu­zes­tod und sei­ner spä­te­ren Him­mel­fahrt. Die katho­li­sche Kir­che zum Bei­spiel ist noch heu­te von den über­na­tür­li­chen Erschei­nun­gen Mari­as in Lour­des und Fáti­ma über­zeugt und sieht auch vie­le ande­re Wun­der – im Sin­ne von »nicht natür­lich erklär­bar« – als erwie­sen an. Auch die ande­ren gro­ßen mono­the­is­ti­schen Glau­bens­sys­te­me ver­wei­sen auf Wun­der, um ihre Glaub­wür­dig­keit zu unter­strei­chen.

Ich sehe es aller­dings schon vor mir: das mit­lei­di­ge Lächeln von Gläu­bi­gen und Erleuch­te­ten ob mei­ner Nai­vi­tät und Ein­falt. Sie wer­den mir sagen, dass Gott sich so nicht her­aus­for­dern lie­ße. Nur mei­ne frei­wil­li­ge Hinwen­dung zum Glau­ben kön­ne Erfolg haben, nur wenn ich mich ganz öff­ne und hin­ge­be, wird er sich mir offen­ba­ren. Mit dem Offen­ba­ren ist das aller­dings so eine selt­sa­me Sache. Die welt­weit zu allen Zei­ten auf­ge­tre­te­nen Seher, Erleuch­te­ten und Pro­phe­ten oder sonst wie durch den Besitz angeb­lich gött­li­cher Wahr­hei­ten aus­ge­zeich­ne­ten Men­schen kamen – nicht zuletzt auf­grund ihrer unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Prä­gun­gen – jeweils zu ganz ande­ren Ein­sich­ten und Vor­stel­lun­gen von Gott. Sie begrün­de­ten völ­lig unterschied­liche Reli­gio­nen, basie­rend auf sehr unter­schied­li­chen, angeb­lich durch Gott inspi­rier­ten Tex­ten und bedin­gungs­los zu glau­ben­den hei­li­gen Sät­zen. Natür­lich sahen sie in den ande­ren reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen zu bekämp­fen­den Aber­glau­ben oder gar den Teu­fel am Werk. Die dar­aus ent­stan­de­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Anhän­gern der jeweils »wah­ren« Reli­gi­on und aus deren Sicht jeweils Ungläu­bi­gen hal­ten in vol­ler Inten­si­tät bis heu­te an. Selbst inner­halb des Chris­ten­tums gibt es unzäh­li­ge, sich gegen­sei­tig nicht aner­ken­nen­de Vari­an­ten des rech­ten Weges zu Gott. Soll­te der »wah­re« Gott das so gewollt haben?

Die Tat­sa­che, dass Gott sich so wenig ein­deu­tig äußert und nur über fast belie­big inter­pre­tier­ba­re Zei­chen zu uns spricht und ansons­ten »schweigt und schweigt und schweigt« (Küng), ist für mich ein beson­ders schwer­wie­gen­des Argu­ment gegen die Annah­me eines Got­tes, der die Welt angeb­lich liebt und an uns inter­es­siert sei. Aber auch die Exis­tenz so vie­ler ver­schie­de­ner Reli­gionen mit je einer ande­ren Got­tes­vor­stel­lung, die dar­aus fol­gen­den über Jahr­tausende bis heu­te gegen­ein­an­der geführ­ten Glau­bens­krie­ge und das gleich­gül­ti­ge Schwei­gen die­ser Göt­ter ange­sichts der in ihren Namen began­ge­nen, nicht mehr in Zahl und Maß fass­ba­ren Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit bil­den für mich eine eben­so schwer­wie­gen­de Begrün­dung, dass es den uns sug­ge­rier­ten »lie­ben Gott« oder »barm­her­zi­gen Gott« nicht geben kann. Er ist schlicht und ein­fach eine gedank­li­che Kon­struk­ti­on, eine Wunsch­vor­stel­lung, ent­stan­den aus der tief emp­fun­de­nen Sehn­sucht der Men­schen nach Schutz, Hil­fe, Trost und Ori­en­tie­rung, geför­dert durch eine den ande­ren in der Regel intel­lek­tu­ell über­le­ge­ne Pries­ter­kas­te, die dar­in seit Men­schen­ge­den­ken eine Mög­lich­keit für sich sah, Macht und Ein­fluss über ande­re Men­schen zu gewin­nen.

Auch wenn es heu­te sicher sehr vie­le Pries­ter und Pfar­rer gibt – das­sel­be gilt auch für ande­re Glau­bens­be­kennt­nis­se – die aus vol­ler Glau­bens­über­zeu­gung und mit allen ihren Kräf­ten ande­ren Men­schen in bewun­derns­wer­ter Wei­se Nächs­ten­lie­be und Zuwen­dung ent­ge­gen­brin­gen und kei­ne Macht­in­ter­es­sen mehr ver­fol­gen, an der Tat­sa­che, dass sie einer Illu­si­on an­hängen, ändert sich für mich dadurch nichts. Und dass Mil­lio­nen Men­schen aus die­ser blo­ßen Wunsch­vor­stel­lung Mut und Zuver­sicht gewin­nen und ihnen Gott oft als letz­te Ret­tung erscheint, bezwei­fe­le ich eben­falls nicht. Den­noch gilt für mich: Die­se Art von Got­tes­glau­ben und die Bilanz mei­nes Nach­den­kens über Gott und die Welt pas­sen für mich nicht zusam­men!

Was bin ich nun? Bin ich ein Athe­ist, der Got­tes Exis­tenz strikt leug­net? Bin ich viel­leicht doch eher ein Agnos­ti­ker, also einer, der das Gött­li­che für uner­kenn­bar hält, aber des­sen Exis­tenz nicht unbe­dingt ver­neint?

Als ein – hof­fent­lich – mit Ver­nunft begab­tes Wesen sehe ich mich nicht in der Lage, an den mir über unse­re Kul­tur ver­mit­tel­ten »lie­ben Gott« zu glau­ben. Daher kann ich auch nicht die Vor­stel­lung haben, von die­ser gött­li­chen Instanz der­einst erlöst zu wer­den. Wer ein­mal »vom Baum der Erkennt­nis« geges­sen hat, für den gibt es kein Zurück. Zu vie­le Wider­sprü­che zwi­schen ver­kün­de­ter Bot­schaft und erleb­ter Wirk­lich­keit, zwi­schen Glau­ben und Wis­sen tun mei­nem Ver­stand weh. Daher ist mein Nicht-Glau­be nicht auch eine Art »Glau­be«, wie gern unter­stellt wird, son­dern eher die Über­zeu­gung von der Nicht­exis­tenz eines sol­chen höhe­ren Wesens. Irgend­wo las ich ein­mal die – zuge­ge­ben pole­misch klin­gen­de – Ansicht, Athe­is­mus als eine Art Glau­ben zu bezeich­nen, ent­sprä­che der Auf­fas­sung, dass Gesund­heit auch nur eine Art Krank­heit sei.

Ich fra­ge mich: Wirkt es über­heb­lich, gar arro­gant, wenn ich mei­ne, dass das Bekennt­nis zu einer als gott­frei gedach­ten Welt etwas mit phi­lo­so­phisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Bil­dung, mit intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit und per­sön­li­chem Mut zu tun hat?

Aber auch das weiß ich: Mein und unser aller Ver­stand ist begrenzt, vie­les kön­nen wir nicht sehen, vie­les nicht den­ken und begrei­fen, noch viel mehr nicht wis­sen, und wer weiß, wie viel wir nicht ein­mal erah­nen? Es wird der­einst Ant­wor­ten geben, zu denen wir heu­te noch nicht ein­mal die Fra­gen dazu haben. Die in der Unbe­greif­lich­keit der Rea­li­tät ver­bor­ge­ne poten­zi­el­le Per­spek­ti­ve, in hun­dert Jah­ren viel­leicht über ganz ande­re Ein­sich­ten zu ver­fü­gen, soll­te uns vor blo­ßen Behaup­tun­gen über »Gott und die Welt« bewah­ren.

So hal­te ich denn mei­nen Geist und mei­ne See­le – so ich denn eine hät­te – offen für Ein­sich­ten, die mir viel­leicht bis­her ver­bor­gen geblie­ben sind. Der Christ und der Mus­lim freu­en sich auf den Him­mel, der ihnen der­einst unend­li­che Freu­den besche­ren wird. Ich bin da beschei­de­ner und freue mich dar­über, ein wenn auch win­zi­ger Teil des Uni­ver­sums zu sein, der sich vor­übergehend als ein »Ich« emp­fin­den und sich die­ses unbe­greif­li­chen Uni­ver­sums bewusst wer­den konn­te. …

Kapi­tel VI: End­gül­ti­ger Abschied von Chris­ten­tum und Kir­che