Leseprobe aus Kapitel VI: Warum ich kein Christ sein will

Lese­pro­ben:
Kapi­tel III: Natur­wis­sen­schaft, Reli­gi­on und mensch­li­ches Selbst­ver­ständ­nis
Kapi­tel V: Nach­den­ken über Gott, Gott­ver­trau­en und Moral
Kapi­tel VI: End­gül­ti­ger Abschied von Chris­ten­tum und Kir­che
Kapi­tel VII: Über­le­gun­gen zu einem alter­na­ti­ven Welt- und Men­schen­bild
Kapi­tel VIII: Mein »Cre­do«

Endgültiger Abschied von Christentum und Kirche

2. Die erschüt­tern­de Bilanz von 2000 Jah­ren Chris­ten­tum

Ein beson­de­res Kapi­tel, gera­de für uns Deut­sche, stellt die blu­ti­ge Ver­fol­gung der Juden dar. Die Opfer in den zwei Jahr­tau­sen­den seit Beginn des Chris­ten­tums addie­ren sich zu einer zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­zahl. Sie wur­den erschla­gen, ertränkt, ver­brannt, erschos­sen, ver­gast oder sonst wie zu Tode ge­bracht, fast immer aus christ­lich-reli­giö­sen Moti­ven; die Natio­nal­so­zia­lis­ten gaben ras­si­sche Grün­de an. Beson­ders über die Mas­sen­ver­nich­tung unter Hit­ler ist in hun­der­ten Büchern und tau­sen­den Auf­sät­zen aus­führ­lichst und kom­pe­tent berich­tet und über Ursa­chen nach­ge­dacht wor­den. Es er­scheint daher ent­behr­lich, dass auch ich mich hier dazu äuße­re. Aber ich möch­te einen wesent­li­chen Aspekt beleuch­ten, der so in Schu­le und poli­ti­scher Auf­klä­rung zumin­dest in mei­ner Zeit nie zur Spra­che kam und bis heu­te in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on tabui­siert wird.

In den weni­gen Geschichts­stun­den in mei­ner Schul­zeit zu die­sem The­ma, haupt­säch­lich jedoch bei der Zei­tungs­lek­tü­re über Pro­zes­se gegen KZ-Kom­man­dan­ten, frag­te ich mich immer wie­der, wie es mög­lich war, in der rela­ti­ven Kür­ze der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft ein sol­ches Vernichtungspro­gramm umzu­set­zen. Es muss – so mei­ne damals unter­schwel­li­ge Ver­mu­tung – schon eine brei­te anti­se­mi­ti­sche, min­des­tens jedoch gleich­gül­ti­ge Hal­tung in der Bevöl­ke­rung vor­han­den gewe­sen sein, denn ohne die­se wäre die ras­sisch-ideo­lo­gi­sche Begrün­dung die­ser Ver­nich­tungs­maß­nah­men nicht von so vie­len Mit­hel­fern und Mit­wis­sern so ein­fach hin­ge­nom­men wor­den.

Der Hin­weis auf die – tat­säch­lich ja begrün­de­te – Angst der Men­schen vor eige­ner Ver­fol­gung, wenn Wider­spruch offen geäu­ßert oder gar Wider­stand geleis­tet wor­den wäre, erklärt die­ses Phä­no­men in kei­ner Wei­se. Selbst hohe Kir­chen­ver­tre­ter, denen Amt und gesell­schaft­li­che Stel­lung genü­gend Schutz vor unmit­tel­ba­rer Bedro­hung gebo­ten hät­ten, ver­ur­teil­ten die­se Ver­fol­gun­gen, von rühm­li­chen Aus­nah­men abge­se­hen, nicht. Ich kann mir das nur mit einer schon latent vor­han­de­nen, und zwar euro­paweit ver­brei­te­ten, anti­jü­di­schen Grund­hal­tung wei­ter Bevöl­ke­rungs­krei­se und -schich­ten erklä­ren. Und blickt man wei­ter zurück in die Geschich­te, dann stellt man schnell fest, dass es tat­säch­lich schon seit Jahr­hun­der­ten furcht­ba­re Pogro­me und Ver­nich­tungs­ak­tio­nen gegen die Juden gege­ben hat. Der Anti­se­mi­tis­mus ist also kei­ne Erfin­dung der Natio­nal­so­zia­lis­ten, wie uns durch Schu­le und Nach­kriegs­auf­klä­rung sug­ge­riert wer­den soll­te, son­dern hat viel tie­fer und viel wei­ter zurück­lie­gen­de Ursa­chen. Die Wur­zeln die­ses Anti­se­mi­tis­mus grün­den – und die­se Erkennt­nis war auch für mich zunächst unglaub­lich – prak­tisch aus­schließ­lich in der christ­li­chen Leh­re und der sich auf sie beru­fen­den Kir­che!

Die­se für vie­le gut­gläu­bi­ge Chris­ten sicher­lich schwer zu ertra­gen­de Behaup­tung wird inzwi­schen von vie­len Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lern, ja selbst von evan­ge­li­schen Theo­lo­gen, zum Bei­spiel von Gerd Lüde­mann, und katho­li­schen, zum Bei­spiel Uta Ran­ke-Hei­ne­mann, aus­führ­lich begrün­det und ver­tre­ten. Ran­ke-Hei­ne­mann for­mu­liert: »Die 2000-jäh­ri­ge Geschich­te des Chris­ten­tums ist eine Geschich­te 2000-jäh­ri­ger Juden­ver­fol­gung.« Der aus der Kir­che aus­ge­tre­te­ne Theo­lo­ge Joa­chim Kahl führt in sei­nem Welt­best­sel­ler »Das Elend des Chris­ten­tums« (S. 43f) unter ande­rem aus:

[Die Evan­ge­li­en bemü­hen sich,] die Schuld am Tode Jesu von den römi­schen Behör­den (Pila­tus) ganz auf die Juden abzu­wäl­zen. Schon bei Mar­kus, dem ältes­ten Evan­ge­li­um, sträubt Pila­tus sich, Jesus zu ver­ur­tei­len (15, 10: ›Denn er erkann­te, daß ihn die Hohen­pries­ter aus Neid über­lie­fert hat­ten‹). Noch ein­dring­li­cher läßt Lukas den Pila­tus die Unschuld Jesu beteu­ern (23, 4: ›Pila­tus aber sag­te zu den Hohen­pries­tern und der Volks­menge: Ich fin­de kei­ne Schuld an die­sem Men­schen‹, vgl. 23, Ver­se 14, 20, 22, 25). Mat­thä­us voll­ends füg­te die bekann­te Sze­ne ein, wo Pila­tus sich die Hän­de wäscht und beteu­ert: ›Ich bin unschul­dig am Blu­te die­ses Gerech­ten; sehet ihr zu‹ (27, 24). Dann folgt jener berüch­tig­te Vers, der sich in den fol­gen­den Jahr­hunderten schau­er­lich erfül­len soll­te: ›Und alles Volk ant­wor­te­te und sprach: Sein Blut kom­me über uns und unse­re Kin­der!‹ Die­se Selbst­ver­flu­chung, die Matthä­us infam erfand – wie die his­to­risch-kri­­ti­sche For­schung längst nach­ge­wie­sen hat –, halst dem jüdi­schen Volk als Gan­zem die Schuld am Tode des Got­tes­soh­nes auf. 50

Wie hät­te sich die christ­li­che Leh­re ent­wi­ckelt, wenn Judas Jesus nicht ver­ra­ten hät­te, wenn den Juden nicht die­se Rol­le zuge­dacht wor­den wäre? Wäre Jesus ver­haf­tet und gekreu­zigt wor­den, wäre er wie beschrie­ben auferstan­den? Wäre Jesus dann zum gött­li­chen Erlö­ser der Men­schen gewor­den? So wie berich­tet, lief es eigent­lich ent­spre­chend Got­tes Heils­plan ab: Ver­rat, Ver­ur­tei­lung, Hin­rich­tung, Jesus als Opfer. Für der Men­schen Schuld sei Jesus gestor­ben, schuld aber an sei­nem Tod sei­en die Juden, heißt es. Oder stellt sich das alles ganz anders dar? Ist der bibli­sche Text spä­ter »ange­passt« wor­den, um nach­träg­lich den Tod von Jesus als Opfer dar­zu­stel­len? Wel­che höchst frag­wür­di­ge Geschich­te wird uns da prä­sen­tiert! Kahl fährt fort:

Der anti­se­mi­tisch zuge­spitz­te Vor­wurf des Christus­mordes fin­det sich auch bei Pau­lus, der im ers­ten Thes­sa­lo­ni­cher­brief schreibt: ›Sie haben den Herrn Jesus und die Pro­phe­ten getö­tet und haben uns ver­folgt und gefal­len Gott nicht und sind gegen alle Men­schen feind­se­lig. Sie hin­dern uns, den Hei­den zu ihrem Heil zu pre­di­gen, damit sie das Maß ihrer Sün­den jeder­zeit voll machen. Doch das Zor­nes­ge­richt ist end­gül­tig über sie gekom­men‹ (2, 15f). … Den unüber­biet­ba­ren Gip­fel neu­tes­ta­ment­li­chen Anti­se­mi­tis­mus stellt das Johannesevan­gelium dar, an dem sich beson­ders deut­lich able­sen läßt, daß jede christ­li­che Theo­lo­gie not­wen­dig ihren Juden, die mythi­sche Pro­jek­ti­on des abso­lu­ten Außen­fein­des, braucht. Kla­rer als alle ande­ren Schrif­ten durch­zieht das vier­te Evan­ge­li­um ein stren­ger Dua­lis­mus, der mit den Begrif­fen: Licht und Fins­ter­nis, Wahr­heit und Lüge, oben und unten, himm­lisch und irdisch, Gott und Teu­fel, Frei­heit und Knecht­schaft, Leben und Tod ope­riert. Dem Licht gehört an, wer dem Offen­ba­rer glaubt, der da sagt: ›Ich bin der Weg und die Wahr­heit und das Leben; nie­mand kommt zum Vater außer durch mich‹ (Joh 14, 6). … Der ent­schei­den­de Begriff, der den Ungläu­bi­gen bei­gelegt wird, ist der der ›Welt‹ – oder der der ›Juden‹. Bei­des wird durch­gän­gig aus­tausch­bar gebraucht.

Des Wei­te­ren führt Kahl aus, dass Kir­chen­leh­rer und Kir­chen­vä­ter auf der Basis die­ser und wei­te­rer Bibel­stel­len bereits in den ers­ten Jahr­hun­der­ten in ihren Schrif­ten die Juden als Mör­der von Chris­tus, als Fäl­scher der Hei­li­gen Schrift, als geld­gie­rig und ver­bre­che­risch, ihre Syn­ago­gen als Satans­bur­gen (Offen­ba­rung des Johan­nes, Kap. 3, Vers 9!) brand­mark­ten. Unter Kai­ser Kon­stan­tin (4. Jahr­hun­dert) und sei­nen Söh­nen wur­de der Über­tritt zum Juden­tum mit schwe­ren Stra­fen belegt und Misch­ehen zwi­schen Juden und Chris­ten wur­den mit dem Tode bestraft. Unter Kai­ser Theo­dosi­us II. (5. Jahrh.) wur­den die Juden von allen öffent­li­chen Ämtern und Wür­den aus­ge­schlos­sen. Das IV. Late­r­an­kon­zil (1215) leg­te eine beson­de­re Juden­tracht fest: Einen gel­ben Fleck im Ober­ge­wand und eine gehörn­te Kap­pe. Kahl ver­weist dar­auf, dass unzäh­li­ge Mys­te­ri­en-, Pas­si­ons- und Fast­nachts­spie­le, Trak­ta­te und Hei­li­gen­le­gen­den die Juden ver­höh­nen und ver­leum­den. Vie­le mit­tel­al­ter­li­che Bil­der stel­len den Teu­fel mit einer gebo­ge­nen Nase (»Juden­na­se«) dar. In vie­len alten, gele­gent­lich noch heu­te zu hören­den Sprich­wör­tern und Rede­wen­dun­gen steht das biblisch bezo­ge­ne »Jüdi­sche« als Syn­onym für das Böse und Nega­ti­ve schlecht­hin.

Bemer­kens­wert ist, dass noch heu­te etwa 25 deut­sche Kir­chen die »Juden­sau« in Form von Stein­re­li­efs oder Skulp­tu­ren zei­gen. Wiki­pe­dia schreibt dazu im Bei­trag »Juden­sau« Fol­gen­des: Die Tier­me­tapher »Juden­sau« bezeich­net ein im Hoch­mit­tel­al­ter ent­stan­de­nes häu­fi­ges Bild­mo­tiv der anti­ju­da­is­ti­schen christ­li­chen Kunst. Es soll­te Juden ver­höh­nen, aus­gren­zen und demü­ti­gen, da das Schwein im Juden­tum als unrein gilt und mit einem reli­giö­sen Nah­rungs­ta­bu belegt ist. Die­se Dar­stel­lun­gen sind noch heu­te zu betrach­ten, in vie­len Fäl­len gut erhal­ten oder restau­riert.

Die­se weni­gen, hier nur ange­deu­te­ten Bei­spie­le lie­ßen sich durch vie­le wei­te­re ver­meh­ren. Sie las­sen unzwei­deu­tig erken­nen, dass durch die gesam­te Kir­chen­ge­schich­te, und zwar von Anfang an, die Juden als teuf­li­sche Ele­men­te ange­se­hen und für alle Übel die­ser Welt ver­ant­wort­lich gemacht wur­den, bei­spiels­wei­se auch für die ver­hee­ren­de, Mil­lio­nen Men­schen dahin­raf­fen­de Pest­epi­de­mie von 1347–1349. Muss man sich da noch wun­dern, dass sich auf die­se Wei­se eine tief­sit­zen­de Abnei­gung, ja gera­de­zu Hass – so bar jeder ratio­na­len Begrün­dung auch immer – in allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten breitge­macht und fest ver­an­kert hat? Wenn dann noch eine so sprach­ge­wal­ti­ge Au­torität wie Mar­tin Luther mit ihrem weit­rei­chen­den, bis in unse­re Zeit wirk­samen Ein­fluss ihre wohl­über­leg­ten Hetz­ti­ra­den gegen die Juden los­lässt (sie­he Kap. V, 3), dann kann ich nicht anders, als von einer sys­tem­im­ma­nen­ten, das heißt, die­ser christ­li­chen Leh­re als Wesens­be­stand­teil inne­woh­nen­den Unge­heu­er­lich­keit zu spre­chen. Nur in sel­te­nen Fäl­len ver­hin­der­ten Päps­te und Bischö­fe die­se Ver­leum­dun­gen und Ver­fol­gun­gen.

Wer an den Begrif­fen »Wesens­be­stand­teil« und »Unge­heu­er­lich­keit« An­stoß nimmt, über­le­ge sich, was alles aus dem Neu­en Tes­ta­ment gestri­chen wer­den müss­te, wel­che Kon­se­quen­zen das für die Lei­dens­ge­schich­te von Jesus und die dar­in tra­gen­de Rol­le der Juden hät­te und wel­chen Ver­lauf die mora­li­sche und zivi­li­sa­to­ri­sche Ent­wick­lung in Euro­pa genom­men hät­te, wenn den Juden nicht die­se infa­me Rol­le zuge­wie­sen wor­den wäre. »Judas der Ver­rä­ter« und »die Juden als Got­tes­mör­der« sind begriff­li­che Eti­ket­ten, die ihre dif­fa­mie­ren­de Wir­kung bis heu­te ent­fal­ten.

Wer die­se Zei­len nur mit abweh­ren­dem Kopf­schüt­teln lesen und nicht akzep­tie­ren mag, schla­ge wenigs­tens die Sei­ten 42–52 (in der erwähn­ten 3. Auf­la­ge: S. 46–54) in Joa­chim Kahl »Das Elend des Chris­ten­tums« oder bei Karl­heinz Desch­ner »Aber­mals kräh­te der Hahn« die Sei­ten 442–464 auf. Wer sich umfas­sen­der infor­mie­ren möch­te, lese – wie oben schon erwähnt – »Das Unhei­li­ge in der hei­li­gen Schrift« des evan­ge­li­schen Theo­lo­gen Gerd Lüde­mann oder »Nein und Amen – Mein Abschied vom tra­di­tio­nel­len Chris­ten­tum« der katho­li­schen Theo­lo­gin Uta Ran­ke-Hei­ne­mann. 51

In sei­nem 2008 erschie­ne­nen Buch »Gesich­ter des Anti­se­mi­tis­mus« beschreibt der inter­na­tio­nal als Wis­sen­schaft­ler und Autor his­to­ri­scher Wer­ke aus­ge­wie­se­ne Anti­se­mi­tis­mus­for­scher Wal­ter Laqueur (*1921), wel­che For­men des Has­ses den Juden schon in der Anti­ke ent­ge­gen­schlu­gen. Neben übli­cher, in allen Kul­tu­ren anzu­tref­fen­der Frem­den­feind­lich­keit war es hier vor allem jene christ­lich-reli­giö­ser Begrün­dung. Laqueur stellt fest (S. 14): »Aus his­to­ri­scher Sicht bedeut­sam ist die Tat­sa­che, dass sich das von den christ­li­chen … Theo­lo­gen geschaf­fe­ne Ste­reo­typ des Juden über Jahr­hun­der­te hin­weg hielt und bis heu­te wei­ter­wirkt«. Auch er ver­weist auf ein­schlä­gi­ge anti­jü­di­sche Stel­len im Mat­thä­us-, Lukas- und Johan­nes-Evan­ge­li­um (S. 60f). Als beson­ders feind­se­lig gegen­über den Juden erwähnt er die Kir­chen­män­ner Jus­tin der Mär­ty­rer, Orige­nes, Bischof von Alex­an­dria, und Johan­nes Chryso­s­to­mos, Erz­bi­schof von Kon­stan­ti­no­pel, sowie den bis heu­te hoch geschätz­ten Kir­chen­va­ter Aure­li­us Augus­ti­nus (S. 62f). 52

Ein anti­christ­li­cher Pole­mik gewiss unver­däch­ti­ger Autor ist der bekann­te und all­seits geach­te­te Theo­lo­ge Hans Küng (*1928). Er schreibt in sei­nem Buch: »Christ sein«:

… so ver­schärf­te sich die Lage der Juden ins­be­son­de­re seit dem Hoch­mit­tel­al­ter unge­mein: Juden­schläch­te­rei­en in West­eu­ro­pa wäh­rend der ers­ten drei Kreuz­zü­ge und Aus­rot­tung der Juden in Paläs­ti­na. Die Ver­nich­tung von 300 jüdi­schen Gemein­den im Deut­schen Reich 1348/49 und die Aus­wei­sung der Juden aus Eng­land (1290), Frank­reich (1394), Spa­ni­en (1492) und Por­tu­gal (1497). Spä­ter dann aber auch die greu­li­chen anti­jü­di­schen Hetz­re­den des alten Luther, Juden­ver­fol­gun­gen nach der Refor­ma­ti­on, Pogro­me in Ost­eu­ro­pa … Alles unfaß­bar für den Ver­stand eines heu­ti­gen Chris­ten. … Nicht die Refor­ma­ti­on, son­dern der Huma­nis­mus (Reuch­lin, Sca­li­ger), dann der Pie­tis­mus (Zin­zen­dorf) und beson­ders die Tole­ranz der Auf­klä­rung (Men­schen­rechts­er­klä­rung in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on) haben eine Ände­rung vor­be­rei­tet und teil­wei­se auch durch­ge­setzt. 53

Die immer wie­der auf­ge­stell­te Behaup­tung von der mora­li­schen Bas­ti­on des Chris­ten­tums beruht auf abso­lu­ter Unkennt­nis oder dem Nicht­wahr­ha­ben-wol­len der in wei­ten Stre­cken blut­rüns­ti­gen Geschich­te die­ser Reli­gi­on und der auf ihr errich­te­ten Kir­che.

Um auch das ganz deut­lich zu sagen: Die für mich zur Tat­sa­che gewor­de­ne The­se von den christ­li­chen und kirch­li­chen Wur­zeln des Anti­se­mi­tis­mus rela­ti­viert die exor­bi­tan­ten Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten an den Juden nicht um einen Hauch. Sie macht mir aber den ver­gleichs­wei­se gerin­gen Grad an Wider­stand auch füh­ren­der gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Kräf­te im In- und Aus­land gegen die­se staat­li­chen Mas­sen­mor­de ver­ständ­li­cher. Die ob ihres selbst­lo­sen Mutes und ihrer mensch­li­chen Soli­da­ri­tät mora­lisch nicht hoch genug ein­zu­schät­zen­den Akti­vi­tä­ten ein­zel­ner Hel­fer der Ver­folg­ten sowie die in klei­nen, auch christ­li­chen bezie­hungs­wei­se kirch­li­chen, Grup­pen orga­ni­sier­ten Wider­stands­kämp­fer, die sich gegen die­se Mord­ma­schi­ne­rie auf­lehn­ten, konn­ten lei­der an der Bilanz nicht viel ändern, auch wenn jedes ein­zel­ne geret­te­te Men­schen­le­ben uner­mess­lich schwer wiegt.

Bekannt ist das offen­bar gleich­gül­ti­ge, man­che His­to­ri­ker spre­chen sogar von einem still­schwei­gend zustim­men­den Schwei­gen von Papst Pius XII. (1876–1958) zu den Ver­bre­chen wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft, für die Ausch­witz als Sym­bol steht. Wel­che Rol­le spiel­te der 1933 zwi­schen dem Vati­kan und der Hit­ler­re­gie­rung geschlos­se­ne, noch heu­te (!) gül­ti­ge Ver­trag, das so genann­te Reichs­kon­kor­dat? Ob die dar­in der katho­li­schen Kir­che groß­zü­gig ein­ge­räum­ten Zuge­ständ­nis­se den Vati­kan ver­an­lass­ten, in qua­si neu­tra­ler Hal­tung über die Gescheh­nis­se im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung hin­weg­zu­se­hen?

Eine doku­men­ten­rei­che Abhand­lung stellt das im Jahr 2013 erschie­nene Buch »Pius XII. und die Ver­nich­tung der Juden« dar. Das Buch wid­met sich unter ande­rem der Fra­ge, was der Papst von der sys­te­ma­ti­schen Ermor­dung der Juden wuss­te und war­um er zu deren Ver­fol­gung so beharr­lich schwieg. Der bel­gi­sche Autor Dirk Ver­hof­stadt (*1955) kann bele­gen, dass der Papst weit­ge­hend über die Vor­komm­nis­se infor­miert war. Der Papst schwieg, weil er im Hit­ler-Regime die ein­zi­ge Macht sah, die sich dem Kom­mu­nis­mus ent­ge­gen­stem­men könn­te. Aber er sah im Natio­nal­so­zia­lis­mus auch einen Ver­bün­de­ten gegen Auf­klä­rung und Libe­ra­lis­mus, die für ihn Fein­de von Reli­gi­on und pries­ter­li­cher Vor­macht dar­stell­ten. Die von Sei­ten der Kir­che gern zitier­te Enzy­kli­ka von 1937 »Mit bren­nen­der Sor­ge« erge­he sich in all­ge­mei­nen Aus­sa­gen gegen Ras­sis­mus, erwäh­ne aber die Ver­fol­gung der Juden mit kei­nem Wort. Die katho­li­sche Kir­che pro­tes­tier­te nur, wenn sie ihre Inter­es­sen tan­giert sah. Auch Ver­hof­stadt gei­ßelt den Anti­se­mi­tis­mus als »Krebs­ge­schwür in der christ­lich-euro­­päi­schen Geschich­te«. 54

Fest steht, dass die katho­li­sche Kir­che in erheb­li­chem Maße das Hit­ler-Regime und damit direkt und indi­rekt deren anti­se­mi­ti­sche Maß­nah­men gestützt hat. Dies hier im Ein­zel­nen zu begrün­den, wür­de den Rah­men mei­ner Aus­füh­run­gen spren­gen. Aber eine Stim­me sei hier noch erwähnt, die sehr deut­lich zumin­dest das Ver­sa­gen der füh­ren­den Köp­fe auch der katho­li­schen Kir­che, näm­lich der Bischö­fe, beklagt. Kein Gerin­ge­rer als Kon­rad Ade­nau­er (1876–1967) schrieb am 23. Febru­ar 1946 an Pas­tor Bern­hard Cus­todis:

Ich glau­be, daß, wenn die Bischö­fe alle mit­ein­an­der an einem bestimm­ten Tage öffent­lich von den Kan­zeln aus dage­gen Stel­lung genom­men hät­ten, sie vie­les hät­ten ver­hü­ten kön­nen. Das ist nicht gesche­hen und dafür gibt es kei­ne Ent­schul­di­gung. Wenn die Bischö­fe dadurch ins Gefäng­nis oder in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gekom­men wären, so wäre das kein Scha­de, im Gegen­teil. Alles das ist nicht gesche­hen und dar­um schweigt man am bes­ten. 55

Kaum bekannt ist, dass die evan­ge­li­schen Lan­des­bi­schö­fe und Lan­des­kir­chen­prä­si­den­ten von Sach­sen, Hes­sen-Nas­sau, Meck­len­burg, Schles­wig-Hol­stein, Anhalt, Thü­rin­gen und Lübeck am 17.12.1941 sich mit fol­gen­der Erklä­rung ein­deu­tig hin­ter das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pro­gramm der Juden­ver­fol­gung stell­ten:

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche deut­sche Füh­rung hat mit zahl­rei­chen Doku­men­ten unwi­der­leg­lich bewie­sen, daß die­ser Krieg in sei­nen welt­wei­ten Aus­ma­ßen von den Juden ange­zet­telt ist. Als Glie­der der deut­schen Volks­ge­mein­schaft ste­hen die unter­zeich­ne­ten deut­schen Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen und Kir­chen­lei­ter in der Front die­ses his­to­ri­schen Abwehr­kamp­fes, der unter ande­rem die Reichs­po­li­zei­ver­ord­nung über die Kenn­zeich­nung der Juden als der gebo­re­nen Welt- und Reichs­fein­de not­wen­dig gemacht hat. Schon Dr. Mar­tin Luther erhob nach bit­te­ren Erfah­run­gen die For­de­rung, schärfs­te Maß­nah­men gegen die Juden zu ergrei­fen und sie aus deut­schen Lan­den aus­zu­wei­sen. Von der Kreu­zi­gung Chris­ti bis zum heu­ti­gen Tage haben die Juden das Chris­ten­tum bekämpft oder zur Errei­chung ihrer eigen­nüt­zi­gen Zie­le miss­braucht oder ver­fälscht. Durch die christ­li­che Tau­fe wird an der ras­si­schen Eigen­art des Juden, sei­ner Volks­zu­ge­hö­rig­keit und sei­nem bio­lo­gi­schen Sein nichts geän­dert. Eine deut­sche evan­ge­li­sche Kir­che hat das reli­giö­se Leben deut­scher Volks­ge­nos­sen zu pfle­gen und zu för­dern. Ras­se­jü­di­sche Chris­ten haben in ihr kei­nen Raum und kein Recht. Die unter­zeich­ne­ten deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen und Kir­chen­lei­ter haben des­halb jeg­li­che Gemein­schaft mit Juden­chris­ten auf­ge­ho­ben. Sie sind entschlos­sen, kei­ner­lei Ein­flüs­se jüdi­schen Geis­tes auf das deut­sche reli­giö­se und kirch­li­che Leben zu dul­den. 56

Die Ver­beu­gung die­ser Kir­chen­obe­ren vor den dama­li­gen Macht­ha­bern folgt einer kla­ren Wei­sung der Bibel. Im Brief des Pau­lus an die Römer, Kapi­tel 13, Vers 1 und 2, for­dert der ers­te Theo­lo­ge der Chris­ten­heit:

Jeder leis­te den Trä­gern der staat­li­chen Gewalt den schul­di­gen Gehor­sam. Denn es gibt kei­ne staat­li­che Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott ein­ge­setzt. Wer sich daher der staat­li­chen Gewalt wider­setzt, stellt sich gegen die Ord­nung Got­tes, und wer sich ihm ent­ge­gen­stellt, wird dem Gericht ver­fal­len.

Von einem offi­zi­el­len Bedau­ern oder gar einer Rück­nah­me die­ses unse­li­gen Papiers der Bischö­fe habe ich nie gehört oder gele­sen. Wo blieb der Auf­schrei und der Pro­test der Kir­chen, als in der Reichs­po­grom-Nacht von 1938 die Syn­ago­gen brann­ten? Ein­zel­ne muti­ge Pfar­rer pro­tes­tier­ten, die Kir­chen­lei­tun­gen schwie­gen! Der evan­ge­li­sche Lan­des­bi­schof von Thü­rin­gen, Mar­tin Sas­se, schrieb 1938 im Vor­wort zu sei­ner Schrift »Mar­tin Luther über die Juden – Weg mit ihnen!« sogar zustim­mend:

Am 10. Novem­ber 1938, an Luthers Geburts­tag, bren­nen in Deutsch­land die Syna­gogen. Vom deut­schen Volk wird zur Süh­ne für die Ermor­dung des Gesandt­schafts­ra­tes vom Rath durch Juden­hand die Macht der Juden auf wirt­schaft­li­chem Gebiet im neu­en Deutsch­land end­gül­tig gebro­chen und damit der gott­ge­seg­ne­te Kampf des Füh­rers zur völ­li­gen Befrei­ung unse­res Vol­kes gekrönt. … In die­ser Stun­de muss die Stim­me des Man­nes gehört wer­den, der als der Deut­schen Pro­phet im 16. Jahr­hun­dert aus Unkennt­nis einst als Freund der Juden begann, der, getrie­ben von sei­nem Gewis­sen, getrie­ben von den Erfah­run­gen und der Wirk­lich­keit, der größ­te Anti­se­mit sei­ner Zeit gewor­den ist, der War­ner sei­nes Vol­kes wider die Juden. 57

Gewiss wäre es falsch und unge­recht, zu ver­all­ge­mei­nern und evan­ge­li­sche Chris­ten ins­ge­samt zu ver­ur­tei­len. Aber immer­hin han­delte es sich bei den Autoren der bei­den Doku­men­te um füh­ren­de Reprä­sen­tan­ten einer Insti­tu­ti­on, die von sich behaup­tet, Inter­pre­tin und Hüte­rin gött­lich gestif­te­ter Moral zu sein. Mit wel­chem Recht wirft man dem ein­fa­chen Bür­ger vor, sei­ner­zeit nicht Wider­stand geleis­tet zu haben, wenn gut infor­mier­te, maß­geb­li­che und meinungs­bildende Köp­fe die Ver­fol­gung der Juden ideo­lo­gisch recht­fer­tig­ten!

Es gab in der Tat Pro­test und Wider­stand. Mar­tin Niem­öl­ler (1892–1984) u. a. grün­de­ten den Pfar­rernot­bund, der sich dage­gen wehr­te, »nicht­arische« Chris­ten aus der evan­ge­li­schen Kir­che aus­zu­schlie­ßen. Ihm gehör­ten tau­sen­de evan­ge­li­sche Pfar­rer an, sie hal­fen vie­len ver­folg­ten Juden in ver­schie­dens­ter Wei­se. Aus dem Pfar­rernot­bund ging die »Beken­nen­de Kir­che« her­vor. Sie stell­te zwar nur eine Min­der­heit der deut­schen Pro­tes­tan­ten dar, wand­te sich aber ent­schie­den gegen die regime­treue Hal­tung gro­ßer Tei­le der offi­zi­el­len evan­ge­li­schen Kir­che. Ihre Wir­kung zu Guns­ten der Juden blieb jedoch begrenzt. Zum einen, weil vie­le ihrer Mit­glie­der ver­haf­tet wur­den, zum andern, weil erheb­li­che Tei­le die­ser Bewe­gung zum Völ­ker­mord an den Juden – aus ver­ständ­li­cher Angst – schwie­gen.

Wie dif­fe­ren­ziert sich die Situa­ti­on der Kir­chen im Natio­nal­so­zia­lis­mus dar­stellt, ver­sucht ein unter dem Pseud­onym Epikur63 schrei­ben­der Autor anhand von Doku­men­ten und Zita­ten auf­zu­zei­gen. Unter dem Titel »Die Kir­che und der Natio­nal­so­zia­lis­mus« stellt er jeweils zehn Bele­ge für die Zu­sammenarbeit und zehn Bele­ge für prak­ti­zier­ten Wider­stand zusam­men. Eine wei­te­re Zusam­men­stel­lung mit Ori­gi­nal­zi­ta­ten zum Ver­hal­ten wesent­li­cher Reprä­sen­tan­ten der bei­den deut­schen Kir­chen in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus hat Wolf­gang Klos­ter­hal­fen (*1945), Autor der »Reim­bi­bel«, über das Inter­net zugäng­lich gemacht. Wer nach Lek­tü­re die­ser Tex­te immer noch der Mei­nung ist, dass die Kir­chen ins­ge­samt ein Boll­werk des Wider­stands gegen die Bar­ba­rei des Natio­nal­so­zia­lis­mus gewe­sen sei­en, der will es offen­bar nicht wahr­ha­ben, dass eine Viel­zahl hoch­ran­gi­ger Ver­tre­ter der Kir­chen das Regime Adolf Hit­lers unter­stützt hat. 58 Schließ­lich war Hit­ler kein Athe­ist, er war Katho­lik und hat sich mehr­fach zum Chris­ten­tum bekannt. Exkom­mu­ni­ziert wur­de er übri­gens auch nie.

Papst Johan­nes XXIII. (1881–1963) zeigt sich in einem zwar sehr all­ge­mein gehal­te­nen Gebet, das er 1963 kurz vor sei­nem Tod ver­fass­te, offen­bar aber ein­sich­tig und reu­mü­tig, wenn auch für die Opfer zu spät:

Wir erken­nen heu­te, daß vie­le Jahr­hun­der­te der Blind­heit unse­re Augen ver­hüllt haben, so daß wir die Schön­heit Dei­nes aus­er­wähl­ten Vol­kes nicht mehr sehen und in sei­nem Gesicht nicht mehr die Züge unse­res erst­ge­bo­re­nen Bru­ders wie­der­erken­nen. Wir erken­nen, daß ein Kains­mal auf unse­rer Stirn steht. Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te hat unser Bru­der Abel in dem Blu­te gele­gen, das wir ver­gos­sen, und er hat Trä­nen geweint, die wir ver­ur­sacht haben, weil wir Dei­ne Lie­be ver­ga­ßen. Ver­gib uns den Fluch, den wir zu unrecht an den Namen der Juden hef­te­ten. Ver­gib uns, daß wir Dich in ihrem Flei­sche zum zwei­ten­mal ans Kreuz schlu­gen. Denn wir wuß­ten nicht, was wir taten. 59

Bleibt abschlie­ßend die Fra­ge, ob es noch heu­te offe­nen Anti­se­mi­tis­mus bezie­hungs­wei­se Anti­ju­da­is­mus gibt. Die Fra­ge muss lei­der bejaht wer­den. Der latent immer noch vor­han­de­ne Anti­se­mi­tis­mus in Tei­len der Bevöl­ke­rung wird inzwi­schen unüber­hör­bar auch durch mus­li­mi­sche Zuwan­de­rer geäu­ßert. Sie begrün­den ihre Feind­schaft gegen alles Jüdi­sche mit ein­deu­ti­gen Koran­stel­len oder fol­gen ihren Hass pre­di­gen­den Ima­men. Mus­li­mi­sche Schü­ler belei­di­gen ganz offen jüdi­sche Mit­schü­ler, der Aus­druck »Du Jude« ist wie­der zu einem gän­gi­gen Schimpf­wort gewor­den. Auf Demons­tra­tio­nen gegen Isra­el wer­den Fah­nen Isra­els ver­brannt und dazu anti­jü­di­sche Paro­len skan­diert. Es sind poli­ti­sche Grün­de, anti­jü­di­sche Paro­len in den Schu­len, auf Demons­tra­tio­nen gegen Isra­el oder in Inter­net-Vide­os offi­zi­ell zu »über­hö­ren«. Man weicht von offi­zi­el­ler Sei­te lie­ber in eine mög­lichst all­ge­mein gehal­te­ne Ver­ur­tei­lung anti­jü­di­scher Äuße­run­gen aus. Die Sor­ge, sich expli­zit mus­lim­kri­tisch zu äußern, ver­hin­dert, ein­deu­tig Stel­lung zu bezie­hen. Schließ­lich ist der Islam eine »befreun­de­te« Reli­gi­on, die mög­lichst nicht als Bünd­nis­part­ner, zum Bei­spiel gegen Huma­nis­ten und Athe­is­ten, ver­är­gert wer­den soll. 60

Wie sehr die Kir­che im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der Juden im Drit­ten Reich sich ihrer »hei­li­gen« Schrift zu schä­men scheint, vor allem was das Ver­bren­nen von Men­schen in Zie­gel­öfen betrifft, geht aus einer Fäl­schung des fol­gen­den Bibel­tex­tes her­vor. Die­ser Text in Samu­el 2, Kap. 12, Vers 31 lau­tet in sei­ner ursprüng­li­chen, von Luther über­setz­ten Form wie folgt:

Aber das Volk drin­nen führ­te er her­aus und leg­te sie unter eiser­ne Sägen und Zacken und eiser­ne Kei­le und ver­brann­te sie in Zie­gel­öfen. So tat er allen Städ­ten der Kin­der Ammon.

In der von den deutsch­spra­chi­gen Kir­chen 1980 gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Ein­heits­über­set­zung lau­tet die­se Stel­le jetzt so:

Auch ihre Ein­woh­ner führ­te er fort und stell­te sie an die Stein­sä­gen, an die eiser­nen Spitz­ha­cken und an die eiser­nen Äxte und ließ sie in den Zie­ge­lei­en arbei­ten. So mach­te er es mit allen Städ­ten der Am­moniter.

Man sieht, das Fäl­schen der Bibel hat bis heu­te kein Ende gefun­den. 61 Übri­gens auch Jesus spricht in Mat­thä­us, Kapi­tel 13, in den Ver­sen 42 und 50 von einem »Ofen«, in den die Ungläu­bi­gen gewor­fen wer­den. Das über vie­le Jahr­hunderte prak­ti­zier­te Ver­bren­nen von Anders- und Nicht­gläu­bi­gen durch die Kir­che hat also eine Recht­fer­ti­gung aus höchs­tem Mun­de.

3. Die Bot­schaft hör’ ich wohl …und das soll ich glau­ben?

Die Höl­le – ein wei­te­rer wich­ti­ger Begriff im Glau­bens­be­kennt­nis – spielt im welt­wei­ten Chris­ten­tum nach wie vor eine zen­tra­le Rol­le und ist zugleich die grau­sams­te und nie­der­träch­tigs­te gedank­li­che Kon­struk­ti­on, die Chris­ten­tum bezie­hungs­wei­se Kir­che sich aus­ge­dacht oder von ande­ren Reli­gio­nen über­nom­men haben. Über eine Zeit von fast zwei­tau­send (!) Jah­ren wur­de den Men­schen, die im Herr­schafts­be­reich der Kir­che leben muss­ten, mit ewig andau­ern­den ent­setz­lichs­ten Qua­len für den Fall ungläu­bi­gen Ver­hal­tens gedroht. Wie steht es eigent­lich um die Über­zeu­gungs­kraft einer Bot­schaft, die sich solch bru­ta­ler Ein­schüch­te­run­gen bedie­nen muss? Wie ver­ein­bart sich das eigent­lich mit der angeb­lich unend­li­chen Barm­her­zig­keit und Lie­be Got­tes zu den Men­schen?

Jesus selbst, auf den die­se über alle Maßen erbar­mungs­lo­se Straf­an­dro­hung zurück­geht, kann nicht beson­ders über­zeugt von der Wirk­sam­keit sei­nes Pre­di­gens und Han­delns gewe­sen sein. Denn er wird nicht müde und fin­det vie­le Gele­gen­hei­ten, auf die Kon­se­quen­zen der Ableh­nung sei­ner Bot­schaft hin­zu­wei­sen, und schil­dert uns die dann zu erwar­ten­de Höl­le als Ort ewig bren­nen­den Feu­ers. Wie ver­ein­bart sich die immer wie­der beschwo­re­ne »unend­li­che Lie­be und Barm­her­zig­keit Got­tes« und die auch von Jesus gefor­der­te Nächs­ten- und sogar Fein­des­lie­be mit sol­chen ewig (!) andau­ern­den fürch­ter­lichs­ten Schmerz­zu­fü­gun­gen, die jene zu erwar­ten haben, die ledig­lich sei­ne himm­li­sche Bot­schaft nicht anneh­men mögen? Jede Insti­tu­ti­on, die heu­te mit sol­chen Straf­maß­nah­men, gar nie enden­den, droh­te, um ein bestimm­tes Ver­hal­ten zu erzwin­gen, wür­de geäch­tet wer­den. Man wür­de das zu Recht als Andro­hung von Fol­ter bezeich­nen. Maß­stä­be ele­men­tars­ter For­men von Huma­ni­tät gel­ten aber offen­bar nicht für die bibli­sche Leh­re.

Angeb­lich erwar­tet Gott das frei­wil­li­ge Ja zu ihm. Wie kann aber von einer frei­en Ent­schei­dung die Rede sein, wenn die Alter­na­ti­ven so extrem un­gleichwertig sind. Wie kann Gott uns Wil­lens­frei­heit geben und gleich­zei­tig dro­hend ver­lan­gen, dass wir uns für ihn ent­schei­den? Wie kann man von einer frei­wil­li­gen und über­zeug­ten Hin­wen­dung zum Glau­ben spre­chen, wenn als Alter­na­ti­ve nur die denk­bar größ­te per­sön­li­che Kata­stro­phe droht!

Dass das Feu­er in der Höl­le nicht etwa nur sym­bo­lisch gemeint war, son­dern als tat­säch­lich exis­tie­ren­de und schmerz­lichs­te Höl­len­glut zu ver­ste­hen ist, geht aus vie­len kirch­li­chen Lehr­bü­chern und theo­lo­gi­schen Lexi­ka her­vor. Auf unzäh­li­gen bild­li­chen Dar­stel­lun­gen mit christ­lich-reli­giö­sen Moti­ven und zum Bei­spiel auf vie­len Decken­ma­le­rei­en in Kir­chen wird uns das höl­li­sche Infer­no dras­tisch vor Augen geführt. Die Kir­chen­ge­schich­te kennt nicht weni­ge Gläu­bi­ge, die die Höl­le als Got­tes unwür­dig, als Schand­mal der christ­li­chen Leh­re ansa­hen und ihre Exis­tenz daher leug­ne­ten. Sie muss­ten für ihre ket­ze­ri­schen Ansich­ten prompt schon mal mit einem irdi­schen Höl­len­feu­er büßen.

Nach Mei­nung des Kir­chen­leh­rers Augus­ti­nus beka­men unge­tauf­te Kin­der das Höl­len­feu­er zu spü­ren, »wenn auch in weni­ger schmerz­haf­ter Wei­se als alle, die per­sön­li­che Schuld auf sich gela­den haben«. Spä­ter wur­de dar­aus eine Vor­höl­le, wo ihnen ein von Qua­len frei­er Auf­ent­halts­ort zuge­wie­sen wür­de. Päps­te und Kir­chen­leh­rer bau­ten im Lau­fe der Zeit die »Theo­rie« der Vor­höl­le, des Fege­feu­ers, einer Art läu­tern­der und der Über­prü­fung die­nen­der Zwi­schen­sta­ti­on, und der eigent­li­chen Höl­le immer wei­ter aus und leg­ten selbst­herr­lich fest, wer sicher, wer viel­leicht, aus wel­chen Grün­den und wie lan­ge in das Fege­feu­er oder für immer in die Höl­le kommt und dort mit wel­cher Inten­si­tät gequält wird. 72

Eine sol­che aus­ge­klü­gel­te Form von Sadis­mus kann eigent­lich nur kran­ken oder durch eine Irr­leh­re defor­mier­ten Hir­nen ent­sprun­gen sein. Die­ses Ein­schüch­tern und Dro­hen mit ent­setz­lichs­ten Kon­se­quen­zen für das Abwei­chen vom Glau­bens­pfad führ­te dazu – wie die Theo­lo­gin Uta Ran­ke-Hei­ne­mann sar­kas­tisch ver­merkt – dass »der Christ sich mehr vor der Höl­le fürch­tet, als er sich auf den Him­mel freut«. 73 Nach neu­es­ter »theo­lo­gi­scher Erkennt­nis«, durch eine vati­ka­ni­sche Kom­mis­si­on ermit­telt und im Jahr 2007 ver­kün­det, gibt es nun auf ein­mal kei­ne Vor­höl­le mehr! Ist die­sen selbst­herr­li­chen und welt­frem­den alten Her­ren im Vati­kan wirk­lich nicht bewusst, wel­che Anma­ßung, Dreis­tig­keit und boden­lo­se Ein­falt in ihren phan­ta­sier­ten Fest­le­gun­gen über Vor­höl­le, Höl­le und Fege­feu­er ste­cken?

Somit hat Jesus der Mensch­heit über sei­ne Ver­kün­der nicht nur die Bot­schaft der Lie­be und des Frie­dens gebracht, son­dern auch die schlimms­te aller denk­ba­ren Dro­hun­gen, denen die Mensch­heit je aus­ge­setzt war. Aber­mil­lio­nen von Men­schen lit­ten und lei­den bis heu­te unter die­ser unsäg­li­chen gött­li­chen War­nung vor ewi­ger Ver­gel­tung, ewi­ger Fol­ter. Gemes­sen an dem Elend, das die­se Dro­hung in den Psy­chen nicht mehr zu zäh­len­der Men­schen aus­ge­löst hat, ver­blasst die – selbst von Kri­ti­kern der christ­li­chen Leh­re – Jesus immer noch zuge­schrie­be­ne ein­zig­ar­ti­ge und vor­bild­haf­te mora­li­sche Rol­le. Zudem muss­ten unge­zähl­te Men­schen leben­di­gen Lei­bes den Feu­er­tod erlei­den, weil man sei­ner­zeit bibel­treu glaub­te, nur auf die­se Wei­se ihre See­len mög­li­cher­wei­se vor ewi­ger Höl­len­pein ret­ten zu kön­nen. So betrach­tet ist die Per­son Jesus (bzw. das ihm zuge­spro­che­ne Wort) – man wagt es kaum aus­zu­spre­chen, aber die Logik erzwingt es – Initia­tor für das größ­te psy­chi­sche Unheil, das der Mensch­heit – zumin­dest im Ein­zugs­be­reich des christ­li­chen Glau­bens – je zuge­fügt wur­de. Selbst wenn man ein­räumt, dass eben­so vie­le, viel­leicht sogar noch mehr Men­schen Trost und Hil­fe in die­ser Leh­re fan­den – welch unge­heu­rer Preis, mit wie­viel Angst und psy­chi­scher Not muss­te dafür bezahlt wer­den!

Eine Reli­gi­on, die über Jahr­tau­sen­de und in vie­len Län­dern die­ser Erde bis heu­te einen sol­chen Bestim­mungs­ort für Men­schen vor­sieht, die sich nicht ihren zusam­men­phan­ta­sier­ten Vor­stel­lun­gen fügen, ein Glau­bens­sys­tem, das ewi­ge, grau­en­haf­tes­te Fol­te­run­gen selbst für nur ein­ma­li­ge Ver­feh­lun­gen in einem kur­zen Leben androht, eine Kir­che, die also Fol­ter (!) als selbst­ver­ständ­li­che und von Gott ein­ge­setz­te Bestra­fung für Glau­bens­un­ge­hor­sam betrach­tet und die über Wort und Bild schon die Psy­chen der noch Leben­den mit Hor­ror­vi­sio­nen quält, ver­dient nur ein Urteil: men­schen­un­wür­dig und men­schen­ver­ach­tend!

Nun kommt das Über­ra­schen­de: Der der­zeit gül­ti­ge katho­li­sche Katechis­mus kennt auf ein­mal die Höl­le als Ort ewig quä­len­den Feu­ers nicht mehr! Kein Wort über die­se Jahr­tau­sen­de alte, fins­ters­te Andro­hung, die über unzäh­li­ge Pre­dig­ten, Schrif­ten und Bil­der in den Köp­fen wehr­lo­ser Men­schen ver­an­kert wur­de und stets genutzt wer­den konn­te, Scha­fe samt auf­mu­cken­der Böcke bei der Stan­ge zu hal­ten. Wel­che Erkennt­nis­se sind denn in den letz­ten zwan­zig, drei­ßig Jah­ren gewon­nen wor­den, dass es nun plötz­lich abso­lut ver­harm­lo­send heißt, die Höl­le sei ein »Zustand der end­gül­ti­gen Selbst­aus­schlie­ßung aus der Gemein­schaft mit Gott und den Seli­gen«. An ande­rer Stel­le heißt es: »Die schlimms­te Pein der Höl­le besteht in der ewi­gen Tren­nung von Gott …«. 74 Kein Wort mehr von jenen in der Bibel und spä­ter von der Kir­che dras­tisch aus­ge­mal­ten ewi­gen und ent­setz­lichs­ten Feu­er­qua­len.

Alt­bi­schof Huber mein­te in einer Talk­show wört­lich: »Die Höl­le gibt es. Aber sie ist leer.« Da fra­ge ich zurück: Hat Gott es sich anders über­legt oder kommt in die­sem »Ent­ge­gen­kom­men« nur zum Vor­schein, dass das alles theo­lo­gi­sche Kon­struk­ti­on war, um Men­schen durch Angst zu gehor­sa­men und demuts­vol­len Gläu­bi­gen zu machen?

Die­ses kom­men­tar­lo­se, gera­de­zu skru­pel­lo­se Fal­len­las­sen einer über zwei Jahr­tau­sen­de geüb­ten Erpres­sungs­pra­xis ist von größ­ter Unred­lich­keit und Schä­big­keit, vor allem, wenn man sich bewusst­macht, wel­ches uner­mess­li­che psy­chi­sche und phy­si­sche Unheil in und an Mil­lio­nen Men­schen über die Jahr­hun­der­te ange­rich­tet wur­de, und dass sich unter ande­rem – oder vor allem? – auf Grund die­ser von den Men­schen bit­ter­ernst genom­me­nen Andro­hung die zah­len­mä­ßi­ge Grö­ße der Kir­che erklärt. Es gibt sei­tens der Kir­chen kein Wort des Bedau­erns, kei­ne erklä­ren­de Ent­schul­di­gung.

Die­ser bemer­kens­wer­te – aus der Sicht eines Chris­ten eigent­lich erfreu­li­che – Sin­nes­wan­del ist nun nicht etwa auf Mit­leid mit den Ungläu­bi­gen oder auf die Wie­der­ent­de­ckung des in der Berg­pre­digt gefor­der­ten barm­her­zi­gen Mit­ein­an­der­um­ge­hens zurück­zu­füh­ren. Die­se Umin­ter­pre­ta­ti­on beruht allein auf der Ein­sicht, dass man sich mit die­ser mit­tel­al­ter­li­chen Droh­ku­lis­se heu­te nur noch lächer­lich macht. Still­schwei­gend wird also ein mäch­ti­ges und be­währtes Erpres­sungs­mit­tel gestri­chen. Man sieht, die kirch­li­chen Macht­in­stru­men­te grei­fen auf­grund der wach­sen­den Auf­ge­klärt­heit der Men­schen immer weni­ger. Und auch was vom dog­ma­ti­schen Gebälk noch ste­hen­ge­blie­ben ist, das ächzt und kracht in allen Fugen. …

Kapi­tel VII: Über­le­gun­gen zu einem alter­na­ti­ven Welt- und Men­schen­bild