Leseproben aus Kapitel VII: Warum ich kein Christ sein will


Überlegungen zu einem alternativen Welt- und Menschenbild

1. Was ist der Sinn des Lebens?

Die Frage nach dem Sinn allen Seins, nach dem Sinn dieses unseres Kos­mos oder nach dem Sinn unseres indi­vidu­ellen Lebens hier auf Erden stellte sich im Rah­men der Über­legun­gen, die bish­er in diesem Buch angestellt wur­den, bere­its wieder­holt. Das so genan­nte anthropis­che Prinzip for­muliert die These, der Sinn des Uni­ver­sums sei es let­ztlich, den Men­schen als Gott erken­nen­des Wesen her­vorzubrin­gen. Im Rah­men der Evo­lu­tion­s­the­o­rie stellte sich in ähn­lich­er Weise die Frage, ob diese ein vorgegebenes Ziel anstrebe und dieser seit Urzeit­en währen­den Entwick­lung mit dem Erscheinen des Men­schen einen krö­nen­den Abschluss ver­lei­he. Auch begeg­neten uns immer wieder die Fra­gen nach dem Woher und Wohin und dem Warum und Wozu unser­er Exis­tenz. Ste­ht also hin­ter allem kos­mis­chen und irdis­chen Geschehen eine dem Ganzen Sinn und Bedeu­tung gebende Instanz, von uns Gott genan­nt, oder pro­jizieren wir in naiv­er und unbe­dachter Weise nur unsere tra­di­tionellen Denkmuster auf das Ganze, weil wir gewohnt sind, so zu denken?

Ich meine, dass wir uns eingeste­hen müssen, dass das Uni­ver­sum nicht teil­nimmt an unserem Denken in den Kat­e­gorien von Sinn, Bedeu­tung, Absicht oder Ziel. Es sind Denkmuster, die wir entwick­elt haben, um die uns umgebende Welt und die in ihr ablaufend­en Prozesse ord­nen, uns ver­ständlich machen und deuten zu kön­nen. Beson­ders Vorgän­gen und Ereignis­sen, die wir nicht ver­ste­hen, ver­suchen wir eine Bedeu­tung, einen Sinn zu geben. Das Netz dieser deu­ten­den Begriffe, mit denen wir unsere Welt struk­turi­eren und vor allem inter­pretieren, existiert in unserem Kopf und nur dort. Diesen Begrif­f­en entsprechen keine in der uns umgeben­den Natur objek­tiv fest­stell­baren Eigen­schaften oder Erschei­n­un­gen. Das Uni­ver­sum ist sin­n­frei. Die Welt ist ein­fach da, voller Rät­sel und von Zufällen durch­wirkt, uns gegenüber von kalter Gle­ichgültigkeit.

Auch wenn Haber­mas vorschlägt, die Reli­gio­nen als »Sin­nres­source« frucht­bar zu machen, so wird meines Eracht­ens dabei nicht viel mehr her­auskom­men als das Auf­spüren eines vage emp­fun­de­nen »meta­ph­ysis­chen Grundbedürfniss­es«. Es ist das, was wir an ander­er Stelle vor­sichtig mit spir­itueller Dimen­sion beze­ich­net haben, eine geistige Hal­tung, die sich Fra­gen zuwen­det, die über uns hin­ausweisen, mit The­men wie der Endlichkeit der eige­nen Exis­tenz, Gefühlen des Eins­seins mit der Natur, der Unbe­grei­flichkeit der Real­ität (»Warum ist etwas, und nicht vielmehr nichts?«), dem Sinn des Lebens.

Wenn die gott- und jen­seit­sori­en­tierten Deu­tungsmuster der Reli­gio­nen uns nicht mehr überzeu­gen kön­nen und wir ander­er­seits verge­blich im Kos­mos oder in der uns umgeben­den Natur nach einem objek­tiv­en Sinn des Seins und unser­er irdis­chen Exis­tenz Auss­chau hal­ten, wer oder was hin­dert uns daran, unserem Leben selb­st Sinn und Bedeu­tung zu geben? Denn wenn ein objek­tiv­er Sinn nicht gegeben oder nicht erkennbar ist, so kann ich doch für mich selb­st auf viel­er­lei und indi­vidu­elle Weise mein Leben ein­richt­en und gestal­ten, so dass es mich erfüllt, mich zufrieden und vielle­icht sog­ar glück­lich macht und mir daher lebenswert erscheint. Dies eventuell in ein­er so unbeküm­merten Art und Weise, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens sich gar nicht mehr stellt. So gese­hen definierte sich der Sinn des Lebens von allein als das Leben selb­st!

Aber vielle­icht erscheint eine solche Sin­nge­bung noch zu vorder­gründig, als dass sie überzeu­gend und beispiel­haft wirken kön­nte. Ich möchte deshalb zunächst ein­mal darüber nach­denken, welche Sin­nge­bun­gen ganz all­ge­mein in Frage kom­men kön­nten.

Ich denke, dass die meis­ten Men­schen von dem Wun­sch nach ein­er als erfüllt emp­fun­de­nen Lebenspart­ner­schaft und dem Ver­lan­gen nach Nachkom­men­schaft geleit­et wer­den. Dieses Bestreben hat insofern eine objek­tive Grund­lage, als es unmit­tel­bar aus der biol­o­gis­chen Natur des Men­schen fol­gt. So gese­hen beste­ht der Sinn des Lebens zunächst ein­mal darin, das Leben weit­erzugeben. Über diesen »grundle­gen­den« biol­o­gis­chen Sinn des Lebens hin­aus kön­nen Lebenssinn-Begrün­dun­gen ein­mal in dem Wun­sch nach Ent­fal­tung der eige­nen Per­son, in der Hin­wen­dung zu anderen Men­schen, im Studi­um von Welt und Natur, aber auch in einem diese Welt hin­ter sich lassenden Denken und Glauben gese­hen wer­den.

Geht es einem Men­schen mehr um die eigene Per­son, kön­nen beispiel­sweise Geld und Besitz, poli­tis­che Macht, gesellschaftlich­es Anse­hen oder wis­senschaftliche Erken­nt­nisse das Ziel sein und damit zu Sinn und Inhalt des Lebens wer­den, konkretisiert zum Beispiel im Beruf als Unternehmer, Poli­tik­er, Wis­senschaftler oder etwa als Kün­stler. Eine andere Aus­rich­tung des Lebens kann in der unmit­tel­baren Hin­wen­dung zu anderen Men­schen liegen. Das kann die Fam­i­lie sein, beson­ders die eige­nen Kinder, in denen man sich selb­st find­en und weit­er entwick­elt sehen möchte. Das kann sich beispiel­sweise in dem Anliegen aus­drück­en, eigenes Wis­sen und Kön­nen weniger entwick­el­ten Regio­nen dieser Welt zur Ver­fü­gung zu stellen, oder zum Beispiel in dem Wun­sch, mit medi­zinis­chem Wis­sen Krankheit­en in Län­dern mit man­gel­hafter ärztlich­er Ver­sorgung zu bekämpfen. Ger­ade ein medi­zinis­ches Studi­um kann vor allem von dem Willen getra­gen sein, zukün­ftig physis­ches und psy­chis­ches Leid lin­dern zu helfen. Diese Men­schen empfind­en ihr Leben als erfüllt und sinnhaltig, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben lei­d­mildernd in den Dienst ander­er Men­schen zu stellen.

Eine ganz andere Antwort auf die Frage nach einem sin­ner­füll­ten Leben suchen jene Men­schen, die sich vor allem der Natur und ihrer unendlichen Vielgestaltigkeit zuwen­den oder in die Schriften großer Denker ver­tiefen und von dem Wun­sch beseelt sind, für sich einen gedanklichen oder med­i­ta­tiv­en Weg zum Ursprung allen Seins zu find­en, in dem aller Sinn ver­bor­gen sei. Eine über uns hin­ausweisende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens suchen auch die Men­schen, die in religiösen Schriften auf Erken­nt­nis oder Erleuch­tung hof­fen. Sie glauben die Antwort, die ihrem Leben Sinn und Erfül­lung geben kön­nte, nur aus ein­er jen­seit­i­gen Welt zu erhal­ten.

Man erken­nt schon an diesen beispiel­haft skizzierten Fällen, dass es wohl nicht den Sinn des Lebens »an sich« gibt, dass er sich vielmehr in sehr unter­schiedlich­er Weise real­isieren kann: im sich selb­st genü­gen­den prak­tis­chen Lebensvol­lzug, in der Konzen­tra­tion auf die Entwick­lung der eige­nen Per­son, in anderen Fällen vielle­icht in einem direk­ten oder indi­rek­ten Ein­satz für andere Men­schen oder in einem der Welt und ihren Ver­lock­un­gen entsagen­den Ver­tiefen in philosophis­ches oder religiös­es Denken. Auch wird es oft so sein, dass sich die Vorstel­lun­gen von einem mit Sinn und Bedeu­tung erfüll­ten Leben mit zunehmen­dem Alter wan­deln. Ste­ht am Anfang eines bewusst gestal­teten Lebens die Ent­fal­tung der eige­nen Per­son im Vorder­grund, ver­schiebt sich in späteren Leben­sphasen auf­grund von Erfahrung oder gewach­sen­er Ein­sicht oft der Schw­er­punkt hin zu mehr Anteil­nahme an anderen Men­schen. Alle genan­nten Wege sind legit­im. Jed­er Men­sch hat das Recht, sein Leben so zu gestal­ten, dass er sich in möglichst großer Übere­in­stim­mung mit seinen naturgegebe­nen Anla­gen, sein­er Erziehung, seinen Erfahrun­gen, Ein­sicht­en, Wün­schen und Hoff­nun­gen erleben kann, schließlich begreifen wir uns als selb­st­bes­timmte Wesen. Voraus­ge­set­zt dabei ist immer, dass wir die berechtigten Inter­essen und Bedürfnisse ander­er respek­tieren.

Dabei nehmen selb­stver­ständlich per­sön­lich­es und kul­turelles Umfeld in viel­er­lei Form auf die indi­vidu­elle Leben­s­pla­nung Ein­fluss, nicht zulet­zt deswe­gen, weil jed­er Men­sch auch nach Bestä­ti­gung in seinem Umfeld sucht. Die so genan­nte Glücks­forschung kann in diesem Zusam­men­hang zeigen, dass Men­schen, die nur nach Ruhm, Geld und Äußer­lichkeit­en streben, weniger glück­lich sind als jene zum Beispiel, die ihrem Leben einen nicht-materiell ori­en­tierten Sinn zu geben ver­ste­hen. 1

Illus­tri­eren möchte ich diesen mehr all­ge­meinen Überblick …

2. Beken­nt­nis zu einem human­is­tis­chen Leben­skonzept

Der hier skizzierte Human­is­mus ver­ste­ht sich somit als eine weltliche Alter­na­tive zur Reli­gion, als eine Welt­sicht, die ohne Göt­ter, Propheten und Priester auskommt, kein ange­blich von einem Gott dik­tiertes heiliges Buch und keine Dog­men ken­nt, das Wis­sen über die Welt und den Men­schen vor allem aus den Natur­wis­senschaften, den »Wirk­lichkeitswis­senschaften«, gewin­nt, sich von überkomme­nen, meta­ph­ysis­chen Moralvorstel­lun­gen löst, stattdessen ethis­che Nor­men an den fun­da­men­tal­en Bedürfnis­sen und Inter­essen der Men­schen ori­en­tiert. Es ist deshalb der oft geäußerten Mei­n­ung zu wider­sprechen, dass der weltliche Human­is­mus oder der Athe­is­mus auch nur eine Form des Glaubens sei, mitunter wird sog­ar von einem »religiösen Athe­is­mus« gesprochen. Wenn zum Wesen ein­er Reli­gion die Annahme ein­er jen­seit­i­gen Instanz gehört, die in irgen­dein­er Weise auf mein Leben Ein­fluss nimmt, dann ist es unsin­nig und unl­o­gisch, auch dem weltlichen Human­is­mus oder dem Athe­is­mus religiöse Züge zuzus­prechen oder diesen als einen »Glauben« zu beze­ich­nen.

Hel­mut Fink (*1965) schreibt in »Der neue Human­is­mus – Wis­senschaftlich­es Men­schen­bild und säku­lare Ethik«: »Der alte Human­is­mus kon­nte noch als ›christlich­er Human­is­mus‹ ver­standen und gelebt wer­den. Der neue Human­is­mus ist weltlich. … Der alte Human­is­mus kon­nte noch rein geis­teswis­senschaftlich betrieben wer­den. Der neue Human­is­mus ist nat­u­ral­is­tisch.« Und weit­er sagt er: »Der neue Human­is­mus gren­zt sich gegenüber dem neuen Athe­is­mus bewusst konzep­tionell ab: Athe­is­mus ist eine bloße Neg­a­ti­vaus­sage. … Weltan­schauliche Fra­gen brauchen pos­i­tive Antworten. Es gibt die Welt. Und es gibt den Men­schen und seine Anla­gen, sein Ver­hal­ten und seine Vorstel­lun­gen und Ziele, seine Bedürfnisse und Inter­essen. Es gibt nichtre­ligiöse Sinnsuche (oder präzis­er: nichtre­ligiöse Sinnkon­struk­tions­bedürfnisse) und es gibt reli­gions­freies Kul­turschaf­fen. Der Men­sch braucht für seine Ori­en­tierung im Leben pos­i­tive Werte und Ethik, und hier­für bleibt der (säku­lare) Human­is­mus ein unverzicht­bar­er Ideen­fun­dus und Kul­turbe­stand. Der neue Athe­is­mus alleine kann in weltan­schaulich­er Hin­sicht nicht befriedi­gen. Der neue Athe­is­mus ist eine Absage an Gott. Der neue Human­is­mus ist eine Zusage an den Men­schen.« (Kur­siv­druck im Orig­i­nal) 8

Dieser »Neue Human­is­mus« beste­ht vere­in­facht gesagt aus drei Kom­po­nen­ten: Aus einem nat­u­ral­is­tis­chen Welt­bild, einem säku­laren Wertesys­tem und ein­er strik­ten Dies­seit­sori­en­tierung. Für mich per­sön­lich würde ich mein human­is­tis­ches Beken­nt­nis wie fol­gt beschreiben, und ich denke, dass sich sehr viele mein­er human­is­tis­chen Fre­unde dieser Sicht anschließen kön­nen.

Erstens: Ich betra­chte das, was die heuti­gen Natur­wis­senschaften, die Wis­senschaften von der Wirk­lichkeit, als derzeit gesicherte Erken­nt­nis anse­hen, für mich zunächst ein­mal als maßgebend für alle weit­eren Über­legun­gen. Vor allem ist es die ratio­nale, logis­che und sys­tem­a­tis­che Denkweise der heuti­gen Natur­wis­senschaften und ihre empirische Ver­ankerung, die ich mir zum Vor­bild genom­men habe. Nach mein­er Überzeu­gung bilden ratio­nal-logis­ches Denken und natur­wis­senschaftlich erar­beit­etes Wis­sen die sich­er­ste und intellek­tuell befriedi­gend­ste Basis für unser Denken und Han­deln. Denn worüber man nichts Begrün­detes sagen kann, kann man allen­falls spekulieren. Sich seines Denkver­mö­gens zu bedi­enen, heißt deshalb für mich, nichts zu »glauben«, was dem Ver­stand und wis­senschaftlich­er Erken­nt­nis ein­deutig wider­spricht. Ich bin höchst skep­tisch allem gegenüber, was für sich Gültigkeit, ja Wahrheit beansprucht, ohne dafür wenig­stens plau­si­ble Gründe angeben zu kön­nen. Den­noch ist nicht zu bestre­it­en, dass Wis­senschaft heute noch vieles nicht erk­lären kann, und dass unser Wis­sen vielle­icht niemals voll­ständig sein wird.

Zweit­ens: Ein säku­lares Wertesys­tem ken­nt statt ein­er göt­tlich ges­tifteten Moral eine ver­nun­ft­basierte Ethik. Die Jahrtausende alte Regel »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu« stellt eigentlich schon ein umfassendes Gebot friedlichen Zusam­men­lebens dar. Es gilt vor allem, deswe­gen Gutes zu tun, weil es gut ist, nicht weil eine Got­theit ganz hoch oben Beloh­nung ver­spricht. Ein säku­lares Wertesys­tem ori­en­tiert seine Nor­men und Regeln an den fun­da­men­tal­en Bedürfnis­sen und Inter­essen der Men­schen. Der Men­sch set­zt also die Norm, nicht eine unsicht­bare Got­theit über uns. Dieses säku­lare Wertesys­tem hat evo­lu­tionär ent­standene Wurzeln und artikuliert sich heute in human­is­tis­chen Grund­sätzen und all­ge­mein anerkan­nten Men­schen­recht­en wie Selb­st­bes­tim­mung, Gle­ich­berech­ti­gung, Sol­i­dar­ität, soziale Gerechtigkeit, wohlüber­legte Tol­er­anz, zum Beispiel gegenüber einem pri­vat gelebten Glauben. Im Zen­trum meines human­is­tis­chen Konzepts ste­ht jeden­falls die Aus­sage, die in den Ohren gottgläu­biger Men­schen wie eine Pro­voka­tion klin­gen mag, dass let­ztlich Men­schen vere­in­baren und fes­tle­gen, was gut oder schlecht, was erstrebenswert oder abzulehnen sei. Da Men­schen naturgemäß unter­schiedliche Bedürfnisse und Inter­essen haben, sollte das Prinzip des fairen Inter­esse­naus­gle­ichs gel­ten. Das bedeutet, dass man sich um der Gerechtigkeit und des sozialen Friedens willen immer zu fra­gen hat: Was ist gle­icher­maßen gut und akzept­abel für alle Betrof­fe­nen.

Und drit­tens: Meine strik­te Dies­seit­sori­en­tierung basiert auf der Ein­sicht, dass ich höchst­wahrschein­lich nur dieses eine Leben habe. Fol­glich sollte ich ver­suchen, das Best­mögliche aus meinem Leben zu machen. Dieses Streben nach Erfül­lung meines Lebens muss aber immer auch den Mit­men­schen im Blick haben, der eben­so glück­lich wer­den will. Deshalb gelingt ein erfülltes Leben ver­mut­lich am besten dadurch, dass man sich gesellschaftlich engagiert, sei es im poli­tis­chen, im human­itären, vielle­icht im kün­st­lerischen Bere­ich. Und schließlich: Wer sich bemüht hat und wem es gelun­gen ist, auf ein erfülltes, glück­lich­es Leben zurück­blick­en zu kön­nen, dem wird es leichter fall­en, von dieser Lebens­bühne wieder abzutreten.

Aber es gibt noch einen Punkt, den ich hier ansprechen will. Ein­er nat­u­ral­is­tis­chen Weltan­schau­ung wird gern »emo­tionale Armut« vorge­wor­fen, eine »reduzierte Wirk­lichkeitswahrnehmung« oder »Blind­heit gegenüber den seel­is­chen Bedürfnis­sen eines Men­schen, der sich in exis­ten­zieller Not befind­et«. Diese Vor­würfe sind nicht ganz unberechtigt. Wer Reli­gio­nen ablehnend gegenüber­ste­ht, auch die Idee eines Jen­seits ver­wirft, mei­det eher das Nach­denken über The­men, die den All­t­ag »tran­szendieren«, Fra­gen, die sozusagen die »let­zten Dinge« betr­e­f­fen. Denn Nicht­gläu­bige haben die Sorge, wie gehabt, wieder in irra­tionales oder eso­ter­isches Fahrwass­er zu ger­at­en.

Den­noch befassen sich auch Nicht­gläu­bige mit Fra­gen, die jen­seits der ratio­nalen Bewäl­ti­gung des All­t­ags liegen. Auch Nicht­gläu­bige denken – wie erwäh­nt – über den Urgrund allen Seins nach, über die Unbe­grei­flichkeit der Real­ität, ken­nen Gefüh­le des Eins­sein mit der Natur, bedenken das eigene Ende. Solche The­men sprechen – wie man sagen kön­nte – eine spir­ituelle Dimen­sion an. Das The­ma Spir­i­tu­al­ität wird von vie­len Nicht­gläu­bi­gen inzwis­chen, wenn auch mit großer Zurück­hal­tung, als eine den Blick auf das Dasein erweit­ernde, wenn nicht bere­ich­ernde Dimen­sion wahrgenom­men. Dies umso mehr, je weniger solche Vorstel­lun­gen und Gedanken heutiger Philoso­phie und Wis­senschaft wider­sprechen.

Bei dem Gedanken an die Endlichkeit der eige­nen Exis­tenz allerd­ings bietet die Ver­heißung auf ein Weit­er­leben im Jen­seits einem Nicht­gläu­bi­gen keinen Trost. Zu offenkundig ist dieses religiöse Ver­sprechen für ihn bloßes Wun­schdenken. Ein Human­ist im oben beschriebe­nen Sinne wird ohne das Ver­sprechen eines ewigen Lebens daher mehr Mut und Kraft auf­brin­gen müssen. Dies wird ihm leichter gelin­gen, wenn er mit Ein­sicht und Gelassen­heit akzep­tiert hat, dass die Natur uns Men­schen nur einen ein­ma­li­gen und flüchti­gen Auftritt auf diesem Plan­eten gewährt. 9

Der Christ wiederum wird auf das ihm ver­sproch­ene ewige Leben ver­weisen und darin am Lebensende seinen Trost find­en, jeden­falls ist dieses Ver­sprechen essen­zieller Teil seines Glaubens­beken­nt­niss­es. Ich kann jedoch diese Ver­heißung nur als Illu­sion anse­hen, geboren aus dem bren­nen­den Wun­sch nach Weit­er­leben. Denn ist es wirk­lich so, dass ein Christ am Ende seines Lebens tat­säch­lich Trost im Glauben find­et? Die Ange­höri­gen sind zutief­st erschüt­tert, viele hadern mit Gott und zweifeln an dessen Güte. Warum diese unendliche Trauer, wenn doch bei christlich­er Lebens­führung das Paradies winkt? Zumin­d­est ein alter, aber gottes­fürchtiger Men­sch müsste bei seinem Ableben eigentlich von seinen Ver­wandten und Fre­un­den benei­det wer­den. Geht er doch Gott ent­ge­gen. Warum diese tiefe Trauer?

Mein Denken ist deshalb ein anderes. Ein Men­sch, der schon als Kind behut­sam zu der Ein­sicht geführt wird, dass der Tod zum Leben gehört, dass der Tod das natür­liche Ende eines Lebens ist, dass es wohl keinen güti­gen Gott über ihm gibt, dass er aber auch nicht vor den Zufäl­ligkeit­en des Lebens geschützt ist, wie Krankheit­en oder Unfällen etwa. Ein Men­sch, dem frühzeit­ig bewusst wird, dass er nur dieses eine Leben hat und dass er den Sinn seines Lebens nur hier auf Erden find­en kann, wird ein anderes Leben führen als ein Christ. Er wird sich bemühen, viel kon­se­quenter sein Leben so zu gestal­ten, dass er pos­i­tive Spuren hin­ter­lässt: Kinder und Enkel, ein Haus oder etwa ein berühmtes Bauw­erk, eine das Leben erle­ichternde Erfind­ung, eine poli­tis­che Leis­tung, die vie­len Men­schen Frieden und Wohl­stand brachte – irgen­deine per­sön­liche Leis­tung, auf die er mit Genug­tu­ung oder gar Stolz schauen kann. Wenn ihm so etwas gelun­gen ist und er vielle­icht dank Medi­zin ein langes Leben hat­te, kann er ruhig und gefasst von dieser Lebens­bühne abtreten. Viele glaubens­freie Men­schen haben an ihrem Lebensende gezeigt, welche Stärke und Gelassen­heit sie aus ein­er so gereiften Ein­stel­lung zum Leben und dessen Ende beziehen, welch­er innere Friede sie erfasst hat, wenn sie – ja, so möchte ich es for­mulieren – keine falsche Hoff­nung mehr hegen. Ich denke, »wer sein Feld bestellt hat«, wird am Ende auch loslassen kön­nen, ohne Verzwei­flung und ohne Angst vor dem Tod.

Was aber sage ich einem noch jun­gen Men­schen, dem eine tück­ische Krankheit das Leben nimmt? Es fällt mir schw­er, hier­auf eine trös­tende Antwort zu find­en. Aber was kann ein gläu­biger Christ dazu sagen? Überzeugt und tröstet sein Hin­weis auf Aufer­ste­hung und ewiges Leben einen Men­schen von heute noch? Das gern ver­drängte, unheilschwan­gere Wort vom Schick­sal erin­nert daran, dass wir eben nicht alles in der Hand haben. Philoso­phie, Sozi­olo­gie, auch die Evo­lu­tion­s­the­o­rie, beze­ich­nen diese prinzip­ielle Offen­heit der Zukun­ft, dieses nicht plan- und vorherse­hbare Geschehen und die damit ver­bun­dene Ungewis­sheit mit dem abstrak­ten Begriff Kontin­genz. Diese hat mit Zufall und Unberechen­barkeit zu tun. Die The­olo­gen ver­weisen hier auf Gottes uner­forschlichen Willen und trösten mit Ver­heißun­gen und ver­weisen auf das Paradies. Die Natur­wis­senschaften und die aus ihr her­vorge­gan­genen Tech­nolo­gien bieten insofern Trost und Hoff­nung, als sie inzwis­chen wesentliche, Not wen­dende Beiträge zur Bekämp­fung von Hunger, von Schmerzen, von Krankheit­en und zur Bändi­gung von Naturkatas­tro­phen vor­weisen kön­nen und zukün­ftig wohl auch für derzeit noch nicht beherrschbares Leid. Dort, wo die Reli­gio­nen noch die Lebensver­hält­nisse bes­tim­men, lebt die weit über­wiegende Zahl der Men­schen hin­sichtlich ihrer Leben­squal­ität noch im Mit­te­lal­ter. …