Leseproben aus Kapitel VII: Warum ich kein Christ sein will

Lese­pro­ben:
Kapi­tel III: Natur­wis­sen­schaft, Reli­gi­on und mensch­li­ches Selbst­ver­ständ­nis
Kapi­tel V: Nach­den­ken über Gott, Gott­ver­trau­en und Moral
Kapi­tel VI: End­gül­ti­ger Abschied von Chris­ten­tum und Kir­che
Kapi­tel VII: Über­le­gun­gen zu einem alter­na­ti­ven Welt- und Men­schen­bild
Kapi­tel VIII: Mein »Cre­do«

Überlegungen zu einem alternativen Welt- und Menschenbild

1. Was ist der Sinn des Lebens?

Die Fra­ge nach dem Sinn allen Seins, nach dem Sinn die­ses unse­res Kos­mos oder nach dem Sinn unse­res indi­vi­du­el­len Lebens hier auf Erden stell­te sich im Rah­men der Über­le­gun­gen, die bis­her in die­sem Buch ange­stellt wur­den, bereits wie­der­holt. Das so genann­te anthro­pi­sche Prin­zip for­mu­liert die The­se, der Sinn des Uni­ver­sums sei es letzt­lich, den Men­schen als Gott erkennen­des Wesen her­vor­zu­brin­gen. Im Rah­men der Evo­lu­ti­ons­theo­rie stell­te sich in ähn­li­cher Wei­se die Fra­ge, ob die­se ein vor­ge­ge­be­nes Ziel anstre­be und die­ser seit Urzei­ten wäh­ren­den Ent­wick­lung mit dem Erschei­nen des Men­schen einen krö­nen­den Abschluss ver­lei­he. Auch begeg­ne­ten uns immer wie­der die Fra­gen nach dem Woher und Wohin und dem War­um und Wozu unse­rer Exis­tenz. Steht also hin­ter allem kos­mi­schen und irdi­schen Gesche­hen eine dem Gan­zen Sinn und Bedeu­tung geben­de Instanz, von uns Gott genannt, oder pro­ji­zie­ren wir in nai­ver und unbe­dach­ter Wei­se nur unse­re tra­di­tio­nel­len Denk­mus­ter auf das Gan­ze, weil wir gewohnt sind, so zu den­ken?

Ich mei­ne, dass wir uns ein­ge­ste­hen müs­sen, dass das Uni­ver­sum nicht teil­nimmt an unse­rem Den­ken in den Kate­go­ri­en von Sinn, Bedeu­tung, Absicht oder Ziel. Es sind Denk­mus­ter, die wir ent­wi­ckelt haben, um die uns umge­ben­de Welt und die in ihr ablau­fen­den Pro­zes­se ord­nen, uns verständ­lich machen und deu­ten zu kön­nen. Beson­ders Vor­gän­gen und Ereig­nis­sen, die wir nicht ver­ste­hen, ver­su­chen wir eine Bedeu­tung, einen Sinn zu geben. Das Netz die­ser deu­ten­den Begrif­fe, mit denen wir unse­re Welt struk­tu­rie­ren und vor allem inter­pre­tie­ren, exis­tiert in unse­rem Kopf und nur dort. Die­sen Begrif­fen ent­spre­chen kei­ne in der uns umge­ben­den Natur objek­tiv feststellba­ren Eigen­schaf­ten oder Erschei­nun­gen. Das Uni­ver­sum ist sinn­frei. Die Welt ist ein­fach da, vol­ler Rät­sel und von Zufäl­len durch­wirkt, uns gegen­über von kal­ter Gleich­gül­tig­keit.

Auch wenn Haber­mas vor­schlägt, die Reli­gio­nen als »Sinn­res­sour­ce« frucht­bar zu machen, so wird mei­nes Erach­tens dabei nicht viel mehr heraus­kommen als das Auf­spü­ren eines vage emp­fun­de­nen »meta­phy­si­schen Grund­bedürfnisses«. Es ist das, was wir an ande­rer Stel­le vor­sich­tig mit spi­ri­tu­el­ler Dimen­si­on bezeich­net haben, eine geis­ti­ge Hal­tung, die sich Fra­gen zuwen­det, die über uns hin­aus­wei­sen, mit The­men wie der End­lich­keit der eige­nen Exis­tenz, Gefüh­len des Eins­seins mit der Natur, der Unbe­greif­lich­keit der Rea­li­tät (»War­um ist etwas, und nicht viel­mehr nichts?«), dem Sinn des Lebens.

Wenn die gott- und jen­seits­ori­en­tier­ten Deu­tungs­mus­ter der Reli­gio­nen uns nicht mehr über­zeu­gen kön­nen und wir ande­rer­seits ver­geb­lich im Kos­mos oder in der uns umge­ben­den Natur nach einem objek­ti­ven Sinn des Seins und unse­rer irdi­schen Exis­tenz Aus­schau hal­ten, wer oder was hin­dert uns dar­an, unse­rem Leben selbst Sinn und Bedeu­tung zu geben? Denn wenn ein objek­ti­ver Sinn nicht gege­ben oder nicht erkenn­bar ist, so kann ich doch für mich selbst auf vie­ler­lei und indi­vi­du­el­le Wei­se mein Leben ein­rich­ten und gestal­ten, so dass es mich erfüllt, mich zufrie­den und viel­leicht sogar glück­lich macht und mir daher lebens­wert erscheint. Dies even­tu­ell in einer so unbe­küm­mer­ten Art und Wei­se, dass die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens sich gar nicht mehr stellt. So gese­hen defi­nier­te sich der Sinn des Lebens von allein als das Leben selbst!

Aber viel­leicht erscheint eine sol­che Sinn­ge­bung noch zu vor­der­grün­dig, als dass sie über­zeu­gend und bei­spiel­haft wir­ken könn­te. Ich möch­te des­halb zunächst ein­mal dar­über nach­den­ken, wel­che Sinn­ge­bun­gen ganz all­ge­mein in Fra­ge kom­men könn­ten.

Ich den­ke, dass die meis­ten Men­schen von dem Wunsch nach einer als erfüllt emp­fun­de­nen Lebens­partnerschaft und dem Ver­lan­gen nach Nach­kom­men­schaft gelei­tet wer­den. Die­ses Bestre­ben hat inso­fern eine objek­ti­ve Grund­lage, als es unmit­tel­bar aus der bio­lo­gi­schen Natur des Men­schen folgt. So gese­hen besteht der Sinn des Lebens zunächst ein­mal dar­in, das Leben wei­ter­zu­ge­ben. Über die­sen »grund­le­gen­den« bio­lo­gi­schen Sinn des Lebens hin­aus kön­nen Lebens­sinn-Begrün­dun­gen ein­mal in dem Wunsch nach Ent­fal­tung der eige­nen Per­son, in der Hin­wen­dung zu ande­ren Men­schen, im Stu­di­um von Welt und Natur, aber auch in einem die­se Welt hin­ter sich las­sen­den Den­ken und Glau­ben gese­hen wer­den.

Geht es einem Men­schen mehr um die eige­ne Per­son, kön­nen bei­spiels­wei­se Geld und Besitz, poli­ti­sche Macht, gesell­schaft­li­ches Anse­hen oder wis­senschaftliche Erkennt­nis­se das Ziel sein und damit zu Sinn und Inhalt des Lebens wer­den, kon­kre­ti­siert zum Bei­spiel im Beruf als Unter­neh­mer, Poli­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler oder etwa als Künst­ler. Eine ande­re Aus­rich­tung des Lebens kann in der unmit­tel­ba­ren Hin­wen­dung zu ande­ren Men­schen lie­gen. Das kann die Fami­lie sein, beson­ders die eige­nen Kin­der, in denen man sich selbst fin­den und wei­ter ent­wi­ckelt sehen möch­te. Das kann sich bei­spiels­wei­se in dem Anlie­gen aus­drü­cken, eige­nes Wis­sen und Kön­nen weni­ger ent­wickelten Regio­nen die­ser Welt zur Ver­fü­gung zu stel­len, oder zum Bei­spiel in dem Wunsch, mit medi­zi­ni­schem Wis­sen Krank­hei­ten in Län­dern mit man­gelhafter ärzt­li­cher Ver­sor­gung zu bekämp­fen. Gera­de ein medi­zi­ni­sches Stu­di­um kann vor allem von dem Wil­len getra­gen sein, zukünf­tig phy­si­sches und psy­chi­sches Leid lin­dern zu hel­fen. Die­se Men­schen emp­fin­den ihr Leben als erfüllt und sinn­hal­tig, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben leid­mil­dernd in den Dienst ande­rer Men­schen zu stel­len.

Eine ganz ande­re Ant­wort auf die Fra­ge nach einem sinn­erfüll­ten Leben suchen jene Men­schen, die sich vor allem der Natur und ihrer unend­li­chen Viel­ge­stal­tig­keit zuwen­den oder in die Schrif­ten gro­ßer Den­ker ver­tie­fen und von dem Wunsch beseelt sind, für sich einen gedank­li­chen oder medi­ta­ti­ven Weg zum Ursprung allen Seins zu fin­den, in dem aller Sinn ver­bor­gen sei. Eine über uns hin­aus­wei­sen­de Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens suchen auch die Men­schen, die in reli­giö­sen Schrif­ten auf Erkennt­nis oder Erleuch­tung hof­fen. Sie glau­ben die Ant­wort, die ihrem Leben Sinn und Erfül­lung geben könn­te, nur aus einer jen­sei­ti­gen Welt zu erhal­ten.

Man erkennt schon an die­sen bei­spiel­haft skiz­zier­ten Fäl­len, dass es wohl nicht den Sinn des Lebens »an sich« gibt, dass er sich viel­mehr in sehr unter­schied­li­cher Wei­se rea­li­sie­ren kann: im sich selbst genü­gen­den prak­ti­schen Lebens­voll­zug, in der Kon­zen­tra­ti­on auf die Ent­wick­lung der eige­nen Per­son, in ande­ren Fäl­len viel­leicht in einem direk­ten oder indi­rek­ten Ein­satz für ande­re Men­schen oder in einem der Welt und ihren Ver­lo­ckun­gen ent­sa­gen­den Ver­tie­fen in phi­lo­so­phi­sches oder reli­giö­ses Den­ken. Auch wird es oft so sein, dass sich die Vor­stel­lun­gen von einem mit Sinn und Bedeu­tung erfüll­ten Leben mit zuneh­men­dem Alter wan­deln. Steht am Anfang eines bewusst gestal­te­ten Lebens die Ent­fal­tung der eige­nen Per­son im Vor­der­grund, ver­schiebt sich in spä­te­ren Lebens­pha­sen auf­grund von Erfah­rung oder gewach­se­ner Ein­sicht oft der Schwer­punkt hin zu mehr Anteil­nah­me an ande­ren Men­schen. Alle genann­ten Wege sind legi­tim. Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben so zu gestal­ten, dass er sich in mög­lichst gro­ßer Über­ein­stim­mung mit sei­nen natur­ge­ge­be­nen Anla­gen, sei­ner Erzie­hung, sei­nen Erfah­run­gen, Ein­sich­ten, Wün­schen und Hoff­nun­gen erle­ben kann, schließ­lich begrei­fen wir uns als selbst­be­stimm­te Wesen. Vor­aus­ge­setzt dabei ist immer, dass wir die berech­tig­ten Inter­es­sen und Bedürf­nis­se ande­rer respek­tie­ren.

Dabei neh­men selbst­ver­ständ­lich per­sön­li­ches und kul­tu­rel­les Umfeld in vie­ler­lei Form auf die indi­vi­du­el­le Lebens­pla­nung Ein­fluss, nicht zuletzt des­wegen, weil jeder Mensch auch nach Bestä­ti­gung in sei­nem Umfeld sucht. Die so genann­te Glücks­for­schung kann in die­sem Zusam­men­hang zei­gen, dass Men­schen, die nur nach Ruhm, Geld und Äußer­lich­kei­ten stre­ben, weni­ger glück­lich sind als jene zum Bei­spiel, die ihrem Leben einen nicht-mate­­ri­ell ori­en­tier­ten Sinn zu geben ver­ste­hen. 1

Illus­trie­ren möch­te ich die­sen mehr all­ge­mei­nen Über­blick …

2. Bekennt­nis zu einem huma­nis­ti­schen Lebens­kon­zept

Der hier skiz­zier­te Huma­nis­mus ver­steht sich somit als eine welt­li­che Alter­na­ti­ve zur Reli­gi­on, als eine Welt­sicht, die ohne Göt­ter, Pro­phe­ten und Pries­ter aus­kommt, kein angeb­lich von einem Gott dik­tier­tes hei­li­ges Buch und kei­ne Dog­men kennt, das Wis­sen über die Welt und den Men­schen vor allem aus den Natur­wis­sen­schaf­ten, den »Wirk­lich­keits­wis­sen­schaf­ten«, ge­winnt, sich von über­kom­me­nen, meta­phy­si­schen Moral­vor­stel­lun­gen löst, statt­des­sen ethi­sche Nor­men an den fun­da­men­ta­len Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen der Men­schen ori­en­tiert. Es ist des­halb der oft geäu­ßer­ten Mei­nung zu wider­spre­chen, dass der welt­li­che Huma­nis­mus oder der Athe­is­mus auch nur eine Form des Glau­bens sei, mit­un­ter wird sogar von einem »reli­giö­sen Athe­is­mus« gespro­chen. Wenn zum Wesen einer Reli­gi­on die Annah­me einer jen­sei­ti­gen Instanz gehört, die in irgend­ei­ner Wei­se auf mein Leben Ein­fluss nimmt, dann ist es unsin­nig und unlo­gisch, auch dem welt­li­chen Huma­nis­mus oder dem Athe­is­mus reli­giö­se Züge zuzu­spre­chen oder die­sen als einen »Glau­ben« zu bezeich­nen.

Hel­mut Fink (*1965) schreibt in »Der neue Huma­nis­mus – Wissenschaft­liches Men­schen­bild und säku­la­re Ethik«: »Der alte Huma­nis­mus konn­te noch als ›christ­li­cher Huma­nis­mus‹ ver­stan­den und gelebt wer­den. Der neue Huma­nis­mus ist welt­lich. … Der alte Huma­nis­mus konn­te noch rein geis­tes­wis­sen­schaft­lich betrie­ben wer­den. Der neue Huma­nis­mus ist natu­ra­lis­tisch.« Und wei­ter sagt er: »Der neue Huma­nis­mus grenzt sich gegen­über dem neu­en Athe­is­mus bewusst kon­zep­tio­nell ab: Athe­is­mus ist eine blo­ße Nega­tiv­aus­sa­ge. … Welt­an­schau­li­che Fra­gen brau­chen posi­ti­ve Ant­wor­ten. Es gibt die Welt. Und es gibt den Men­schen und sei­ne Anla­gen, sein Ver­hal­ten und sei­ne Vor­stel­lun­gen und Zie­le, sei­ne Bedürf­nis­se und Inter­es­sen. Es gibt nicht­re­li­giö­se Sinn­su­che (oder prä­zi­ser: nicht­re­li­giö­se Sinn­kon­struk­ti­ons­be­dürf­nis­se) und es gibt reli­gi­ons­frei­es Kul­tur­schaf­fen. Der Mensch braucht für sei­ne Ori­en­tie­rung im Leben posi­ti­ve Wer­te und Ethik, und hier­für bleibt der (säku­la­re) Huma­nis­mus ein unver­zicht­ba­rer Ide­en­fun­dus und Kul­tur­be­stand. Der neue Athe­is­mus allei­ne kann in welt­an­schau­li­cher Hin­sicht nicht befrie­di­gen. Der neue Athe­is­mus ist eine Absa­ge an Gott. Der neue Huma­nis­mus ist eine Zusa­ge an den Men­schen.« (Kur­siv­druck im Ori­gi­nal) 8

Die­ser »Neue Huma­nis­mus« besteht ver­ein­facht gesagt aus drei Kom­po­nen­ten: Aus einem natu­ra­lis­ti­schen Welt­bild, einem säku­la­ren Wer­te­sys­tem und einer strik­ten Dies­seits­ori­en­tie­rung. Für mich per­sön­lich wür­de ich mein huma­nis­ti­sches Bekennt­nis wie folgt beschrei­ben, und ich den­ke, dass sich sehr vie­le mei­ner huma­nis­ti­schen Freun­de die­ser Sicht anschlie­ßen kön­nen.

Ers­tens: Ich betrach­te das, was die heu­ti­gen Natur­wis­sen­schaf­ten, die Wis­sen­schaf­ten von der Wirk­lich­keit, als der­zeit gesi­cher­te Erkennt­nis anse­hen, für mich zunächst ein­mal als maß­ge­bend für alle wei­te­ren Über­le­gun­gen. Vor allem ist es die ratio­na­le, logi­sche und sys­te­ma­ti­sche Denk­wei­se der heu­ti­gen Natur­wis­sen­schaf­ten und ihre empi­ri­sche Ver­an­ke­rung, die ich mir zum Vor­bild genom­men habe. Nach mei­ner Über­zeu­gung bil­den ratio­nal-logi­sches Den­ken und natur­wis­sen­schaft­lich erar­bei­te­tes Wis­sen die sichers­te und intel­lek­tu­ell befrie­di­gends­te Basis für unser Den­ken und Han­deln. Denn wor­über man nichts Begrün­de­tes sagen kann, kann man allen­falls spe­ku­lie­ren. Sich sei­nes Denk­ver­mö­gens zu bedie­nen, heißt des­halb für mich, nichts zu »glau­ben«, was dem Ver­stand und wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis ein­deu­tig wider­spricht. Ich bin höchst skep­tisch allem gegen­über, was für sich Gül­tig­keit, ja Wahr­heit bean­sprucht, ohne dafür wenigs­tens plau­si­ble Grün­de ange­ben zu kön­nen. Den­noch ist nicht zu bestrei­ten, dass Wis­sen­schaft heu­te noch vie­les nicht erklä­ren kann, und dass unser Wis­sen viel­leicht nie­mals voll­stän­dig sein wird.

Zwei­tens: Ein säku­la­res Wer­te­sys­tem kennt statt einer gött­lich gestif­te­ten Moral eine ver­nunft­ba­sier­te Ethik. Die Jahr­tau­sen­de alte Regel »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch kei­nem andern zu« stellt eigent­lich schon ein umfas­sen­des Gebot fried­li­chen Zusam­men­le­bens dar. Es gilt vor allem, des­we­gen Gutes zu tun, weil es gut ist, nicht weil eine Gott­heit ganz hoch oben Beloh­nung ver­spricht. Ein säku­la­res Wer­te­sys­tem ori­en­tiert sei­ne Nor­men und Regeln an den fun­da­men­ta­len Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen der Men­schen. Der Mensch setzt also die Norm, nicht eine unsicht­ba­re Gott­heit über uns. Die­ses säku­la­re Wer­te­sys­tem hat evo­lu­tio­när ent­stan­de­ne Wur­zeln und arti­ku­liert sich heu­te in huma­nis­ti­schen Grund­sät­zen und all­ge­mein aner­kann­ten Men­schen­rech­ten wie Selbst­be­stim­mung, Gleich­be­rech­ti­gung, Soli­da­ri­tät, sozia­le Gerech­tig­keit, wohl­über­leg­te Tole­ranz, zum Bei­spiel gegen­über einem pri­vat geleb­ten Glau­ben. Im Zen­trum mei­nes huma­nis­ti­schen Kon­zepts steht jeden­falls die Aus­sa­ge, die in den Ohren gott­gläu­bi­ger Men­schen wie eine Pro­vo­ka­ti­on klin­gen mag, dass letzt­lich Men­schen ver­ein­ba­ren und fest­le­gen, was gut oder schlecht, was erstre­bens­wert oder abzu­leh­nen sei. Da Men­schen natur­ge­mäß unter­schied­li­che Bedürf­nis­se und Inter­es­sen haben, soll­te das Prin­zip des fai­ren Inter­es­sen­aus­gleichs gel­ten. Das bedeu­tet, dass man sich um der Gerech­tig­keit und des sozia­len Frie­dens wil­len immer zu fra­gen hat: Was ist glei­cher­ma­ßen gut und akzep­ta­bel für alle Betrof­fe­nen.

Und drit­tens: Mei­ne strik­te Dies­seits­ori­en­tie­rung basiert auf der Ein­sicht, dass ich höchst­wahr­schein­lich nur die­ses eine Leben habe. Folg­lich soll­te ich ver­su­chen, das Best­mög­li­che aus mei­nem Leben zu machen. Die­ses Stre­ben nach Erfül­lung mei­nes Lebens muss aber immer auch den Mit­men­schen im Blick haben, der eben­so glück­lich wer­den will. Des­halb gelingt ein erfüll­tes Leben ver­mut­lich am bes­ten dadurch, dass man sich gesell­schaft­lich enga­giert, sei es im poli­ti­schen, im huma­ni­tä­ren, viel­leicht im künst­le­ri­schen Be­reich. Und schließ­lich: Wer sich bemüht hat und wem es gelun­gen ist, auf ein erfüll­tes, glück­li­ches Leben zurück­bli­cken zu kön­nen, dem wird es leich­ter fal­len, von die­ser Lebens­büh­ne wie­der abzu­tre­ten.

Aber es gibt noch einen Punkt, den ich hier anspre­chen will. Einer natu­ra­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung wird gern »emo­tio­na­le Armut« vor­ge­wor­fen, eine »redu­zier­te Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung« oder »Blind­heit gegen­über den see­li­schen Bedürf­nis­sen eines Men­schen, der sich in exis­ten­zi­el­ler Not befin­det«. Die­se Vor­wür­fe sind nicht ganz unbe­rech­tigt. Wer Reli­gio­nen ableh­nend gegen­über­steht, auch die Idee eines Jen­seits ver­wirft, mei­det eher das Nach­den­ken über The­men, die den All­tag »tran­szen­die­ren«, Fra­gen, die so­zusagen die »letz­ten Din­ge« betref­fen. Denn Nicht­gläu­bi­ge haben die Sor­ge, wie gehabt, wie­der in irra­tio­na­les oder eso­te­ri­sches Fahr­was­ser zu gera­ten.

Den­noch befas­sen sich auch Nicht­gläu­bi­ge mit Fra­gen, die jen­seits der ratio­na­len Bewäl­ti­gung des All­tags lie­gen. Auch Nicht­gläu­bi­ge den­ken – wie erwähnt – über den Urgrund allen Seins nach, über die Unbe­greif­lich­keit der Rea­li­tät, ken­nen Gefüh­le des Eins­sein mit der Natur, beden­ken das eige­ne Ende. Sol­che The­men spre­chen – wie man sagen könn­te – eine spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on an. Das The­ma Spi­ri­tua­li­tät wird von vie­len Nicht­gläu­bi­gen inzwi­schen, wenn auch mit gro­ßer Zurück­hal­tung, als eine den Blick auf das Dasein erwei­tern­de, wenn nicht berei­chern­de Dimen­si­on wahr­ge­nom­men. Dies umso mehr, je weni­ger sol­che Vor­stel­lun­gen und Gedan­ken heu­ti­ger Phi­lo­so­phie und Wis­sen­schaft wider­spre­chen.

Bei dem Gedan­ken an die End­lich­keit der eige­nen Exis­tenz aller­dings bie­tet die Ver­hei­ßung auf ein Wei­ter­le­ben im Jen­seits einem Nicht­gläu­bi­gen kei­nen Trost. Zu offen­kun­dig ist die­ses reli­giö­se Ver­spre­chen für ihn blo­ßes Wunsch­den­ken. Ein Huma­nist im oben beschrie­be­nen Sin­ne wird ohne das Ver­spre­chen eines ewi­gen Lebens daher mehr Mut und Kraft auf­brin­gen müs­sen. Dies wird ihm leich­ter gelin­gen, wenn er mit Ein­sicht und Gelas­sen­heit akzep­tiert hat, dass die Natur uns Men­schen nur einen ein­ma­li­gen und flüch­ti­gen Auf­tritt auf die­sem Pla­ne­ten gewährt. 9

Der Christ wie­der­um wird auf das ihm ver­spro­che­ne ewi­ge Leben ver­wei­sen und dar­in am Lebens­en­de sei­nen Trost fin­den, jeden­falls ist die­ses Ver­spre­chen essen­zi­el­ler Teil sei­nes Glau­bens­be­kennt­nis­ses. Ich kann jedoch die­se Ver­hei­ßung nur als Illu­si­on anse­hen, gebo­ren aus dem bren­nen­den Wunsch nach Wei­ter­le­ben. Denn ist es wirk­lich so, dass ein Christ am Ende sei­nes Lebens tat­säch­lich Trost im Glau­ben fin­det? Die Ange­hö­ri­gen sind zutiefst erschüt­tert, vie­le hadern mit Gott und zwei­feln an des­sen Güte. War­um die­se unend­li­che Trau­er, wenn doch bei christ­li­cher Lebens­füh­rung das Para­dies winkt? Zumin­dest ein alter, aber got­tes­fürch­ti­ger Mensch müss­te bei sei­nem Able­ben eigent­lich von sei­nen Ver­wand­ten und Freun­den benei­det wer­den. Geht er doch Gott ent­ge­gen. War­um die­se tie­fe Trau­er?

Mein Den­ken ist des­halb ein ande­res. Ein Mensch, der schon als Kind behut­sam zu der Ein­sicht geführt wird, dass der Tod zum Leben gehört, dass der Tod das natür­li­che Ende eines Lebens ist, dass es wohl kei­nen güti­gen Gott über ihm gibt, dass er aber auch nicht vor den Zufäl­lig­kei­ten des Lebens geschützt ist, wie Krank­hei­ten oder Unfäl­len etwa. Ein Mensch, dem früh­zei­tig bewusst wird, dass er nur die­ses eine Leben hat und dass er den Sinn sei­nes Lebens nur hier auf Erden fin­den kann, wird ein ande­res Leben füh­ren als ein Christ. Er wird sich bemü­hen, viel kon­se­quen­ter sein Leben so zu gestal­ten, dass er posi­ti­ve Spu­ren hin­ter­lässt: Kin­der und Enkel, ein Haus oder etwa ein berühm­tes Bau­werk, eine das Leben erleich­tern­de Erfin­dung, eine poli­ti­sche Leis­tung, die vie­len Men­schen Frie­den und Wohl­stand brach­te – irgend­ei­ne per­sön­li­che Leis­tung, auf die er mit Genug­tu­ung oder gar Stolz schau­en kann. Wenn ihm so etwas gelun­gen ist und er viel­leicht dank Medi­zin ein lan­ges Leben hat­te, kann er ruhig und gefasst von die­ser Lebens­büh­ne abtre­ten. Vie­le glau­bens­freie Men­schen haben an ihrem Lebens­en­de gezeigt, wel­che Stär­ke und Gelas­sen­heit sie aus einer so gereif­ten Ein­stel­lung zum Leben und des­sen Ende bezie­hen, wel­cher inne­re Frie­de sie erfasst hat, wenn sie – ja, so möch­te ich es for­mu­lie­ren – kei­ne fal­sche Hoff­nung mehr hegen. Ich den­ke, »wer sein Feld bestellt hat«, wird am Ende auch los­las­sen kön­nen, ohne Ver­zweif­lung und ohne Angst vor dem Tod.

Was aber sage ich einem noch jun­gen Men­schen, dem eine tücki­sche Krank­heit das Leben nimmt? Es fällt mir schwer, hier­auf eine trös­ten­de Ant­wort zu fin­den. Aber was kann ein gläu­bi­ger Christ dazu sagen? Über­zeugt und trös­tet sein Hin­weis auf Auf­er­ste­hung und ewi­ges Leben einen Men­schen von heu­te noch? Das gern ver­dräng­te, unheil­schwan­ge­re Wort vom Schick­sal erin­nert dar­an, dass wir eben nicht alles in der Hand haben. Phi­lo­so­phie, Sozio­lo­gie, auch die Evo­lu­ti­ons­theo­rie, bezeich­nen die­se prin­zi­pi­el­le Offen­heit der Zukunft, die­ses nicht plan- und vor­her­seh­ba­re Gesche­hen und die damit ver­bun­de­ne Unge­wiss­heit mit dem abs­trak­ten Begriff Kon­tin­genz. Die­se hat mit Zufall und Unbe­re­chen­bar­keit zu tun. Die Theo­lo­gen ver­wei­sen hier auf Got­tes uner­forsch­li­chen Wil­len und trös­ten mit Ver­hei­ßun­gen und ver­wei­sen auf das Para­dies. Die Natur­wis­sen­schaf­ten und die aus ihr her­vor­ge­gan­ge­nen Tech­no­lo­gi­en bie­ten inso­fern Trost und Hoff­nung, als sie inzwi­schen wesent­li­che, Not wen­den­de Bei­trä­ge zur Bekämp­fung von Hun­ger, von Schmer­zen, von Krank­hei­ten und zur Bän­di­gung von Natur­ka­ta­stro­phen vor­wei­sen kön­nen und zukünf­tig wohl auch für der­zeit noch nicht beherrsch­ba­res Leid. Dort, wo die Reli­gio­nen noch die Lebens­ver­hält­nis­se bestim­men, lebt die weit über­wie­gen­de Zahl der Men­schen hin­sicht­lich ihrer Lebens­qua­li­tät noch im Mit­tel­al­ter. …

Kapi­tel VIII: Mein »Cre­do«