Leseproben

Leseproben aus: Warum ich kein Christ sein will        

Vor­be­mer­kung: Die hier vor­lie­gen­de For­ma­tie­rung ent­spricht nicht der des gedruck­ten Buches.

Die hoch­ge­stell­ten Zif­fern ver­wei­sen auf den Anmer­kungs­teil.

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Kapi­tel III: Natur­wis­sen­schaft, Reli­gi­on und mensch­li­ches Selbst­ver­ständ­nis
Kapi­tel V: Nach­den­ken über Gott, Gott­ver­trau­en und Moral
Kapi­tel VI: End­gül­ti­ger Abschied von Chris­ten­tum und Kir­che
Kapi­tel VII: Über­le­gun­gen zu einem alter­na­ti­ven Welt- und Men­schen­bild
Kapi­tel VIII: Mein »Cre­do«

Naturwissenschaft, Religion und menschliches Selbstverständnis

Im Jahr 1999 ver­öf­fent­lich­te der Ham­bur­ger Lite­ra­tur­pro­fes­sor Diet­rich Schwa­nitz (1940–2004) ein Buch mit dem Titel »Bil­dung« und dem her­aus­for­dern­den Unter­ti­tel »Alles, was man wis­sen muss«. Das volu­mi­nö­se Buch ent­fach­te die unter­schwel­lig stets prä­sen­te Dis­kus­si­on erneut, was heu­te zur All­ge­mein­bil­dung bezie­hungs­wei­se zum Bil­dungs­ka­non in der Infor­ma­ti­ons­ge­sell­schaft gehö­ren soll­te. Das Buch wur­de wegen der all­seits emp­fun­de­nen Bedeu­tung des The­mas und nicht zuletzt auf­grund des kurz­wei­li­gen Stils ein Best­sel­ler. Dabei sich­tet der Autor – wie es im Klap­pen­text heißt – das gesam­te kul­tu­rel­le Wis­sen unter der Fra­ge­stel­lung: Was trägt es zu unse­rer Selbst­erkennt­nis bei? 1

Ich möch­te zunächst dar­le­gen, dass das Buch von Schwa­nitz die­se öffent­li­che Wert­schät­zung nicht ver­dient hat, und zwar des­we­gen nicht, weil es ein Bil­dungs­ide­al aus ver­gan­ge­ner Zeit pro­pa­giert.

Auf über 540 Sei­ten brei­tet Schwa­nitz sei­ne Über­le­gun­gen zu dem aus, was er unter Bil­dung ver­steht. Er spricht über die Geschich­te Euro­pas, über gro­ße Wer­ke der Lite­ra­tur, über die Geschich­te von Kunst und Musik, über gro­ße Phi­lo­so­phen, Ideo­lo­gi­en, Theo­ri­en und Welt­bil­der und lässt uns wis­sen, wes­halb es so wich­tig ist, über lite­ra­ri­sche Figu­ren wie Don Qui­jo­te, Ham­let oder Faust Bescheid zu wis­sen. Soweit so gut und im Prin­zip auch ein­ver­stan­den. Kaum mehr als 10 Sei­ten, das sind nicht ein­mal 2 Pro­zent des Buches, wid­met er dage­gen den Natur­wis­sen­schaf­ten. Der Bio­lo­ge Dar­win, der Phy­si­ker Ein­stein und der (natur­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­te) Arzt und Psy­cho­lo­ge Freud wer­den mit ihren Ein­sich­ten knapp – aber teil­wei­se falsch – dar­ge­stellt; auch ihre Rol­le als Revo­lutionäre unse­rer Sicht auf die­se Welt wird ange­deu­tet. Was Schwa­nitz aber wirk­lich von den Natur­wis­sen­schaf­ten hält, offen­bart er frei­mütig am Ende sei­nes Wer­kes:

»Die natur­wis­sen­schaft­li­chen Kennt­nis­se wer­den zwar in der Schu­le gelehrt; sie tra­gen auch eini­ges zum Ver­ständ­nis der Natur, aber wenig zum Ver­ständ­nis der Kul­tur bei. … So bedau­er­lich es man­chem erschei­nen mag: Natur­wis­sen­schaft­li­che Kennt­nisse müs­sen zwar nicht ver­steckt wer­den, aber zur Bil­dung gehö­ren sie nicht.« 2

Hier zeigt sich – ich möch­te das an die­ser Stel­le ein­mal so deut­lich for­mu­lie­ren – die typi­sche Igno­ranz, ja Arro­ganz eines immer noch ver­brei­te­ten Typs von Geisteswissen­schaftlern mit einem sehr tra­di­tio­na­lis­ti­schen Bil­dungs­be­griff, der nicht sel­ten auch noch damit koket­tiert, von »Phy­sik und Mathe­ma­tik kei­ne Ahnung zu haben«. Schwa­nitz hät­te statt­des­sen dar­über nach­den­ken sol­len, was er, und natür­lich wir alle, zum Bei­spiel den Astro­no­men Niko­laus Koper­ni­kus (1473–1543) und Johan­nes Kep­ler (1571–1630) sowie dem Phi­lo­so­phen, Mathe­ma­ti­ker und Phy­si­ker Gali­leo Gali­lei (1564–1642) zu ver­dan­ken haben. Sie lös­ten durch das von ihnen ver­tre­te­ne helio­zen­tri­sche Sys­tem die von der Kir­che behaup­te­te Auf­fas­sung von der gott­ge­ge­be­nen Stel­lung der Erde als Mit­tel­punkt der Welt ab. Der Phi­lo­soph und Astro­nom Gior­da­no Bru­no (1548–1600) ging noch dar­über hin­aus und behaup­te­te schon damals, dass das Uni­ver­sum uner­mess­lich groß sei und von unzäh­li­gen Son­nen wie der unse­ren erfüllt sei. An jedem Ort des Kos­mos könn­te man den Ein­druck haben, im Mit­tel­punkt der Welt zu ste­hen. Daher ver­bie­te es sich, die Erde oder unser Son­nen­sys­tem als Zen­trum einer gött­li­chen Natur­ord­nung anzu­se­hen.

Wor­in bestand – neben der wis­sen­schaft­li­chen Leis­tung – die geis­tig-kul­tu­rel­le Bedeu­tung die­ser Wis­sen­schaft­ler? Man kann es in einem Satz sagen: Sie wag­ten es, ihre Ein­sich­ten und Beob­ach­tun­gen über die Auto­ri­tät der Kir­che und der Bibel zu stel­len, sie trau­ten sich, ihren Ver­stand zu benut­zen und ihre empi­ri­schen Erkennt­nis­se gegen nur behaup­te­te, angeb­li­che Wahr­hei­ten, wie sie zum Bei­spiel auch in den alten Schrif­ten eines Aris­to­te­les (384–322 v. u. Z.) nie­der­ge­legt waren, zu set­zen. Ihr Inter­es­se galt nicht mehr den tra­dier­ten Tex­ten und ihrer Inter­pre­ta­ti­on, son­dern den beob­acht­ba­ren und mess­ba­ren Fak­ten der Wirk­lich­keit. Sie lei­te­ten damit die ent­schei­den­de Wen­de im Den­ken jener Zeit ein und eta­blier­ten neben der Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie die Natur­wissen­schaften als drit­te prä­gen­de kul­tu­rel­le Dis­zi­plin. Gali­leo Gali­lei, Weg­be­rei­ter der moder­nen Natur­wis­sen­schaf­ten, hat die Geis­tes­hal­tung, die zu die­sem Den­ken führ­te, so zum Aus­druck gebracht:

»Ich füh­le mich nicht zu dem Glau­ben ver­pflich­tet, dass der­sel­be Gott, der uns mit Sin­nen, Ver­nunft und Ver­stand aus­ge­stat­tet hat, von uns ver­langt, die­sel­ben nicht zu be­nutzen.« 3

Als Charles R. Dar­win (1809–1882), wie vor ihm schon ande­re, erkannt hat­te, dass der Mensch nicht aus einem Erdenkloß geformt wor­den ist, son­dern das Pro­dukt eines natür­li­chen Ent­wick­lungs­pro­zes­ses ist, und dass uns mit der übri­gen Tier­welt eine Viel­zahl von orga­ni­schen und ver­hal­tens­mä­ßi­gen Gemein­sam­kei­ten ver­bin­det, stell­te die­se Ein­sicht ein wei­te­res Mal das Mono­pol der Kir­che auf Besitz und Ver­kün­dung angeb­lich ewi­ger Wahrhei­ten in Fra­ge. Die herr­schen­de Leh­re der Kir­che begann so nach und nach ihren domi­nie­ren­den Ein­fluss auf das Welt­bild und damit auch das Selbst­verständnis des Men­schen zu ver­lie­ren. Dass die Erde und mit ihm auch der Mensch im Kos­mos nur eine ganz unbe­deu­ten­de Rol­le spie­len, dass womög­lich das Welt­all voll ande­rer Lebens­for­men ist, die­se para­dig­ma­ti­sche, wahr­haft umwäl­zen­de Qua­li­tät von neu­em Wis­sen soll­te kei­nen Bil­dungs­wert haben?

Der Mensch und die Erde als Mit­tel­punkt der Welt oder wan­dernd irgend­wo in den Wei­ten eines uner­mess­lich gro­ßen Kos­mos? Der Mensch als Eben­bild Got­tes oder ein zufäl­li­ges Pro­dukt einer sich selbst orga­ni­sie­ren­den Natur? Der Geist eine eigen­stän­di­ge, gött­li­che Wesen­heit oder eine Funk­ti­on der hoch­kom­plex orga­ni­sier­ten Mate­rie? Sol­che Fra­gen soll­ten ohne Ein­fluss auf mein Nach­den­ken über mich und die Welt sein? Hier irr­te Schwa­nitz ohne jeden Zwei­fel gewal­tig, defi­niert er doch selbst den Bil­dungs­wert von Wis­sen über die Fra­ge, was es zur Selbst­er­kennt­nis und zum Selbst­ver­ständ­nis des Men­schen bei­tra­ge.

Die Hirn­for­schung erbringt täg­lich neue Bele­ge dafür, dass der »Geist nicht vom Him­mel fiel«, son­dern eine Funk­ti­on des mate­ri­el­len Gehirns ist. Wenn schach­spie­len­de Com­pu­ter einen Welt­meis­ter zu schla­gen in der Lage sind, dann wird deut­lich, dass über Com­pu­ter­pro­gram­me geis­ti­ge Leis­tun­gen mög­lich wur­den, die bis­lang aus­schließ­lich dem Men­schen vor­be­hal­ten waren. Sol­che Ent­wick­lun­gen und die ihnen zugrun­de liegen­den bio­lo­gi­schen und phy­si­ka­li­schen Erkennt­nis­se soll­ten bedeu­tungs­los sein für unser Selbst­ver­ständ­nis? Die moder­ne Kos­mo­lo­gie behaup­tet, dass unse­re Welt einen physika­lisch erklär­ba­ren Anfang hat, und die Mikro­phy­sik hat uns längst wis­sen las­sen, dass im inne­r­ato­ma­ren Gesche­hen der her­kömm­li­che Begriff von Kau­sa­li­tät sich auf­löst und unse­re All­tags­lo­gik dort nicht mehr unein­ge­schränkt gilt. Die­se neue Sicht auf die mate­ri­el­len Grund­la­gen unse­rer Exis­tenz soll­te ohne Fol­gen blei­ben für unser Ver­ständ­nis von der Welt und damit unser Nach­den­ken über Grund und Sinn unse­rer Exis­tenz?

Wor­in liegt die immer wie­der zu beob­ach­ten­de gerin­ge Wert­schät­zung naturwissen­schaftlichen Wis­sens begrün­det?

His­to­risch gese­hen hat sie sicher ihre Wur­zeln in dem tief sit­zen­den Arg­wohn von Theo­lo­gie und Kir­che gegen­über natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen, fühl­te sich die christ­li­che Reli­gi­on doch schon immer von wis­sen­schaft­li­chen Ein­sich­ten bedroht. Der eigent­li­che Grund der kirch­li­chen Skep­sis gegen­über Wis­sen, das nicht den Tex­ten der angeb­lich von Gott dik­tier­ten Bibel ent­nom­men wur­de, vor allem aber gegen­über jeder Form von Natur­wis­sen­schaft, liegt tie­fer und dürf­te im gött­li­chen Ver­bot bestehen, vom »Baum der Erkennt­nis« zu essen. Im Alten Tes­ta­ment heißt es:

1. Buch Mose, Kapi­tel 2, Vers 16–17: »Dann gebot Gott, der Herr, dem Men­schen: Von allen Bäu­men des Gar­tens darfst du essen, doch vom Baum der Erkennt­nis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du ster­ben.« 4

Zunächst ein­mal erscheint es mir sehr merk­wür­dig, gera­de­zu aber­wit­zig, aus gött­li­chem Mund zu erfah­ren, dass die Fähig­keit zur Unter­schei­dung von »gut« und »böse« nicht erwünscht sein soll­te. Aber es geht offen­bar nicht nur um die Erkennt­nis von »gut« und »böse«, es geht wohl ganz all­ge­mein um das Bestre­ben des Men­schen, sich und die Welt zu begrei­fen. Gott scheint die Neu­gier des Men­schen, hin­ter das Geheim­nis sei­ner Schöp­fung zu kom­men, jedoch zu ver­dam­men. Der Kir­chen­leh­rer Augus­ti­nus (354–430) bekräf­tig­te die­ses gött­li­che Ver­dikt:

»Es gibt noch eine wei­te­re Art der Ver­su­chung, die noch stär­ker mit Gefah­ren ver­bun­den ist. Es ist die Krank­heit der Neu­gier. Sie treibt uns dazu, dass wir die Geheim­nis­se der Natur auf­de­cken wol­len, jene Geheim­nis­se, die außer­halb unse­res Ver­ständ­nis­ses lie­gen, die uns nichts nüt­zen und die zu ken­nen, wir uns nicht wün­schen soll­ten.«

Die Kir­che sah in die­sen Wor­ten über die Jahr­hun­der­te offen­bar gera­de­zu die Verpflich­tung, die Men­schen vor Ein­sich­ten abzu­schir­men, die ihnen womög­lich die Wider­sprü­che zwi­schen bibli­schem Wort und mensch­li­cher Erkennt­nis bewusst­ge­macht hät­ten. Aber wer Neu­gier ver­bie­tet, hin­dert die Gesell­schaft dar­an, sich wei­ter zu ent­wi­ckeln und schließ­lich die Lust an der Frei­heit des Den­kens zu ent­de­cken. Dar­an woll­te und konn­te die Kir­che ganz offen­sicht­lich kei­ner­lei Inter­es­se haben. Auf­ge­klärt­heit durch Wis­sen sowie Selbst­be­stim­mung durch Frei­heit von Denk- und Glau­bens­vor­ga­ben sind Basis­ele­men­te einer Gesell­schaft unab­hän­gi­ger und sich frei ent­fal­ten­der Men­schen. Die Kir­che, ins­be­son­de­re die katho­li­sche mit einem auto­kra­tisch wal­ten­den Papst an der Spit­ze, konn­te von einer sol­chen Ent­wick­lung nur Ver­lust an Ein­fluss und Macht er­warten. 6

Heu­te liegt das gerin­ge Inter­es­se an den Natur­wis­sen­schaf­ten in bestimm­ten Krei­sen wohl vor allem an der schu­li­schen Erfah­rung, dass der Erwerb natur­wis­sen­schaft­li­chen, spe­zi­ell mathe­ma­tisch for­mu­lier­ten Wis­sens mit erheb­li­chen Anstren­gun­gen ver­bun­den war und oft genug mit der Frus­tra­ti­on ver­geb­li­chen Bemü­hens en­dete. Die auf­bau­en­de Freu­de, ja das Glücks­gefühl, das sich nach dem müh­sam erwor­be­nen Ver­ständ­nis eines kom­pli­zier­ten, bei­spiels­wei­se phy­si­ka­li­schen Sach­ver­halts ein­stel­len kann, ist die­sen Men­schen offen­bar nie zuteil gewor­den. Hin­zu kommt das pro­ble­ma­ti­sche Vor­bild vie­ler nicht-natur­wis­sen­schaft­li­cher Leh­rer, die in ihren Fächern direkt und indi­rekt zum Aus­druck brach­ten, dass wah­re Bil­dung sich vor allem in der Hin­wen­dung zur Anti­ke, zur schön­geis­ti­gen und gesell­schafts­po­li­ti­schen Lite­ra­tur und zur klas­si­schen Musik zei­ge, alles ande­re allen­falls schmü­cken­des Bei­werk sei. Und die schon früh­zei­tig ge­machte Beob­ach­tung, dass erfolg­rei­che Per­sön­lich­kei­ten des öffent­li­chen Lebens sel­ten Natur­wis­sen­schaft­ler waren und gern ihre mathe­ma­tisch-natur­wis­sen­­schaf­t­­li­chen Defi­zi­te ein­räum­ten, trug ein Übri­ges dazu bei, natur­wis­sen­schaft­li­che Bil­dung als weni­ger rele­vant für Berufs­er­folg und Lebens­glück anzu­se­hen.

Die Redak­ti­on der ange­se­he­nen Tages­zei­tung »Frank­fur­ter All­ge­mei­ne« beschloss im Som­mer 2006, in ihrem umfang­rei­chen Kul­tur­teil täg­lich einen oder zwei Berich­te aus den Natur­wis­sen­schaf­ten unter­zu­brin­gen, die ei­nen wesent­li­chen und unmit­tel­ba­ren Bezug zu Kul­tur und Gesell­schaft aufwei­sen. Sie zog damit die Kon­se­quenz aus der Erkennt­nis, dass natur­wis­sen­schaft­li­che Befun­de für unser heu­ti­ges Den­ken und Emp­fin­den von gro­ßer all­ge­mei­ner Bedeu­tung sein kön­nen. Die­se Zei­tung leis­tet mit die­sem erwei­ter­ten Kul­tur­be­griff einen Bei­trag, aus dem blo­ßen Neben­ein­an­der von Geis­tes-, Sozi­al- bzw. Kul­tur­wis­sen­schaf­ten einer­seits und Natur­wis­sen­schaf­ten ander­erseits zu einem reflek­tier­ten Mit­ein­an­der zu kom­men. Es war auch die­se Zei­tung, die sei­ner­zeit eine mensch­li­che Genom­se­quenz in ganz­sei­ti­gem For­mat abdruck­te und damit die Bedeu­tung die­ses Erkennt­nis­fort­schritts in das öffent­li­che Bewusst­sein rück­te.

Nachdenken über Gott, Gottvertrauen und Moral

Selbst der katho­li­sche Theo­lo­ge Hans Küng (*1928), Autor vie­ler mit Gott und Chris­ten­tum befass­ter Bücher, bekennt sei­ne Rat­lo­sig­keit, wenn er in sei­nem Buch »Cre­do« schreibt:

… ich geste­he dar­über hin­aus, dass ich nach Ausch­witz, dem Gulag und zwei Welt­kriegen erst recht nicht mehr voll­mun­dig von ›Gott, dem All­mäch­ti­gen‹ reden kann, der da als ›ab-solu­ter‹ Macht­ha­ber ›los-gelöst‹, unbe­rührt von allem Leid, doch alles diri­giert, alles macht oder min­des­tens alles machen könn­te, wenn er woll­te, und der dann doch ange­sichts größ­ter Natur­ka­ta­stro­phen und Mensch­heits­ver­bre­chen nicht ein­greift, son­dern schweigt und schweigt und schweigt … 12

Es ist aber nicht nur das ver­ab­scheu­ungs­wür­di­ge Ver­hal­ten von Men­schen, in viel grö­ße­rem Maße ist es die Natur, die durch Krank­hei­ten und Kata­stro­phen die Ursa­che schlimms­ten Elends dar­stellt. Lepra, Mala­ria, Pest und Krebs, um nur eini­ge der ver­hee­ren­den Krank­hei­ten zu nen­nen, haben über die Jahr­tau­sen­de Hun­der­te von Mil­lio­nen Men­schen erbärm­lich dahin­ve­ge­tie­ren las­sen und um Lebens­glück und Leben gebracht. Die Hil­fe­ru­fe nach oben zu Gott wen­de­ten das Schick­sal der Betrof­fe­nen nicht, erst moder­ne Wis­sen­schaft und Medi­zin waren in der Lage, hier eine ent­schei­den­de, wenn auch noch längst kei­ne voll­stän­di­ge Hil­fe zu leis­ten.

Im Jah­re 2005 jähr­te sich zum 250. Mal eine Natur­ka­ta­stro­phe, die wie kei­ne ande­re das reli­giö­se und natur­wis­sen­schaft­li­che Den­ken ver­än­dert hat­te. Das schwe­re Erd- und See­be­ben von Lis­sa­bon am 1. Novem­ber 1755 ver­anlasste Phi­lo­so­phen, Natur­wis­sen­schaft­ler und Dich­ter wie Kant, Vol­taire oder Goe­the, von der Vor­stel­lung Abschied zu neh­men, dass sol­che Natur­er­eig­nis­se als Stra­fen Got­tes anzu­se­hen sind. Nach und nach setz­te sich die Ein­sicht durch, dass Erd­be­ben, Vul­kan­aus­brü­che, Wir­bel­stür­me und Flut­wellen natür­li­che Vor­gän­ge sind, die mit der phy­si­ka­li­schen Natur einer unru­hi­gen Erde erklärt wer­den kön­nen. Kant (1724–1804) ent­wi­ckel­te dar­auf­hin eine auf natur­wis­sen­schaft­li­cher Basis begrün­de­te Theo­rie der Erd­be­ben. Sie war aus heu­ti­ger Sicht zwar falsch, aber sie stell­te eine nach­drück­li­che Abkehr von der Auf­fas­sung dar, dass sol­che Men­schen verschlin­genden Natur­ka­ta­stro­phen wie das Beben von Lis­sa­bon eine Rache Got­tes für sünd­haf­tes Ver­hal­ten dar­stell­ten.

Die­ses Beben hat­te für das Den­ken der dama­li­gen Zeit auch des­we­gen umwäl­zen­de Fol­gen, weil mit Lis­sa­bon eine katho­lisch gepräg­te Stadt am Mor­gen des Aller­hei­li­gen­ta­ges mit voll besetz­ten Kir­chen und Kathe­dralen getrof­fen wur­de. Das Erd­be­ben, die sie­ben Meter hohe Flut­wel­le und der anschlie­ßen­de Brand töte­ten wohl an die 30 000 Men­schen. Ande­re Berich­te spre­chen gar von 60 000 bis über 100 000 Toten, zählt man die Opfer des gan­zen Küs­ten­be­reichs mit. Die Ver­wir­rung war voll­kom­men: Gott lösch­te eine katho­li­sche Metro­po­le aus, zu dama­li­ger Zeit die viert­größ­te Stadt Euro­pas, an einem hei­li­gen Tag, an dem sich fast alle Men­schen lob­prei­send in den Häu­sern Got­tes befan­den. Vol­taire (1694–1778), unab­hän­gi­ger und kri­ti­scher in sei­nem Den­ken als der Kir­che lieb sein konn­te, schrieb ein pro­vo­kan­tes Gedicht über das Erd­be­ben (Poè­me sur la désast­re de Lis­bon­ne) und reg­te damit eben­falls eine Dis­kus­si­on an über die frag­wür­di­ge, Gott unter­stell­te Rol­le bei Natur­ka­ta­stro­phen.

Von Johann Wolf­gang von Goe­the (1749–1832) weiß man, dass das Beben von Lis­sa­bon ihn erheb­lich irri­tier­te und sei­ne vor­sich­ti­ge Distan­zie­rung von Kir­che, Chris­ten­tum und einem angeb­lich gerech­ten Gott ein­lei­te­te. Der jun­ge Goe­the schreibt anläss­lich die­ses Ereig­nis­ses in »Dich­tung und Wahr­heit«:

Der Kna­be, der alles die­ses wie­der­holt ver­neh­men muss­te [gemeint sind die vie­len Berich­te und reli­giö­sen und phi­lo­so­phi­schen Kom­mentare über das Erd­be­ben, U. L.], war nicht wenig betrof­fen. Gott, der Schöp­fer und Erhal­ter Him­mels und der Erden, der ihm die Erklä­rung des ers­ten Glau­bens­ar­ti­kels so wei­se und gnä­dig vor­stell­te, hat­te sich, indem er die Gerech­ten mit den Unge­rech­ten glei­chem Ver­der­ben preis­gab, kei­nes­wegs väter­lich bewie­sen. Ver­ge­bens such­te das jun­ge Gemüt sich gegen die­se Ein­drü­cke her­zu­stel­len, wel­ches über­haupt um so weni­ger mög­lich war, als die Wei­sen und Schrift­ge­lehr­ten selbst sich über die Art, wie man ein sol­ches Phä­no­men anzu­se­hen habe, sich nicht ver­ei­ni­gen konn­ten. 13

Das Beben bil­de­te eine tie­fe Zäsur in der euro­päi­schen Geis­tes­ge­schich­te. Die opti­mis­ti­sche Sicht, die der Phi­lo­soph und Uni­ver­sal­ge­lehr­te Gott­fried Wil­helm Leib­niz (1646–1716) in die Wor­te »von der bes­ten aller Wel­ten« gefasst hat­te, wich nüch­ter­ner Betrach­tung. Denn den­ken­den und reflek­tie­ren­den Men­schen war es offen­bar kaum oder gar nicht mehr mög­lich, die über Wort und Schrift behaup­te­te All­mäch­tig­keit und Barm­her­zig­keit Got­tes mit dem tat­säch­li­chen Gesche­hen und dem damit ver­bun­de­nen mensch­lichen Lei­den in Über­ein­stim­mung zu brin­gen. Zwei gro­ße Natur­ka­ta­stro­phen der jün­ge­ren Zeit, der Tsu­na­mi in Süd­ost­asi­en im Jah­re 2004 und das Erd­be­ben in Kasch­mir im Jah­re 2005, mit Hun­dert­tau­sen­den Toten, Mil­lio­nen Ver­letz­ten, zer­stör­ten Häu­sern und unter erbärm­li­chen Bedin­gun­gen dahin­ve­ge­tie­ren­den Men­schen, haben bei uns das Nach­den­ken über die Unver­ein­bar­keit der her­kömm­li­chen Got­tes­vor­stel­lung mit der beob­acht­ba­ren Wirk­lich­keit erneut auf­le­ben las­sen. In den Fern­seh­be­rich­ten war zu sehen, wie völ­lig ver­stör­te klei­ne Kin­der zwi­schen Trüm­mern und Lei­chen umher­irr­ten. Ihre Eltern waren in der Flut­wel­le umge­kom­men, sie selbst konn­ten noch nicht ein­mal ihren eige­nen Namen nen­nen. Wo ist der Gott, der angeb­lich die Kin­der liebt? Inter­es­siert er sich über­haupt für das Gesche­hen auf die­ser Erde? Oder könn­te es sein, dass wir die völ­lig fal­schen Fra­gen stel­len?

Und in der Tat stel­len sich Asia­ten, sofern sie nicht Chris­ten oder Mos­lems sind, son­dern Anhän­ger des Hin­du­is­mus, des Bud­dhis­mus, des Kon­fu­zia­nis­mus oder des Shin­to­is­mus, sol­che Fra­gen nicht. Wer kei­nen per­sön­li­chen bezie­hungs­wei­se per­so­na­len, dem Men­schen glei­chen­den Gott ver­ehrt, der gerecht und gütig ist, der straft und ver­gibt, der kann sich, wenn ihn das Schick­sal heim­sucht, auch nicht beschwe­ren oder gar auf­leh­nen. Einen Gott, der für das Gesche­hen im Leben ver­ant­wort­lich zu machen wäre oder der einem bei der Sinn­su­che hel­fen könn­te, gibt es bei ihnen nicht. Das Lei­den wird als unver­meid­li­ches Schick­sal ange­se­hen.

Beim Bud­dhis­mus wird sogar Leben und Lei­den gleich­ge­setzt, man kann dem Lei­den zunächst nicht ent­flie­hen. Aber man kann dem Lei­den ent­ge­gen­tre­ten, indem man des­sen Ursa­chen und Fol­gen bekämpft und dadurch posi­ti­ves Kar­ma ansam­melt. Durch genü­gend viel posi­ti­ves Kar­ma, das man durch gute Wer­ke erwirbt, besteht schließ­lich – so die Über­zeu­gung – die Mög­lich­keit der Selbst­erlö­sung aus die­sem durch Wie­der­ge­bur­ten gekenn­zeichneten Lei­dens­kreis­lauf. Der gläu­bi­ge Mos­lem dage­gen betrach­tet sich als Allahs abso­lu­ten Unter­tan. Schick­sals­schlä­ge wie Erd­be­ben oder Krank­hei­ten begreift er als obers­ten Wil­len, den es ähn­lich christ­li­cher Ein­stel­lung nicht in Fra­ge zu stel­len gilt.

Anläss­lich der erwähn­ten Flut­ka­ta­stro­phe tra­ten die damals höchs­ten Ver­tre­ter der bei­den gro­ßen christ­li­chen Kir­chen Deutsch­lands, Kar­di­nal Leh­mann und Bischof Huber, am 9. Janu­ar 2005 bei einem öku­me­ni­schen Gedenk­got­tes­dienst im Ber­li­ner Dom auf. Bei­de ran­gen in ihren Pre­dig­ten, rat- und hil­fe­su­chend gen Him­mel bli­ckend, nach den hier noch mög­li­chen Wor­ten. Kar­di­nal Leh­mann ver­glich das Tsu­na­mi-Unglück mit der Sint­flut der Bibel und erin­ner­te an frü­he­re Natur­ka­ta­stro­phen, die Atombomben­abwürfe, an Ausch­witz und den Holo­caust. »Es gibt eben unsäg­li­ches, durch und durch unver­ständ­li­ches Leid. Auch die Bibel kennt die Kla­ge gegen Gott.« Als Christ fin­de er kei­ne ande­re Ant­wort als den Blick auf das Kreuz Jesu. Und er frag­te laut und ver­nehm­lich: »Gott, wo warst Du?«

Die Hilf­lo­sig­keit und die Bedrü­ckung, die aus den Wor­ten des Kar­di­nals spra­chen, fie­len mir auf. Sie hat­ten nichts mehr von jener selbst­si­che­ren, ja manch­mal selbst­herr­li­chen Gewiss­heit eines hohen kirch­li­chen Amts­trä­gers, der schon von Berufs wegen unbe­ding­te Glau­bens­si­cher­heit aus­strah­len muss. Ich fand sei­ne Äuße­run­gen bemer­kens­wert, weil sie in ihrer offen gezeig­ten Rat­lo­sig­keit auf mich auf­rich­tig und wahr­haf­tig wirk­ten. Ein ähn­lich bemer­kens­wer­tes Wort gibt es von Papst Johan­nes Paul II. anläss­lich einer Gene­ral­au­di­enz im Jahr 2002:

Es gibt neben dem Schwert und dem Hun­ger eine noch grö­ße­re Tra­gö­die, näm­lich die des Schwei­gens Got­tes, der sich nicht mehr offen­bart und sich schein­bar in sei­nem Him­mel ein­ge­schlos­sen hat, so als sei er des mensch­li­chen Tuns über­drüs­sig. 14

Erd­be­ben wie das in Hai­ti 2010 mit über 300 000 Toten und eben­so vie­len Ver­letz­ten oder das gewal­ti­ge Beben von 2011, das mit dem Namen Fuku­shima ver­bun­den ist und »nur« etwa 20 000 Tote for­der­te, aber infol­ge da­von gewal­ti­ge bau­li­che, land­schaft­li­che und öko­lo­gi­sche Schä­den und – wie immer bei sol­chen Kata­stro­phen – kaum zu hei­len­des mensch­li­ches Leid ver­ur­sach­te, brin­gen die Kir­chen regel­mä­ßig in Erklä­rungs­nö­te. Ihnen fällt dann meist nur ein, die Über­le­ben­den auf­zu­for­dern, für die Opfer zu beten. Aber wel­chen Sinn soll eine sol­che Anru­fung Got­tes haben? Wenn man ihm offen­bar zutraut, den Getö­te­ten und Gequäl­ten Gna­de und Hil­fe zukom­men zu las­sen, dann wäre es doch sehr viel naher­lie­gen­der, ihn dar­um zu bit­ten, sol­che Kata­stro­phen erst gar nicht ein­tre­ten zu las­sen. Aber das traut man der Kraft der Gebe­te oder der Macht des ange­be­te­ten Got­tes offen­bar nicht zu. Dass Chris­ten sich neben Gebe­ten aktiv an der Hil­fe für in Not gera­te­ne Men­schen betei­li­gen, sei aus­drück­lich erklärt. Aber dar­in unter­schei­den sie sich nicht von ande­ren mit­füh­len­den Men­schen.

4. Was ande­re den­ken und wie ich es sehe

Ende Sep­tem­ber 1997 erschüt­ter­te ein schwe­res Erd­be­ben die mit­tel­ita­lie­ni­sche Regi­on Umbri­en und ließ am Wir­kungs­ort des hei­li­gen Franz von Assi­si die Dop­pel­kir­che San Fran­ces­co des Fran­zis­ka­ner­klos­ters ein­stür­zen. Dabei wur­den – wie die Tages­pres­se sei­ner­zeit ver­mel­de­te – zwei beten­de Pries­ter von der her­ab­stür­zen­den Kir­chen­de­cke uner­war­tet und plötz­lich um ihr Leben gebracht. Ihre Fröm­mig­keit und ihr Beten hal­fen ihnen offen­bar nicht, sie wur­den ihnen viel­mehr zum Ver­häng­nis, ver­gleich­bar dem Gesche­hen infol­ge des Erd­be­bens von Lis­sa­bon 1755, bei dem beson­ders vie­le Men­schen wäh­rend des Got­tes­diens­tes in den städ­ti­schen Kir­chen und Kathedra­len ums Leben kamen. Hört Gott die Gebe­te nicht oder will er sich in sei­nem auf All­wis­sen­heit und All­macht grün­den­den Han­deln nicht von den für ihn irrele­van­ten mensch­li­chen Moti­ven beein­flus­sen las­sen?

Selbst Pries­ter und Bischö­fe ver­las­sen sich, wenn sie zum Bei­spiel krank wer­den, nicht mehr nur auf das Beten, son­dern kon­sul­tie­ren Ärz­te und las­sen sich von moderns­ter medi­zi­ni­scher Wis­sen­schaft kurie­ren. Ja, sogar Papst Johan­nes Paul II. und »Stell­ver­tre­ter Got­tes auf Erden«, der im Früh­jahr 2005 schwer erkrank­te, nutz­te bis zu sei­nem Able­ben mehr medi­zi­ni­sche Tech­nik, als ein nor­ma­ler Sterb­li­cher je zu sehen bekommt. Auf die welt­weit und mit größ­ter Inbrunst gespro­che­nen Gebe­te allein woll­te man sich offen­bar nicht ver­las­sen.

Chris­ten, über­haupt Gott­gläu­bi­ge, glau­ben an die Kraft des Gebe­tes. Sie glau­ben, dass Gott sie erhört und sie bei­spiels­wei­se von einer tücki­schen Krank­heit hei­len oder den Ver­lauf einer schwe­ren Ope­ra­ti­on güns­tig beein­flus­sen kann. Bei Ein­tre­ten des erfleh­ten Erfolgs ist zwar nicht fest­stell­bar, ob Gott hier hel­fend ein­ge­grif­fen hat, auf jeden Fall aber bestärkt es den Glau­ben an Got­tes Mit­hil­fe. Fast alles, was sich Men­schen erhof­fen kön­nen, wird Gott im Gebet vor­ge­tra­gen. Aller­dings betet man offen­sicht­lich nur in jenen Fäl­len, bei denen das erwünsch­te Ein­tre­ten des Erfolgs nach aller Lebens­er­fah­rung prin­zi­pi­ell mög­lich ist: bei der Hei­lung einer Lun­gen­ent­zün­dung, der Geburt eines gesun­den Kin­des oder etwa der erfleh­ten Rück­kehr des gelieb­ten Lebens­part­ners. Das Nach­wach­sen eines infol­ge Krank­heit ampu­tier­ten Bei­nes oder durch Unfall ver­lo­re­nen Auges oder gar das Wie­der­erwa­chen eines ver­stor­be­nen Kin­des wird trotz der All­mäch­tig­keit, die man Gott attes­tiert, offen­bar nicht durch ein Gebet erhofft. Zu offen­kun­dig ist hier die Aus­sichts­lo­sig­keit eines Gebets erkenn­bar. Aus Wall­fahrts­stät­ten wie dem fran­zö­si­schen Lour­des ist von sol­chen Gebe­ten oder gar Hei­lun­gen auch noch nie berich­tet wor­den.

Und eine wei­te­re ket­ze­ri­sche Fra­ge kann ich in die­sem Zusam­men­hang nicht unter­drü­cken: Wie groß ist eigent­lich das immer wie­der beschwo­re­ne Gott­ver­trau­en, wenn selbst der Papst als »Stell­ver­tre­ter Got­tes« im Pan­zer­glas-geschütz­ten Papa­mo­bil her­um­fährt und zum Bei­spiel die Got­tes­häu­ser vor­sichts­hal­ber durch einen Blitz­ab­lei­ter geschützt wer­den?

Einem Gläu­bi­gen mögen die­se letz­ten Zei­len got­tes­läs­ter­lich und ver­let­zend vor­kom­men. Aber es muss erlaubt sein, sol­che Fest­stel­lun­gen zu tref­fen. Ich fra­ge mich ganz vor­ur­teils­frei und ohne jede belei­di­gen­de Absicht: Wann ist je den Bedräng­ten durch Beten Hil­fe von oben gekom­men? Gebe­tet wur­de und wird seit Men­schen­ge­den­ken in den Häu­sern mit Kran­ken und Ster­ben­den, auf den Schlacht­fel­dern der bis heu­te statt­fin­den­den Krie­ge, in Luft­schutz­kel­lern mit zu Tode ver­ängs­tig­ten Men­schen, in den gro­ßen Ver­nich­tungs­la­gern der Natio­nal­so­zia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten, unter den Trüm­mern der durch Erd­be­ben zer­stör­ten Häu­ser. Wur­den je die Schreie und Ge­bete in den Fol­ter­kel­lern der Inqui­si­ti­on oder aus den bren­nen­den Scheiter­haufen erhört? Haben die­se Men­schen etwa nicht inten­siv genug geglaubt, nicht instän­dig genug gebe­tet?

Wor­auf grün­den die Mil­lio­nen Gläu­bi­gen ihre Hoff­nung auf Erhö­ren ihrer Gebe­te, wenn man doch weiß, dass trotz ver­zwei­fel­ten Hof­fens und Fle­hens Men­schen in unfass­bar gro­ßer Anzahl durch Natur­ka­ta­stro­phen und Seu­chen ein viel zu frü­hes Ende fan­den? Wel­chen Grund soll­te ich haben, mit der Hil­fe Got­tes zu rech­nen, wenn er offen­bar unbe­tei­ligt zusah, wie Milli­onen Juden in einen elen­den Gas­tod geschickt wur­den? Auch sie rich­te­ten ihre von Todes­ängs­ten gezeich­ne­ten Bli­cke nach oben. Hat Gott dem Lei­den der Men­schen nur inter­es­siert zuge­schaut? In Anbe­tracht der ihm zuge­schrie­be­nen All­mäch­tig­keit müss­te man ihn eigent­lich wegen unter­las­se­ner Hil­fe­leis­tung ankla­gen.

Bei nüch­ter­ner Betrach­tung muss man fest­stel­len – ich bin jeden­falls über­zeugt davon – dass Hil­fe, wenn sie denn ein­trifft, auch ohne Beten kommt, und zwar von ande­ren Men­schen oder durch Selbst­hil­fe oder auf­grund zufäl­li­gen Gesche­hens. Zwar wird der Gläu­bi­ge den ihm zuteil gewor­de­nen Bei­stand wie­der als das Ein­grei­fen Got­tes deu­ten. Den Beweis für sei­ne Behaup­tung wird er natür­lich schul­dig blei­ben, so wie auch ich nicht bewei­sen könn­te, dass Gott hier nicht sei­ne Hand im Spiel gehabt hät­te. Die Beweis­last für sei­ne Behaup­tung trägt aller­dings der Gläu­bi­ge. Denn ich kann das Gesche­hen auf natür­li­che Art erklä­ren, der Ande­re sieht dar­in das Wir­ken Got­tes, der sich ledig­lich der natür­li­chen Mit­tel bedie­nen wür­de. Das aber ist eine über­flüs­si­ge und irra­tio­na­les Den­ken för­dern­de Deu­tung. Wenn mein Auto ste­hen geblie­ben ist, viel­leicht wegen eines ver­stopf­ten Ver­ga­sers, dann hilft die Aus­sa­ge, dass »der Teu­fel ins Auto gefah­ren sei« dem her­bei­ge­ru­fe­nen ADAC-Hel­fer auch nicht wei­ter.

Das bekann­te, fast zynisch zu nen­nen­de Wort »Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott« bringt jeden­falls die Lebens­er­fah­rung zum Aus­druck, dass die schein­bar von Gott erhal­te­ne Hil­fe nichts ande­res ist als das in der Not erfolg­te selbst­tä­ti­ge Ein­grei­fen. Dabei ist sicher­lich rich­tig, dass inten­si­ves und glau­bens­er­füll­tes Beten Kräf­te mobi­li­sie­ren kann, die weit über das hin­aus­ge­hen kön­nen, was man sich selbst zuvor zutrau­te. Was dem Gläu­bi­gen dann wie Got­tes Hil­fe erscheint, stellt für den Nicht­gläu­bi­gen ein Phä­no­men dar, das sich schlicht psy­cho­lo­gisch erklä­ren lässt.

Aber viel­leicht ver­langt die sozia­le Natur des Men­schen ein­fach so inten­siv nach einem Part­ner, dass man ihn sich ein­fach nur vor­stel­len muss, um das Gefühl nach Nähe und Kom­mu­ni­ka­ti­on zu befrie­di­gen. Offen­sicht­lich lebt so manch Bedräng­ter in einer – wenn auch nur gedank­li­chen – Gemein­schaft leich­ter, hoff­nungs­vol­ler und erfüll­ter. Vie­le Men­schen brau­chen offen­bar ein all­mäch­ti­ges »Du«, dem sie ihre Wün­sche, Hoff­nun­gen, Verzweif­lung anver­trau­en kön­nen. Es ist gut vor­stell­bar, dass Men­schen in see­li­scher Not in einer sol­chen ver­in­ner­lich­ten Bezie­hung ihren Trost fin­den.

»Gott lässt die Son­ne auf­ge­hen über Bösen und Guten, und er lässt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te.« Man könn­te die­ses Bibel­wort ergän­zen und sagen, er lässt Hil­fe zuteil­wer­den den Beten­den und den nicht Beten­den. Was aber nichts ande­res bedeu­ten wür­de, als dass mein Blick nach oben kei­nen Ein­fluss dar­auf hat, wie Gott zu mir steht. Ich kann in kei­ner Wei­se erken­nen, ob mei­ne Gebe­te erhört wer­den, ob mein Ver­hal­ten in irgend­ei­ner Wei­se von Gott bewer­tet wird. Zurück bleibt also die alte Rat­lo­sig­keit und Unge­wiss­heit dar­über, ob und wie­weit Gott in unser Leben ein­greift, ja, ob er über­haupt exis­tiert.

Wenn Gott über die Eigen­schaft All­wis­sen­heit ver­fügt, dann wüss­te er, wie schwer so vie­le Men­schen mit der Fra­ge rin­gen, ob es ihn gibt und ob er sich für uns Men­schen inter­es­siert. Dann wür­de er erken­nen, wie ver­zwei­felt sie sei­ne Ant­wort erfle­hen und wie sehr sie sich nach sei­ner beschüt­zen­den Hand seh­nen. Die Kir­che »weiß«, dass Gott uns geschaf­fen hat, dass er uns unend­lich liebt, dass er all­mäch­tig und all­wis­send ist, sie weiß angeb­lich, was Gott will, sie behaup­tet so viel von ihm zu wis­sen – war­um er sich hier unten »auf Erden« so sel­ten sehen lässt, dass er sich gera­de­zu vor uns zu ver­ste­cken scheint, weiß sie offen­bar nicht.

Wenn wir Gott in sei­ner Uner­forsch­lich­keit und Rät­sel­haf­tig­keit mit unse­rem Ver­stand nicht erfas­sen und schon gar nicht uns sei­ner Exis­tenz ver­ge­wis­sern kön­nen, wäre es doch an ihm, sich uns zu offen­ba­ren. Aber in einer ver­ständ­li­chen und ein­deu­ti­gen Wei­se, nicht über offen­sicht­lich von Men­schen nie­der­ge­schrie­be­ne Tex­te wie die Bibel, den Koran, die Tho­ra oder zum Bei­spiel die hin­du­is­ti­schen Veden. Die­se angeb­lich gött­li­chen Offen­ba­run­gen haben alle ihre eige­nen, mit­ein­an­der nicht ver­träg­li­chen Auf­fas­sun­gen von Gott und der Welt, haben bis heu­te zu erbit­ter­ten reli­giö­sen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und dem gegen­sei­ti­gen Abschlach­ten im Namen ihres jewei­li­gen Got­tes geführt. Jede die­ser Welt­re­li­gio­nen bean­sprucht, den wah­ren Gott anzu­be­ten.

Wenn Gott ein Gott der Lie­be und der Barm­her­zig­keit, ein Inbe­griff der Moral ist, dann müss­te es ihm doch sehn­lichs­tes Anlie­gen sein, dem gegen­sei­ti­gen Ver­fol­gen und Umbrin­gen des jeweils Anders­gläu­bi­gen ein Ende zu berei­ten. Gelun­gen ist dies bis­her nur den Men­schen selbst, und zwar vor allem den Gesell­schaf­ten, die sich durch Auf­klä­rung von der Vor­herr­schaft der Reli­gi­on befrei­en konn­ten. Got­tes Wir­ken war dabei nicht zu erken­nen.

Ist es denn zu viel erhofft, ist es kind­lich naiv oder zeugt es von völ­li­gem Miss­ver­ste­hen des Wesens Got­tes, eine ein­deu­ti­ge Bot­schaft von ihm zu er­warten? Wenn die­sem Gott an den Men­schen und an der Welt so viel liegt, wie es uns sei­ne Ver­tre­ter hier auf Erden täg­lich ver­kün­den, dann wäre eine Demons­tra­ti­on sei­ner Macht und sei­nes Inter­es­ses an uns so unend­lich hilf­reich. Könn­te er nicht ein wah­res Wun­der bewir­ken, also einen über­na­tür­li­chen, die Natur­ge­set­ze außer Kraft set­zen­den Ein­griff in das Natur­ge­sche­hen vor­neh­men? Zum Bei­spiel könn­te er in einer welt­weit erkenn­ba­ren Schrift am Fir­ma­ment in der Spra­che eines jeden Men­schen auf sei­ne Exis­tenz hin­wei­sen oder allen tech­ni­schen Unmög­lich­kei­ten trot­zend gleich­zei­tig auf allen Bild­schir­men die­ser Welt erschei­nen. Frü­her nutz­te Gott angeb­lich sol­che Wun­der, um sei­ne Macht und Herr­lich­keit zu demons­trie­ren. Die Bibel berich­tet von der spon­ta­nen Hei­lung Kran­ker und der Ver­wand­lung von Was­ser in Wein, von der Auf­er­ste­hung von Jesus nach sei­nem Kreu­zes­tod und sei­ner spä­te­ren Him­mel­fahrt. Die katho­li­sche Kir­che zum Bei­spiel ist noch heu­te von den über­na­tür­li­chen Erschei­nun­gen Mari­as in Lour­des und Fáti­ma über­zeugt und sieht auch vie­le ande­re Wun­der – im Sin­ne von »nicht natür­lich erklär­bar« – als erwie­sen an. Auch die ande­ren gro­ßen mono­the­is­ti­schen Glau­bens­sys­te­me ver­wei­sen auf Wun­der, um ihre Glaub­wür­dig­keit zu unter­strei­chen.

Ich sehe es aller­dings schon vor mir: das mit­lei­di­ge Lächeln von Gläu­bi­gen und Erleuch­te­ten ob mei­ner Nai­vi­tät und Ein­falt. Sie wer­den mir sagen, dass Gott sich so nicht her­aus­for­dern lie­ße. Nur mei­ne frei­wil­li­ge Hinwen­dung zum Glau­ben kön­ne Erfolg haben, nur wenn ich mich ganz öff­ne und hin­ge­be, wird er sich mir offen­ba­ren. Mit dem Offen­ba­ren ist das aller­dings so eine selt­sa­me Sache. Die welt­weit zu allen Zei­ten auf­ge­tre­te­nen Seher, Erleuch­te­ten und Pro­phe­ten oder sonst wie durch den Besitz angeb­lich gött­li­cher Wahr­hei­ten aus­ge­zeich­ne­ten Men­schen kamen – nicht zuletzt auf­grund ihrer unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len Prä­gun­gen – jeweils zu ganz ande­ren Ein­sich­ten und Vor­stel­lun­gen von Gott. Sie begrün­de­ten völ­lig unterschied­liche Reli­gio­nen, basie­rend auf sehr unter­schied­li­chen, angeb­lich durch Gott inspi­rier­ten Tex­ten und bedin­gungs­los zu glau­ben­den hei­li­gen Sät­zen. Natür­lich sahen sie in den ande­ren reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen zu bekämp­fen­den Aber­glau­ben oder gar den Teu­fel am Werk. Die dar­aus ent­stan­de­nen Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den Anhän­gern der jeweils »wah­ren« Reli­gi­on und aus deren Sicht jeweils Ungläu­bi­gen hal­ten in vol­ler Inten­si­tät bis heu­te an. Selbst inner­halb des Chris­ten­tums gibt es unzäh­li­ge, sich gegen­sei­tig nicht aner­ken­nen­de Vari­an­ten des rech­ten Weges zu Gott. Soll­te der »wah­re« Gott das so gewollt haben?

Die Tat­sa­che, dass Gott sich so wenig ein­deu­tig äußert und nur über fast belie­big inter­pre­tier­ba­re Zei­chen zu uns spricht und ansons­ten »schweigt und schweigt und schweigt« (Küng), ist für mich ein beson­ders schwer­wie­gen­des Argu­ment gegen die Annah­me eines Got­tes, der die Welt angeb­lich liebt und an uns inter­es­siert sei. Aber auch die Exis­tenz so vie­ler ver­schie­de­ner Reli­gionen mit je einer ande­ren Got­tes­vor­stel­lung, die dar­aus fol­gen­den über Jahr­tausende bis heu­te gegen­ein­an­der geführ­ten Glau­bens­krie­ge und das gleich­gül­ti­ge Schwei­gen die­ser Göt­ter ange­sichts der in ihren Namen began­ge­nen, nicht mehr in Zahl und Maß fass­ba­ren Ver­bre­chen gegen die Mensch­lich­keit bil­den für mich eine eben­so schwer­wie­gen­de Begrün­dung, dass es den uns sug­ge­rier­ten »lie­ben Gott« oder »barm­her­zi­gen Gott« nicht geben kann. Er ist schlicht und ein­fach eine gedank­li­che Kon­struk­ti­on, eine Wunsch­vor­stel­lung, ent­stan­den aus der tief emp­fun­de­nen Sehn­sucht der Men­schen nach Schutz, Hil­fe, Trost und Ori­en­tie­rung, geför­dert durch eine den ande­ren in der Regel intel­lek­tu­ell über­le­ge­ne Pries­ter­kas­te, die dar­in seit Men­schen­ge­den­ken eine Mög­lich­keit für sich sah, Macht und Ein­fluss über ande­re Men­schen zu gewin­nen.

Auch wenn es heu­te sicher sehr vie­le Pries­ter und Pfar­rer gibt – das­sel­be gilt auch für ande­re Glau­bens­be­kennt­nis­se – die aus vol­ler Glau­bens­über­zeu­gung und mit allen ihren Kräf­ten ande­ren Men­schen in bewun­derns­wer­ter Wei­se Nächs­ten­lie­be und Zuwen­dung ent­ge­gen­brin­gen und kei­ne Macht­in­ter­es­sen mehr ver­fol­gen, an der Tat­sa­che, dass sie einer Illu­si­on an­hängen, ändert sich für mich dadurch nichts. Und dass Mil­lio­nen Men­schen aus die­ser blo­ßen Wunsch­vor­stel­lung Mut und Zuver­sicht gewin­nen und ihnen Gott oft als letz­te Ret­tung erscheint, bezwei­fe­le ich eben­falls nicht. Den­noch gilt für mich: Die­se Art von Got­tes­glau­ben und die Bilanz mei­nes Nach­den­kens über Gott und die Welt pas­sen für mich nicht zusam­men!

Was bin ich nun? Bin ich ein Athe­ist, der Got­tes Exis­tenz strikt leug­net? Bin ich viel­leicht doch eher ein Agnos­ti­ker, also einer, der das Gött­li­che für uner­kenn­bar hält, aber des­sen Exis­tenz nicht unbe­dingt ver­neint?

Als ein – hof­fent­lich – mit Ver­nunft begab­tes Wesen sehe ich mich nicht in der Lage, an den mir über unse­re Kul­tur ver­mit­tel­ten »lie­ben Gott« zu glau­ben. Daher kann ich auch nicht die Vor­stel­lung haben, von die­ser gött­li­chen Instanz der­einst erlöst zu wer­den. Wer ein­mal »vom Baum der Erkennt­nis« geges­sen hat, für den gibt es kein Zurück. Zu vie­le Wider­sprü­che zwi­schen ver­kün­de­ter Bot­schaft und erleb­ter Wirk­lich­keit, zwi­schen Glau­ben und Wis­sen tun mei­nem Ver­stand weh. Daher ist mein Nicht-Glau­be nicht auch eine Art »Glau­be«, wie gern unter­stellt wird, son­dern eher die Über­zeu­gung von der Nicht­exis­tenz eines sol­chen höhe­ren Wesens. Irgend­wo las ich ein­mal die – zuge­ge­ben pole­misch klin­gen­de – Ansicht, Athe­is­mus als eine Art Glau­ben zu bezeich­nen, ent­sprä­che der Auf­fas­sung, dass Gesund­heit auch nur eine Art Krank­heit sei.

Ich fra­ge mich: Wirkt es über­heb­lich, gar arro­gant, wenn ich mei­ne, dass das Bekennt­nis zu einer als gott­frei gedach­ten Welt etwas mit phi­lo­so­phisch-natur­wis­sen­schaft­li­cher Bil­dung, mit intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit und per­sön­li­chem Mut zu tun hat?

Aber auch das weiß ich: Mein und unser aller Ver­stand ist begrenzt, vie­les kön­nen wir nicht sehen, vie­les nicht den­ken und begrei­fen, noch viel mehr nicht wis­sen, und wer weiß, wie viel wir nicht ein­mal erah­nen? Es wird der­einst Ant­wor­ten geben, zu denen wir heu­te noch nicht ein­mal die Fra­gen dazu haben. Die in der Unbe­greif­lich­keit der Rea­li­tät ver­bor­ge­ne poten­zi­el­le Per­spek­ti­ve, in hun­dert Jah­ren viel­leicht über ganz ande­re Ein­sich­ten zu ver­fü­gen, soll­te uns vor blo­ßen Behaup­tun­gen über »Gott und die Welt« bewah­ren.

So hal­te ich denn mei­nen Geist und mei­ne See­le – so ich denn eine hät­te – offen für Ein­sich­ten, die mir viel­leicht bis­her ver­bor­gen geblie­ben sind. Der Christ und der Mus­lim freu­en sich auf den Him­mel, der ihnen der­einst unend­li­che Freu­den besche­ren wird. Ich bin da beschei­de­ner und freue mich dar­über, ein wenn auch win­zi­ger Teil des Uni­ver­sums zu sein, der sich vor­übergehend als ein »Ich« emp­fin­den und sich die­ses unbe­greif­li­chen Uni­ver­sums bewusst wer­den konn­te. …

Endgültiger Abschied von Christentum und Kirche

2. Die erschüt­tern­de Bilanz von 2000 Jah­ren Chris­ten­tum

Ein beson­de­res Kapi­tel, gera­de für uns Deut­sche, stellt die blu­ti­ge Ver­fol­gung der Juden dar. Die Opfer in den zwei Jahr­tau­sen­den seit Beginn des Chris­ten­tums addie­ren sich zu einer zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­zahl. Sie wur­den erschla­gen, ertränkt, ver­brannt, erschos­sen, ver­gast oder sonst wie zu Tode ge­bracht, fast immer aus christ­lich-reli­giö­sen Moti­ven; die Natio­nal­so­zia­lis­ten gaben ras­si­sche Grün­de an. Beson­ders über die Mas­sen­ver­nich­tung unter Hit­ler ist in hun­der­ten Büchern und tau­sen­den Auf­sät­zen aus­führ­lichst und kom­pe­tent berich­tet und über Ursa­chen nach­ge­dacht wor­den. Es er­scheint daher ent­behr­lich, dass auch ich mich hier dazu äuße­re. Aber ich möch­te einen wesent­li­chen Aspekt beleuch­ten, der so in Schu­le und poli­ti­scher Auf­klä­rung zumin­dest in mei­ner Zeit nie zur Spra­che kam und bis heu­te in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on tabui­siert wird.

In den weni­gen Geschichts­stun­den in mei­ner Schul­zeit zu die­sem The­ma, haupt­säch­lich jedoch bei der Zei­tungs­lek­tü­re über Pro­zes­se gegen KZ-Kom­man­dan­ten, frag­te ich mich immer wie­der, wie es mög­lich war, in der rela­ti­ven Kür­ze der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft ein sol­ches Vernichtungspro­gramm umzu­set­zen. Es muss – so mei­ne damals unter­schwel­li­ge Ver­mu­tung – schon eine brei­te anti­se­mi­ti­sche, min­des­tens jedoch gleich­gül­ti­ge Hal­tung in der Bevöl­ke­rung vor­han­den gewe­sen sein, denn ohne die­se wäre die ras­sisch-ideo­lo­gi­sche Begrün­dung die­ser Ver­nich­tungs­maß­nah­men nicht von so vie­len Mit­hel­fern und Mit­wis­sern so ein­fach hin­ge­nom­men wor­den.

Der Hin­weis auf die – tat­säch­lich ja begrün­de­te – Angst der Men­schen vor eige­ner Ver­fol­gung, wenn Wider­spruch offen geäu­ßert oder gar Wider­stand geleis­tet wor­den wäre, erklärt die­ses Phä­no­men in kei­ner Wei­se. Selbst hohe Kir­chen­ver­tre­ter, denen Amt und gesell­schaft­li­che Stel­lung genü­gend Schutz vor unmit­tel­ba­rer Bedro­hung gebo­ten hät­ten, ver­ur­teil­ten die­se Ver­fol­gun­gen, von rühm­li­chen Aus­nah­men abge­se­hen, nicht. Ich kann mir das nur mit einer schon latent vor­han­de­nen, und zwar euro­paweit ver­brei­te­ten, anti­jü­di­schen Grund­hal­tung wei­ter Bevöl­ke­rungs­krei­se und -schich­ten erklä­ren. Und blickt man wei­ter zurück in die Geschich­te, dann stellt man schnell fest, dass es tat­säch­lich schon seit Jahr­hun­der­ten furcht­ba­re Pogro­me und Ver­nich­tungs­ak­tio­nen gegen die Juden gege­ben hat. Der Anti­se­mi­tis­mus ist also kei­ne Erfin­dung der Natio­nal­so­zia­lis­ten, wie uns durch Schu­le und Nach­kriegs­auf­klä­rung sug­ge­riert wer­den soll­te, son­dern hat viel tie­fer und viel wei­ter zurück­lie­gen­de Ursa­chen. Die Wur­zeln die­ses Anti­se­mi­tis­mus grün­den – und die­se Erkennt­nis war auch für mich zunächst unglaub­lich – prak­tisch aus­schließ­lich in der christ­li­chen Leh­re und der sich auf sie beru­fen­den Kir­che!

Die­se für vie­le gut­gläu­bi­ge Chris­ten sicher­lich schwer zu ertra­gen­de Behaup­tung wird inzwi­schen von vie­len Reli­gi­ons­wis­sen­schaft­lern, ja selbst von evan­ge­li­schen Theo­lo­gen, zum Bei­spiel von Gerd Lüde­mann, und katho­li­schen, zum Bei­spiel Uta Ran­ke-Hei­ne­mann, aus­führ­lich begrün­det und ver­tre­ten. Ran­ke-Hei­ne­mann for­mu­liert: »Die 2000-jäh­ri­ge Geschich­te des Chris­ten­tums ist eine Geschich­te 2000-jäh­ri­ger Juden­ver­fol­gung.« Der aus der Kir­che aus­ge­tre­te­ne Theo­lo­ge Joa­chim Kahl führt in sei­nem Welt­best­sel­ler »Das Elend des Chris­ten­tums« (S. 43f) unter ande­rem aus:

[Die Evan­ge­li­en bemü­hen sich,] die Schuld am Tode Jesu von den römi­schen Behör­den (Pila­tus) ganz auf die Juden abzu­wäl­zen. Schon bei Mar­kus, dem ältes­ten Evan­ge­li­um, sträubt Pila­tus sich, Jesus zu ver­ur­tei­len (15, 10: ›Denn er erkann­te, daß ihn die Hohen­pries­ter aus Neid über­lie­fert hat­ten‹). Noch ein­dring­li­cher läßt Lukas den Pila­tus die Unschuld Jesu beteu­ern (23, 4: ›Pila­tus aber sag­te zu den Hohen­pries­tern und der Volks­menge: Ich fin­de kei­ne Schuld an die­sem Men­schen‹, vgl. 23, Ver­se 14, 20, 22, 25). Mat­thä­us voll­ends füg­te die bekann­te Sze­ne ein, wo Pila­tus sich die Hän­de wäscht und beteu­ert: ›Ich bin unschul­dig am Blu­te die­ses Gerech­ten; sehet ihr zu‹ (27, 24). Dann folgt jener berüch­tig­te Vers, der sich in den fol­gen­den Jahr­hunderten schau­er­lich erfül­len soll­te: ›Und alles Volk ant­wor­te­te und sprach: Sein Blut kom­me über uns und unse­re Kin­der!‹ Die­se Selbst­ver­flu­chung, die Matthä­us infam erfand – wie die his­to­risch-kri­­ti­sche For­schung längst nach­ge­wie­sen hat –, halst dem jüdi­schen Volk als Gan­zem die Schuld am Tode des Got­tes­soh­nes auf. 50

Wie hät­te sich die christ­li­che Leh­re ent­wi­ckelt, wenn Judas Jesus nicht ver­ra­ten hät­te, wenn den Juden nicht die­se Rol­le zuge­dacht wor­den wäre? Wäre Jesus ver­haf­tet und gekreu­zigt wor­den, wäre er wie beschrie­ben auferstan­den? Wäre Jesus dann zum gött­li­chen Erlö­ser der Men­schen gewor­den? So wie berich­tet, lief es eigent­lich ent­spre­chend Got­tes Heils­plan ab: Ver­rat, Ver­ur­tei­lung, Hin­rich­tung, Jesus als Opfer. Für der Men­schen Schuld sei Jesus gestor­ben, schuld aber an sei­nem Tod sei­en die Juden, heißt es. Oder stellt sich das alles ganz anders dar? Ist der bibli­sche Text spä­ter »ange­passt« wor­den, um nach­träg­lich den Tod von Jesus als Opfer dar­zu­stel­len? Wel­che höchst frag­wür­di­ge Geschich­te wird uns da prä­sen­tiert! Kahl fährt fort:

Der anti­se­mi­tisch zuge­spitz­te Vor­wurf des Christus­mordes fin­det sich auch bei Pau­lus, der im ers­ten Thes­sa­lo­ni­cher­brief schreibt: ›Sie haben den Herrn Jesus und die Pro­phe­ten getö­tet und haben uns ver­folgt und gefal­len Gott nicht und sind gegen alle Men­schen feind­se­lig. Sie hin­dern uns, den Hei­den zu ihrem Heil zu pre­di­gen, damit sie das Maß ihrer Sün­den jeder­zeit voll machen. Doch das Zor­nes­ge­richt ist end­gül­tig über sie gekom­men‹ (2, 15f). … Den unüber­biet­ba­ren Gip­fel neu­tes­ta­ment­li­chen Anti­se­mi­tis­mus stellt das Johannesevan­gelium dar, an dem sich beson­ders deut­lich able­sen läßt, daß jede christ­li­che Theo­lo­gie not­wen­dig ihren Juden, die mythi­sche Pro­jek­ti­on des abso­lu­ten Außen­fein­des, braucht. Kla­rer als alle ande­ren Schrif­ten durch­zieht das vier­te Evan­ge­li­um ein stren­ger Dua­lis­mus, der mit den Begrif­fen: Licht und Fins­ter­nis, Wahr­heit und Lüge, oben und unten, himm­lisch und irdisch, Gott und Teu­fel, Frei­heit und Knecht­schaft, Leben und Tod ope­riert. Dem Licht gehört an, wer dem Offen­ba­rer glaubt, der da sagt: ›Ich bin der Weg und die Wahr­heit und das Leben; nie­mand kommt zum Vater außer durch mich‹ (Joh 14, 6). … Der ent­schei­den­de Begriff, der den Ungläu­bi­gen bei­gelegt wird, ist der der ›Welt‹ – oder der der ›Juden‹. Bei­des wird durch­gän­gig aus­tausch­bar gebraucht.

Des Wei­te­ren führt Kahl aus, dass Kir­chen­leh­rer und Kir­chen­vä­ter auf der Basis die­ser und wei­te­rer Bibel­stel­len bereits in den ers­ten Jahr­hun­der­ten in ihren Schrif­ten die Juden als Mör­der von Chris­tus, als Fäl­scher der Hei­li­gen Schrift, als geld­gie­rig und ver­bre­che­risch, ihre Syn­ago­gen als Satans­bur­gen (Offen­ba­rung des Johan­nes, Kap. 3, Vers 9!) brand­mark­ten. Unter Kai­ser Kon­stan­tin (4. Jahr­hun­dert) und sei­nen Söh­nen wur­de der Über­tritt zum Juden­tum mit schwe­ren Stra­fen belegt und Misch­ehen zwi­schen Juden und Chris­ten wur­den mit dem Tode bestraft. Unter Kai­ser Theo­dosi­us II. (5. Jahrh.) wur­den die Juden von allen öffent­li­chen Ämtern und Wür­den aus­ge­schlos­sen. Das IV. Late­r­an­kon­zil (1215) leg­te eine beson­de­re Juden­tracht fest: Einen gel­ben Fleck im Ober­ge­wand und eine gehörn­te Kap­pe. Kahl ver­weist dar­auf, dass unzäh­li­ge Mys­te­ri­en-, Pas­si­ons- und Fast­nachts­spie­le, Trak­ta­te und Hei­li­gen­le­gen­den die Juden ver­höh­nen und ver­leum­den. Vie­le mit­tel­al­ter­li­che Bil­der stel­len den Teu­fel mit einer gebo­ge­nen Nase (»Juden­na­se«) dar. In vie­len alten, gele­gent­lich noch heu­te zu hören­den Sprich­wör­tern und Rede­wen­dun­gen steht das biblisch bezo­ge­ne »Jüdi­sche« als Syn­onym für das Böse und Nega­ti­ve schlecht­hin.

Bemer­kens­wert ist, dass noch heu­te etwa 25 deut­sche Kir­chen die »Juden­sau« in Form von Stein­re­li­efs oder Skulp­tu­ren zei­gen. Wiki­pe­dia schreibt dazu im Bei­trag »Juden­sau« Fol­gen­des: Die Tier­me­tapher »Juden­sau« bezeich­net ein im Hoch­mit­tel­al­ter ent­stan­de­nes häu­fi­ges Bild­mo­tiv der anti­ju­da­is­ti­schen christ­li­chen Kunst. Es soll­te Juden ver­höh­nen, aus­gren­zen und demü­ti­gen, da das Schwein im Juden­tum als unrein gilt und mit einem reli­giö­sen Nah­rungs­ta­bu belegt ist. Die­se Dar­stel­lun­gen sind noch heu­te zu betrach­ten, in vie­len Fäl­len gut erhal­ten oder restau­riert.

Die­se weni­gen, hier nur ange­deu­te­ten Bei­spie­le lie­ßen sich durch vie­le wei­te­re ver­meh­ren. Sie las­sen unzwei­deu­tig erken­nen, dass durch die gesam­te Kir­chen­ge­schich­te, und zwar von Anfang an, die Juden als teuf­li­sche Ele­men­te ange­se­hen und für alle Übel die­ser Welt ver­ant­wort­lich gemacht wur­den, bei­spiels­wei­se auch für die ver­hee­ren­de, Mil­lio­nen Men­schen dahin­raf­fen­de Pest­epi­de­mie von 1347–1349. Muss man sich da noch wun­dern, dass sich auf die­se Wei­se eine tief­sit­zen­de Abnei­gung, ja gera­de­zu Hass – so bar jeder ratio­na­len Begrün­dung auch immer – in allen Bevöl­ke­rungs­schich­ten breitge­macht und fest ver­an­kert hat? Wenn dann noch eine so sprach­ge­wal­ti­ge Au­torität wie Mar­tin Luther mit ihrem weit­rei­chen­den, bis in unse­re Zeit wirk­samen Ein­fluss ihre wohl­über­leg­ten Hetz­ti­ra­den gegen die Juden los­lässt (sie­he Kap. V, 3), dann kann ich nicht anders, als von einer sys­tem­im­ma­nen­ten, das heißt, die­ser christ­li­chen Leh­re als Wesens­be­stand­teil inne­woh­nen­den Unge­heu­er­lich­keit zu spre­chen. Nur in sel­te­nen Fäl­len ver­hin­der­ten Päps­te und Bischö­fe die­se Ver­leum­dun­gen und Ver­fol­gun­gen.

Wer an den Begrif­fen »Wesens­be­stand­teil« und »Unge­heu­er­lich­keit« An­stoß nimmt, über­le­ge sich, was alles aus dem Neu­en Tes­ta­ment gestri­chen wer­den müss­te, wel­che Kon­se­quen­zen das für die Lei­dens­ge­schich­te von Jesus und die dar­in tra­gen­de Rol­le der Juden hät­te und wel­chen Ver­lauf die mora­li­sche und zivi­li­sa­to­ri­sche Ent­wick­lung in Euro­pa genom­men hät­te, wenn den Juden nicht die­se infa­me Rol­le zuge­wie­sen wor­den wäre. »Judas der Ver­rä­ter« und »die Juden als Got­tes­mör­der« sind begriff­li­che Eti­ket­ten, die ihre dif­fa­mie­ren­de Wir­kung bis heu­te ent­fal­ten.

Wer die­se Zei­len nur mit abweh­ren­dem Kopf­schüt­teln lesen und nicht akzep­tie­ren mag, schla­ge wenigs­tens die Sei­ten 42–52 (in der erwähn­ten 3. Auf­la­ge: S. 46–54) in Joa­chim Kahl »Das Elend des Chris­ten­tums« oder bei Karl­heinz Desch­ner »Aber­mals kräh­te der Hahn« die Sei­ten 442–464 auf. Wer sich umfas­sen­der infor­mie­ren möch­te, lese – wie oben schon erwähnt – »Das Unhei­li­ge in der hei­li­gen Schrift« des evan­ge­li­schen Theo­lo­gen Gerd Lüde­mann oder »Nein und Amen – Mein Abschied vom tra­di­tio­nel­len Chris­ten­tum« der katho­li­schen Theo­lo­gin Uta Ran­ke-Hei­ne­mann. 51

In sei­nem 2008 erschie­ne­nen Buch »Gesich­ter des Anti­se­mi­tis­mus« beschreibt der inter­na­tio­nal als Wis­sen­schaft­ler und Autor his­to­ri­scher Wer­ke aus­ge­wie­se­ne Anti­se­mi­tis­mus­for­scher Wal­ter Laqueur (*1921), wel­che For­men des Has­ses den Juden schon in der Anti­ke ent­ge­gen­schlu­gen. Neben übli­cher, in allen Kul­tu­ren anzu­tref­fen­der Frem­den­feind­lich­keit war es hier vor allem jene christ­lich-reli­giö­ser Begrün­dung. Laqueur stellt fest (S. 14): »Aus his­to­ri­scher Sicht bedeut­sam ist die Tat­sa­che, dass sich das von den christ­li­chen … Theo­lo­gen geschaf­fe­ne Ste­reo­typ des Juden über Jahr­hun­der­te hin­weg hielt und bis heu­te wei­ter­wirkt«. Auch er ver­weist auf ein­schlä­gi­ge anti­jü­di­sche Stel­len im Mat­thä­us-, Lukas- und Johan­nes-Evan­ge­li­um (S. 60f). Als beson­ders feind­se­lig gegen­über den Juden erwähnt er die Kir­chen­män­ner Jus­tin der Mär­ty­rer, Orige­nes, Bischof von Alex­an­dria, und Johan­nes Chryso­s­to­mos, Erz­bi­schof von Kon­stan­ti­no­pel, sowie den bis heu­te hoch geschätz­ten Kir­chen­va­ter Aure­li­us Augus­ti­nus (S. 62f). 52

Ein anti­christ­li­cher Pole­mik gewiss unver­däch­ti­ger Autor ist der bekann­te und all­seits geach­te­te Theo­lo­ge Hans Küng (*1928). Er schreibt in sei­nem Buch: »Christ sein«:

… so ver­schärf­te sich die Lage der Juden ins­be­son­de­re seit dem Hoch­mit­tel­al­ter unge­mein: Juden­schläch­te­rei­en in West­eu­ro­pa wäh­rend der ers­ten drei Kreuz­zü­ge und Aus­rot­tung der Juden in Paläs­ti­na. Die Ver­nich­tung von 300 jüdi­schen Gemein­den im Deut­schen Reich 1348/49 und die Aus­wei­sung der Juden aus Eng­land (1290), Frank­reich (1394), Spa­ni­en (1492) und Por­tu­gal (1497). Spä­ter dann aber auch die greu­li­chen anti­jü­di­schen Hetz­re­den des alten Luther, Juden­ver­fol­gun­gen nach der Refor­ma­ti­on, Pogro­me in Ost­eu­ro­pa … Alles unfaß­bar für den Ver­stand eines heu­ti­gen Chris­ten. … Nicht die Refor­ma­ti­on, son­dern der Huma­nis­mus (Reuch­lin, Sca­li­ger), dann der Pie­tis­mus (Zin­zen­dorf) und beson­ders die Tole­ranz der Auf­klä­rung (Men­schen­rechts­er­klä­rung in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und in der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on) haben eine Ände­rung vor­be­rei­tet und teil­wei­se auch durch­ge­setzt. 53

Die immer wie­der auf­ge­stell­te Behaup­tung von der mora­li­schen Bas­ti­on des Chris­ten­tums beruht auf abso­lu­ter Unkennt­nis oder dem Nicht­wahr­ha­ben-wol­len der in wei­ten Stre­cken blut­rüns­ti­gen Geschich­te die­ser Reli­gi­on und der auf ihr errich­te­ten Kir­che.

Um auch das ganz deut­lich zu sagen: Die für mich zur Tat­sa­che gewor­de­ne The­se von den christ­li­chen und kirch­li­chen Wur­zeln des Anti­se­mi­tis­mus rela­ti­viert die exor­bi­tan­ten Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten an den Juden nicht um einen Hauch. Sie macht mir aber den ver­gleichs­wei­se gerin­gen Grad an Wider­stand auch füh­ren­der gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Kräf­te im In- und Aus­land gegen die­se staat­li­chen Mas­sen­mor­de ver­ständ­li­cher. Die ob ihres selbst­lo­sen Mutes und ihrer mensch­li­chen Soli­da­ri­tät mora­lisch nicht hoch genug ein­zu­schät­zen­den Akti­vi­tä­ten ein­zel­ner Hel­fer der Ver­folg­ten sowie die in klei­nen, auch christ­li­chen bezie­hungs­wei­se kirch­li­chen, Grup­pen orga­ni­sier­ten Wider­stands­kämp­fer, die sich gegen die­se Mord­ma­schi­ne­rie auf­lehn­ten, konn­ten lei­der an der Bilanz nicht viel ändern, auch wenn jedes ein­zel­ne geret­te­te Men­schen­le­ben uner­mess­lich schwer wiegt.

Bekannt ist das offen­bar gleich­gül­ti­ge, man­che His­to­ri­ker spre­chen sogar von einem still­schwei­gend zustim­men­den Schwei­gen von Papst Pius XII. (1876–1958) zu den Ver­bre­chen wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft, für die Ausch­witz als Sym­bol steht. Wel­che Rol­le spiel­te der 1933 zwi­schen dem Vati­kan und der Hit­ler­re­gie­rung geschlos­se­ne, noch heu­te (!) gül­ti­ge Ver­trag, das so genann­te Reichs­kon­kor­dat? Ob die dar­in der katho­li­schen Kir­che groß­zü­gig ein­ge­räum­ten Zuge­ständ­nis­se den Vati­kan ver­an­lass­ten, in qua­si neu­tra­ler Hal­tung über die Gescheh­nis­se im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der jüdi­schen Bevöl­ke­rung hin­weg­zu­se­hen?

Eine doku­men­ten­rei­che Abhand­lung stellt das im Jahr 2013 erschie­nene Buch »Pius XII. und die Ver­nich­tung der Juden« dar. Das Buch wid­met sich unter ande­rem der Fra­ge, was der Papst von der sys­te­ma­ti­schen Ermor­dung der Juden wuss­te und war­um er zu deren Ver­fol­gung so beharr­lich schwieg. Der bel­gi­sche Autor Dirk Ver­hof­stadt (*1955) kann bele­gen, dass der Papst weit­ge­hend über die Vor­komm­nis­se infor­miert war. Der Papst schwieg, weil er im Hit­ler-Regime die ein­zi­ge Macht sah, die sich dem Kom­mu­nis­mus ent­ge­gen­stem­men könn­te. Aber er sah im Natio­nal­so­zia­lis­mus auch einen Ver­bün­de­ten gegen Auf­klä­rung und Libe­ra­lis­mus, die für ihn Fein­de von Reli­gi­on und pries­ter­li­cher Vor­macht dar­stell­ten. Die von Sei­ten der Kir­che gern zitier­te Enzy­kli­ka von 1937 »Mit bren­nen­der Sor­ge« erge­he sich in all­ge­mei­nen Aus­sa­gen gegen Ras­sis­mus, erwäh­ne aber die Ver­fol­gung der Juden mit kei­nem Wort. Die katho­li­sche Kir­che pro­tes­tier­te nur, wenn sie ihre Inter­es­sen tan­giert sah. Auch Ver­hof­stadt gei­ßelt den Anti­se­mi­tis­mus als »Krebs­ge­schwür in der christ­lich-euro­­päi­schen Geschich­te«. 54

Fest steht, dass die katho­li­sche Kir­che in erheb­li­chem Maße das Hit­ler-Regime und damit direkt und indi­rekt deren anti­se­mi­ti­sche Maß­nah­men gestützt hat. Dies hier im Ein­zel­nen zu begrün­den, wür­de den Rah­men mei­ner Aus­füh­run­gen spren­gen. Aber eine Stim­me sei hier noch erwähnt, die sehr deut­lich zumin­dest das Ver­sa­gen der füh­ren­den Köp­fe auch der katho­li­schen Kir­che, näm­lich der Bischö­fe, beklagt. Kein Gerin­ge­rer als Kon­rad Ade­nau­er (1876–1967) schrieb am 23. Febru­ar 1946 an Pas­tor Bern­hard Cus­todis:

Ich glau­be, daß, wenn die Bischö­fe alle mit­ein­an­der an einem bestimm­ten Tage öffent­lich von den Kan­zeln aus dage­gen Stel­lung genom­men hät­ten, sie vie­les hät­ten ver­hü­ten kön­nen. Das ist nicht gesche­hen und dafür gibt es kei­ne Ent­schul­di­gung. Wenn die Bischö­fe dadurch ins Gefäng­nis oder in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger gekom­men wären, so wäre das kein Scha­de, im Gegen­teil. Alles das ist nicht gesche­hen und dar­um schweigt man am bes­ten. 55

Kaum bekannt ist, dass die evan­ge­li­schen Lan­des­bi­schö­fe und Lan­des­kir­chen­prä­si­den­ten von Sach­sen, Hes­sen-Nas­sau, Meck­len­burg, Schles­wig-Hol­stein, Anhalt, Thü­rin­gen und Lübeck am 17.12.1941 sich mit fol­gen­der Erklä­rung ein­deu­tig hin­ter das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Pro­gramm der Juden­ver­fol­gung stell­ten:

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche deut­sche Füh­rung hat mit zahl­rei­chen Doku­men­ten unwi­der­leg­lich bewie­sen, daß die­ser Krieg in sei­nen welt­wei­ten Aus­ma­ßen von den Juden ange­zet­telt ist. Als Glie­der der deut­schen Volks­ge­mein­schaft ste­hen die unter­zeich­ne­ten deut­schen Evan­ge­li­schen Lan­des­kir­chen und Kir­chen­lei­ter in der Front die­ses his­to­ri­schen Abwehr­kamp­fes, der unter ande­rem die Reichs­po­li­zei­ver­ord­nung über die Kenn­zeich­nung der Juden als der gebo­re­nen Welt- und Reichs­fein­de not­wen­dig gemacht hat. Schon Dr. Mar­tin Luther erhob nach bit­te­ren Erfah­run­gen die For­de­rung, schärfs­te Maß­nah­men gegen die Juden zu ergrei­fen und sie aus deut­schen Lan­den aus­zu­wei­sen. Von der Kreu­zi­gung Chris­ti bis zum heu­ti­gen Tage haben die Juden das Chris­ten­tum bekämpft oder zur Errei­chung ihrer eigen­nüt­zi­gen Zie­le miss­braucht oder ver­fälscht. Durch die christ­li­che Tau­fe wird an der ras­si­schen Eigen­art des Juden, sei­ner Volks­zu­ge­hö­rig­keit und sei­nem bio­lo­gi­schen Sein nichts geän­dert. Eine deut­sche evan­ge­li­sche Kir­che hat das reli­giö­se Leben deut­scher Volks­ge­nos­sen zu pfle­gen und zu för­dern. Ras­se­jü­di­sche Chris­ten haben in ihr kei­nen Raum und kein Recht. Die unter­zeich­ne­ten deut­schen Evan­ge­li­schen Kir­chen und Kir­chen­lei­ter haben des­halb jeg­li­che Gemein­schaft mit Juden­chris­ten auf­ge­ho­ben. Sie sind entschlos­sen, kei­ner­lei Ein­flüs­se jüdi­schen Geis­tes auf das deut­sche reli­giö­se und kirch­li­che Leben zu dul­den. 56

Die Ver­beu­gung die­ser Kir­chen­obe­ren vor den dama­li­gen Macht­ha­bern folgt einer kla­ren Wei­sung der Bibel. Im Brief des Pau­lus an die Römer, Kapi­tel 13, Vers 1 und 2, for­dert der ers­te Theo­lo­ge der Chris­ten­heit:

Jeder leis­te den Trä­gern der staat­li­chen Gewalt den schul­di­gen Gehor­sam. Denn es gibt kei­ne staat­li­che Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott ein­ge­setzt. Wer sich daher der staat­li­chen Gewalt wider­setzt, stellt sich gegen die Ord­nung Got­tes, und wer sich ihm ent­ge­gen­stellt, wird dem Gericht ver­fal­len.

Von einem offi­zi­el­len Bedau­ern oder gar einer Rück­nah­me die­ses unse­li­gen Papiers der Bischö­fe habe ich nie gehört oder gele­sen. Wo blieb der Auf­schrei und der Pro­test der Kir­chen, als in der Reichs­po­grom-Nacht von 1938 die Syn­ago­gen brann­ten? Ein­zel­ne muti­ge Pfar­rer pro­tes­tier­ten, die Kir­chen­lei­tun­gen schwie­gen! Der evan­ge­li­sche Lan­des­bi­schof von Thü­rin­gen, Mar­tin Sas­se, schrieb 1938 im Vor­wort zu sei­ner Schrift »Mar­tin Luther über die Juden – Weg mit ihnen!« sogar zustim­mend:

Am 10. Novem­ber 1938, an Luthers Geburts­tag, bren­nen in Deutsch­land die Syna­gogen. Vom deut­schen Volk wird zur Süh­ne für die Ermor­dung des Gesandt­schafts­ra­tes vom Rath durch Juden­hand die Macht der Juden auf wirt­schaft­li­chem Gebiet im neu­en Deutsch­land end­gül­tig gebro­chen und damit der gott­ge­seg­ne­te Kampf des Füh­rers zur völ­li­gen Befrei­ung unse­res Vol­kes gekrönt. … In die­ser Stun­de muss die Stim­me des Man­nes gehört wer­den, der als der Deut­schen Pro­phet im 16. Jahr­hun­dert aus Unkennt­nis einst als Freund der Juden begann, der, getrie­ben von sei­nem Gewis­sen, getrie­ben von den Erfah­run­gen und der Wirk­lich­keit, der größ­te Anti­se­mit sei­ner Zeit gewor­den ist, der War­ner sei­nes Vol­kes wider die Juden. 57

Gewiss wäre es falsch und unge­recht, zu ver­all­ge­mei­nern und evan­ge­li­sche Chris­ten ins­ge­samt zu ver­ur­tei­len. Aber immer­hin han­delte es sich bei den Autoren der bei­den Doku­men­te um füh­ren­de Reprä­sen­tan­ten einer Insti­tu­ti­on, die von sich behaup­tet, Inter­pre­tin und Hüte­rin gött­lich gestif­te­ter Moral zu sein. Mit wel­chem Recht wirft man dem ein­fa­chen Bür­ger vor, sei­ner­zeit nicht Wider­stand geleis­tet zu haben, wenn gut infor­mier­te, maß­geb­li­che und meinungs­bildende Köp­fe die Ver­fol­gung der Juden ideo­lo­gisch recht­fer­tig­ten!

Es gab in der Tat Pro­test und Wider­stand. Mar­tin Niem­öl­ler (1892–1984) u. a. grün­de­ten den Pfar­rernot­bund, der sich dage­gen wehr­te, »nicht­arische« Chris­ten aus der evan­ge­li­schen Kir­che aus­zu­schlie­ßen. Ihm gehör­ten tau­sen­de evan­ge­li­sche Pfar­rer an, sie hal­fen vie­len ver­folg­ten Juden in ver­schie­dens­ter Wei­se. Aus dem Pfar­rernot­bund ging die »Beken­nen­de Kir­che« her­vor. Sie stell­te zwar nur eine Min­der­heit der deut­schen Pro­tes­tan­ten dar, wand­te sich aber ent­schie­den gegen die regime­treue Hal­tung gro­ßer Tei­le der offi­zi­el­len evan­ge­li­schen Kir­che. Ihre Wir­kung zu Guns­ten der Juden blieb jedoch begrenzt. Zum einen, weil vie­le ihrer Mit­glie­der ver­haf­tet wur­den, zum andern, weil erheb­li­che Tei­le die­ser Bewe­gung zum Völ­ker­mord an den Juden – aus ver­ständ­li­cher Angst – schwie­gen.

Wie dif­fe­ren­ziert sich die Situa­ti­on der Kir­chen im Natio­nal­so­zia­lis­mus dar­stellt, ver­sucht ein unter dem Pseud­onym Epikur63 schrei­ben­der Autor anhand von Doku­men­ten und Zita­ten auf­zu­zei­gen. Unter dem Titel »Die Kir­che und der Natio­nal­so­zia­lis­mus« stellt er jeweils zehn Bele­ge für die Zu­sammenarbeit und zehn Bele­ge für prak­ti­zier­ten Wider­stand zusam­men. Eine wei­te­re Zusam­men­stel­lung mit Ori­gi­nal­zi­ta­ten zum Ver­hal­ten wesent­li­cher Reprä­sen­tan­ten der bei­den deut­schen Kir­chen in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus hat Wolf­gang Klos­ter­hal­fen (*1945), Autor der »Reim­bi­bel«, über das Inter­net zugäng­lich gemacht. Wer nach Lek­tü­re die­ser Tex­te immer noch der Mei­nung ist, dass die Kir­chen ins­ge­samt ein Boll­werk des Wider­stands gegen die Bar­ba­rei des Natio­nal­so­zia­lis­mus gewe­sen sei­en, der will es offen­bar nicht wahr­ha­ben, dass eine Viel­zahl hoch­ran­gi­ger Ver­tre­ter der Kir­chen das Regime Adolf Hit­lers unter­stützt hat. 58 Schließ­lich war Hit­ler kein Athe­ist, er war Katho­lik und hat sich mehr­fach zum Chris­ten­tum bekannt. Exkom­mu­ni­ziert wur­de er übri­gens auch nie.

Papst Johan­nes XXIII. (1881–1963) zeigt sich in einem zwar sehr all­ge­mein gehal­te­nen Gebet, das er 1963 kurz vor sei­nem Tod ver­fass­te, offen­bar aber ein­sich­tig und reu­mü­tig, wenn auch für die Opfer zu spät:

Wir erken­nen heu­te, daß vie­le Jahr­hun­der­te der Blind­heit unse­re Augen ver­hüllt haben, so daß wir die Schön­heit Dei­nes aus­er­wähl­ten Vol­kes nicht mehr sehen und in sei­nem Gesicht nicht mehr die Züge unse­res erst­ge­bo­re­nen Bru­ders wie­der­erken­nen. Wir erken­nen, daß ein Kains­mal auf unse­rer Stirn steht. Im Lau­fe der Jahr­hun­der­te hat unser Bru­der Abel in dem Blu­te gele­gen, das wir ver­gos­sen, und er hat Trä­nen geweint, die wir ver­ur­sacht haben, weil wir Dei­ne Lie­be ver­ga­ßen. Ver­gib uns den Fluch, den wir zu unrecht an den Namen der Juden hef­te­ten. Ver­gib uns, daß wir Dich in ihrem Flei­sche zum zwei­ten­mal ans Kreuz schlu­gen. Denn wir wuß­ten nicht, was wir taten. 59

Bleibt abschlie­ßend die Fra­ge, ob es noch heu­te offe­nen Anti­se­mi­tis­mus bezie­hungs­wei­se Anti­ju­da­is­mus gibt. Die Fra­ge muss lei­der bejaht wer­den. Der latent immer noch vor­han­de­ne Anti­se­mi­tis­mus in Tei­len der Bevöl­ke­rung wird inzwi­schen unüber­hör­bar auch durch mus­li­mi­sche Zuwan­de­rer geäu­ßert. Sie begrün­den ihre Feind­schaft gegen alles Jüdi­sche mit ein­deu­ti­gen Koran­stel­len oder fol­gen ihren Hass pre­di­gen­den Ima­men. Mus­li­mi­sche Schü­ler belei­di­gen ganz offen jüdi­sche Mit­schü­ler, der Aus­druck »Du Jude« ist wie­der zu einem gän­gi­gen Schimpf­wort gewor­den. Auf Demons­tra­tio­nen gegen Isra­el wer­den Fah­nen Isra­els ver­brannt und dazu anti­jü­di­sche Paro­len skan­diert. Es sind poli­ti­sche Grün­de, anti­jü­di­sche Paro­len in den Schu­len, auf Demons­tra­tio­nen gegen Isra­el oder in Inter­net-Vide­os offi­zi­ell zu »über­hö­ren«. Man weicht von offi­zi­el­ler Sei­te lie­ber in eine mög­lichst all­ge­mein gehal­te­ne Ver­ur­tei­lung anti­jü­di­scher Äuße­run­gen aus. Die Sor­ge, sich expli­zit mus­lim­kri­tisch zu äußern, ver­hin­dert, ein­deu­tig Stel­lung zu bezie­hen. Schließ­lich ist der Islam eine »befreun­de­te« Reli­gi­on, die mög­lichst nicht als Bünd­nis­part­ner, zum Bei­spiel gegen Huma­nis­ten und Athe­is­ten, ver­är­gert wer­den soll. 60

Wie sehr die Kir­che im Zusam­men­hang mit der Ver­fol­gung der Juden im Drit­ten Reich sich ihrer »hei­li­gen« Schrift zu schä­men scheint, vor allem was das Ver­bren­nen von Men­schen in Zie­gel­öfen betrifft, geht aus einer Fäl­schung des fol­gen­den Bibel­tex­tes her­vor. Die­ser Text in Samu­el 2, Kap. 12, Vers 31 lau­tet in sei­ner ursprüng­li­chen, von Luther über­setz­ten Form wie folgt:

Aber das Volk drin­nen führ­te er her­aus und leg­te sie unter eiser­ne Sägen und Zacken und eiser­ne Kei­le und ver­brann­te sie in Zie­gel­öfen. So tat er allen Städ­ten der Kin­der Ammon.

In der von den deutsch­spra­chi­gen Kir­chen 1980 gemein­sam her­aus­ge­ge­be­nen Ein­heits­über­set­zung lau­tet die­se Stel­le jetzt so:

Auch ihre Ein­woh­ner führ­te er fort und stell­te sie an die Stein­sä­gen, an die eiser­nen Spitz­ha­cken und an die eiser­nen Äxte und ließ sie in den Zie­ge­lei­en arbei­ten. So mach­te er es mit allen Städ­ten der Am­moniter.

Man sieht, das Fäl­schen der Bibel hat bis heu­te kein Ende gefun­den. 61 Übri­gens auch Jesus spricht in Mat­thä­us, Kapi­tel 13, in den Ver­sen 42 und 50 von einem »Ofen«, in den die Ungläu­bi­gen gewor­fen wer­den. Das über vie­le Jahr­hunderte prak­ti­zier­te Ver­bren­nen von Anders- und Nicht­gläu­bi­gen durch die Kir­che hat also eine Recht­fer­ti­gung aus höchs­tem Mun­de.

3. Die Bot­schaft hör’ ich wohl …und das soll ich glau­ben?

Die Höl­le – ein wei­te­rer wich­ti­ger Begriff im Glau­bens­be­kennt­nis – spielt im welt­wei­ten Chris­ten­tum nach wie vor eine zen­tra­le Rol­le und ist zugleich die grau­sams­te und nie­der­träch­tigs­te gedank­li­che Kon­struk­ti­on, die Chris­ten­tum bezie­hungs­wei­se Kir­che sich aus­ge­dacht oder von ande­ren Reli­gio­nen über­nom­men haben. Über eine Zeit von fast zwei­tau­send (!) Jah­ren wur­de den Men­schen, die im Herr­schafts­be­reich der Kir­che leben muss­ten, mit ewig andau­ern­den ent­setz­lichs­ten Qua­len für den Fall ungläu­bi­gen Ver­hal­tens gedroht. Wie steht es eigent­lich um die Über­zeu­gungs­kraft einer Bot­schaft, die sich solch bru­ta­ler Ein­schüch­te­run­gen bedie­nen muss? Wie ver­ein­bart sich das eigent­lich mit der angeb­lich unend­li­chen Barm­her­zig­keit und Lie­be Got­tes zu den Men­schen?

Jesus selbst, auf den die­se über alle Maßen erbar­mungs­lo­se Straf­an­dro­hung zurück­geht, kann nicht beson­ders über­zeugt von der Wirk­sam­keit sei­nes Pre­di­gens und Han­delns gewe­sen sein. Denn er wird nicht müde und fin­det vie­le Gele­gen­hei­ten, auf die Kon­se­quen­zen der Ableh­nung sei­ner Bot­schaft hin­zu­wei­sen, und schil­dert uns die dann zu erwar­ten­de Höl­le als Ort ewig bren­nen­den Feu­ers. Wie ver­ein­bart sich die immer wie­der beschwo­re­ne »unend­li­che Lie­be und Barm­her­zig­keit Got­tes« und die auch von Jesus gefor­der­te Nächs­ten- und sogar Fein­des­lie­be mit sol­chen ewig (!) andau­ern­den fürch­ter­lichs­ten Schmerz­zu­fü­gun­gen, die jene zu erwar­ten haben, die ledig­lich sei­ne himm­li­sche Bot­schaft nicht anneh­men mögen? Jede Insti­tu­ti­on, die heu­te mit sol­chen Straf­maß­nah­men, gar nie enden­den, droh­te, um ein bestimm­tes Ver­hal­ten zu erzwin­gen, wür­de geäch­tet wer­den. Man wür­de das zu Recht als Andro­hung von Fol­ter bezeich­nen. Maß­stä­be ele­men­tars­ter For­men von Huma­ni­tät gel­ten aber offen­bar nicht für die bibli­sche Leh­re.

Angeb­lich erwar­tet Gott das frei­wil­li­ge Ja zu ihm. Wie kann aber von einer frei­en Ent­schei­dung die Rede sein, wenn die Alter­na­ti­ven so extrem un­gleichwertig sind. Wie kann Gott uns Wil­lens­frei­heit geben und gleich­zei­tig dro­hend ver­lan­gen, dass wir uns für ihn ent­schei­den? Wie kann man von einer frei­wil­li­gen und über­zeug­ten Hin­wen­dung zum Glau­ben spre­chen, wenn als Alter­na­ti­ve nur die denk­bar größ­te per­sön­li­che Kata­stro­phe droht!

Dass das Feu­er in der Höl­le nicht etwa nur sym­bo­lisch gemeint war, son­dern als tat­säch­lich exis­tie­ren­de und schmerz­lichs­te Höl­len­glut zu ver­ste­hen ist, geht aus vie­len kirch­li­chen Lehr­bü­chern und theo­lo­gi­schen Lexi­ka her­vor. Auf unzäh­li­gen bild­li­chen Dar­stel­lun­gen mit christ­lich-reli­giö­sen Moti­ven und zum Bei­spiel auf vie­len Decken­ma­le­rei­en in Kir­chen wird uns das höl­li­sche Infer­no dras­tisch vor Augen geführt. Die Kir­chen­ge­schich­te kennt nicht weni­ge Gläu­bi­ge, die die Höl­le als Got­tes unwür­dig, als Schand­mal der christ­li­chen Leh­re ansa­hen und ihre Exis­tenz daher leug­ne­ten. Sie muss­ten für ihre ket­ze­ri­schen Ansich­ten prompt schon mal mit einem irdi­schen Höl­len­feu­er büßen.

Nach Mei­nung des Kir­chen­leh­rers Augus­ti­nus beka­men unge­tauf­te Kin­der das Höl­len­feu­er zu spü­ren, »wenn auch in weni­ger schmerz­haf­ter Wei­se als alle, die per­sön­li­che Schuld auf sich gela­den haben«. Spä­ter wur­de dar­aus eine Vor­höl­le, wo ihnen ein von Qua­len frei­er Auf­ent­halts­ort zuge­wie­sen wür­de. Päps­te und Kir­chen­leh­rer bau­ten im Lau­fe der Zeit die »Theo­rie« der Vor­höl­le, des Fege­feu­ers, einer Art läu­tern­der und der Über­prü­fung die­nen­der Zwi­schen­sta­ti­on, und der eigent­li­chen Höl­le immer wei­ter aus und leg­ten selbst­herr­lich fest, wer sicher, wer viel­leicht, aus wel­chen Grün­den und wie lan­ge in das Fege­feu­er oder für immer in die Höl­le kommt und dort mit wel­cher Inten­si­tät gequält wird. 72

Eine sol­che aus­ge­klü­gel­te Form von Sadis­mus kann eigent­lich nur kran­ken oder durch eine Irr­leh­re defor­mier­ten Hir­nen ent­sprun­gen sein. Die­ses Ein­schüch­tern und Dro­hen mit ent­setz­lichs­ten Kon­se­quen­zen für das Abwei­chen vom Glau­bens­pfad führ­te dazu – wie die Theo­lo­gin Uta Ran­ke-Hei­ne­mann sar­kas­tisch ver­merkt – dass »der Christ sich mehr vor der Höl­le fürch­tet, als er sich auf den Him­mel freut«. 73 Nach neu­es­ter »theo­lo­gi­scher Erkennt­nis«, durch eine vati­ka­ni­sche Kom­mis­si­on ermit­telt und im Jahr 2007 ver­kün­det, gibt es nun auf ein­mal kei­ne Vor­höl­le mehr! Ist die­sen selbst­herr­li­chen und welt­frem­den alten Her­ren im Vati­kan wirk­lich nicht bewusst, wel­che Anma­ßung, Dreis­tig­keit und boden­lo­se Ein­falt in ihren phan­ta­sier­ten Fest­le­gun­gen über Vor­höl­le, Höl­le und Fege­feu­er ste­cken?

Somit hat Jesus der Mensch­heit über sei­ne Ver­kün­der nicht nur die Bot­schaft der Lie­be und des Frie­dens gebracht, son­dern auch die schlimms­te aller denk­ba­ren Dro­hun­gen, denen die Mensch­heit je aus­ge­setzt war. Aber­mil­lio­nen von Men­schen lit­ten und lei­den bis heu­te unter die­ser unsäg­li­chen gött­li­chen War­nung vor ewi­ger Ver­gel­tung, ewi­ger Fol­ter. Gemes­sen an dem Elend, das die­se Dro­hung in den Psy­chen nicht mehr zu zäh­len­der Men­schen aus­ge­löst hat, ver­blasst die – selbst von Kri­ti­kern der christ­li­chen Leh­re – Jesus immer noch zuge­schrie­be­ne ein­zig­ar­ti­ge und vor­bild­haf­te mora­li­sche Rol­le. Zudem muss­ten unge­zähl­te Men­schen leben­di­gen Lei­bes den Feu­er­tod erlei­den, weil man sei­ner­zeit bibel­treu glaub­te, nur auf die­se Wei­se ihre See­len mög­li­cher­wei­se vor ewi­ger Höl­len­pein ret­ten zu kön­nen. So betrach­tet ist die Per­son Jesus (bzw. das ihm zuge­spro­che­ne Wort) – man wagt es kaum aus­zu­spre­chen, aber die Logik erzwingt es – Initia­tor für das größ­te psy­chi­sche Unheil, das der Mensch­heit – zumin­dest im Ein­zugs­be­reich des christ­li­chen Glau­bens – je zuge­fügt wur­de. Selbst wenn man ein­räumt, dass eben­so vie­le, viel­leicht sogar noch mehr Men­schen Trost und Hil­fe in die­ser Leh­re fan­den – welch unge­heu­rer Preis, mit wie­viel Angst und psy­chi­scher Not muss­te dafür bezahlt wer­den!

Eine Reli­gi­on, die über Jahr­tau­sen­de und in vie­len Län­dern die­ser Erde bis heu­te einen sol­chen Bestim­mungs­ort für Men­schen vor­sieht, die sich nicht ihren zusam­men­phan­ta­sier­ten Vor­stel­lun­gen fügen, ein Glau­bens­sys­tem, das ewi­ge, grau­en­haf­tes­te Fol­te­run­gen selbst für nur ein­ma­li­ge Ver­feh­lun­gen in einem kur­zen Leben androht, eine Kir­che, die also Fol­ter (!) als selbst­ver­ständ­li­che und von Gott ein­ge­setz­te Bestra­fung für Glau­bens­un­ge­hor­sam betrach­tet und die über Wort und Bild schon die Psy­chen der noch Leben­den mit Hor­ror­vi­sio­nen quält, ver­dient nur ein Urteil: men­schen­un­wür­dig und men­schen­ver­ach­tend!

Nun kommt das Über­ra­schen­de: Der der­zeit gül­ti­ge katho­li­sche Katechis­mus kennt auf ein­mal die Höl­le als Ort ewig quä­len­den Feu­ers nicht mehr! Kein Wort über die­se Jahr­tau­sen­de alte, fins­ters­te Andro­hung, die über unzäh­li­ge Pre­dig­ten, Schrif­ten und Bil­der in den Köp­fen wehr­lo­ser Men­schen ver­an­kert wur­de und stets genutzt wer­den konn­te, Scha­fe samt auf­mu­cken­der Böcke bei der Stan­ge zu hal­ten. Wel­che Erkennt­nis­se sind denn in den letz­ten zwan­zig, drei­ßig Jah­ren gewon­nen wor­den, dass es nun plötz­lich abso­lut ver­harm­lo­send heißt, die Höl­le sei ein »Zustand der end­gül­ti­gen Selbst­aus­schlie­ßung aus der Gemein­schaft mit Gott und den Seli­gen«. An ande­rer Stel­le heißt es: »Die schlimms­te Pein der Höl­le besteht in der ewi­gen Tren­nung von Gott …«. 74 Kein Wort mehr von jenen in der Bibel und spä­ter von der Kir­che dras­tisch aus­ge­mal­ten ewi­gen und ent­setz­lichs­ten Feu­er­qua­len.

Alt­bi­schof Huber mein­te in einer Talk­show wört­lich: »Die Höl­le gibt es. Aber sie ist leer.« Da fra­ge ich zurück: Hat Gott es sich anders über­legt oder kommt in die­sem »Ent­ge­gen­kom­men« nur zum Vor­schein, dass das alles theo­lo­gi­sche Kon­struk­ti­on war, um Men­schen durch Angst zu gehor­sa­men und demuts­vol­len Gläu­bi­gen zu machen?

Die­ses kom­men­tar­lo­se, gera­de­zu skru­pel­lo­se Fal­len­las­sen einer über zwei Jahr­tau­sen­de geüb­ten Erpres­sungs­pra­xis ist von größ­ter Unred­lich­keit und Schä­big­keit, vor allem, wenn man sich bewusst­macht, wel­ches uner­mess­li­che psy­chi­sche und phy­si­sche Unheil in und an Mil­lio­nen Men­schen über die Jahr­hun­der­te ange­rich­tet wur­de, und dass sich unter ande­rem – oder vor allem? – auf Grund die­ser von den Men­schen bit­ter­ernst genom­me­nen Andro­hung die zah­len­mä­ßi­ge Grö­ße der Kir­che erklärt. Es gibt sei­tens der Kir­chen kein Wort des Bedau­erns, kei­ne erklä­ren­de Ent­schul­di­gung.

Die­ser bemer­kens­wer­te – aus der Sicht eines Chris­ten eigent­lich erfreu­li­che – Sin­nes­wan­del ist nun nicht etwa auf Mit­leid mit den Ungläu­bi­gen oder auf die Wie­der­ent­de­ckung des in der Berg­pre­digt gefor­der­ten barm­her­zi­gen Mit­ein­an­der­um­ge­hens zurück­zu­füh­ren. Die­se Umin­ter­pre­ta­ti­on beruht allein auf der Ein­sicht, dass man sich mit die­ser mit­tel­al­ter­li­chen Droh­ku­lis­se heu­te nur noch lächer­lich macht. Still­schwei­gend wird also ein mäch­ti­ges und be­währtes Erpres­sungs­mit­tel gestri­chen. Man sieht, die kirch­li­chen Macht­in­stru­men­te grei­fen auf­grund der wach­sen­den Auf­ge­klärt­heit der Men­schen immer weni­ger. Und auch was vom dog­ma­ti­schen Gebälk noch ste­hen­ge­blie­ben ist, das ächzt und kracht in allen Fugen. …

Überlegungen zu einem alternativen Welt- und Menschenbild

1. Was ist der Sinn des Lebens?

Die Fra­ge nach dem Sinn allen Seins, nach dem Sinn die­ses unse­res Kos­mos oder nach dem Sinn unse­res indi­vi­du­el­len Lebens hier auf Erden stell­te sich im Rah­men der Über­le­gun­gen, die bis­her in die­sem Buch ange­stellt wur­den, bereits wie­der­holt. Das so genann­te anthro­pi­sche Prin­zip for­mu­liert die The­se, der Sinn des Uni­ver­sums sei es letzt­lich, den Men­schen als Gott erkennen­des Wesen her­vor­zu­brin­gen. Im Rah­men der Evo­lu­ti­ons­theo­rie stell­te sich in ähn­li­cher Wei­se die Fra­ge, ob die­se ein vor­ge­ge­be­nes Ziel anstre­be und die­ser seit Urzei­ten wäh­ren­den Ent­wick­lung mit dem Erschei­nen des Men­schen einen krö­nen­den Abschluss ver­lei­he. Auch begeg­ne­ten uns immer wie­der die Fra­gen nach dem Woher und Wohin und dem War­um und Wozu unse­rer Exis­tenz. Steht also hin­ter allem kos­mi­schen und irdi­schen Gesche­hen eine dem Gan­zen Sinn und Bedeu­tung geben­de Instanz, von uns Gott genannt, oder pro­ji­zie­ren wir in nai­ver und unbe­dach­ter Wei­se nur unse­re tra­di­tio­nel­len Denk­mus­ter auf das Gan­ze, weil wir gewohnt sind, so zu den­ken?

Ich mei­ne, dass wir uns ein­ge­ste­hen müs­sen, dass das Uni­ver­sum nicht teil­nimmt an unse­rem Den­ken in den Kate­go­ri­en von Sinn, Bedeu­tung, Absicht oder Ziel. Es sind Denk­mus­ter, die wir ent­wi­ckelt haben, um die uns umge­ben­de Welt und die in ihr ablau­fen­den Pro­zes­se ord­nen, uns verständ­lich machen und deu­ten zu kön­nen. Beson­ders Vor­gän­gen und Ereig­nis­sen, die wir nicht ver­ste­hen, ver­su­chen wir eine Bedeu­tung, einen Sinn zu geben. Das Netz die­ser deu­ten­den Begrif­fe, mit denen wir unse­re Welt struk­tu­rie­ren und vor allem inter­pre­tie­ren, exis­tiert in unse­rem Kopf und nur dort. Die­sen Begrif­fen ent­spre­chen kei­ne in der uns umge­ben­den Natur objek­tiv feststellba­ren Eigen­schaf­ten oder Erschei­nun­gen. Das Uni­ver­sum ist sinn­frei. Die Welt ist ein­fach da, vol­ler Rät­sel und von Zufäl­len durch­wirkt, uns gegen­über von kal­ter Gleich­gül­tig­keit.

Auch wenn Haber­mas vor­schlägt, die Reli­gio­nen als »Sinn­res­sour­ce« frucht­bar zu machen, so wird mei­nes Erach­tens dabei nicht viel mehr heraus­kommen als das Auf­spü­ren eines vage emp­fun­de­nen »meta­phy­si­schen Grund­bedürfnisses«. Es ist das, was wir an ande­rer Stel­le vor­sich­tig mit spi­ri­tu­el­ler Dimen­si­on bezeich­net haben, eine geis­ti­ge Hal­tung, die sich Fra­gen zuwen­det, die über uns hin­aus­wei­sen, mit The­men wie der End­lich­keit der eige­nen Exis­tenz, Gefüh­len des Eins­seins mit der Natur, der Unbe­greif­lich­keit der Rea­li­tät (»War­um ist etwas, und nicht viel­mehr nichts?«), dem Sinn des Lebens.

Wenn die gott- und jen­seits­ori­en­tier­ten Deu­tungs­mus­ter der Reli­gio­nen uns nicht mehr über­zeu­gen kön­nen und wir ande­rer­seits ver­geb­lich im Kos­mos oder in der uns umge­ben­den Natur nach einem objek­ti­ven Sinn des Seins und unse­rer irdi­schen Exis­tenz Aus­schau hal­ten, wer oder was hin­dert uns dar­an, unse­rem Leben selbst Sinn und Bedeu­tung zu geben? Denn wenn ein objek­ti­ver Sinn nicht gege­ben oder nicht erkenn­bar ist, so kann ich doch für mich selbst auf vie­ler­lei und indi­vi­du­el­le Wei­se mein Leben ein­rich­ten und gestal­ten, so dass es mich erfüllt, mich zufrie­den und viel­leicht sogar glück­lich macht und mir daher lebens­wert erscheint. Dies even­tu­ell in einer so unbe­küm­mer­ten Art und Wei­se, dass die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens sich gar nicht mehr stellt. So gese­hen defi­nier­te sich der Sinn des Lebens von allein als das Leben selbst!

Aber viel­leicht erscheint eine sol­che Sinn­ge­bung noch zu vor­der­grün­dig, als dass sie über­zeu­gend und bei­spiel­haft wir­ken könn­te. Ich möch­te des­halb zunächst ein­mal dar­über nach­den­ken, wel­che Sinn­ge­bun­gen ganz all­ge­mein in Fra­ge kom­men könn­ten.

Ich den­ke, dass die meis­ten Men­schen von dem Wunsch nach einer als erfüllt emp­fun­de­nen Lebens­partnerschaft und dem Ver­lan­gen nach Nach­kom­men­schaft gelei­tet wer­den. Die­ses Bestre­ben hat inso­fern eine objek­ti­ve Grund­lage, als es unmit­tel­bar aus der bio­lo­gi­schen Natur des Men­schen folgt. So gese­hen besteht der Sinn des Lebens zunächst ein­mal dar­in, das Leben wei­ter­zu­ge­ben. Über die­sen »grund­le­gen­den« bio­lo­gi­schen Sinn des Lebens hin­aus kön­nen Lebens­sinn-Begrün­dun­gen ein­mal in dem Wunsch nach Ent­fal­tung der eige­nen Per­son, in der Hin­wen­dung zu ande­ren Men­schen, im Stu­di­um von Welt und Natur, aber auch in einem die­se Welt hin­ter sich las­sen­den Den­ken und Glau­ben gese­hen wer­den.

Geht es einem Men­schen mehr um die eige­ne Per­son, kön­nen bei­spiels­wei­se Geld und Besitz, poli­ti­sche Macht, gesell­schaft­li­ches Anse­hen oder wis­senschaftliche Erkennt­nis­se das Ziel sein und damit zu Sinn und Inhalt des Lebens wer­den, kon­kre­ti­siert zum Bei­spiel im Beruf als Unter­neh­mer, Poli­ti­ker, Wis­sen­schaft­ler oder etwa als Künst­ler. Eine ande­re Aus­rich­tung des Lebens kann in der unmit­tel­ba­ren Hin­wen­dung zu ande­ren Men­schen lie­gen. Das kann die Fami­lie sein, beson­ders die eige­nen Kin­der, in denen man sich selbst fin­den und wei­ter ent­wi­ckelt sehen möch­te. Das kann sich bei­spiels­wei­se in dem Anlie­gen aus­drü­cken, eige­nes Wis­sen und Kön­nen weni­ger ent­wickelten Regio­nen die­ser Welt zur Ver­fü­gung zu stel­len, oder zum Bei­spiel in dem Wunsch, mit medi­zi­ni­schem Wis­sen Krank­hei­ten in Län­dern mit man­gelhafter ärzt­li­cher Ver­sor­gung zu bekämp­fen. Gera­de ein medi­zi­ni­sches Stu­di­um kann vor allem von dem Wil­len getra­gen sein, zukünf­tig phy­si­sches und psy­chi­sches Leid lin­dern zu hel­fen. Die­se Men­schen emp­fin­den ihr Leben als erfüllt und sinn­hal­tig, wenn es ihnen gelingt, ihr Leben leid­mil­dernd in den Dienst ande­rer Men­schen zu stel­len.

Eine ganz ande­re Ant­wort auf die Fra­ge nach einem sinn­erfüll­ten Leben suchen jene Men­schen, die sich vor allem der Natur und ihrer unend­li­chen Viel­ge­stal­tig­keit zuwen­den oder in die Schrif­ten gro­ßer Den­ker ver­tie­fen und von dem Wunsch beseelt sind, für sich einen gedank­li­chen oder medi­ta­ti­ven Weg zum Ursprung allen Seins zu fin­den, in dem aller Sinn ver­bor­gen sei. Eine über uns hin­aus­wei­sen­de Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens suchen auch die Men­schen, die in reli­giö­sen Schrif­ten auf Erkennt­nis oder Erleuch­tung hof­fen. Sie glau­ben die Ant­wort, die ihrem Leben Sinn und Erfül­lung geben könn­te, nur aus einer jen­sei­ti­gen Welt zu erhal­ten.

Man erkennt schon an die­sen bei­spiel­haft skiz­zier­ten Fäl­len, dass es wohl nicht den Sinn des Lebens »an sich« gibt, dass er sich viel­mehr in sehr unter­schied­li­cher Wei­se rea­li­sie­ren kann: im sich selbst genü­gen­den prak­ti­schen Lebens­voll­zug, in der Kon­zen­tra­ti­on auf die Ent­wick­lung der eige­nen Per­son, in ande­ren Fäl­len viel­leicht in einem direk­ten oder indi­rek­ten Ein­satz für ande­re Men­schen oder in einem der Welt und ihren Ver­lo­ckun­gen ent­sa­gen­den Ver­tie­fen in phi­lo­so­phi­sches oder reli­giö­ses Den­ken. Auch wird es oft so sein, dass sich die Vor­stel­lun­gen von einem mit Sinn und Bedeu­tung erfüll­ten Leben mit zuneh­men­dem Alter wan­deln. Steht am Anfang eines bewusst gestal­te­ten Lebens die Ent­fal­tung der eige­nen Per­son im Vor­der­grund, ver­schiebt sich in spä­te­ren Lebens­pha­sen auf­grund von Erfah­rung oder gewach­se­ner Ein­sicht oft der Schwer­punkt hin zu mehr Anteil­nah­me an ande­ren Men­schen. Alle genann­ten Wege sind legi­tim. Jeder Mensch hat das Recht, sein Leben so zu gestal­ten, dass er sich in mög­lichst gro­ßer Über­ein­stim­mung mit sei­nen natur­ge­ge­be­nen Anla­gen, sei­ner Erzie­hung, sei­nen Erfah­run­gen, Ein­sich­ten, Wün­schen und Hoff­nun­gen erle­ben kann, schließ­lich begrei­fen wir uns als selbst­be­stimm­te Wesen. Vor­aus­ge­setzt dabei ist immer, dass wir die berech­tig­ten Inter­es­sen und Bedürf­nis­se ande­rer respek­tie­ren.

Dabei neh­men selbst­ver­ständ­lich per­sön­li­ches und kul­tu­rel­les Umfeld in vie­ler­lei Form auf die indi­vi­du­el­le Lebens­pla­nung Ein­fluss, nicht zuletzt des­wegen, weil jeder Mensch auch nach Bestä­ti­gung in sei­nem Umfeld sucht. Die so genann­te Glücks­for­schung kann in die­sem Zusam­men­hang zei­gen, dass Men­schen, die nur nach Ruhm, Geld und Äußer­lich­kei­ten stre­ben, weni­ger glück­lich sind als jene zum Bei­spiel, die ihrem Leben einen nicht-mate­­ri­ell ori­en­tier­ten Sinn zu geben ver­ste­hen. 1

Illus­trie­ren möch­te ich die­sen mehr all­ge­mei­nen Über­blick …

2. Bekennt­nis zu einem huma­nis­ti­schen Lebens­kon­zept

Der hier skiz­zier­te Huma­nis­mus ver­steht sich somit als eine welt­li­che Alter­na­ti­ve zur Reli­gi­on, als eine Welt­sicht, die ohne Göt­ter, Pro­phe­ten und Pries­ter aus­kommt, kein angeb­lich von einem Gott dik­tier­tes hei­li­ges Buch und kei­ne Dog­men kennt, das Wis­sen über die Welt und den Men­schen vor allem aus den Natur­wis­sen­schaf­ten, den »Wirk­lich­keits­wis­sen­schaf­ten«, ge­winnt, sich von über­kom­me­nen, meta­phy­si­schen Moral­vor­stel­lun­gen löst, statt­des­sen ethi­sche Nor­men an den fun­da­men­ta­len Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen der Men­schen ori­en­tiert. Es ist des­halb der oft geäu­ßer­ten Mei­nung zu wider­spre­chen, dass der welt­li­che Huma­nis­mus oder der Athe­is­mus auch nur eine Form des Glau­bens sei, mit­un­ter wird sogar von einem »reli­giö­sen Athe­is­mus« gespro­chen. Wenn zum Wesen einer Reli­gi­on die Annah­me einer jen­sei­ti­gen Instanz gehört, die in irgend­ei­ner Wei­se auf mein Leben Ein­fluss nimmt, dann ist es unsin­nig und unlo­gisch, auch dem welt­li­chen Huma­nis­mus oder dem Athe­is­mus reli­giö­se Züge zuzu­spre­chen oder die­sen als einen »Glau­ben« zu bezeich­nen.

Hel­mut Fink (*1965) schreibt in »Der neue Huma­nis­mus – Wissenschaft­liches Men­schen­bild und säku­la­re Ethik«: »Der alte Huma­nis­mus konn­te noch als ›christ­li­cher Huma­nis­mus‹ ver­stan­den und gelebt wer­den. Der neue Huma­nis­mus ist welt­lich. … Der alte Huma­nis­mus konn­te noch rein geis­tes­wis­sen­schaft­lich betrie­ben wer­den. Der neue Huma­nis­mus ist natu­ra­lis­tisch.« Und wei­ter sagt er: »Der neue Huma­nis­mus grenzt sich gegen­über dem neu­en Athe­is­mus bewusst kon­zep­tio­nell ab: Athe­is­mus ist eine blo­ße Nega­tiv­aus­sa­ge. … Welt­an­schau­li­che Fra­gen brau­chen posi­ti­ve Ant­wor­ten. Es gibt die Welt. Und es gibt den Men­schen und sei­ne Anla­gen, sein Ver­hal­ten und sei­ne Vor­stel­lun­gen und Zie­le, sei­ne Bedürf­nis­se und Inter­es­sen. Es gibt nicht­re­li­giö­se Sinn­su­che (oder prä­zi­ser: nicht­re­li­giö­se Sinn­kon­struk­ti­ons­be­dürf­nis­se) und es gibt reli­gi­ons­frei­es Kul­tur­schaf­fen. Der Mensch braucht für sei­ne Ori­en­tie­rung im Leben posi­ti­ve Wer­te und Ethik, und hier­für bleibt der (säku­la­re) Huma­nis­mus ein unver­zicht­ba­rer Ide­en­fun­dus und Kul­tur­be­stand. Der neue Athe­is­mus allei­ne kann in welt­an­schau­li­cher Hin­sicht nicht befrie­di­gen. Der neue Athe­is­mus ist eine Absa­ge an Gott. Der neue Huma­nis­mus ist eine Zusa­ge an den Men­schen.« (Kur­siv­druck im Ori­gi­nal) 8

Die­ser »Neue Huma­nis­mus« besteht ver­ein­facht gesagt aus drei Kom­po­nen­ten: Aus einem natu­ra­lis­ti­schen Welt­bild, einem säku­la­ren Wer­te­sys­tem und einer strik­ten Dies­seits­ori­en­tie­rung. Für mich per­sön­lich wür­de ich mein huma­nis­ti­sches Bekennt­nis wie folgt beschrei­ben, und ich den­ke, dass sich sehr vie­le mei­ner huma­nis­ti­schen Freun­de die­ser Sicht anschlie­ßen kön­nen.

Ers­tens: Ich betrach­te das, was die heu­ti­gen Natur­wis­sen­schaf­ten, die Wis­sen­schaf­ten von der Wirk­lich­keit, als der­zeit gesi­cher­te Erkennt­nis anse­hen, für mich zunächst ein­mal als maß­ge­bend für alle wei­te­ren Über­le­gun­gen. Vor allem ist es die ratio­na­le, logi­sche und sys­te­ma­ti­sche Denk­wei­se der heu­ti­gen Natur­wis­sen­schaf­ten und ihre empi­ri­sche Ver­an­ke­rung, die ich mir zum Vor­bild genom­men habe. Nach mei­ner Über­zeu­gung bil­den ratio­nal-logi­sches Den­ken und natur­wis­sen­schaft­lich erar­bei­te­tes Wis­sen die sichers­te und intel­lek­tu­ell befrie­di­gends­te Basis für unser Den­ken und Han­deln. Denn wor­über man nichts Begrün­de­tes sagen kann, kann man allen­falls spe­ku­lie­ren. Sich sei­nes Denk­ver­mö­gens zu bedie­nen, heißt des­halb für mich, nichts zu »glau­ben«, was dem Ver­stand und wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis ein­deu­tig wider­spricht. Ich bin höchst skep­tisch allem gegen­über, was für sich Gül­tig­keit, ja Wahr­heit bean­sprucht, ohne dafür wenigs­tens plau­si­ble Grün­de ange­ben zu kön­nen. Den­noch ist nicht zu bestrei­ten, dass Wis­sen­schaft heu­te noch vie­les nicht erklä­ren kann, und dass unser Wis­sen viel­leicht nie­mals voll­stän­dig sein wird.

Zwei­tens: Ein säku­la­res Wer­te­sys­tem kennt statt einer gött­lich gestif­te­ten Moral eine ver­nunft­ba­sier­te Ethik. Die Jahr­tau­sen­de alte Regel »Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch kei­nem andern zu« stellt eigent­lich schon ein umfas­sen­des Gebot fried­li­chen Zusam­men­le­bens dar. Es gilt vor allem, des­we­gen Gutes zu tun, weil es gut ist, nicht weil eine Gott­heit ganz hoch oben Beloh­nung ver­spricht. Ein säku­la­res Wer­te­sys­tem ori­en­tiert sei­ne Nor­men und Regeln an den fun­da­men­ta­len Bedürf­nis­sen und Inter­es­sen der Men­schen. Der Mensch setzt also die Norm, nicht eine unsicht­ba­re Gott­heit über uns. Die­ses säku­la­re Wer­te­sys­tem hat evo­lu­tio­när ent­stan­de­ne Wur­zeln und arti­ku­liert sich heu­te in huma­nis­ti­schen Grund­sät­zen und all­ge­mein aner­kann­ten Men­schen­rech­ten wie Selbst­be­stim­mung, Gleich­be­rech­ti­gung, Soli­da­ri­tät, sozia­le Gerech­tig­keit, wohl­über­leg­te Tole­ranz, zum Bei­spiel gegen­über einem pri­vat geleb­ten Glau­ben. Im Zen­trum mei­nes huma­nis­ti­schen Kon­zepts steht jeden­falls die Aus­sa­ge, die in den Ohren gott­gläu­bi­ger Men­schen wie eine Pro­vo­ka­ti­on klin­gen mag, dass letzt­lich Men­schen ver­ein­ba­ren und fest­le­gen, was gut oder schlecht, was erstre­bens­wert oder abzu­leh­nen sei. Da Men­schen natur­ge­mäß unter­schied­li­che Bedürf­nis­se und Inter­es­sen haben, soll­te das Prin­zip des fai­ren Inter­es­sen­aus­gleichs gel­ten. Das bedeu­tet, dass man sich um der Gerech­tig­keit und des sozia­len Frie­dens wil­len immer zu fra­gen hat: Was ist glei­cher­ma­ßen gut und akzep­ta­bel für alle Betrof­fe­nen.

Und drit­tens: Mei­ne strik­te Dies­seits­ori­en­tie­rung basiert auf der Ein­sicht, dass ich höchst­wahr­schein­lich nur die­ses eine Leben habe. Folg­lich soll­te ich ver­su­chen, das Best­mög­li­che aus mei­nem Leben zu machen. Die­ses Stre­ben nach Erfül­lung mei­nes Lebens muss aber immer auch den Mit­men­schen im Blick haben, der eben­so glück­lich wer­den will. Des­halb gelingt ein erfüll­tes Leben ver­mut­lich am bes­ten dadurch, dass man sich gesell­schaft­lich enga­giert, sei es im poli­ti­schen, im huma­ni­tä­ren, viel­leicht im künst­le­ri­schen Be­reich. Und schließ­lich: Wer sich bemüht hat und wem es gelun­gen ist, auf ein erfüll­tes, glück­li­ches Leben zurück­bli­cken zu kön­nen, dem wird es leich­ter fal­len, von die­ser Lebens­büh­ne wie­der abzu­tre­ten.

Aber es gibt noch einen Punkt, den ich hier anspre­chen will. Einer natu­ra­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung wird gern »emo­tio­na­le Armut« vor­ge­wor­fen, eine »redu­zier­te Wirk­lich­keits­wahr­neh­mung« oder »Blind­heit gegen­über den see­li­schen Bedürf­nis­sen eines Men­schen, der sich in exis­ten­zi­el­ler Not befin­det«. Die­se Vor­wür­fe sind nicht ganz unbe­rech­tigt. Wer Reli­gio­nen ableh­nend gegen­über­steht, auch die Idee eines Jen­seits ver­wirft, mei­det eher das Nach­den­ken über The­men, die den All­tag »tran­szen­die­ren«, Fra­gen, die so­zusagen die »letz­ten Din­ge« betref­fen. Denn Nicht­gläu­bi­ge haben die Sor­ge, wie gehabt, wie­der in irra­tio­na­les oder eso­te­ri­sches Fahr­was­ser zu gera­ten.

Den­noch befas­sen sich auch Nicht­gläu­bi­ge mit Fra­gen, die jen­seits der ratio­na­len Bewäl­ti­gung des All­tags lie­gen. Auch Nicht­gläu­bi­ge den­ken – wie erwähnt – über den Urgrund allen Seins nach, über die Unbe­greif­lich­keit der Rea­li­tät, ken­nen Gefüh­le des Eins­sein mit der Natur, beden­ken das eige­ne Ende. Sol­che The­men spre­chen – wie man sagen könn­te – eine spi­ri­tu­el­le Dimen­si­on an. Das The­ma Spi­ri­tua­li­tät wird von vie­len Nicht­gläu­bi­gen inzwi­schen, wenn auch mit gro­ßer Zurück­hal­tung, als eine den Blick auf das Dasein erwei­tern­de, wenn nicht berei­chern­de Dimen­si­on wahr­ge­nom­men. Dies umso mehr, je weni­ger sol­che Vor­stel­lun­gen und Gedan­ken heu­ti­ger Phi­lo­so­phie und Wis­sen­schaft wider­spre­chen.

Bei dem Gedan­ken an die End­lich­keit der eige­nen Exis­tenz aller­dings bie­tet die Ver­hei­ßung auf ein Wei­ter­le­ben im Jen­seits einem Nicht­gläu­bi­gen kei­nen Trost. Zu offen­kun­dig ist die­ses reli­giö­se Ver­spre­chen für ihn blo­ßes Wunsch­den­ken. Ein Huma­nist im oben beschrie­be­nen Sin­ne wird ohne das Ver­spre­chen eines ewi­gen Lebens daher mehr Mut und Kraft auf­brin­gen müs­sen. Dies wird ihm leich­ter gelin­gen, wenn er mit Ein­sicht und Gelas­sen­heit akzep­tiert hat, dass die Natur uns Men­schen nur einen ein­ma­li­gen und flüch­ti­gen Auf­tritt auf die­sem Pla­ne­ten gewährt. 9

Der Christ wie­der­um wird auf das ihm ver­spro­che­ne ewi­ge Leben ver­wei­sen und dar­in am Lebens­en­de sei­nen Trost fin­den, jeden­falls ist die­ses Ver­spre­chen essen­zi­el­ler Teil sei­nes Glau­bens­be­kennt­nis­ses. Ich kann jedoch die­se Ver­hei­ßung nur als Illu­si­on anse­hen, gebo­ren aus dem bren­nen­den Wunsch nach Wei­ter­le­ben. Denn ist es wirk­lich so, dass ein Christ am Ende sei­nes Lebens tat­säch­lich Trost im Glau­ben fin­det? Die Ange­hö­ri­gen sind zutiefst erschüt­tert, vie­le hadern mit Gott und zwei­feln an des­sen Güte. War­um die­se unend­li­che Trau­er, wenn doch bei christ­li­cher Lebens­füh­rung das Para­dies winkt? Zumin­dest ein alter, aber got­tes­fürch­ti­ger Mensch müss­te bei sei­nem Able­ben eigent­lich von sei­nen Ver­wand­ten und Freun­den benei­det wer­den. Geht er doch Gott ent­ge­gen. War­um die­se tie­fe Trau­er?

Mein Den­ken ist des­halb ein ande­res. Ein Mensch, der schon als Kind behut­sam zu der Ein­sicht geführt wird, dass der Tod zum Leben gehört, dass der Tod das natür­li­che Ende eines Lebens ist, dass es wohl kei­nen güti­gen Gott über ihm gibt, dass er aber auch nicht vor den Zufäl­lig­kei­ten des Lebens geschützt ist, wie Krank­hei­ten oder Unfäl­len etwa. Ein Mensch, dem früh­zei­tig bewusst wird, dass er nur die­ses eine Leben hat und dass er den Sinn sei­nes Lebens nur hier auf Erden fin­den kann, wird ein ande­res Leben füh­ren als ein Christ. Er wird sich bemü­hen, viel kon­se­quen­ter sein Leben so zu gestal­ten, dass er posi­ti­ve Spu­ren hin­ter­lässt: Kin­der und Enkel, ein Haus oder etwa ein berühm­tes Bau­werk, eine das Leben erleich­tern­de Erfin­dung, eine poli­ti­sche Leis­tung, die vie­len Men­schen Frie­den und Wohl­stand brach­te – irgend­ei­ne per­sön­li­che Leis­tung, auf die er mit Genug­tu­ung oder gar Stolz schau­en kann. Wenn ihm so etwas gelun­gen ist und er viel­leicht dank Medi­zin ein lan­ges Leben hat­te, kann er ruhig und gefasst von die­ser Lebens­büh­ne abtre­ten. Vie­le glau­bens­freie Men­schen haben an ihrem Lebens­en­de gezeigt, wel­che Stär­ke und Gelas­sen­heit sie aus einer so gereif­ten Ein­stel­lung zum Leben und des­sen Ende bezie­hen, wel­cher inne­re Frie­de sie erfasst hat, wenn sie – ja, so möch­te ich es for­mu­lie­ren – kei­ne fal­sche Hoff­nung mehr hegen. Ich den­ke, »wer sein Feld bestellt hat«, wird am Ende auch los­las­sen kön­nen, ohne Ver­zweif­lung und ohne Angst vor dem Tod.

Was aber sage ich einem noch jun­gen Men­schen, dem eine tücki­sche Krank­heit das Leben nimmt? Es fällt mir schwer, hier­auf eine trös­ten­de Ant­wort zu fin­den. Aber was kann ein gläu­bi­ger Christ dazu sagen? Über­zeugt und trös­tet sein Hin­weis auf Auf­er­ste­hung und ewi­ges Leben einen Men­schen von heu­te noch? Das gern ver­dräng­te, unheil­schwan­ge­re Wort vom Schick­sal erin­nert dar­an, dass wir eben nicht alles in der Hand haben. Phi­lo­so­phie, Sozio­lo­gie, auch die Evo­lu­ti­ons­theo­rie, bezeich­nen die­se prin­zi­pi­el­le Offen­heit der Zukunft, die­ses nicht plan- und vor­her­seh­ba­re Gesche­hen und die damit ver­bun­de­ne Unge­wiss­heit mit dem abs­trak­ten Begriff Kon­tin­genz. Die­se hat mit Zufall und Unbe­re­chen­bar­keit zu tun. Die Theo­lo­gen ver­wei­sen hier auf Got­tes uner­forsch­li­chen Wil­len und trös­ten mit Ver­hei­ßun­gen und ver­wei­sen auf das Para­dies. Die Natur­wis­sen­schaf­ten und die aus ihr her­vor­ge­gan­ge­nen Tech­no­lo­gi­en bie­ten inso­fern Trost und Hoff­nung, als sie inzwi­schen wesent­li­che, Not wen­den­de Bei­trä­ge zur Bekämp­fung von Hun­ger, von Schmer­zen, von Krank­hei­ten und zur Bän­di­gung von Natur­ka­ta­stro­phen vor­wei­sen kön­nen und zukünf­tig wohl auch für der­zeit noch nicht beherrsch­ba­res Leid. Dort, wo die Reli­gio­nen noch die Lebens­ver­hält­nis­se bestim­men, lebt die weit über­wie­gen­de Zahl der Men­schen hin­sicht­lich ihrer Lebens­qua­li­tät noch im Mit­tel­al­ter. …

Mein »Credo«

Die­se Reli­gi­on, die­se ideo­lo­gi­sche Kon­struk­ti­on, bil­det die Ursa­che einer unglaub­lich gro­ßen Zahl an Ver­bre­chen gegen die Mensch­heit, die stets im Namen des ange­be­te­ten Got­tes erfolg­ten und die die­ser angeb­lich barm­her­zi­ge Gott doch nie ver­hin­dert hat. Auch wenn die­se Reli­gi­on gleich­zei­tig sehr vie­len Men­schen Trost, Hil­fe und Lebens­sinn gege­ben hat und noch immer gibt, ist das für mich nicht im Gerings­ten ein Beleg für ihren Wahr­heits­ge­halt. Vor allem der mora­li­sche Gehalt gro­ßer Tei­le der Bibel bewegt sich weit unter­halb der durch Auf­klä­rung, Men­schen­rechts­er­klä­run­gen und staat­li­che Ver­fas­sun­gen, zum Bei­spiel die der Bundesre­publik Deutsch­land, gesetz­ten Stan­dards und wird daher von mir als Maß­stab mei­nes Han­delns abge­lehnt. Ich emp­fand zeit­le­bens den Wider­spruch empö­rend zwi­schen der ver­kün­de­ten Leh­re und der Jahr­tau­sen­de wäh­ren­den Pra­xis des Groß­teils der füh­ren­den Reprä­sen­tan­ten der Kir­che. Ich sehe dabei gleich­zei­tig das muti­ge und auf­op­fe­rungs­vol­le Bemü­hen unzäh­li­ger Pfar­rer, Pfar­re­rin­nen und ande­rer über­zeug­ter Chris­ten, die die­ser Leh­re anhän­gen, dabei aber nicht sel­ten auf die Stim­me ihres Her­zens hör­ten und hören. Was ich etwas pathe­tisch als »Stim­me des Her­zens« bezeich­ne, ist für mich das Ergeb­nis einer bio­lo­gi­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Evo­lu­ti­on. Im Zwei­fel lie­ßen sie ihr Gefühl und ihre Ein­sicht spre­chen, statt den Wei­sun­gen von Bischö­fen und Päps­ten oder frag­wür­di­gen Gebo­ten hei­li­ger Tex­te zu fol­gen.

Ich möch­te hier noch ein­mal fest­hal­ten: Mich trennt sehr viel von den intel­lek­tu­el­len Zumu­tun­gen des christ­li­chen Glau­bens und dem anma­ßen­den poli­ti­schen Anspruch der Kir­chen. Mich trennt schon sehr viel weni­ger von einem enga­gier­ten Kir­chen­mann, der Nächs­ten­lie­be und Soli­da­ri­tät mit Schwa­chen und Benach­tei­lig­ten tat­säch­lich prak­ti­ziert. Denn je mehr ein Pfar­rer oder eine Pfar­re­rin sich um Men­schen in Bedräng­nis und Leid küm­mert, umso weni­ger hat er oder sie Zeit und Anlass, bibli­sche Legen­den zu ver­kün­den. Mich ver­bin­det viel mit einem ein­fa­chen Kir­chen­mit­glied, des­sen Bekennt­nis zwar dar­in besteht, ganz all­ge­mein an Gott zu glau­ben, des­sen Bemü­hen sich ansons­ten im Wesent­li­chen dar­in aus­drückt, ein »guter Christ« sein zu wol­len, was aber meist nur heißt, dass er im wohl­mei­nen­den Sinn ein »guter Mensch« sein will – mit­füh­lend, hilfs­be­reit, auf­rich­tig.

Ich selbst ver­wen­de für mich den Begriff Athe­ist kaum, obwohl von mei­ner Auf­fas­sung her eine sol­che Bezeich­nung zutref­fend wäre. Den Begriff Huma­nist hal­te ich für ange­mes­se­ner und aus­sa­ge­kräf­ti­ger. Ich defi­nie­re mei­ne Welt­an­schau­ung weni­ger durch Nega­ti­on einer Auf­fas­sung als viel­mehr posi­tiv durch Cha­rak­te­ri­sie­rung der Kom­po­nen­ten, die mei­ne Welt­anschauung beschrei­ben: ein natu­ra­lis­ti­sches Welt­bild, ein säku­lar begründe­tes Wer­te­sys­tem und eine strik­te Dies­seits­ori­en­tie­rung. Sie sind das Ergeb­nis mei­nes »ver­nunft­ge­lei­te­ten« Nach­den­kens und das vie­ler ande­rer Men­schen über die Welt und unse­re Rol­le dar­in. Ein per­sön­li­cher Gott und barmherzi­ger Wel­ten­len­ker kommt in mei­nem Welt­bild nicht vor, denn ich kann beim bes­ten Wil­len die Grund­la­gen zu einem sol­chen Glau­ben nicht erken­nen. Der ame­ri­ka­ni­sche Poli­ti­ker Robert G. Inger­soll (1833–1899) hat die­sen Zwie­spalt sehr tref­fend so auf den Punkt gebracht: »Wenn die Bibel und mein Ver­stand vom sel­ben Schöp­fer stam­men, wes­sen Schuld ist es dann, dass sich die Bibel und mein Ver­stand ein­fach nicht ver­tra­gen kön­nen?« 3

Die Über­le­gen­heit einer natu­ra­lis­ti­schen Welt­sicht zeigt sich vor allem in der welt­wei­ten Gül­tig­keit ihrer Grund­la­gen. In jedem Land der Welt, unab­hän­gig von der jewei­li­gen Kul­tur, gilt die glei­che Phy­sik und – wenn sie denn wis­sen­schaft­lich betrie­ben wird – auch die glei­che Bio­lo­gie. Die­se welt­wei­te Gül­tig­keit kann man den zahl­lo­sen und grund­ver­schie­de­nen Leh­ren vom »rech­ten Weg zum See­len­heil« gewiss nicht zuspre­chen. Reli­gio­nen pre­di­gen den Men­schen, was sie den­ken sol­len, die Wis­sen­schaf­ten, spe­zi­ell die Natur­wis­sen­schaf­ten zei­gen den Men­schen, wie sie den­ken sol­len, um zu wirk­lich­keits­ge­rech­ten und damit dem Men­schen dien­li­chen Erkennt­nis­sen zu gelan­gen.

Bei aller Pro­ble­ma­tik auch einer natur- (bzw. wirklichkeits-)wissenschaft­lichen Ori­en­tie­rung unse­res Den­kens und Han­delns ist fest­zu­hal­ten, dass wir über kei­ne ver­läss­li­che­re Mög­lich­keit ver­fü­gen, uns die­se Welt zu erklä­ren und so ein­zu­rich­ten, dass sie der­einst mal ein Ort wer­den könn­te, der als bibli­sche Hoff­nung mit dem Begriff Para­dies bezeich­net wird. So uto­pisch die­ser Gedan­ke uns heu­te auch erschei­nen mag – wenn der Sinn des Lebens dar­in gese­hen wird, »glück­lich zu wer­den und ande­ren eben­so zu Freu­de und Glück zu ver­hel­fen«, und wenn gleich­zei­tig »Leid und Schmerz von Mensch und Tier so weit wie mög­lich gemin­dert wer­den« – war­um soll­te nicht in fer­ner Zukunft die­se Erde ein dies­sei­ti­ger »Gar­ten Eden« sein kön­nen? War­um soll­te es aus­ge­schlos­sen sein, dass im Dies­seits das wirk­lich wird, was die Reli­gi­on für ein angeb­li­ches Jen­seits nur ver­spricht? Allein moder­ne Land­wirtschaft und Medi­zin haben hun­gern­den und kran­ken Men­schen mehr an rea­lem »Trost« bie­ten kön­nen als Glau­be und Kir­che je ver­moch­ten.

Der phy­si­sche, psy­chi­sche und mora­li­sche Zustand unse­rer Gesell­schaft wäre mit Sicher­heit weit­aus befrie­di­gen­der, wenn die in der Sum­me unge­heu­ren geis­ti­gen Anstren­gun­gen unzäh­li­ger Theo­lo­gen, das angeb­li­che Wort Got­tes, wie es in der Bibel nie­der­ge­legt ist, mit der Logik und der Wirk­lich­keit in Über­ein­stim­mung zu brin­gen, sich auf die Bewäl­ti­gung kon­kre­ter, die Men­schen tat­säch­lich bedrän­gen­der Pro­ble­me gerich­tet hät­ten. Wel­chen Er­trag das intel­lek­tu­el­le Ver­mö­gen eines Apos­tel Pau­lus, Tho­mas von Aquin oder etwa Mar­tin Luther hät­te erbrin­gen kön­nen, wenn sie ihre geis­ti­gen Ener­gi­en in die Lösung tat­säch­lich exis­tie­ren­der Nöte und Übel und nicht künst­lich geschaf­fe­ner theo­lo­gi­scher Pro­ble­me inves­tiert hät­ten, kann man nur erah­nen. Ihr Ziel war des Men­schen Heil und sie beteu­er­ten, die Wahr­heit zu ver­kün­den. Lei­der haben sie ihre Talen­te an einem untaug­li­chen Objekt ent­fal­tet. Was wür­den wir ver­mis­sen, wenn es die Theo­lo­gie nicht gäbe?