Leseproben

Leseproben aus: Warum ich kein Christ sein will        

Vorbemerkung: Die hier vorliegende Formatierung entspricht nicht der des gedruckten Buches.
Die hochgestellten Ziffern verweisen auf den (hier nicht abgedruckten) Anmerkungsteil.

Ausschnitte aus Kapitel III:

Naturwissenschaft, Religion und menschliches Selbstverständnis

Im Jahr 1999 veröf­fentlichte der Ham­burg­er Lit­er­atur­pro­fes­sor Diet­rich Schwanitz (1940–2004) ein Buch mit dem Titel »Bil­dung« und dem her­aus­fordern­den Unter­ti­tel »Alles, was man wis­sen muss«. Das volu­minöse Buch ent­fachte die unter­schwellig stets präsente Diskus­sion erneut, was heute zur All­ge­mein­bil­dung beziehungsweise zum Bil­dungskanon in der Infor­ma­tion­s­ge­sellschaft gehören sollte. Das Buch wurde wegen der all­seits emp­fun­de­nen Bedeu­tung des The­mas und nicht zulet­zt auf­grund des kurzweili­gen Stils ein Best­seller. Dabei sichtet der Autor – wie es im Klap­pen­text heißt – das gesamte kul­turelle Wis­sen unter der Fragestel­lung: Was trägt es zu unser­er Selbst­erkennt­nis bei? 1

Ich möchte zunächst dar­legen, dass das Buch von Schwanitz diese öffentliche Wertschätzung nicht ver­di­ent hat, und zwar deswe­gen nicht, weil es ein Bil­dungside­al aus ver­gan­gener Zeit propagiert.

Auf über 540 Seit­en bre­it­et Schwanitz seine Über­legun­gen zu dem aus, was er unter Bil­dung ver­ste­ht. Er spricht über die Geschichte Europas, über große Werke der Lit­er­atur, über die Geschichte von Kun­st und Musik, über große Philosophen, Ide­olo­gien, The­o­rien und Welt­bilder und lässt uns wis­sen, weshalb es so wichtig ist, über lit­er­arische Fig­uren wie Don Qui­jote, Ham­let oder Faust Bescheid zu wis­sen. Soweit so gut und im Prinzip auch ein­ver­standen. Kaum mehr als 10 Seit­en, das sind nicht ein­mal 2 Prozent des Buch­es, wid­met er dage­gen den Natur­wis­senschaften. Der Biologe Dar­win, der Physik­er Ein­stein und der (natur­wis­senschaftlich ori­en­tierte) Arzt und Psy­chologe Freud wer­den mit ihren Ein­sicht­en knapp – aber teil­weise falsch – dargestellt; auch ihre Rolle als Revo­lutionäre unser­er Sicht auf diese Welt wird angedeutet. Was Schwanitz aber wirk­lich von den Natur­wis­senschaften hält, offen­bart er frei­mütig am Ende seines Werkes:

»Die natur­wis­senschaftlichen Ken­nt­nisse wer­den zwar in der Schule gelehrt; sie tra­gen auch einiges zum Ver­ständ­nis der Natur, aber wenig zum Ver­ständ­nis der Kul­tur bei. … So bedauer­lich es manchem erscheinen mag: Natur­wis­senschaftliche Kennt­nisse müssen zwar nicht ver­steckt wer­den, aber zur Bil­dung gehören sie nicht.« 2

Hier zeigt sich – ich möchte das an dieser Stelle ein­mal so deut­lich for­mulieren – die typ­is­che Igno­ranz, ja Arro­ganz eines immer noch ver­bre­it­eten Typs von Geisteswissen­schaftlern mit einem sehr tra­di­tion­al­is­tis­chen Bil­dungs­be­griff, der nicht sel­ten auch noch damit koket­tiert, von »Physik und Math­e­matik keine Ahnung zu haben«. Schwanitz hätte stattdessen darüber nach­denken sollen, was er, und natür­lich wir alle, zum Beispiel den Astronomen Niko­laus Kopernikus (1473–1543) und Johannes Kepler (1571–1630) sowie dem Philosophen, Math­e­matik­er und Physik­er Galileo Galilei (1564–1642) zu ver­danken haben. Sie lösten durch das von ihnen vertretene heliozen­trische Sys­tem die von der Kirche behauptete Auf­fas­sung von der gottgegebe­nen Stel­lung der Erde als Mit­telpunkt der Welt ab. Der Philosoph und Astronom Gior­dano Bruno (1548–1600) ging noch darüber hin­aus und behauptete schon damals, dass das Uni­ver­sum uner­messlich groß sei und von unzäh­li­gen Son­nen wie der unseren erfüllt sei. An jedem Ort des Kos­mos kön­nte man den Ein­druck haben, im Mit­telpunkt der Welt zu ste­hen. Daher ver­bi­ete es sich, die Erde oder unser Son­nen­sys­tem als Zen­trum ein­er göt­tlichen Natur­ord­nung anzuse­hen.

Worin bestand – neben der wis­senschaftlichen Leis­tung – die geistig-kul­turelle Bedeu­tung dieser Wis­senschaftler? Man kann es in einem Satz sagen: Sie wagten es, ihre Ein­sicht­en und Beobach­tun­gen über die Autorität der Kirche und der Bibel zu stellen, sie traut­en sich, ihren Ver­stand zu benutzen und ihre empirischen Erken­nt­nisse gegen nur behauptete, ange­bliche Wahrheit­en, wie sie zum Beispiel auch in den alten Schriften eines Aris­tote­les (384–322 v. u. Z.) niedergelegt waren, zu set­zen. Ihr Inter­esse galt nicht mehr den tradierten Tex­ten und ihrer Inter­pre­ta­tion, son­dern den beobacht­baren und mess­baren Fak­ten der Wirk­lichkeit. Sie leit­eten damit die entschei­dende Wende im Denken jen­er Zeit ein und etablierten neben der Philoso­phie und The­olo­gie die Natur­wissen­schaften als dritte prä­gende kul­turelle Diszi­plin. Galileo Galilei, Weg­bere­it­er der mod­er­nen Natur­wis­senschaften, hat die Geis­te­shal­tung, die zu diesem Denken führte, so zum Aus­druck gebracht:

»Ich füh­le mich nicht zu dem Glauben verpflichtet, dass der­selbe Gott, der uns mit Sin­nen, Ver­nun­ft und Ver­stand aus­ges­tat­tet hat, von uns ver­langt, diesel­ben nicht zu be­nutzen.« 3

Als Charles R. Dar­win (1809–1882), wie vor ihm schon andere, erkan­nt hat­te, dass der Men­sch nicht aus einem Erden­kloß geformt wor­den ist, son­dern das Pro­dukt eines natür­lichen Entwick­lung­sprozess­es ist, und dass uns mit der übri­gen Tier­welt eine Vielzahl von organ­is­chen und ver­hal­tens­mäßi­gen Gemein­samkeit­en verbindet, stellte diese Ein­sicht ein weit­eres Mal das Monopol der Kirche auf Besitz und Verkün­dung ange­blich ewiger Wahrhei­ten in Frage. Die herrschende Lehre der Kirche begann so nach und nach ihren dominieren­den Ein­fluss auf das Welt­bild und damit auch das Selbst­verständnis des Men­schen zu ver­lieren. Dass die Erde und mit ihm auch der Men­sch im Kos­mos nur eine ganz unbe­deu­tende Rolle spie­len, dass wom­öglich das Weltall voll ander­er Lebens­for­men ist, diese par­a­dig­ma­tis­che, wahrhaft umwälzende Qual­ität von neuem Wis­sen sollte keinen Bil­dungswert haben?

Der Men­sch und die Erde als Mit­telpunkt der Welt oder wan­dernd irgend­wo in den Weit­en eines uner­messlich großen Kos­mos? Der Men­sch als Eben­bild Gottes oder ein zufäl­liges Pro­dukt ein­er sich selb­st organ­isieren­den Natur? Der Geist eine eigen­ständi­ge, göt­tliche Wesen­heit oder eine Funk­tion der hochkom­plex organ­isierten Materie? Solche Fra­gen soll­ten ohne Ein­fluss auf mein Nach­denken über mich und die Welt sein? Hier irrte Schwanitz ohne jeden Zweifel gewaltig, definiert er doch selb­st den Bil­dungswert von Wis­sen über die Frage, was es zur Selb­sterken­nt­nis und zum Selb­stver­ständ­nis des Men­schen beitrage.

Die Hirn­forschung erbringt täglich neue Belege dafür, dass der »Geist nicht vom Him­mel fiel«, son­dern eine Funk­tion des materiellen Gehirns ist. Wenn schachspie­lende Com­put­er einen Welt­meis­ter zu schla­gen in der Lage sind, dann wird deut­lich, dass über Com­put­er­pro­gramme geistige Leis­tun­gen möglich wur­den, die bis­lang auss­chließlich dem Men­schen vor­be­hal­ten waren. Solche Entwick­lun­gen und die ihnen zugrunde liegen­den biol­o­gis­chen und physikalis­chen Erken­nt­nisse soll­ten bedeu­tungs­los sein für unser Selb­stver­ständ­nis? Die mod­erne Kos­molo­gie behauptet, dass unsere Welt einen physika­lisch erk­lär­baren Anfang hat, und die Mikro­physik hat uns längst wis­sen lassen, dass im inner­atomaren Geschehen der herkömm­liche Begriff von Kausal­ität sich auflöst und unsere All­t­agslogik dort nicht mehr uneingeschränkt gilt. Diese neue Sicht auf die materiellen Grund­la­gen unser­er Exis­tenz sollte ohne Fol­gen bleiben für unser Ver­ständ­nis von der Welt und damit unser Nach­denken über Grund und Sinn unser­er Exis­tenz?

Worin liegt die immer wieder zu beobach­t­ende geringe Wertschätzung naturwissen­schaftlichen Wis­sens begrün­det?

His­torisch gese­hen hat sie sich­er ihre Wurzeln in dem tief sitzen­den Arg­wohn von The­olo­gie und Kirche gegenüber natur­wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen, fühlte sich die christliche Reli­gion doch schon immer von wis­senschaftlichen Ein­sicht­en bedro­ht. Der eigentliche Grund der kirch­lichen Skep­sis gegenüber Wis­sen, das nicht den Tex­ten der ange­blich von Gott dik­tierten Bibel ent­nom­men wurde, vor allem aber gegenüber jed­er Form von Natur­wis­senschaft, liegt tiefer und dürfte im göt­tlichen Ver­bot beste­hen, vom »Baum der Erken­nt­nis« zu essen. Im Alten Tes­ta­ment heißt es:

  1. Buch Mose, Kapi­tel 2, Vers 16–17: »Dann gebot Gott, der Herr, dem Men­schen: Von allen Bäu­men des Gartens darf­st du essen, doch vom Baum der Erken­nt­nis von Gut und Böse darf­st du nicht essen; denn sobald du davon isst, wirst du ster­ben.« 4

Zunächst ein­mal erscheint es mir sehr merk­würdig, ger­adezu aber­witzig, aus göt­tlichem Mund zu erfahren, dass die Fähigkeit zur Unter­schei­dung von »gut« und »böse« nicht erwün­scht sein sollte. Aber es geht offen­bar nicht nur um die Erken­nt­nis von »gut« und »böse«, es geht wohl ganz all­ge­mein um das Bestreben des Men­schen, sich und die Welt zu begreifen. Gott scheint die Neugi­er des Men­schen, hin­ter das Geheim­nis sein­er Schöp­fung zu kom­men, jedoch zu ver­dammen. Der Kirchen­lehrer Augusti­nus (354–430) bekräftigte dieses göt­tliche Verdikt:

»Es gibt noch eine weit­ere Art der Ver­suchung, die noch stärk­er mit Gefahren ver­bun­den ist. Es ist die Krankheit der Neugi­er. Sie treibt uns dazu, dass wir die Geheimnisse der Natur aufdeck­en wollen, jene Geheimnisse, die außer­halb unseres Ver­ständ­niss­es liegen, die uns nichts nützen und die zu ken­nen, wir uns nicht wün­schen soll­ten.«

Die Kirche sah in diesen Worten über die Jahrhun­derte offen­bar ger­adezu die Verpflich­tung, die Men­schen vor Ein­sicht­en abzuschir­men, die ihnen wom­öglich die Wider­sprüche zwis­chen bib­lis­chem Wort und men­schlich­er Erken­nt­nis bewusst­gemacht hät­ten. Aber wer Neugi­er ver­bi­etet, hin­dert die Gesellschaft daran, sich weit­er zu entwick­eln und schließlich die Lust an der Frei­heit des Denkens zu ent­deck­en. Daran wollte und kon­nte die Kirche ganz offen­sichtlich kein­er­lei Inter­esse haben. Aufgek­lärtheit durch Wis­sen sowie Selb­st­bes­tim­mung durch Frei­heit von Denk- und Glaubensvor­gaben sind Basise­le­mente ein­er Gesellschaft unab­hängiger und sich frei ent­fal­tender Men­schen. Die Kirche, ins­beson­dere die katholis­che mit einem autokratisch wal­tenden Papst an der Spitze, kon­nte von ein­er solchen Entwick­lung nur Ver­lust an Ein­fluss und Macht er­warten. 6

Heute liegt das geringe Inter­esse an den Natur­wis­senschaften in bes­timmten Kreisen wohl vor allem an der schulis­chen Erfahrung, dass der Erwerb natur­wis­senschaftlichen, speziell math­e­ma­tisch for­mulierten Wis­sens mit erhe­blichen Anstren­gun­gen ver­bun­den war und oft genug mit der Frus­tra­tion verge­blichen Bemühens en­dete. Die auf­bauende Freude, ja das Glücks­gefühl, das sich nach dem müh­sam erwor­be­nen Ver­ständ­nis eines kom­plizierten, beispiel­sweise physikalis­chen Sachver­halts ein­stellen kann, ist diesen Men­schen offen­bar nie zuteil gewor­den. Hinzu kommt das prob­lema­tis­che Vor­bild viel­er nicht-natur­wis­senschaftlich­er Lehrer, die in ihren Fäch­ern direkt und indi­rekt zum Aus­druck bracht­en, dass wahre Bil­dung sich vor allem in der Hin­wen­dung zur Antike, zur schöngeisti­gen und gesellschaft­spoli­tis­chen Lit­er­atur und zur klas­sis­chen Musik zeige, alles andere allen­falls schmück­endes Bei­w­erk sei. Und die schon frühzeit­ig ge­machte Beobach­tung, dass erfol­gre­iche Per­sön­lichkeit­en des öffentlichen Lebens sel­ten Natur­wis­senschaftler waren und gern ihre math­e­ma­tisch-natur­wis­sen­schaft­lichen Defizite ein­räumten, trug ein Übriges dazu bei, natur­wis­senschaftliche Bil­dung als weniger rel­e­vant für Beruf­ser­folg und Lebens­glück anzuse­hen.

Die Redak­tion der ange­se­henen Tageszeitung »Frank­furter All­ge­meine« beschloss im Som­mer 2006, in ihrem umfan­gre­ichen Kul­turteil täglich einen oder zwei Berichte aus den Natur­wis­senschaften unterzubrin­gen, die ei­nen wesentlichen und unmit­tel­baren Bezug zu Kul­tur und Gesellschaft aufwei­sen. Sie zog damit die Kon­se­quenz aus der Erken­nt­nis, dass natur­wis­senschaftliche Befunde für unser heutiges Denken und Empfind­en von großer all­ge­mein­er Bedeu­tung sein kön­nen. Diese Zeitung leis­tet mit diesem erweit­erten Kul­turbe­griff einen Beitrag, aus dem bloßen Nebeneinan­der von Geistes-, Sozial- bzw. Kul­tur­wis­senschaften ein­er­seits und Natur­wis­senschaften ander­erseits zu einem reflek­tierten Miteinan­der zu kom­men. Es war auch diese Zeitung, die sein­erzeit eine men­schliche Genom­se­quenz in ganz­seit­igem For­mat abdruck­te und damit die Bedeu­tung dieses Erken­nt­n­is­fortschritts in das öffentliche Bewusst­sein rück­te.

Ausschnitte aus Kapitel VI:

Endgültiger Abschied von Christentum und Kirche

3. Die Botschaft hör’ ich wohl … und das soll ich glauben?

Mit dem Ende des Mit­te­lal­ters, also Ende des 15., Anfang des 16. Jahrhun­derts, begin­nt sich nach fast 1000 Jahren »mit­te­lal­ter­lich­er Fin­ster­n­is« die Welt des Wis­sens langsam von der Welt des Glaubens zu tren­nen. Die Wis­senschaft erken­nt, dass die Erde nicht im Mit­telpunkt der Welt, son­dern an einem in kein­er Weise aus­geze­ich­neten Ort des kosmi­schen Geschehens ste­ht. Sie ahnt, dass der Men­sch nicht aus einem Erden­kloß geformt wurde, und ent­deckt, dass Men­sch und Tier Gemein­samkeit­en in Auf­bau und Funk­tion aufweisen und gle­ichen biol­o­gis­chen Gesetzmäßig­keiten unter­liegen. Sie find­et immer mehr Anhalt­spunk­te für die aufkeimende Ein­sicht, dass beispiel­sweise Vulka­naus­brüche und Erd­beben nicht auf göt­tlichen Zorn zu­rückzuführen sind, son­dern mit der im Umbruch befind­lichen Erd­kruste zusam­men­hän­gen dürften. Heute wis­sen wir, dass die Welt nicht in sechs Tagen geschaf­fen wurde, son­dern in einem Jahrmil­liar­den währen­den Prozess ent­stand; dass sich der Men­sch in einem evo­lu­tionären Entwick­lung­sprozess aus der Tier­welt her­aus entwi­ckelte und dass dieser sich selb­st steuernde evo­lu­tionäre Prozess noch immer andauert; dass die Deu­tung ver­heeren­der Natur­erschei­n­un­gen oder alles dahin­raf­fend­er Seuchen als göt­tliche Strafen nur zusät­zliche, nicht lös­bare the­ol­o­gis­che Fra­gen aufwirft.

Heute lebt ein aufrichtig Gläu­biger, also jemand, für den der Wort­laut der Bibel und die kirch­liche Verkündi­gung tra­gende Pfeil­er seines Beken­nt­niss­es darstellen, in zwei ver­schiede­nen Wel­ten, die nicht mehr in Übereinstim­mung zu brin­gen sind. Ein­er­seits lebt er in ein­er altertüm­lichen, dog­ma-tisch fest­gelegten, nicht mehr weit­er­en­twick­el­ten, allen­falls müh­sam neuzeit­lich inter­pretierten Glaubenswelt und ander­er­seits in ein­er der Logik und der kri­tisch reflek­tierten Erfahrung verpflichteten, sich ständig weit­er­en­twick­eln-den, sich erforder­lichen­falls auch kor­rigieren­den (!) Wis­senswelt. Glaube und Ver­nun­ft ger­at­en daher immer wieder aneinan­der, schließen sich in ihren Fol­gerun­gen meist aus und führen zu ein­er Spal­tung des Welt­bildes.

Auch wenn ein »aufgek­lärter« Christ die bib­lis­chen Schöp­fungs­geschicht­en heute nicht mehr als natur­wis­senschaftliche Darstel­lun­gen auf­fasst und den Beschrei­bun­gen heute nur noch die all­ge­meine Botschaft ent­nimmt, dass die Welt und der Men­sch let­ztlich von Gott erschaf­fen wur­den – siehe die vor­angestellten Bemerkun­gen zum Buch Gen­e­sis auf S. 4, let­zter Absatz der Ein­heit­süber­set­zung! – so hält er – wenn er denn gläu­big ist – nach wie vor daran fest, dass der Men­sch nicht oder nicht nur Ergeb­nis natür­lich­er Entwick­lung ist, son­dern der von Gott bewusst in die Welt geset­zte, mit ein­er unsterblichen Seele verse­hene Part­ner und sein Eben­bild. Im Zwei­fel ste­ht für ihn der Glaube über aller Wis­senschaft und Ver­nun­ft.

Schon Mar­tin Luther (1483–1546) sah das Dilem­ma und nan­nte kon­sequenterweise die Ver­nun­ft »des Teufels Braut«, eine »schöne Met­ze« und »Gottes ärg­ste Feindin«. An ander­er Stelle sagte er: »Auf Erden (ist) unter allen Gefährlichkeit­en kein gefährlich­er Ding denn eine hochre­iche sin­nige Ver­nun­ft.« Und: »Ver­nun­ft muß geblendet sein« und »der Glaube (muß) alle Ver­nun­ft, Sinne und Ver­stand mit Füßen treten.« 62 Da für Luther allein der Glaube maßgebend war, gab es für ihn kein Schwanken zwis­chen Glauben und Ver­nun­ft. Allein das Heil sein­er Seele, die Erlö­sung von dieser Welt war das, worauf es ihm ankam.

Kann diese Entschei­dung, ver­bun­den mit ein­er solchen Ver­ach­tung für Denken und Ver­stand, für einen heuti­gen Men­schen noch in Frage kom­men? Nach Luthers Auf­fas­sung muss der natür­liche Wille des Men­schen nach Er­kenntnis der Wahrheit aufgegeben, man kön­nte auch sagen: gebrochen wer­den, zugun­sten des Glaubens und damit seines See­len­heils. Dieser Glaube sei mehr als nur Meinen und Für­wahrhal­ten, er bedeute, von Gott überzeugt zu sein und sich ihm unter Zurück­stel­lung aller Bedenken radikal anzu­ver­trauen.

Was aber, wenn in mir doch immer wieder der Zweifel nagt, das Bedürf­nis nach Hin­ter­fra­gen der Dinge nicht mehr zu unter­drück­en ist, wenn Ein­sicht und Ver­stand sich gegen die dog­ma­tis­chen Zumu­tun­gen des Glaubens gerade­zu auf­bäu­men? Spätestens an dieser Stelle wird mir ent­ge­genge­hal­ten, dass Luther wohl ein kluger Mann gewe­sen sei, aber in sein­er Zeitgebunden­heit habe er noch nicht erken­nen kön­nen, dass sich Glaube und Ver­nun­ft gar nicht auss­chlössen. Die mod­er­nen Wis­senschaften, beson­ders die Quan­ten­physik, aber auch bes­timmte Entwick­lun­gen in der Kos­molo­gie, zeigten vielmehr – so die Argu­men­ta­tion eines Gläu­bi­gen an dieser Stelle – dass bei­de »Erken­nt­n­is­flügel, näm­lich Glaube und Ver­stand« – so Papst Johannes Paul II. – aufeinan­der angewiesen seien. Schließlich gäbe es immer mehr – so die Behaup­tung – aufgeschlossene Wis­senschaftler, die zum Glauben zurück­fän­den.

Die Hölle – ein weit­er­er wichtiger Begriff im Glaubens­beken­nt­nis – spielt im weltweit­en Chris­ten­tum nach wie vor eine zen­trale Rolle und ist zugle­ich die grausam­ste und niederträchtig­ste gedankliche Kon­struk­tion, die Chris­ten­tum beziehungsweise Kirche sich aus­gedacht oder von anderen Reli­gio­nen über­nom­men haben. Über eine Zeit von fast zweitausend (!) Jahren wurde den Men­schen, die im Herrschafts­bere­ich der Kirche leben muss­ten, mit ewig andauern­den entset­zlich­sten Qualen für den Fall ungläu­bi­gen Ver­hal­tens gedro­ht. Wie ste­ht es eigentlich um die Überzeu­gungskraft ein­er Bot­schaft, die sich solch bru­taler Ein­schüchterun­gen bedi­enen muss? Wie vere­in­bart sich das eigentlich mit der ange­blich unendlichen Barmherzigkeit und Liebe Gottes zu den Men­schen?

Jesus selb­st, auf den diese über alle Maßen erbar­mungslose Strafan­dro­hung zurück­ge­ht, kann nicht beson­ders überzeugt von der Wirk­samkeit seines Predi­gens und Han­delns gewe­sen sein. Denn er wird nicht müde und fin­det viele Gele­gen­heit­en, auf die Kon­se­quen­zen der Ablehnung sein­er Botschaft hinzuweisen, und schildert uns die dann zu erwartende Hölle als Ort ewig bren­nen­den Feuers. Und wie vere­in­bart sich die immer wieder beschwo­rene »unendliche Liebe und Barmherzigkeit Gottes« und die auch von Jesus geforderte Näch­sten- und sog­ar Fein­desliebe mit solchen ewig (!) andauern­den fürchter­lich­sten Schmerz­zufü­gun­gen, die jene zu erwarten haben, die bloß seine himm­lis­che Botschaft nicht annehmen mögen? Jede Insti­tu­tion, die heute mit solchen Straf­maß­nah­men, gar nie enden­den, dro­hte, um ein bes­timmtes Ver­hal­ten zu erzwin­gen, würde geächtet wer­den. Man würde das zu Recht als Andro­hung von Folter beze­ich­nen. Die Maßstäbe von Human­ität gel­ten aber offen­bar nicht für die bib­lis­che Lehre.

Ange­blich erwartet Gott das frei­willige Ja zu ihm. Wie kann aber von ein­er freien Entschei­dung die Rede sein, wenn die Alter­na­tiv­en so extrem un­gleichwertig sind. Wie kann Gott uns Wil­lens­frei­heit ge­ben und gle­ichzeit­ig dro­hend ver­lan­gen, dass wir uns für ihn entschei­den? Wie kann man von ein­er frei­willi­gen und überzeugten Hin­wendung zum Glauben sprechen, wenn als Alter­na­tive nur die denkbar größte per­sön­liche Katas­tro­phe dro­ht!

Dass das Feuer in der Hölle nicht etwa nur im über­tra­ge­nen Sinn beziehungsweise sym­bol­isch gemeint war, son­dern als tat­säch­lich existierende und schmer­zlich­ste Höl­leng­lut zu ver­ste­hen ist, geht aus vie­len kirch­lichen Lehrbüch­ern und the­ol­o­gis­chen Lexi­ka her­vor. Auf unzäh­li­gen bildlichen Darstel­lun­gen mit christlich-religiösen Motiv­en und zum Beispiel auf vie­len Deck­en­malereien in Kirchen wird uns das höl­lis­che Infer­no drastisch vor Augen geführt. Die Kirchen­geschichte ken­nt nicht wenige Gläu­bige, die die Hölle als Gottes unwürdig, als Schand­mal der christlichen Lehre ansa­hen und ihre Exis­tenz daher leugneten. Sie mussten für ihre ket­zerischen Ansicht­en prompt schon mal mit einem irdis­chen Höl­len­feuer büßen.

Nach Mei­n­ung des Kirchen­lehrers Augusti­nus (354–430) beka­men unge­taufte Kinder das Höl­len­feuer zu spüren, »wenn auch in weniger schmerzhafter Weise als alle, die per­sön­liche Schuld auf sich geladen haben«. Später wurde daraus eine Vorhölle, wo ihnen ein von Qualen freier Aufen­thalt­sort zugewiesen würde. Päp­ste und Kirchen­lehrer baut­en im Laufe der Zeit die »The­o­rie« der Vorhölle, des Fege­feuers, ein­er Art läutern­der und der Über­prü­fung dienen­der Zwis­chen­sta­tion, und der eigentlichen Hölle immer weit­er aus und legten selb­s­ther­rlich fest, wer sich­er, wer vielle­icht, aus welchen Grün­den und wie lange in das Fege­feuer oder für immer in die Hölle kommt und dort mit welch­er Inten­sität gequält wird. 65

Eine solche aus­gek­lügelte Form von Sadis­mus kann eigentlich nur kranken oder durch eine Irrlehre deformierten Hir­nen entsprun­gen sein. Dieses Ein­schüchtern und Dro­hen mit entset­zlich­sten Kon­se­quen­zen für das Abwe­ichen vom Glauben­sp­fad führte dazu – wie die The­olo­gin Uta Ranke-Heine­mann sarkastisch ver­merkt – dass »der Christ sich mehr vor der Hölle fürchtet, als er sich auf den Him­mel freut«. 66 Nach neuester »the­ol­o­gis­ch­er Erken­nt­nis«, durch eine vatikanis­che Kom­mis­sion ermit­telt und im Jahr 2007 verkün­det, gibt es nun auf ein­mal keine Vorhölle mehr! Ist diesen selb­s­ther­rlichen und welt­frem­den alten Her­ren im Vatikan wirk­lich nicht bewusst, welche Anmaßung, Dreistigkeit und boden­lose Ein­falt in ihren phan­tasierten Fes­tle­gun­gen über Vorhölle, Hölle und Fege­feuer steckt?

Somit hat Jesus der Men­schheit über seine Verkün­der nicht nur die Botschaft der Liebe und des Friedens gebracht, son­dern auch die schlimm­ste aller denkbaren Drohun­gen, denen die Mensch­heit je aus­ge­set­zt war. Aber­mil­lio­nen von Men­schen lit­ten und lei­den bis heute unter dieser unsäglichen göt­tlichen War­nung vor ewiger Vergel­tung, ewiger Folter. Gemessen an dem Elend, das diese Dro­hung in den Psy­chen nicht mehr zu zäh­len­der Men­schen aus­gelöst hat, verblasst die – selb­st von Kri­tik­ern der christlichen Lehre – Jesus immer noch zugeschriebene einzi­gar­tige und vor­bild­hafte moralis­che Rolle. Zudem muss­ten ungezählte Men­schen lebendi­gen Leibes den Feuer­tod erlei­den, weil man sein­erzeit bibel­treu glaubte, nur auf diese Weise ihre See­len möglicher­weise vor ewiger Höl­len­pein ret­ten zu kön­nen. So betra­chtet ist die Per­son Jesus (bzw. das ihm zuge­sproch­ene Wort) – man wagt es kaum auszus­prechen, aber die Logik erzwingt es – Ini­tia­tor für das größte psy­chis­che Unheil, das der Mensch­heit – zumin­d­est im Einzugs­bere­ich des christlichen Glaubens – je zuge­fügt wurde. Selb­st wenn man ein­räumt, dass eben­so viele, vielle­icht sog­ar noch mehr Men­schen Trost und Hil­fe in dieser Lehre fan­den – welch unge­heur­er Preis musste dafür bezahlt wer­den!

Eine Reli­gion, die über Jahrtausende und in vie­len Län­dern dieser Erde bis heute einen solchen Bes­tim­mung­sort für Men­schen vor­sieht, die sich nicht ihren zusam­men­phan­tasierten Vorstel­lun­gen fügen, ein Glaubenssys­tem, das ewige, grauen­hafteste Folterun­gen selb­st für nur ein­ma­lige Ver­fehlun­gen in einem kurzen Leben andro­ht, eine Kirche, die also Folter (!) als selb­stver­ständliche und von Gott einge­set­zte Bestra­fung für Glauben­sunge­hor­sam betra­chtet und die über Wort und Bild schon die Psy­chen der noch Leben­den mit Hor­rorvi­sio­nen quält, ver­di­ent nur ein Urteil: men­sche­nun­würdig und men­schen­ver­ach­t­end!

Nun kommt das Über­raschende: Der derzeit gültige katholis­che Katechis­mus ken­nt auf ein­mal die Hölle als Ort ewig quälen­den Feuers nicht mehr! Kein Wort über diese Jahrtausende alte, fin­ster­ste Andro­hung, die über unzäh­lige Predigten, Schrif­ten und Bilder in den Köpfen wehrlos­er Men­schen ver­ankert wurde und stets genutzt wer­den kon­nte, Schafe samt auf­muck­ender Böcke bei der Stange zu hal­ten. Welche Erken­nt­nisse sind denn in den let­zten zwanzig, dreißig Jahren gewon­nen wor­den, dass es nun plöt­zlich abso­lut ver­harm­losend heißt, die Hölle sei ein »Zus­tand der endgülti­gen Selb­stauss­chließung aus der Gemein­schaft mit Gott und den Seli­gen«. An ander­er Stelle: »Die schlimm­ste Pein der Hölle beste­ht in der ewigen Tren­nung von Gott …«. 67 Kein Wort mehr von jenen in der Bibel und später von der Kirche dras­tisch aus­ge­mal­ten ewigen und entset­zlich­sten Feuerqualen.

Alt­bischof Huber meinte in ein­er Talk­show wörtlich: »Die Hölle gibt es. Aber sie ist leer.« Da frage ich zurück: Hat Gott es sich anders über­legt oder kommt in diesem »Ent­ge­genkom­men« nur zum Vorschein, dass das alles the­ol­o­gis­che Kon­struk­tion war, um Men­schen durch Angst zu gehor­samen und demutsvollen Gläu­bi­gen zu machen?

Dieses kom­men­tar­lose, ger­adezu skru­pel­lose Fal­l­en­lassen ein­er über zwei Jahrtausende geübten Erpres­sung­sprax­is ist von größter Unredlichkeit und Schäbigkeit, vor allem, wenn man sich bewusst­macht, welch­es uner­messliche psy­chis­che und physis­che Unheil in und an Mil­lio­nen Men­schen über die Jahrhun­derte angerichtet wurde, und dass sich unter anderem – oder vor allem? – auf Grund die­ser von den Men­schen bit­ter­ernst genomme­nen Andro­hung die zahlen­mäßige Größe der Kirche erk­lärt. Es gibt seit­ens der Kirchen kein Wort des Bedauerns, keine erk­lärende Entschuldigung.

Dieser bemerkenswerte – aus der Sicht eines Chris­ten eigentlich erfreuliche – Sinneswan­del der Kirche ist nun nicht etwa auf Mitleid mit den Ungläubi­gen oder auf die Wieder­ent­deck­ung des in der Berg­predigt geforderten barm­herzigen Miteinan­derumge­hens zurück­zuführen, son­dern beruht allein auf der Ein­sicht, dass man sich mit dieser mit­te­lal­ter­lichen Drohkulisse heute nur noch lächer­lich macht. Stillschweigend wird also ein mächtiges und be­währtes Erpres­sungsmit­tel gestrichen. Man sieht, die kirch­lichen Machtin­stru­mente greifen auf­grund der wach­senden Aufgek­lärtheit der Men­schen immer weniger. Und auch was vom dog­ma­tis­chen Gebälk noch ste­henge­blieben ist, das ächzt und kracht in allen Fugen.

»Niederge­fahren zur Hölle, am drit­ten Tage aufer­standen von den Toten, aufge­fahren gen Him­mel«, so heißt es im Glaubens­beken­nt­nis. Aber wer glaubt das so noch? Diesen Worten und diesem Bild liegt offen­bar eine Vorstel­lung von der Welt zugrunde, die eingeteilt ist in die Stock­w­erke Hölle, Erde und Him­mel. Und mit dem Aufer­ste­hen eines defin­i­tiv Toten haben wir eben­so unsere Prob­leme, wenn wir den gesamten Vor­gang nicht als einen sich außer­halb der Naturge­set­ze abspie­len­den auf­fassen wollen. Dazu allerd­ings dürften immer weniger Men­schen bere­it sein.

Einige The­olo­gen, der bekan­nteste unter ihnen war wohl Rudolf Bult­mann (1884–1976), haben daher ver­sucht, Bibel und Glaubensbekennt­nis zu »ent­mythol­o­gisieren«, das heißt, die ursprüngliche Aus­sage von den mythis­chen Vorstel­lun­gen und Sprach­for­men der dama­li­gen Zeit zu befreien und den Text so zu deuten, dass auch ein heutiger Men­sch die darin ange­blich ent­haltene »eigentliche« Botschaft ver­ste­hen und annehmen kann. Für Him­mel und Hölle mag man ja noch zeit­gemäßere Deu­tun­gen find­en, aber was soll an dem Bild von der »Aufer­ste­hung von den Toten« ent­mythol­o­gisiert wer­den? Sie wird vom Apos­tel Paulus, dem ersten und wichtig­sten The­olo­gen des Chris­ten­tums, ganz wörtlich ver­standen und zum alles entscheiden­den Kri­teri­um für die Wahrheit dieses Glaubens gemacht: »Ist aber Chris­tus nicht aufer­weckt wor­den, dann ist unsere Verkündi­gung leer und euer Glaube sinn­los.« (1. Brief an die Korinther, Kap. 15, Vers 12–19)

Es han­delt sich – geht man nach dem Wort­laut der Bibel und sein­er kirch­lichen Inter­pre­ta­tion – um eine ganz zen­trale und eben nicht sym­bol­isch gemeinte Aus­sage. Der aktuelle katholis­che Kat­e­chis­mus stellt ein­deutig klar: »Angesichts dieser Zeug­nisse [gemeint sind die vie­len im Neuen Tes­ta­ment genan­nten Per­so­n­en, die Jesus als Wieder­aufer­stande­nen gese­hen haben wollen, U. L.] ist es unmög­lich, die Aufer­ste­hung als etwas zu inter­pretieren, das nicht der physis­chen Ord­nung ange­hört, und sie nicht als ein geschichtlich­es Fak­tum anzuerken­nen.« Was dort etwas umständlich for­muliert wurde, heißt im Klar­text: Wir, die katholis­che Kirche, sind im Sinne eines im Prinzip nach­prüf­baren ge­schichtlichen Ereigniss­es davon überzeugt, dass ent­ge­gen aller men­schlichen Erfahrung und ent­ge­gen allen Geset­zen der Biolo­gie Jesus tat­säch­lich und leib­haftig, obwohl bere­its tot, wieder erweckt wurde und als lebendi­ger Men­sch unter seinen Jüngern weilte. Zur Him­melfahrt heißt es im katholis­chen Kat­e­chis­mus viel­sagend, dass »es ein geschichtlich­es und zugle­ich trans­zendentes Ereig­nis« sei. Anson­sten sind die Aus­führun­gen, was das kon­krete Geschehen der so genan­nten Him­melfahrt bet­rifft, von ein­er bemerkens­werten Unbes­timmtheit. 68

Der The­ologe Gerd Lüde­mann, Uni­ver­sität Göt­tin­gen, bestre­it­et, wie viele andere The­olo­gen auch, die Tat­sache der Aufer­ste­hung. Er sagte in einem Inter­view: »Was mich von früheren und heuti­gen Kol­le­gen, die meine Ansicht teil­ten und teilen, unter­schei­det, ist meine jahrzehn­te­lange und strik­te Infor­ma­tion der Öffentlichkeit über diesen ›welt­geschichtlichen Hum­bug‹, wie David Friedrich Strauß die Aufer­ste­hung beze­ich­nete. [D. F. Strauß, 1808–1874, deutsch­er Philosoph und The­ologe; Begrün­der der his­torisch-kri­tis­chen Forschung über das Leben vom Jesus; U. L.] … Nach mein­er Erfahrung sagen 50 Prozent der The­olo­giepro­fes­soren, evan­ge­lis­che wie katholis­che, dass die Aufer­ste­hung nicht stattge­fun­den hat. Sie sagen das aber nur ihren Stu­den­ten. Die andere Hälfte schweigt aus Grün­den der Oppor­tu­nität«. 69 Eigentlich ist das eine unge­heuer­liche Aus­sage, die für mich die ganze Brüchigkeit und Unwahrhaftigkeit der christlichen The­olo­gie bloßlegt.

So ganz neben­bei bemerkt: Wenn die Aufer­ste­hung und das anschlie­ßende Erscheinen unter seinen Jüngern von so zen­traler Bedeu­tung für die christliche Botschaft sind, warum zeigte sich der Aufer­standene nicht auch Pon­tius Pila­tus und den Hohen Priestern? Das wäre wahrlich ein erstrangiges und vor allem geschichtlich doku­men­tiertes Zeug­nis sein­er außerirdis­chen Herkun­ft und göt­tlichen Macht gewe­sen. …

Resümierend möchte ich fest­stellen, dass für mich der christliche Glaube nichts anderes ist als eine – zugegeben ein­drucksvoll aus­ge­feilte – gedankliche Kon­struk­tion, die sich aus älteren religiösen Vor­bildern und ural­ten Mythen im Laufe der Jahrhun­derte entwick­elt hat, dabei zugle­ich immer auch ein Instru­ment macht­poli­tis­chen Agierens war. Es han­delt sich für mich um ein Gedankenge­bäude, das als Wun­schvorstel­lung aus dem Bedürf­nis nach Über­win­dung von Not, Krank­heit und Tod ent­stand, dessen Bezugspunkt im Jen­seits nur in den Köpfen der Gläu­bi­gen existiert und dem im Dies­seits jede glaub­würdi­ge Begrün­dung fehlt. Dass dieser Glaube für unzäh­lige Men­schen den­noch von großer Anziehungskraft ist, zumal ohne­hin die aller­meis­ten in diesen hineinge­boren und »hinein­er­zo­gen« wur­den, erk­lärt sich u. a. aus Ver­zweiflung und Angst und der daraus ent­stande­nen »ver­trauen­den Hoff­nung« auf Erlö­sung aus irdis­chem Leid, auf Wie­dergeburt und aus­gle­ichende Gerechtigkeit der­male­inst im Jen­seits.

Bed­ingt durch eine zweitausend­jährige »Bauzeit« ist zweifel­los ein Gebäude von ger­adezu über­wälti­gen­der Größe ent­standen, sowohl in sein­er äußeren Erschei­n­ung wie in seinen geisti­gen, sprich the­ol­o­gis­chen Dimensi­onen. Da erscheint es ruch­los und ver­messen und die eigene Größe maß­los über­schätzend, sicher­lich auch viele Gläu­bige und ehrlich und uneigen­nützig engagierte Priester, Pfar­rer und Pfar­rerin­nen vor den Kopf stoßend, wenn man dieses Glaubens­ge­bäude, das Trost und Hil­fe nicht nur ver­spricht, son­dern in ungezählten Fällen auch spendete und spendet, als bloße Pro­jek­tion unser­er sehn­lich­sten Wün­sche beze­ich­net, als ein Gebäude, das allen­falls im Dies­seits seinen Grund hat.

Und der Peters­dom in sein­er majestätis­chen Größe, das ein­ma­lige kirchen­musikalis­che Schaf­fen eines Johann Sebas­t­ian Bach oder gar das opfer­volle Leben so viel­er Men­schen, die sich auss­chließlich ihrem Gott und ihrem Glauben hingaben – alles das soll let­ztlich nur ein­er Ein­bil­dung geschuldet sein? Es fällt nicht leicht, darauf mit einem beton­ten »Ja« zu antworten. Aber haben wir Skru­pel, das­selbe über Men­schen auszus­prechen, die einem anderen Glauben anhän­gen, über die Azteken oder Assyr­er etwa, die sei­nerzeit im Rah­men ihrer Glaubenssys­teme ihre Göt­ter auch mit größter Inbrun­st und Überzeu­gung verehrten, oder über Moslems oder Hin­dus, die ihren Gott beziehungsweise ihre Göt­ter eben­falls als real existierend betra­cht­en?

Ich kann wed­er an einen per­son­alen Gott glauben, also an Gott als Per­son, noch existiert für mich das, was die The­olo­gen Wil­lens­frei­heit nen­nen, die Frei­heit, mich für oder gegen diesen Gott zu entschei­den. Die Wil­lens­frei­heit musste um des christlichen Glaubens willen erfun­den wer­den, sie ist eben­so eine Illu­sion. Und auch die ver­sproch­ene Unsterblichkeit des Men­schen ist für mich nichts anderes als das gedankliche Ergeb­nis inbrün­sti­gen Erhof­fens. Diese drei »Grundpfeil­er der west­lichen Meta­physik« (Szczes­ny), also auch der christlichen Reli­gion, haben sich für mich als eine Fik­tion ent­pup­pt, die für mich deshalb keinen Glauben begrün­den kön­nen. Insofern ist auch der Opfer­tod von Jesus für mich ohne Bedeu­tung. »Für mich muss nie­mand ster­ben«, wie es ein Fre­und von mir ein­mal aus­drück­te.

Auf jedem noch so ver­stiege­nen oder ein­fachen, abar­ti­gen oder auch vernün­fti­gen Gedanken, wenn er denn nur ein irgend­wie manip­ulier­bares und aus­beutbares men­schlich­es Bedürf­nis anspricht, lässt sich offen­bar ein kom­plexes Glaubens­ge­bäude erricht­en. Mit the­ol­o­gis­ch­er Hil­fe ist ein solch­es Ge­bäude nach ein­er gewis­sen Zeit fer­tiggestellt und bietet ein­er verun­sicherten Psy­che eine willkommene Gele­gen­heit, sich hineinzu­flücht­en. Die christliche Lehre ist für mich ein Beispiel für eine solche gedankliche Kon­struk­tion. Die ursprüngliche Idee, der Traum von einem Weit­er­leben im Jen­seits, ist in den Rang ein­er sub­jek­tiv­en Wahrheit, ein­er nicht mehr in Frage gestell­ten Wirk­lichkeit gerückt. Ein­bil­dung und Wirk­lichkeit sind nicht mehr unter­schei­d­bar. Wie vie­len Men­schen christlichen Glaubens ist eigentlich diese irra­tionale Wand­lung von einem bloßen Wun­sch zu ein­er fes­ten Überzeu­gung bewusst? Und wenn sie ihnen bewusst ist, wollen sie sich diese eingeste­hen? Dabei ist nicht zu leug­nen, dass der christliche Glaube auch heute noch vie­len Mil­lio­nen Men­schen Trost und Gebor­gen­heit bedeutet. Aber eben­so wenig sind die intellek­tuellen Zumu­tun­gen und nicht wieder gutzu­machen­den Ver­fehlun­gen und Untat­en zu ignori­eren, die aus dieser Glauben­sid­ee erwuch­sen.

Denn was für eine absurde Kon­struk­tion! Eine Erb­sünde, die jedem Gerechtigkeit­sempfind­en zuwider­läuft, ver­bun­den mit der Behaup­tung der da­durch bed­ingten absoluten Sünd­haftigkeit des Men­schen. Es heißt, dass er sein­er Verderbtheit wegen der Erlö­sung durch ein schau­rig-blutiges Men­schenopfer bedürfe. Das Dog­ma des dreifalti­gen Gottes ein­sichtig zu erklä­ren gelingt nicht ein­mal The­olo­gen. Doch nur der unbe­d­ingte Glaube an die­se Botschaft führt ins Paradies und zu ewigem Leben, andern­falls dro­ht ent­setzliche Apoka­lypse und Höl­len­pein, sprich: ewige Folter. Zur fro­hen Bot­schaft des Heilsver­sprechens gesellt sich als ständi­ger Begleit­er die unter­schwellige Angst vor der Rache Gottes. Der Auf­trag, die Nachricht von dem ver­sproch­enen Heil in alle Welt zu tra­gen, wurde mit gnaden­los­er Unduldsam­keit aus­ge­führt und ver­langte der übri­gen Men­schheit mil­lio­nen­fach Opfer ab.

Jah­we begann übri­gens als klein­er Wet­ter­gott auf dem Sinai und wurde nach und nach durch die Priester zum allmächti­gen und all­wis­senden Vater­gott der Chris­ten aufge­baut (s. Anm. 24). Trotz sein­er All­wis­senheit täuschte er sich über die Natur der Men­schen und musste seine Fehlein­schätzung durch Sint­flut und Opfern seines Sohnes Jesus kor­rigieren. Dieser gefolterte und sadis­tisch hin­gerichtete Jesus am Kreuz als Sym­bol für eine Lehre der barmherzi­gen Liebe Gottes zu den Men­schen? Man sehe es mir nach, wenn ich zu dieser obskuren Kopfge­burt ein entsch­iedenes »Nein, danke!« sage.

Welch ein Kon­trast wiederum zwis­chen dieser Glaubens­beschrei­bung und der fröh­lichen Fröm­migkeit eines überzeugten Kirchgängers oder dem hoff­nungser­füll­ten Beten eines Wall­fahrers. Was fehlt mir, dass ich mich ein­er solchen heils­gewis­sen Gläu­bigkeit ver­weigere? Fehlt mir Angst, man­gelt es mir an Unbe­darftheit oder ent­behre ich jen­er »höheren Ein­sicht«, die mich mit leuch­t­en­den Augen in eine Sphäre entrück­en ließe, wo mich keine Ver­nun­ft mehr irri­tiert und keine Zweifel mehr quälen? …

Ausschnitte aus Kapitel VII:

Überlegungen zu einem alternativen Welt- und Menschenbild

In den Kapiteln I bis IV habe ich den Ver­such unter­nom­men, wesentliche Erken­nt­nisse heutiger Natur­wis­senschaft zusam­men­zu­tra­gen; jeden­falls sol­che, die mir für ein Welt­bild bedeut­sam erscheinen und dem heuti­gen Wis­sens­stand gerecht wer­den. Vor allem die Ein­sicht­en der Astro­physik, der Mi­krophysik, der Syn­thetis­chen Evo­lu­tions­bi­olo­gie, der Hirn­forschung sowie der mod­er­nen Sozio­bi­olo­gie sind es, die mein Bild von Men­sch und Welt zeich­nen. Diese Ein­sicht­en bilden die Basis ein­er – wie man sagt – naturalis­tischen Weltan­schau­ung. Die Grun­daus­sage des Nat­u­ral­is­mus lautet, dass die Natur­wis­senschaft alles, was für uns erkennbar existiert, also alles Materielle, auch alles Geistige und Moralis­che, nach Entste­hung, Struk­tur und Funk­tion im Prinzip erk­lären kann. Der Nat­u­ral­is­mus betont die Ein­heit von Geist und Materie. Auch Geist und Bewusst­sein seien Teil beziehungsweise Funk­tion der materiellen Natur, somit auch der natur­wis­senschaftlichen Erforschung zugänglich. Natur­wis­senschaft ihrer­seits grün­det auf Logik und Empirie, ge­nauer: Beobach­tung, Hypothe­sen­bil­dung, Exper­i­ment, Über­prü­fung und The­o­riebil­dung.

Nach nat­u­ral­is­tis­ch­er Auf­fas­sung bedarf es zur Erk­lärung der für uns sicht- und erfahrbaren Welt prinzip­iell kein­er über­natür­lichen Phänomene, vor allem gibt es keine Wun­der und keine unkör­per­lichen Wesen­heit­en. Auch ange­blich aus ein­er jen­seit­i­gen Welt emp­fan­gene Ein­sicht­en und Erleuchtun­gen gel­ten als irrel­e­vant bezüglich Erken­nt­nis und Bedeu­tung, weil deren Quelle unbekan­nt und nicht über­prüf­bar ist. Ob es über die für uns erfahrbare Welt hin­aus noch etwas gibt, was wir möglicher­weise prinzip­iell nicht er­fassen und begreifen kön­nen, ist für mich dage­gen eine offene Frage. Dass es Dinge »zwis­chen Him­mel und Erde« gibt, die wir derzeit wis­senschaftlich nicht erk­lären und einord­nen kön­nen, das allerd­ings ste­ht ohne Zweifel fest.

Betra­chtet man die Summe an Erken­nt­nis­sen, die die Naturwissenschaf­ten in den let­zten hun­dert Jahren zusam­menge­tra­gen haben, dann kann man un­geachtet aller beste­hen­der, teil­weise sog­ar gravieren­der Wissenslü­cken ohne Über­he­blichkeit fest­stellen, dass sich natur­wis­senschaftliche Meth­o­d­en zur Erk­lärung der Welt philosophis­chen, the­ol­o­gis­chen und auch geis­teswis­senschaftlichen Meth­o­d­en gegenüber als über­legen erwiesen haben – trotz der hypo­thetis­chen Natur aller Erken­nt­nis. Und in erster Lin­ie sind es heute die Natur­wis­senschaften und die aus ihnen her­vorge­hen­den Tech­nolo­gien, die uns mit Fra­gen gesellschaftlich rel­e­van­ter Zielset­zung, des Sinns und der Ethik her­aus­fordern, und nicht die Philoso­phie und auch nicht die Geis­teswis­senschaften. Es sind meines Eracht­ens die Natur­wis­senschaften, die Wirk­lichkeitswis­senschaften, deren Meth­o­d­en und Erken­nt­nisse das Poten­tial haben, Philoso­phie und Geis­teswis­senschaften anzure­gen und weit­erzuen­twick­eln. Deshalb verken­nt der kri­tisch-polemis­che Vor­wurf, die Natur­wis­senschaften hät­ten einen »nat­u­ral­is­tisch-szi­en­tis­tisch verengten« und »reduk­tion­is­tis­chen« Wis­senschafts­be­griff (Haber­mas) dessen tat­säch­lich­es wis­sens­gener­ieren­des und erken­nt­nis­er­weit­ern­des Ver­mö­gen.

Eng mit den Grun­daus­sagen eines Men­schen- und Welt­bildes hängt die Frage nach dem Sinn des Lebens zusam­men, ins­beson­dere die Frage, welch­es Bestreben und welche Bedeu­tung man dem eige­nen Dasein zuschreibt. Der gläu­bige und sein Leben bewusst im Sinne der christlichen Lehre gestal­tende Men­sch wird den Sinn seines Lebens in ein­er auf Gott ausgerichte­ten und Gott wohlge­fäl­li­gen Lebens­führung sehen. Er sieht sein Leben als Gottes­geschenk an, unab­hängig davon, dass die Wis­senschaft den Akt der Men­schw­er­dung durch einen evo­lu­tionären Prozess erk­lären und begrün­den kann. Das irdis­che Dasein ist für ihn die Vor­bere­itung auf ein dies­seitiges Leid aus­gle­ichen­des und ewiges Leben einst im Jen­seits. All sein Tun und Tra­cht­en hier auf Erden ist let­ztlich an diesem ober­sten Ziel ori­en­tiert. Die meis­ten Men­schen allerd­ings – das dürfte eine sich­er nicht willkür­liche Behaup­tung sein – machen sich in dieser Hin­sicht wenig oder keine Gedanken – bis zu dem Zeit­punkt, an dem ein schw­er­er Schick­salss­chlag, wie eine lebensverkürzende Krankheit oder der Tod eines nah­este­hen­den Men­schen, ein Nach­denken über sich selb­st und das bloße tägliche Funk­tion­ieren aus­löst.

Wer die Welt aus nat­u­ral­is­tis­ch­er Sicht betra­chtet und wem das christliche Men­schen­bild keine akzept­able Sin­nper­spek­tive mehr bietet, braucht neue und andere Antworten auf zwei wesensver­schiedene Fra­gen, wenn er denn über­haupt an ein­er dies­bezüglichen Ori­en­tierung inter­essiert ist. Erstens: Was ist der Men­sch aus der Sicht der heuti­gen Wis­senschaft, speziell der Biolo­gie, Hirn­forschung und Sozio­bi­olo­gie? Damit befasst sich die Anthro­polo­gie, die Lehre von den Eigen­schaften und Ver­hal­tensweisen des Men­schen. Während früher fast auss­chließlich die Philoso­phie sich dieser The­matik annahm, kom­men heute die entschei­den­den Ein­sicht­en aus den Natur­wis­senschaften und aus ein­er natur­wis­senschaftlich ori­en­tierten Psy­cholo­gie und Sozi­olo­gie. Die Frage ist, ob der Men­sch in seinem Wesen mehr ist, als man empirisch an ihm fest­stellen kann. Welche Wesens­merk­male kennze­ich­nen ihn, die er nur sich selb­st zuschreibt? Zweit­ens: Welche Werte und Nor­men sollen für den Men­schen heute und zukün­ftig gel­ten, wenn herkömm­liche, christlich-religiös begrün­dete Maßstäbe für das, was »gut« und »böse« sei – Stich­worte etwa Embry­onen­forschung oder Ster­be­hil­fe – nicht mehr all­ge­mein akzep­tiert wer­den? Für diese Fra­gen ist die Ethik zuständig, die Lehre vom richti­gen und ver­ant­wor­tungs­be­wussten Han­deln. Auch die Ethik war ursprüng­lich eine The­matik, die in den Zuständigkeits­bere­ich der Philoso­phie fiel, später meldete die The­olo­gie hier ihre Ansprüche an. Inzwis­chen schickt sich die Sozio­bi­olo­gie an, moralis­ches Ver­hal­ten von Men­schen und Gesellschaften als Ergeb­nis der biol­o­gis­chen und kul­turellen Evo­lu­tion zu erk­lären. Damit ist in jüng­ster Zeit eine natur­wissenschaftlich (!) ori­en­tierte Diszi­plin aufge­treten, die dem Anspruch von Kirche und Reli­gion wider­spricht, in Fra­gen der Moral beziehungsweise Ethik allein als urteilende Erst- und Let­ztin­stanz legit­imiert zu sein. Die So­ziobiologie wider­legt mit ihren Erken­nt­nis­sen die Jahrtausende alte Vorstel­lung, dass nur Gott als Ursprung aller Moral und Sit­tlichkeit gel­ten könne.

Was die erste Frage bet­rifft, so ist in Kapi­tel III dargelegt wor­den, wie Physik und Biolo­gie heute das Entste­hen von Welt und Men­sch beschreiben und erk­lären. Welt und Men­sch sind – so desil­lu­sion­ierend, ja erschüt­ternd das auch emp­fun­den wer­den mag – absicht­s­los ent­standen, sie sind das Ergeb­nis unge­planter, aber naturge­set­zlich ges­teuert­er Selb­stor­gan­i­sa­tion­sprozesse der Materie, die im Ver­lauf der Entwick­lung zu immer kom­plex­eren Aus­for­mungen führten. Der Men­sch als Wesen ist das, was die Evo­lu­tion als Ergeb­nis von Zufall und Notwendigkeit, also zufäl­li­gen Änderun­gen des Erb­guts und notwendi­ger Bewährung in der vorge­fun­de­nen Umwelt her­vorge­bracht hat. Er war wed­er geplant noch von irgen­dein­er Instanz »gewollt«. Das Existierende erscheint uns nur deshalb als gewollt, weil wir gewohnt sind, Zweck­mäßiges, Sin­nvolles und Angepasstes in den Kat­e­gorien von Ziel, Sinn und Plan zu inter­pretieren.

Aber nicht nur das kör­per­liche Wer­den des Men­schen ist in seinem Entste­hen entza­ubert wor­den. Die Hirn­forschung ist längst dabei, auch den Geist des Men­schen als ein erk­lär­bares Phänomen zu betra­cht­en. Das unlös­bar erscheinende Leib-Seele-Prob­lem erweist sich zuneh­mend als Schein­prob­lem. Die Dop­pel­natur des Men­schen – sowohl ein kör­per­lich­es wie ein geistiges Wesen zu sein – existiert nur als philosophisch-the­ol­o­gis­ches Kon­strukt. Die Deu­tung des Men­schen als beseeltes Geschöpf Gottes und sein Eben­bild bleibt allen­falls ein poet­is­ch­er, ein die nur gedachte Seele erwär­mender Gedanke.

In den fol­gen­den Unterkapiteln möchte ich ver­suchen, diese Fra­gen zu beant­worten und meine Alter­na­tiv­en aufzuzeigen. Ich werde zunächst für mich klären, was der Sinn des Lebens und speziell der meines Lebens sein kön­nte. Dabei werde ich sehr wohl reg­istri­eren, welche Gedanken andere Men­schen dazu äußern, und diese in meine Über­legun­gen ein­beziehen. Davon aus­ge­hend werde ich die Ideen eines sich neu formieren­den Human­is­mus auf­greifen und den Ver­such unternehmen, für mich ein Lebens- und Ver­hal­tenskonzept zu skizzieren, das meinen per­sön­lichen Vorstel­lun­gen entspricht. An zwei Beispie­len – der vorge­burtlichen Diag­nos­tik und der Selb­st­bes­tim­mung am Lebensende – möchte ich mein human­is­tis­ches Leben­skonzept punk­tuell konkretisieren. Denn je konkreter die moralisch-ethis­chen Fra­gen des täglichen Lebens gestellt wer­den, umso deut­lich­er der Bedarf nach weltan­schaulich­er Ori­en­tierung, und je konkreter sie beant­wortet wer­den, umso klar­er wer­den die Unter­schiede zwis­chen religiös­er und säku­lar­er Leben­sauf­fas­sung erkennbar.

Allerd­ings sieht sich ein weltlich­er Human­is­mus umstellt von religiösen – christlichen, jüdis­chen und ver­stärkt in let­zter Zeit islamis­chen – Kräften, die ver­suchen, mit poli­tis­chen, juris­tis­chen, päd­a­gogis­chen und medi­alen Mit­teln die Ent­fal­tung ein­er alter­na­tiv­en Weltan­schau­ung zu behin­dern, wenn nicht zu ver­hin­dern. Diese weltan­schaulichen Kon­flik­te gefährden in ein­er zunehmend mul­ti­weltan­schaulichen Gesellschaft den sozialen Frieden. Die Lösung kann nur in ein­er laizis­tis­chen Gesellschaft­sor­d­nung beste­hen, das heißt, in ein­er kon­se­quenten Tren­nung von Staat und Reli­gion. Das let­zte Unterkapi­tel schließ­lich wagt unter dem Stich­wort Tran­shu­man­is­mus die physis­che, psy­chis­che und soziale Weit­er­en­twick­lung des Men­schen und sein­er tiefen Sehn­sucht nach dauer­hafter Exis­tenz zu the­ma­tisieren und die phan­tastis­chen, aber durch­aus prob­lema­tis­chen Möglichkeit­en anzus­prechen, die in der geplanten Fort­führung der Evo­lu­tion durch den Men­schen selb­st liegen kön­nten.

  Beken­nt­nis zu einem human­is­tis­chen Leben­skonzept

 Ich habe nicht die Vorstel­lung von einem Gott, der über mir ste­ht und mir dere­inst das ewige Leben schenken wird, sofern ich mich denn dieser Gnade über­haupt würdig erwiesen hätte. Ich habe die Erken­nt­nis mein­er endgülti­gen Sterblichkeit akzep­tiert und ver­suche beziehungsweise ver­suchte, dieses eine Leben so zu gestal­ten, dass ich es rück­blick­end als zufrieden­stel­lend, hin­sichtlich manch­er Leben­sphasen vielle­icht sog­ar als erfüllt im schön­sten Sinne des Wortes betra­cht­en kann. Wenn es mir darüber hin­aus immer mal wieder gelun­gen sein sollte, anderen Men­schen zur Verbesserung ihrer Lebenssi­t­u­a­tion und zu mehr Freude in ihrem Leben ver­holfen zu haben, dann hätte ich das Gefühl, im Rah­men der mir gegebe­nen Möglichkeit­en ein Leben geführt zu haben, das eine gewisse Bedeu­tung gehabt hat.

Nun muss ich allerd­ings erken­nen, dass ich nach einem Dreiviertel­jahrhun­dert gelebten Lebens in der Sit­u­a­tion bin, inzwis­chen mehr zurück als nach vorn zu schauen. Insofern kann ich vieles von dem, was ich bish­er über ein sin­nvolles und erfülltes Leben gesagt habe, gar nicht mehr selb­st umset­zen. Ich denke, dass dies der Tat­sache geschuldet ist, in ein­er Zeit zu leben, in der die alten, wie selb­stver­ständlich christlich-kirch­lich bes­timmten Leben­skonzepte noch wirken, während die neu aufkeimenden, sich davon eman­zipierenden und durch wis­senschaftliche Erken­nt­nisse geprägten Mod­elle noch nicht genü­gend entwick­elt oder bekan­nt waren, um als Alter­na­tiv­en zur Ver­fü­gung zu ste­hen. Viel zu spät ist mir dieser Umstand klarge­wor­den. Men­schen der kom­menden Gen­er­a­tio­nen wer­den es leichter haben, sich der Auf­gabe bewusst zu wer­den, dass sie selb­st ihrem Leben Sinn geben und sich daher freimachen müssen von unge­wollt über­nomme­nen tra­di­tionellen Vor­gaben. Mir bleibt nur übrig, mich in der verbleiben­den Zeit nach einem Leben­skonzept auszuricht­en, das den oben und nach­fol­gend beschriebe­nen grund­sät­zlichen Ein­sicht­en so weit wie möglich gerecht wird.

Konkret sehe ich ein solch­es Leben­skonzept im Human­is­mus for­muliert, der in sein­er neuzeitlichen Form (»Neuer Human­is­mus«) ein wis­senschaftlich fundiertes Men­schen­bild mit ein­er dies­seit­ig begrün­de­ten Ethik verbindet und dessen Leit­prinzip die Selb­st­bes­tim­mung ist. Der Human­is­mus der Aufk­lärung war philosophisch-geis­teswis­senschaftlich aus­gerichtet und entwick­elte sich in der Auseinan­der­set­zung mit der christlichen Lehre. Der sich formierende neue Human­is­mus begrün­det seine Auf­fas­sun­gen über das men­schliche »Sein und Sollen« weniger aus der Geg­n­er­schaft zu Kirche, Chris­ten­tum und Reli­gion all­ge­mein, son­dern leit­et zum einen seine Vorstel­lun­gen aus den Erken­nt­nis­sen der heuti­gen Natur­wis­senschaften ab, speziell der Kos­molo­gie, Evo­lu­tions­bi­olo­gie, Genetik und Hirn­forschung. Zum anderen liegen seinem Moral- bzw. Ethikkonzept nicht mehr die ange­blich meta­ph­ysisch vorgegebe­nen Kat­e­gorien »gut«, »böse« oder »schuldig« zu Grunde, son­dern solche, die un­mittelbar an den realen, tat­säch­lichen Inter­essen und Bedürfnis­sen der Men­schen ori­en­tiert sind.

Das in Kapi­tel V, 3 »Ist Moral ohne Gott möglich?« dargestellte Prinzip Fair­ness mit den Beurteilungskri­te­rien »fair« beziehungsweise »unfair« bei der Lösung von Inter­essenkon­flik­ten, die zwis­chen Men­schen natürlicher­weise beste­hen, scheint mir ein sehr gelun­gener, ein den Men­schen gerecht wer­den­der Ansatz zu sein. Im Zen­trum meines human­is­tis­chen Konzepts ste­ht jeden­falls für mich die Aus­sage, die in den Ohren viel­er Men­schen wie eine Pro­voka­tion klin­gen mag, dass der Men­sch das Maß aller Dinge sei und nicht eine ver­meintlich über uns ste­hende jen­seit­ige Got­theit. Dabei bin ich mir sehr wohl bewusst, dass der bloße Aus­tausch von Instanzen noch keine Garantie für eine bessere Lösung darstellt. Aber nicht einzelne Men­schen sollen hier über grundle­gende Nor­men entschei­den, son­dern miteinan­der kom­mu­nizierende Men­schen, die auf­grund von Sachver­stand, Lebenser­fahrung und Fol­gen­ab­schätzung wägen und urteilen. Insofern hät­ten Ethik-Kom­mis­sio­nen, wie sie derzeit im gesellschaft­spoli­tis­chen Raum exis­tieren, ihre Berech­ti­gung, wenn sie denn tat­säch­lich ein Spiegel­bild der moralisch-ethis­chen bzw. weltan­schaulichen Auf­fas­sun­gen der Bürg­er der Bundesrepu­blik Deutsch­land und nicht ein­seit­ig kirch­lich-religiös dominiert wären.

Der hier skizzierte Human­is­mus ver­ste­ht sich somit als eine weltliche Alter­native zur Reli­gion, als eine Welt­sicht, die ohne Göt­ter, Propheten und Priester auskommt, kein ange­blich von einem Gott dik­tiertes heiliges Buch und keine Dog­men ken­nt, das Wis­sen über die Welt und den Men­schen vor allem aus den Natur­wis­senschaften gewin­nt, sich von überkomme­nen, meta­ph­ysis­chen Moralvorstel­lun­gen löst, stattdessen ethis­che Nor­men an den fun­da­men­tal­en Bedürfnis­sen und Inter­essen der Men­schen ori­en­tiert. Es ist deshalb der oft geäußerten Mei­n­ung zu widerspre­chen, dass der weltliche Human­is­mus beziehungsweise der Athe­is­mus auch eine Form des Glaubens sei, mitunter wird sog­ar von einem »religiösen Athe­is­mus« gesprochen. Wenn zum Wesen ein­er Reli­gion die Annahme ein­er jen­seit­i­gen Instanz gehört, die in irgen­dein­er Weise auf mein Leben Ein­fluss nimmt, dann ist es unsin­nig und unl­o­gisch, auch dem weltlichen Human­is­mus oder dem Athe­is­mus religiöse Züge zuzus­prechen oder diesen als einen »Glauben« zu beze­ich­nen.

Hel­mut Fink (*1965) schreibt in »Der neue Human­is­mus – Wissenschaft­liches Men­schen­bild und säku­lare Ethik«: »Der alte Human­is­mus kon­nte noch als ›christlich­er Human­is­mus‹ ver­standen und gelebt wer­den. Der neue Human­is­mus ist weltlich. … Der alte Human­is­mus kon­nte noch rein geis­teswis­senschaftlich betrieben wer­den. Der neue Human­is­mus ist nat­u­ral­is­tisch.« Und weit­er sagt er: »Der neue Human­is­mus gren­zt sich gegenüber dem neuen Athe­is­mus bewusst konzep­tionell ab: Athe­is­mus ist eine bloße Neg­a­ti­vaus­sage. … Weltan­schauliche Fra­gen brauchen pos­i­tive Antworten. Es gibt die Welt. Und es gibt den Men­schen und seine Anla­gen, sein Ver­hal­ten und seine Vorstel­lun­gen und Ziele, seine Bedürfnisse und Inter­essen. Es gibt nichtre­ligiöse Sinnsuche (oder präzis­er: nichtre­ligiöse Sinnkonstruktions­bedürfnisse) und es gibt reli­gions­freies Kul­turschaf­fen. Der Men­sch braucht für seine Ori­en­tierung im Leben pos­i­tive Werte und Ethik, und hier­für bleibt der (säku­lare) Human­is­mus ein unverzicht­bar­er Ideen­fun­dus und Kul­turbe­stand. Der neue Athe­is­mus alleine kann in weltan­schaulich­er Hin­sicht nicht befriedi­gen. Der neue Athe­is­mus ist eine Absage an Gott. Der neue Humanis­mus ist eine Zusage an den Men­schen.« (Her­vorhe­bun­gen im Orig­i­nal)  8

Dieser »Neue Human­is­mus« ist nach allem bish­er Gesagten also eben­falls eine Weltan­schau­ung aber eben kein Glauben im herkömm­lichen Sinn. Der neue Human­is­mus beste­ht vere­in­facht gesagt aus drei Kom­po­nen­ten: Einem nat­u­ral­is­tis­chen Welt­bild, einem säku­laren Wertesys­tem und ein­er strik­ten Dies­seit­sori­en­tierung. Für mich per­sön­lich würde ich mein human­is­tis­ches Beken­nt­nis so beschreiben:

Erstens: Ich betra­chte das, was die heuti­gen Natur­wis­senschaften als derzeit gesicherte Erken­nt­nis anse­hen, für mich zunächst ein­mal als maßgebend und als Basis für alle weit­eren Über­legun­gen. Vor allem ist es die ratio­nale, logis­che und sys­tem­a­tis­che Denkweise der heuti­gen Natur­wis­senschaften und ihre empirische Ver­ankerung, die ich mir zum Vor­bild genom­men habe. Nach mein­er Überzeu­gung bilden ratio­nal-logis­ches Denken und natur­wis­senschaftlich erar­beit­etes Wis­sen die sich­er­ste und intellek­tuell befriedi­gend­ste Basis für unser Denken und Han­deln. Denn worüber man nichts Begrün­detes sagen kann, kann man allen­falls spekulieren. Sich seines Denkver­mö­gens zu bedi­enen, heißt deshalb für mich, nichts zu »glauben«, was dem Ver­stand und wis­senschaftlich­er Erken­nt­nis ein­deutig wider­spricht. Auch bin ich höchst skep­tisch allem gegenüber, was Gültigkeit, ja Wahrheit behauptet, ohne dafür wenig­stens plau­si­ble Gründe angeben zu kön­nen. Dass Wis­senschaft heute noch vieles nicht erk­lären kann und dass das eigene Wis­sen begren­zt und unabgeschlossen bleibt, soll den­noch nicht bestrit­ten wer­den.

Zweit­ens: Ein säku­lares Wertesys­tem ken­nt statt ein­er göt­tlich ges­tifteten Moral eine ver­nun­ft­basierte Ethik. Ein solch­es säku­lares Wertesys­tem ori­en­tiert seine Nor­men und Regeln an den fun­da­men­tal­en Bedürfnis­sen und Inter­essen der Men­schen. …